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Der Marxismus und die Globalisierung der Produktion
Vortrag von Nick Beams
aus neue Arbeiterpresse, Nr. 861,
26. Juni 1997
Sicherlich wird man in den kommenden Jahren so kurz vor Ende des Jahrhunderts und
Anbruch eines neuen Jahrtausends oft Rückschau auf das zwanzigste Jahrhundert halten.
Ohne Zweifel wird dabei eins der wichtigsten Themen die enorme Veränderung des
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens sein: Der riesige technische Fortschritt hat die
Globalisierung beinahe aller Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft hervorgebracht.
Internationale Telekommunikationssysteme transportieren riesige Informationsmengen rund
um die Welt. Mit ihnen werden die internationalen Handels- und Finanzmärkte in Gang
gehalten und es wird ermöglicht, die Produktion in weit auseinander gelegenen Gebieten zu
organisieren und verschiedene Aktivitäten über Kontinente hinweg zu koordinieren.
Untersuchen wir hingegen die gesellschaftliche Lage der Menschheit im Vergleich zum
Fortschritt der Technologie, so fällt dabei ein offensichtlicher Gegensatz ins Auge.
Jede Sozialstatistik zeigt den Niedergang im Lebensstandard der breiten Masse der
Bevölkerung und wachsende soziale Ungleichheit. Die Arbeitslosigkeit ist nicht mehr zyklisch,
d.h. sie fällt und steigt nicht mehr mit dem Auf und Ab der Konjunktur, sondern sie ist
mittlerweile fester Bestandteil der Wirtschaftsstruktur aller größeren kapitalistischen Länder.
Soziale und wirtschaftliche Unsicherheit gehören zum täglichen Leben.
Und fast jeder Tag bringt Nachrichten von neuen Katastrophen, wenn zum Beispiel Tausende
Flüchtlinge in Zaire "verschwinden" oder ein Schiff voller Flüchtlinge aus Albanien untergeht.
Technologie und Arbeitsproduktivität machen enorme Fortschritte, und gleichzeitig nimmt
die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit ständig zu. Letztes Jahr hat ein UN-Bericht
aufgedeckt, daß die 358 Milliardäre der Welt über so viel Vermögen verfügen wie 2,5
Milliarden Menschen fast die Hälfte der Weltbevölkerung in einem Jahr an Einkommen.
Die Statistiken über die Einkommens- und Vermögensverteilung sind sich in allen größeren
kapitalistischen Ländern ziemlich ähnlich. In den USA verdienen ein Drittel aller Männer
zwischen 25 und 34 Jahren weniger Geld, als notwendig ist, um eine vierköpfige Familie vor
Armut zu bewahren. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird der durchschnittliche reale
Stundenlohn für Arbeiter Ende dieses Jahrhunderts auf das Niveau von 1950 absinken.
In Großbritannien leben dreizehn bis vierzehn Millionen Menschen in Armut, während der
Reichtum der obersten zehn Prozent der Bevölkerung seit 1979 um mehr als 61 Prozent
gestiegen ist. Das Einkommen des reichsten Fünftels der Bevölkerung ist heute zehnmal höher
als das des ärmsten Fünftels. Zum ersten Mal in diesem Jahrhundert sinkt die
Lebenserwartung junger britischer Männer wieder.
Diese wirtschaftlichen Entwicklungen haben eine politische Lage geschaffen, die überall gleich
ist: alle Organisationen, die einmal behauptet haben, sie seien Vertreter der Arbeiterklasse,
gehen dazu über, die rücksichtslosesten Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne, Bildung und
Sozialleistungen zu befürworten. Deshalb haben große Teile der Bevölkerung auf der ganzen
Welt das Gefühl, nichts sei mehr so, wie es war, die wirtschaftliche Entwicklungen gerate
außer Kontrolle, und alte Rezepte griffen nicht mehr.
Durch den Bankrott der sozialreformistischen Programme und durch die Tatsache, daß eine
politische Massenbewegung der Arbeiterklasse fehlt, die der bestehenden sozialen und
wirtschaftlichen Ordnung die Stirn bieten könnte, ist ein politisches Vakuum entstanden. Das
ist der Grund, warum jetzt wieder extrem rechte und potentiell faschistische Bewegungen
auftreten und ihre Hetze gegen Ausländer und Flüchtlinge verbreiten können.
Journalisten berichten tagtäglich über rassistische Auswüchse, aber sie umgehen die Frage:
Was ist eigentlich mit einer Gesellschaft und Wirtschaft los, die ein Klima geschaffen hat, in
dem solche Auswüchse wachsen und gedeihen können?
Für die Hohen Priester dieses Systems, die Berufsökonomen in den Chefetagen und an den
Universitäten, die Vertreter der Banken und Finanzunternehmen ist der Weltmarkt in
Wirtschaft und Gesellschaft die oberste Instanz, deren Geboten man sich unterwerfen muß.
Soweit sie sich überhaupt zu dem sinkenden Lebensstandard und der schlechten sozialen
Lage äußern, ist ihre Antwort darauf die Forderung nach höherer Produktivität was den
weltweiten Kampf um Marktanteile voraussetzt.
Wenn aber die Antwort auf den sinkenden Lebensstandard in einer noch höheren
Arbeitsproduktivität und Effizienz und in dem ungehinderten Wirken der allmächtigen
Marktkräfte besteht, wie kommt es dann, daß der Lebensstandard der Bevölkerung in einem
historisch einmaligen Ausmaß sinkt, während die Arbeitsproduktivität wie nie zuvor in der
menschlichen Geschichte steigt?
In der Wirtschaft werden für Arbeitsabläufe, die vor nur zwei Jahrzehnten noch Tausende,
manchmal Zehntausende von Arbeitern erfordert hatten, nur noch ein paar Dutzend Arbeiter
benötigt. Trotzdem war der Lebensstandard Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger
Jahre höher. Die staatlichen Sozialleistungen wurden damals ausgebaut. Heute, wo die
Produktivität enorm angestiegen ist, werden sie wieder zerstört.
Während die Vertreter der Banken und Finanzunternehmen fordern, daß man sich dem
Diktat des Marktes unterwerfen müsse, gründet sich das Programm kleinbürgerlicher
Politiker auf die Forderung, die Wirtschaft nationalstaatlich zu regulieren. Von Kräften wie Le
Pen in Frankreich oder Pauline Hanson in Australien2 bis hin zu den radikalen Protestlern der
International Socialists3 , der Democratic Socialist4 und der Spartacist5 kann ihre
Politik in einem Satz zusammengefaßt werden: Vorwärts in die Vergangenheit!
Die kleinbürgerlichen Radikalen stoßen die wüstesten Beschimpfungen gegen die Rechten
aus, aber im wesentlichen beruht ihre Politik auf der gleichen Grundlage. Sie alle bestehen
darauf, daß man den alten nationalen Organisationen, der Labor Partei und den
Gewerkschaften, irgendwie neues Leben einhauchen müsse, und daß es auch in Zukunft
möglich sei, durch Druck auf den nationalen Staat Zugeständnisse zu bekommen.
Das ist der Grund, warum sie in all ihren Veröffentlichungen darauf beharren, daß die
Globalisierung der Produktion eine der wichtigsten Veränderungen in der Geschichte des
Weltkapitalismus überhaupt ein bloßer Mythos sei, eine Propagandakampagne der
herrschenden Klasse mit dem Ziel, die Arbeiter ihrem Diktat unterzuordnen. Es sei immer
noch möglich, behaupten sie, den Nationalstaat dazu einzusetzen, dem Kapital
Zugeständnisse abzuringen, wenn man bloß wolle.
Das Programm der Socialist Equality Party, das sich auf den Marxismus gründet, steht in
direktem Gegensatz zu all diesen Tendenzen. Weder verfluchen wir die globalisierte
Produktion, noch leugnen wir ihre Bedeutung. Wir fordern auch nicht, daß sie durch den
kapitalistischen Nationalstaat eingeschränkt und kontrolliert werden möge.
Unser Ziel besteht vielmehr darin, die Bedeutung dieser historischen Veränderung des
Weltkapitalismus aufzuzeigen und uns auf die gewaltigen sozialen Explosionen vorzubereiten,
die von ihr erzeugt werden. Und vor allem liegt uns daran, eine neue Führung der
internationalen Arbeiterklasse aufzubauen, um die politischen Aufgaben zu lösen, die jetzt auf
der geschichtlichen Tagesordnung stehen.
Eine qualitative Veränderung des Produktionsprozesses
Laßt mich zunächst erläutern, was mit Globalisierung gemeint ist. Über diese Frage ist von
den verschiedenen radikalen Organisationen nicht wenig Verwirrung gestiftet worden. Da der
Kapitalismus gewissermaßen schon immer ein internationales System gewesen ist seine
Ursprünge liegen in der Entwicklung des Weltmarktes nach den großen Entdeckungen des
16. Jahrhunderts behaupten sie, in den letzten zwanzig Jahren habe sich nichts
Grundlegendes verändert.
So spricht etwa die Democratic Socialist Party vom "Mythos der Globalisierung". Die
International Socialists bestehen darauf, daß das heutige System zwar ein internationales
sei, was aber schon immer so gewesen sei, während die Spartakisten erklären, daß jede
neue Analyse ein "Verrat" sei, weil Lenin 1916 in seinem Werk über den Imperialismus schon
alles gesagt habe, was es zu sagen gebe.
Es ist sicherlich wahr, daß der Kapitalismus schon immer ein internationales
Wirtschaftssystem gewesen ist. Der Prozeß der Globalisierung ist jedoch nicht einfach eine
quantitative Zunahme der traditionellen internationalen Aktivitäten kapitalistischer Konzerne,
Banken und Börsen.
Sie bezieht sich auf ganz bestimmte qualitative Veränderungen in der Struktur der
kapitalistischen Produktion eine grundlegende Reorganisierung der Produktion.
Früher fand die Produktion größtenteils innerhalb der Grenzen der jeweiligen nationalen
Wirtschaft statt. Der Welthandel bestand im wesentlichen aus dem Import von Rohstoffen
und Lebensmitteln aus verschiedenen Teilen der Welt und dem Export von Fertigprodukten.
Aber innerhalb dieses Systems des internationalen Austausches fand die Produktion selbst im
nationalen Rahmen statt.
So war Opel seit den zwanziger Jahren das deutsche Tochterunternehmen von General
Motors, eines internationalen oder multinationalen Konzerns. Opel funktionierte jedoch als
nationaler Hersteller. Er produzierte ein deutsches Auto für den deutschen Markt.
So wurden ganz allgemein Produkte im wesentlichen innerhalb einer einzigen nationalen
Wirtschaft hergestellt, wobei man dazu Arbeitskräfte aus dem betreffenden Land heranzog.
Das ist heute aber nicht mehr so. Eine neue internationale Arbeitsteilung hat sich
herausgebildet, die von einer Entflechtung des Produktionsprozesses und seiner Verlagerung
in verschiedene Erdteile gekennzeichnet ist. Träger dieser Entwicklung ist der transnationale
Konzern, und wenn wir nur ein paar Statistiken anschauen, können wir das Ausmaß seiner
Aktivitäten ermessen.
Schätzungsweise ein Fünftel bis ein Viertel der gesamten Weltproduktion wird von
transnationalen Konzernen getätigt, wobei ein immer größerer Anteil des Welthandels
innerhalb internationaler Firmen stattfindet. Schätzungen zufolge wird mehr als die Hälfte des
gesamten Handels zwischen den USA und Japan von transnationalen Konzernen
abgewickelt. Vier Fünftel der britischen Exporte laufen innerhalb britischer Firmen mit
ausländischen Tochtergesellschaften oder innerhalb ausländischer Unternehmen mit britischen
Ablegern ab.
Das Ausmaß des Globalisierungsprozesses kann man an der Zunahme ausländischer
Direktinvestitionen ablesen. In den siebziger Jahren stiegen diese etwa genauso schnell wie
die inländische Produktion und inländische Investitionen. Anfang der achtziger Jahre
überholten sie jedoch in ihrem Wachstum die anderen beiden, und im Zeitraum von 1985-90
stiegen die ausländischen Direktinvestitionen viermal so schnell wie die inländische Produktion
und doppelt so schnell wie die inländischen Investitionen.
Die Bedeutung dieser statistischen Zahlen liegt nicht im rein Quantitativen. Sie sind vielmehr
Ausdruck einer qualitativen Veränderung der Produktionsorganisation. Mit ihr erreicht ein
Prozeß seinen Höhepunkt, der sich durch die gesamte geschichtliche Entwicklung des
Kapitalismus hinzieht.
Das Kapital existiert, wie Marx erklärte, in drei Formen: als Warenkapital die von
kapitalistischen Firmen produzierten Güter als Geldkapital, und als Produktivkapital
Maschinen und Rohstoffe. In den früheren Perioden der Geschichte des Kapitalismus hat sich
zunächst das Kapital in Warenform globalisiert (durch Ausdehnung des Welthandels), dann
das Kapital in Geldform (durch das Anwachsen internationaler Investitionen und Finanzen).
Das Kapital in produktiver Form Maschinerie und Rohstoffe, mit denen durch die
lebendige Arbeit der Arbeiterklasse im Produktionsprozeß Profit erzielt wird blieb jedoch
an den Nationalstaat gebunden.
Das ist nicht länger der Fall. Das Kapital in produktiver Form ist global geworden.
Neben der Trennung des Produktivkapitals vom Nationalstaat hat sich noch eine weitere
qualitative Veränderung im Weltkapitalismus vollzogen. Diese könnte man die Trennung der
Profitakkumulation von der Hebung des Lebensstandards der arbeitenden Bevölkerung
nennen. Während des Nachkriegsbooms führten Wirtschaftswachstum und höhere Profite
unmittelbar zu mehr Beschäftigung, steigenden Löhnen und höherem Lebensstandard. Als in
den fünfziger Jahren Charles Wilson, der damalige Chef von General Motors, behauptete:
"Was für GM gut ist, ist gut für Amerika", so steckte darin ein Körnchen Wahrheit.
Auch das trifft nicht länger zu. Heute wird in jedem kapitalistischen Land vor allem dadurch
Profit akkumuliert, daß man intern die Kosten senkt, indem man Arbeitsplätze vernichtet und
neue, rationellere Arbeitsmethoden entwickelt, gemäß dem Gesetz: wer am schnellsten
abbaut, macht die höchsten Profite.
Die Produktion des Mehrwerts
Bis jetzt haben wir auf einige grundlegende Tendenzen der heutigen kapitalistischen
Produktion hingewiesen. Was aber sind die treibenden Kräfte hinter diesem Prozeß, und wie
kann man sie auf der Grundlage einer Analyse der gesamten historischen Entwicklung des
Kapitalismus verstehen? Auf diese Fragen will ich nun eingehen.
Marx bemerkte einmal, daß der Schlüssel zum Verständnis einer jeden Klassengesellschaft
darin bestehe, die Art und Weise zu verstehen, wie die herrschenden Klassen aus den
unmittelbaren Produzenten Mehrwert herauspressen.
In der Sklaverei und im Feudalismus, den Vorgängern des Kapitalismus, fand dieser Prozeß
durch Anwendung von politischer Macht und nackter Gewalt statt, also durch
nicht-ökonomische Methoden. Der Bauer oder Sklave wurde gezwungen, den besitzenden
Klassen das zu übereignen, was an Wert das zur Erhaltung seiner eignen Existenz
Notwendige überstieg.
In der kapitalistischen Gesellschaft findet dies nicht durch politischen Zwang statt, sondern es
ist das Ergebnis von Wirtschaftsabläufen in einem Produktionssystem, das auf Lohnarbeit
beruht.
Im Gegensatz zum Feudalismus und der Sklaverei ist im Kapitalismus dieser Prozeß jedoch
alles andere als klar durchschaubar. Er wird dort vielmehr von dem Umstand verschleiert,
daß die Ausbeutung auf der Grundlage der Gleichheit stattzufinden scheint: Der Käufer der
Arbeitskraft der Kapitalist und der Verkäufer der Arbeitskraft der Lohnarbeiter
stehen sich am Markt als scheinbar Gleiche gegenüber.
Hinter dieser scheinbaren Gleichheit steht ein ganzer historischer Prozeß, der zur Schaffung
einer Klasse "freier" Lohnarbeiter geführt hat, die vollständig von den Produktionsmitteln
getrennt worden sind und nichts außer ihrer Arbeitskraft zu verkaufen haben. In den
entwickelten kapitalistischen Ländern fand dieser Prozeß vor vielen Jahrhunderten statt, man
kann ihn aber heute in allen Ländern Asiens beobachten. In China beispielsweise treibt es
Dutzende und Hunderte Millionen Bauern in die Städte, wo sie nichts als ihre Fähigkeit, zu
arbeiten, bzw. ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben.
Der Ursprung des Mehrwerts liegt in der Differenz zwischen dem Wert der Arbeitskraft
der Ware, die der Arbeiter dem Kapitalisten verkauft und dem Wert, den der Arbeiter
dem hinzufügt, was an einem Arbeitstag an verbrauchter Maschinerie und Rohstoffen in die
Produktion der Waren eingeht. Es ist dieser zusätzliche Wert, oder Mehrwert, der den Wert
der Arbeitskraft des Arbeiters übersteigt, der die Grundlage des Profits und der
Akkumulation von Kapital bildet.
Der Prozeß der Kapitalakkumulation, das Herz der kapitalistischen Produktion, ist jedoch
von einem grundlegenden Widerspruch bestimmt, dem man nicht entgehen kann. Während
die alleinige Quelle des Mehrwerts und damit der Kapitalakkumulation die lebendige
Arbeitskraft ist, führt eben der Prozeß der Kapitalakkumulation dazu, daß die lebendige
Arbeit einen immer kleineren Bestandteil des im Produktionsprozeß eingesetzten
Gesamtkapitals ausmacht. Anders ausgedrückt: Lebendige Arbeit von gegebener Größe
die alleinige Quelle des Mehrwerts muß Kapital von immer größerer Menge immer weiter
ausdehnen. Daraus ergibt sich, daß die Profitrate, von der die Ausdehnung des gesamten
Kapitals abhängt, tendenziell fallen muß.
Diese Tendenz war bereits zu Tage getreten, bevor Marx mit seiner Analyse begonnen hatte,
und alle bürgerlichen Ökonomen vor ihm hatten sich deswegen Sorgen gemacht, da sie auf
eine Grenze hinzudeuten schien, die der kapitalistischen Produktion selbst innewohnte. Adam
Smith schrieb sie den Auswirkungen der Konkurrenz zu, während Ricardo annahm, daß sie
aus einer sinkenden Produktivität der Landwirtschaft herrühre.
Marx hingegen zeigte, daß der tendenzielle Fall der Profitrate sich aus der Entwicklung der
kapitalistischen Produktion selbst ergab. Ihr Grund lag nicht im Sinken der
Arbeitsproduktivität, sondern in ihrem Ansteigen. Das Anwachsen des Kapitals Maschinen,
Fabriken, Rohstoffe widerspiegelte die wachsende gesellschaftliche Produktivität der
Arbeit. Aber genau dieser Anstieg des Kapitals im Verhältnis zur lebendigen Arbeit führte
zum tendenziellen Fall der Profitrate.
Die langfristige Entwicklung des Kapitalismus
Marx betrachtete das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate als "wichtigstes Gesetz der
modernen politischen Ökonomie", vor allem "vom historischen Standpunkt aus".
Seine historische Bedeutung liegt in der Tatsache, daß es zum einen den unerbittlichen Zwang
des Kapitals enthüllt, die Produktivkräfte und die gesellschaftliche Produktivität der Arbeit zu
entwickeln. Zum andern verdeutlicht es, wie diese ständige Revolutionierung der
Produktivkräfte unausweichlich zum Zusammenbruch des gesellschaftlichen Systems führt,
das auf Ausbeutung von Lohnarbeit durch das Kapital beruht und die objektiven
Bedingungen für die sozialistische Umwandlung der Gesellschaft und die Entwicklung einer
höheren Form der gesellschaftlichen Produktion schafft.
Ich werde jetzt kurz die historische Entwicklung der kapitalistischen Produktionsform vom
Standpunkt der Wirkungsweise dieses Gesetzes erläutern. Vorher möchte ich jedoch zwei
wichtige Punkte betonen: Erstens bedeutet das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate
nicht, daß man damit jede einzelne wirtschaftliche Entwicklung im Kapitalismus erklären
kann.
Zweitens besagt das Gesetz nicht, daß die Profitrate ständig und überall fällt. Im Gegenteil
löst gerade die Auswirkung dieser Tendenz, wie alle anderen Gesetze der kapitalistischen
Produktion, Gegentendenzen aus. Und diese Gegentendenzen das verzweifelte Bemühen
kapitalistischer Konzerne, durch Steigerung der Arbeitsproduktivität und der Produktion von
Mehrwert dem Fall der Profitrate entgegenzuwirken können Perioden kapitalistischen
Aufschwungs hervorbringen.
Wenn wir die historische Entwicklung des Kapitalismus auf der Grundlage dieses Gesetzes
untersuchen, können wir jedoch sowohl die Perioden kapitalistischen Aufschwungs als auch
den Ausbruch von Krisen erklärten, sowie den Übergang von einem zum andern.
Betrachten wir die Entwicklung des Kapitalismus während der letzten 150 Jahre von 1847,
als Marx und Engels das Kommunistische Manifest schrieben, bis heute , so können wir
dabei sehr unterschiedliche Phasen in der langfristigen kapitalistischen Entwicklung eindeutig
identifizieren. Wir sehen dabei deutlich Wendepunkte von Perioden rascher Ausdehnung der
Profite zu solchen der Stagnation und des Fallens.
Als das Kommunistische Manifest geschrieben wurde, war Europa auf dem Höhepunkt
gesellschaftlicher und politischer Umwälzungen angelangt, die in den Revolutionen von 1848
zum Ausbruch kommen sollten. Nach den Jahren der Stürme und Erschütterungen kam dann
eine Periode enormen wirtschaftlichen Wachstums, die etwa 25 Jahre lang andauerte.
Die Finanzkrise von 1873 markierte einen Wendepunkt. Die unmittelbare Krise wurde zwar
überwunden, ihre Lösung bedeutete aber keine Rückkehr zu den Zeiten des Aufschwungs
der zwei vorangegangenen Jahrzehnte. Im Gegenteil, es folgte eine zwanzigjährige Periode
niedriger Preise und Profite. Tatsächlich nannte man vor den dreißiger Jahren in der
ökonomischen Literatur jene Zeit die Große Depression.
In dieser Periode war der ständige Druck auf die Profitrate die treibende Kraft hinter den
Veränderungen im Produktionsprozeß und der Entwicklung neuer Formen der
Massenproduktion, die im harten Konkurrenzkampf um Märkte und Profite
Kostensenkungen bringen sollten. Er gab auch den Anstoß dazu, daß sich alle größeren
kapitalistischen Mächte Kolonien, Einflußsphären und Imperien verschafften. So war z.B. vor
1870 gerade ein Zehntel Afrikas von den europäischen kapitalistischen Mächten kolonisiert
worden. Gegen Ende des Jahrhunderts befanden sich neunzig Prozent des gesamten
Kontinents unter kolonialer Herrschaft.
Der große Anstieg der Arbeitsproduktivität im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und die
Ausbeutung der Kolonien stoppte schließlich den Fall der Profitrate und eröffnete eine neue
Periode kapitalistischen Aufschwungs. Plötzlich, Mitte der neunziger Jahre des vorigen
Jahrhunderts, verzogen sich die dunklen Wolken der Depression, die bis dahin den
wirtschaftlichen Horizont verfinstert hatten. Es schien, als sollten sich alle bürgerlichen
Versprechen einer neuen Ära der Zivilisation erfüllen.
Die Euphorie, die von dieser Wachstumsperiode ausging, war so machtvoll, daß sie auch
innerhalb der marxistischen Bewegung ihren Niederschlag fand. Eduard Bernstein, einer der
Führer der deutschen Sozialdemokratie, kam zu dem Schluß, daß die Marxsche Theorie des
kapitalistischen Zusammenbruchs von der Geschichte widerlegt worden sei. Die deutsche
Sozialdemokratie, argumentierte er, solle deshalb ihr Programm der sozialen Revolution
aufgeben und sich in eine Partei der sozialen Reform im Rahmen des Kapitalismus
umwandeln. Die Ideale des Sozialismus würden in Wirklichkeit nicht durch den Sturz der
alten Ordnung verwirklicht werden, sondern durch deren größte Ausdehnung.
Weit davon entfernt, eine neue Ära der Zivilisation einzuleiten, führte aber diese Ausdehnung
des Kapitalismus zum Ausbruch der Barbarei des Ersten Weltkriegs. Der Kriegsausbruch
bedeutete eine scharfe Wende in der kapitalistischen Entwicklung. Nach Kriegsende gab es
kein Zurück zu den Vorkriegsbedingungen mehr.
Tatsächlich erreichte Europa erst 1926, also acht Jahre nach Kriegsende, wieder den Stand
der Produktion von 1913. Dann genoß es lediglich drei kurze Jahre relativer Blüte, bevor das
kapitalistische Weltsystem in die Depression der dreißiger Jahre stürzte. Diese wurde erst
überwunden, als man die Produktion für den nächsten Krieg ankurbelte.
In der Nachkriegsperiode gelangte das kapitalistische Weltsystem zu einem neuen politischen
Gleichgewicht, das selbst die Hoffnungen seiner optimistischsten Vertreter übertraf und den
Rahmen für seine größte Ausdehnung absteckte.
Dieser Prozeß hat verschiedene Seiten und Aspekte. Die Nachkriegsordnung war das
Ergebnis einer komplexen Abfolge wirtschaftlicher Entwicklungen und politischer Initiativen.
In der uns hier zur Verfügung stehenden Zeit kann ich, auch auf die Gefahr übermäßiger
Vereinfachung hin, nur auf die grundlegenden wirtschaftlichen Prozesse eingehen, die dabei
eine Rolle spielten.
Was war der Grund, daß in der Nachkriegszeit die Profite und Märkte ständig ausgedehnt
wurden, und der Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten, zumindest in den
hochentwickelten kapitalistischen Ländern, ansteigen konnte?
Vor allem war es nach 1945 die Ausdehnung des Fließbands und die damit verbundenen
produktiveren Methoden des amerikanischen Kapitalismus auf die anderen kapitalistischen
Länder. Das Fließband, das zuerst 1913 von Henry Ford entwickelt worden war, führte zu
einem enormen Anstieg der Arbeitsproduktivität und hob die Produktion von Mehrwert auf
neue Höhen.
Der gewaltige Anstieg der Rentabilität, den die Ausweitung dieser Methoden auf alle
Industriezweige mit sich brachte, und das Wachstum der nationalen Märkte bildeten die
materielle Grundlage für die steigenden Reallöhne und sozialen Errungenschaften, die breiten
Schichten der Arbeiterklasse in den entwickelten kapitalistischen Ländern während der
Nachkriegszeit zugute kamen.
Während der Kapitalismus zwar in der Lage war, über einen ausgedehnten Zeitraum hinweg
ein wirtschaftliches und politisches Gleichgewicht zu errichten und aufrechtzuerhalten, konnte
er doch die ihm innewohnenden grundlegenden Widersprüche nicht überwinden. Daher führte
genau diese Ausdehnung des Kapitals dazu, daß die Profitrate tendenziell wieder fiel. Ende
der sechziger Jahre trat diese Tendenz offen zutage.
Der Weltkapitalismus wurde von einer Reihe wirtschaftlicher Störungen erschüttert. Das
1944 als finanzielle Achse der Nachkriegsordnung vereinbarte internationale
Währungssystem von Bretton Woods brach zusammen, als Präsident Nixon 1971 einseitig
die Golddeckung des US-Dollars aufhob. Es folgten galoppierende Inflation und der
Ölpreisboom von 1973, und 1974/75 die tiefste weltweite Rezession seit der großen
Depression der dreißiger Jahre. Anschließend fand wieder ein wirtschaftlicher Aufschwung
statt, ohne daß jedoch die Bedingungen der fünfziger und sechziger Jahre zurückkehrten.
1981/82 folgte eine noch tiefere Rezession und zeigte, daß die inflationäre Krise von 1973
und die Rezession 1974/75 nicht einfach eine Schwankung im Konjunkturverlauf darstellten,
sondern einen Wendepunkt in der langfristigen Entwicklung des Kapitalismus.
In Anlehnung an die Meteorologie könnte man eine Schwankung des Konjunkturverlaufs mit
einem Wetterumschwung, eine längerfristige Veränderung dagegen mit einem grundlegenden
Klimawechsel vergleichen. Nach 1974/75 machte das gesamte wirtschaftliche Klima eine
Veränderung durch. Während sich den Firmen in den fünfziger und sechziger Jahren
wachsende Märkte und Anlagemöglichkeiten eröffnet hatten, wurde ihre Situation jetzt durch
Druck auf die Profitraten bestimmt.
Das Kapital reagierte auf die fallenden Profitraten genauso, wie es früher schon darauf
reagiert hatte. Es strebte Kostensenkungen und Produktivitätssteigerungen an. Zunächst gab
es Versuche, die Ausbeutung im Rahmen der alten Produktionsweise zu verschärfen. Das
brachte jedoch nur begrenzte Ergebnisse ein und stieß außerdem auf erbitterten Widerstand
der Arbeiterklasse.
Die entscheidende Veränderung bestand dann in der Entwicklung neuer Produktionsformen.
Von Beginn der siebziger Jahre an begannen Industrien wie Textil und Mikroelektronik,
bestimmte Bestandteile des Produktionsprozesses auszulagern und sogar die ganze Fertigung
außerhalb eines Landes aufzubauen. Die Verbilligung des Transports und die Entwicklung der
Telekommunikation erleichterte es ihnen, vormals zusammengehörige Produktionsprozesse
aufzubrechen und die arbeitsintensiveren Bestandteile in Billiglohnländer Lateinamerikas und
Asiens zu verlagern.
Noch weitreichendere Veränderungen sollten in den achtziger Jahren stattfinden. Die
Entwicklung des Mikroprozessors und die immer schnelleren Fortschritte in der
Chip-Technologie ermöglichten es, Computer ins Herz des Fertigungsprozesses einzuführen,
bald darauf wurden auch weite Bereiche der Unternehmensverwaltung durch
computergestützte Systeme ersetzt beides Prozesse, die sich während des letzten
Jahrzehnts noch beschleunigt haben.
Was als Kostensenkung begann, hat jetzt zu völlig neuen Produktionsformen geführt. Die
Produktion wird mit Hilfe von Computern auf weltweiter Ebene organisiert, von der Fertigung
über das Design und von der Buchhaltung bis hin zum Management.
Nun kommen wir zur wichtigsten Frage überhaupt: Worin besteht die historische Bedeutung
all dieser enormen Veränderungen, und was sind die Schlußfolgerungen daraus für die
internationale Arbeiterklasse?
Folgt man den bürgerlichen Ökonomen und Journalisten, so werden die gegenwärtigen
Umwälzungen irgendwann doch noch eine neue Blüte von Reichtum und hohem
Lebensstandard hervorbringen, so wie das auch in der Vergangenheit schon bei großen
technologischen Neuerungen der Fall gewesen war. Das mag mit einigen gesellschaftlichen
Verwerfungen einhergehen, aber alles werde sich schließlich zum Besten wenden in der
besten aller Welten solange nur jedermann sich bedingungslos den Diktaten des Marktes
unterwirft. Darin besteht ihre ganze Weisheit.
Zwei widersprüchliche Folgen der Technologie
Solche Beruhigungspillen helfen uns natürlich nicht weiter. Wenn wir aber die Auswirkungen
der technologischen Neuerungen auf die Akkumulation von Mehrwert untersuchen, dann
werden wir ihre revolutionären Konsequenzen begreifen.
Technologische Neuerungen, die die Arbeitsproduktivität erhöhen, haben zwei gegensätzliche
Auswirkungen auf die Akkumulation von Mehrwert. Da sie die lebendige Arbeit aus dem
Produktionsprozeß verdrängen, tendieren sie einerseits dazu, die Gesamtmasse des vom
Kapital angeeigneten Mehrwerts zu verringern. Andererseits tendieren sie dazu, die Masse
des Mehrwerts zu erhöhen, indem der aus jedem einzelnen im Produktionsprozeß
verbleibenden Arbeiter herausgepreßte Mehrwert gesteigert wird.
Es stellt sich also im wesentlichen folgende Frage: Kann die enorme Steigerung der
Arbeitsproduktivität, die aus der technologischen Neuerung hervorgeht, noch einmal eine
Steigerung der Masse des Mehrwerts bewirken und zu einer neuen Periode kapitalistischer
Expansion und Wohlstands für die Weltbevölkerung führen?
Die Antwort ist Nein, denn der Entwicklung des Kapitalismus sind Grenzen gesetzt, die aus
dem System der Lohnarbeit selbst erwachsen. Wir wollen an Hand eines einfachen Beispiels
zeigen, daß einer unbeschränkten kapitalistischen Expansion unüberwindliche Grenzen gesetzt
sind.
Angenommen in einer Firma arbeiten 100 Arbeiter acht Stunden am Tag; sechs Stunden
brauchen sie, um ihren Lohn den Preis ihrer Arbeitskraft zu reproduzieren, während zwei
Stunden Mehrarbeit sind, die sich der Kapitalist aneignet. In diesem Fall beträgt die
Gesamtmasse der Mehrarbeit 200 Stunden.
Angenommen, die Produktivität der Arbeit werde nun verdoppelt und die Anzahl der
Arbeiter halbiert. Dann teilt sich der Arbeitstag folgendermaßen auf: In drei Stunden (halb so
viel wie vorher) reproduziert der Arbeiter seinen Lohn, und fünf Stunden sind Mehrarbeit. In
diesem Fall beträgt die Gesamtmasse des Mehrwerts 250 Stunden. Obwohl also die Anzahl
der Arbeiter um 50 reduziert worden ist, hat sich die Gesamtmasse des vom Kapital
angeeigneten Mehrwerts um 50 erhöht. In diesem Fall hat die Entwicklung neuer
Technologien zu einer allgemeinen Ausdehnung der Akkumulation von Mehrwert geführt.
Nehmen wir jetzt an, der Prozeß wiederholt sich. Diesmal verringert sich die Zahl der
Arbeiter auf 25 und der Arbeitstag unterteilt sich im folgenden Verhältnis: 1,5 Stunden
werden für die Reproduktion der Löhne benötigt, und 6,5 Stunden sind Mehrarbeit. In
diesem Fall ist die Gesamtmasse der Mehrarbeit nur 162,5 Stunden; d.h. als Ergebnis der
technologischen Neuerungen hat sich die Gesamtmasse des Mehrwerts verringert.
Dieses einfache kleine Beispiel soll nun keineswegs ein Modell der kapitalistischen Wirtschaft
darstellen. Aber es ermöglicht uns einen Einblick in die Prozesse, um die es hier geht. Es zeigt
folgendes: Je höher die Arbeitsproduktivität bereits entwickelt ist, umso größer muß die
Steigerung der Arbeitsproduktivität noch sein, um die Masse des Mehrwerts zu erhöhen. An
einem bestimmten Punkt führt die Entwicklung der Arbeitsproduktivität durch technologische
Neuerungen zu einer Abnahme der Masse des Mehrwerts und damit zu einer Krise der
Kapitalakkumulation.
An diesem Punkt befinden wir uns jetzt. Wenn wir uns die Entwicklung der
Arbeitsproduktivität in den vergangenen 150 bis 200 Jahren kapitalistischer Geschichte
anschauen, dann ist klar, daß es im Wesentlichen dem Prozeß entspricht, den wir in unserem
kleinen Beispiel dargestellt haben. Der Teil des Arbeitstags, der notwendig war, um den Wert
der Arbeitskraft zu reproduzieren, wurde immer kürzer. Früher erforderte es einen
beträchtlichen Teil des Arbeitstags, um den Lohn eines Arbeiters zu reproduzieren, heute
schafft er das innerhalb von Minuten, wenn nicht weniger. Während jedoch früher steigende
Arbeitsproduktivität infolge technologischer Neuerungen die Gesamtmasse des Mehrwerts
tendenziell vermehrte, tendiert sie heute dazu, sie zu vermindern.
Deswegen unterscheidet sich die gegenwärtige Phase der kapitalistischen Entwicklung so
stark vom Nachkriegsboom. Im Nachkriegsboom konnten die kapitalistischen Betriebe
Profite akkumulieren, weil die Entwicklung produktiverer Methoden zu einem allgemeinen
Anwachsen der Gesamtmasse des aus der Arbeiterklasse gepreßten Mehrwerts führte. Jede
Firma erhöhte ihre Profite unter Bedingungen, in denen die Masse des Mehrwerts insgesamt
wuchs.
Heute sind die Bedingungen vollkommen anders. Jede Firma, ob transnationaler Konzern
oder national oder regional orientierter Betrieb, sie alle versuchen in einer Situation Profit zu
akkumulieren, in der die Gesamtmasse des Mehrwerts schrumpft. Das ist die Triebkraft, die
den verzweifelten Kampf um Märkte hervorbringt, und die in allen hochentwickelten
kapitalistischen Ländern zur Zerstörung von Millionen ehemals gut bezahlter Arbeitsplätze
geführt hat.
Während des Nachkriegsbooms, als die Märkte und die Mehrwertakkumulation
expandierten, steigerten die großen Konzerne ihre Profite, indem sie neue Investitionen
tätigten, mehr Arbeiter einstellten und ihre Verkäufe ausweiteten. Heute, wo die Märkte als
Ergebnis der sinkenden Gesamtmasse des Mehrwerts stagnieren oder schrumpfen, werden
Profite durch Kostensenkung mittels Einführung neuer Technologien und Wegrationalisierung
von Arbeitsplätzen erzielt.
Um diesen Prozeß zu illustrieren, möchte ich die Bilanzzahlen des US-Konzerns General
Motors zitieren. GM hat soeben einen Vierteljahresprofit von 1,8 Mrd. Dollar für die ersten
drei Monate dieses Jahres bekanntgegeben. Ihre nordamerikanischen Fabriken trugen dazu
764 Millionen US-Dollar bei. Das wurde trotz eines Rückgangs der Verkaufszahlen um
29.000 PKW und LKW und trotz eines sinkenden Marktanteils erreicht. Gleichzeitig
verdiente nämlich GM an jedem verkauften Auto 37 Prozent mehr, trotz eines 3,7 Prozent
niedrigeren Umsatzes. Das Ergebnis wurde durch eine Reduzierung der Belegschaft um
10.000 erreicht. Bei jeder technischen Umrüstung von Fabriken werden bei GM heute etwa
ein Drittel der Beschäftigten eingespart.
Dieser Prozeß ist nicht auf GM beschränkt, sondern ist universell. Laut einem anderen
kürzlich veröffentlichten Bericht des Magazins Fortune stiegen die Profite der 500 größten
amerikanischen Konzerne im letzten Jahr durchschnittlich um 23,3 Prozent ein neuer
Rekord! , während der Umsatz im Durchschnitt nur um 8,3 Prozent angestiegen war. Der
Bericht zeigte auf, daß bei 78 Prozent von den 305 Konzernen, die einen Anstieg der Profite
meldeten, die Profite stärker gestiegen waren als der Umsatz. Die Entwicklung bei General
Motors ist also die vorherrschende Tendenz in der gesamten kapitalistischen Wirtschaft. Die
Profitakkumulation ist abhängig von der Zerstörung von Arbeitsplätzen und der Verarmung
immer breiterer Schichten der Arbeiterklasse.
Die potentiell gefährlichen Folgen dieser Situation für die Stabilität der kapitalistischen
Ordnung ist auch einigen Vertretern des Kapitals selbst nicht entgangen. Der Chefökonom
von Morgan Stanley kommentierte die Ergebnisse der Fortune-Untersuchung so: "Das ist
kein positives Zeichen ... Die amerikanische Industrie ist inzwischen ziemlich gut bei der
Umsetzung betrieblicher Effizienz, hat aber gleichzeitig den Faden verloren, was die Sicherung
nachhaltigen Wachstums betrifft." Damit wies dieser Kommentator aber nur auf den
parasitären Charakter hin, der der gesamten Profitakkumulation heute anhaftet, ohne daß er
aber auch nur im geringsten die Ursachen davon verstand.
Die wachsende Krise des Profitsystems ist der Grund, warum alle großen kapitalistischen
Länder den Sozialstaat und das Gesundheits- und Bildungswesen zerstören. Vom Standpunkt
des Kapitals stellen alle diese Ausgaben letztlich einen Abzug von der Masse des Mehrwerts
dar, der zur Aneignung als Profit zur Verfügung steht. Deswegen verlangt das Kapital, daß
diese Zugeständnisse rigoros rückgängig gemacht werden. Das ist das wirkliche Motiv der
Forderung an alle nationalen Regierungen die von den Banken und den internationalen
Finanzmärkten durchgesetzt werden ihre Haushaltsdefizite durch Kürzungen abzubauen. Es
ist ein Teufelskreis.
Die Clinton-Regierung erklärt, daß sie das New-Deal-Sozialsystem über den Haufen werfen,
den Haushalt ausgleichen und die Ausgaben kürzen muß, um Amerikas Wettbewerbsfähigkeit
zu erhalten.
Ähnlich bauen in Europa die nationalen Regierungen den Sozialstaat der Nachkriegszeit ab,
um die Kriterien des Maastricht-Vertrages zu erfüllen. Sie wollen eine gemeinsame Währung
einführen und die Position Europas im globalen Konkurrenzkampf gegen Amerika und Japan
stärken. Die Konsequenzen werden verheerend sein. Wenn alle Bedingungen für die
einheitliche Währung erfüllt würden, so schätzt man, würde das Kürzungen vom Umfang
eines Viertels des gesamten Bruttosozialprodukts Europas erfordern.
Keine nationale Regierung kann sich aus diesem Kampf heraushalten.
Wir haben, wenn auch in sehr komprimierter Form, versucht, die ökonomischen Prozesse
deutlich zu machen, die der sozialen Katastrophe zugrunde liegen, mit der die
Weltbevölkerung konfrontiert ist. Diese Prozesse sind die wirkliche Quelle des schreienden
Widerspruchs: Die enormen Fortschritte in der Entwicklung der Produktivkräfte stehen im
krassen Gegensatz zur ständigen Verschlechterung der sozialen Lage.
Die politischen Konsequenzen
Nun zu den politischen Schlußfolgerungen, die aus dieser Analyse gezogen werden müssen.
Es ist klar, daß die Ursache der Krise nicht die Globalisierung der Produktion als solche ist,
noch die Entwicklung neuer Technologien an sich. Sie entspringt den Gesetzen einer ganz
bestimmten gesellschaftlichen Ordnung dem Profitsystem.
Bei der Entwicklung ihres Programms stützt sich das Internationale Komitee der Vierten
Internationale direkt auf die Methode, die Marx vor 150 Jahren im Manifest der
Kommunistischen Partei folgendermaßen charakterisiert hat: "Die theoretischen Sätze der
Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem
Weltverbesserer erfunden oder entdeckt worden sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke
tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfs, einer unter unsern Augen vor
sich gehenden geschichtlichen Bewegung."
Diese Herangehensweise bringt uns notwendigerweise in direkten Konflikt mit all den
verschiedenen kleinbürgerlich-radikalen Tendenzen und deren nationalistischem Programm.
Sie versuchen, die Bedeutung der globalisierten Produktion zu leugnen, um die Arbeiterklasse
an die alten Formen des Kampfes zu fesseln, die sich auf den Nationalstaat und vor allem die
nationalen Organisationen stützen, die Gewerkschaften, Sozialdemokratie und Stalinismus.
Die kleinbürgerlichen Radikalen fordern, daß die nationalen Regierungen die global
organisierten kapitalistischen Konzerne einschränken müssen, und behaupten, daß dies
irgendwie der Weg zum Sozialismus sei. Diese Perspektive ist, nebenbei gesagt, so alt ist wie
der Kapitalismus selbst. Simonde Sismondi vertrat bereits 1820 praktisch die gleiche
Position. Der Marxismus gründet hingegen auf dem Verständnis, daß der Sozialismus einem
Prozeß entspringt, der "unter unseren Augen vor sich geht."
Als Marxisten sehen wir in der Globalisierung der Produktion nichts anderes als einen
Ausdruck der Tatsache, daß die von menschlicher Arbeit geschaffenen Produktivkräfte
danach streben, die Beschränkungen und Fesseln der gesellschaftlichen Verhältnisse des
Kapitalismus zu sprengen.
Diese gesellschaftlichen Verhältnisse des Profitsystems hängen wie ein Damoklesschwert
über der Menschheit. Während der Nationalstaat vom wirtschaftlichen Standpunkt her
überflüssig geworden ist, gewinnt er, insbesondere sein politischer und militärischer Apparat,
für die global organisierten Konzerne in ihrem weltweiten Kampf um Märkte und Profite
immer größere Bedeutung. Eher früher als später droht dieser Kampf um die Vorherrschaft
auf dem Weltmarkt einen weiteren imperialistischen Krieg hervorzubringen.
Dies macht deutlich, daß all jene Programme, die auf eine größere Macht für den
Nationalstaat abzielen, angeblich um das globale Kapital in Schach zu halten, nicht nur
bankrott sind, sondern wirkliche Gefahren enthalten. Dadurch wird nämlich genau jener
Staatsapparat gestärkt, dessen bloße Existenz die Gefahr eines neuen Weltbrands enthält.
Bei einer Rede über den Freihandel erklärte Karl Marx, daß er für diesen eintrete, denn das
Freihandelssystem zerstöre die alte Ordnung. "Es bricht die alten Nationalitäten auf und treibt
den Gegensatz zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie auf die Spitze. Kurz, der
Freihandel beschleunigt die soziale Revolution."
In diesem Geist sehen wir die Globalisierung der Produktion. Sie ist die machtvollste
Bestätigung des Programms, für das wir kämpfen: die Vereinigung der internationalen
Arbeiterklasse im Kampf für die sozialistische Weltrevolution.
Die Entwicklung der globalisierten Produktion, die sich auf mächtige Fortschritte in der
Technologie stützt, schafft die Bedingungen für große revolutionäre Kämpfe und legt zugleich
die wirtschaftlichen Grundlagen für den Aufbau einer neuen Gesellschaft, in der diese
Ressourcen für die gesamte Menschheit nutzbar werden können.
Eine der wichtigsten Folgen ist die Proletarisierung der Mehrheit der Weltbevölkerung. In den
fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern werden jetzt große Teile jener Arbeitskräfte, denen
früher noch gewisse Privilegien zugestanden worden waren, mit der Tatsache konfrontiert,
daß sie für das Kapital bloß noch Lohnarbeiter sind. Und überall auf der Welt werden durch
das weltweite Wirken der transnationalen Konzerne starke neue Arbeiterheere geschaffen.
Als Marx seine berühmte Parole "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" ausrief, stellte das
Proletariat nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung von Europa und Nordamerika dar.
Heute macht die Arbeiterklasse die Mehrheit der Weltbevölkerung aus.
Und Arbeiter in jedem Land sind heute den gleichen Angriffen ausgesetzt. Früher stand das
Einkommen in einem gewissen Zusammenhang mit der Heimat. Heute bricht das zusammen.
So wie die Superreichen, sei es in Europa, USA, Lateinamerika oder Asien, ihre eigene Welt
bilden, gibt es zunehmend auch eine Welt der Arbeit, in der die Klasse und nicht die
Nationalität das Einkommen und die Lebensbedingungen bestimmt.
Niemals zuvor waren die Bedingungen so günstig wie heute, um die internationale Einheit der
Arbeiterklasse zu schaffen.
Die Globalisierung der Produktion hat nicht nur die Einheit der Arbeiterklasse auf einmalige
Weise gestärkt, sie hat auch die Grundlage für eine geplante sozialistische Weltwirtschaft
gelegt.
Die offizielle Ideologie der Bourgeoisie erschöpft sich darin, den Markt anzubeten das
Wirken blinder, bewußtloser Wirtschaftsprozesse. Im wirklichen Leben wird dieser Religion
jedoch sehr wenig gehuldigt. Zur Praxis der kapitalistischen Produktion gehört auch die
detaillierteste Planung wirtschaftlicher Abläufe über Zeitzonen und Kontinente hinweg, 24
Stunden am Tag.
Der Aufbau einer weltweit geplanten sozialistischen Wirtschaft ist keine Utopie die
Grundlagen dafür sind bereits gelegt. Wenn wirtschaftliche Planung und Produktion von
transnationalen Unternehmen zum Zwecke des Profits durchgeführt werden können, ist es
erst recht möglich, daß die Produzenten gemeinsam die Produktion zum Zweck der
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und im Interesse der gesamten Menschheit
organisieren.
Das ist nicht nur möglich, sondern notwendig, wenn die Menschheit die soziale Katastrophe
verhindern will, die ihr droht, falls das Profitsystem weiter fortbesteht.
Auf der Grundlage dieses Programms wird die Vierte Internationale die Arbeiterklasse
weltweit vereinen. Revolutionäre Kämpfe stehen bevor. Sozialismus oder Rückfall in die
Barbarei, darum geht der Kampf, und nichts weniger als die Zukunft der Menschheit und der
Zivilisation selbst steht auf dem Spiel.
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