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: WSWS/DE : Korrespondenz
Die Frauenfrage im Lichte des Marxismus
Ein Leserbrief und unsere Antwort
aus neue Arbeiterpresse, Nr. 865
11. September 1997
Ein Leser der neuen Arbeiterpresse aus Mannheim warf in einem Brief an die Partei für
Soziale Gleichheit die Frage nach der Stellung der Frau in der Gesellschaft auf.
Er schrieb:
Eine Diskussion über soziale Gleichheit halte ich auf jeden Fall für notwendig und förderlich,
da angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen politisches Engagement nur hilfreich sein kann. ...
Aber schon jetzt möchte ich gerne einige Punkte ansprechen, die mir auf dem Herzen liegen,
und über die ich mir einige Gedanken gemacht habe.
Da wäre zum Beispiel der Punkt der Klassenunterschiede. Ihre Partei möchte die
Klassenunterschiede dadurch beseitigen, daß sie die Arbeiter vor dem Profitstreben der
Banken und Konzerne bewahrt, aber wären dadurch die Klassenunterschiede wirklich
beseitigt? Der Klassenunterschied beruht auf der Herrschaft des Mannes über die Frau.
Nehmen wir einen zweiten Punkt, den der sozialen Gleichheit. Meiner Meinung nach nützt sie
nichts, wenn es eine Gleichheit ist, in der die Frauen nicht auch gesellschaftlich
gleichberechtigt sind. Denn ohne gesellschaftliche Gleichheit gibt es auch keine soziale
Gleichheit. Es müßte also auch eine Gesellschaft sein ohne Prostitution und Pornographie.
Bekanntlich herrscht in den Industrieländern eine große Gewaltbereitschaft gegenüber den
Frauen (Vergewaltigung, Benachteiligung am Arbeitsplatz u.s.w.); und dies führt mich zum
dritten und letzten Punkt, den ich gerne ansprechen möchte, zum Kapitalismus.
Sie glauben, der Kapitalismus ist an der Misere der Arbeiter schuld, aber wie war es denn in
den kommunistisch regierten Ländern wie der UdSSR, Rumänien u.s.w.? Dort wurden die
Arbeiter ebenso unterdrückt wie in den kapitalistisch regierten Ländern. Doch weshalb? Nun,
zum Teil lag es gewiß an solchen Verbrechern wie Stalin oder Ceaucescu, aber das war es
nicht allein. Es war etwas, was sowohl die kommunistischen wie auch die kapitalistischen
Länder gemeinsam hatten: den Sexismus.
Meiner Ansicht nach hat der Sexismus nicht nur die Klassenunterschiede geschaffen, sondern
auch den Kapitalismus hervorgebracht, der Gewalt und Kriege benötigt, um sich künstlich am
Leben zu erhalten, da er sonst jämmerlich krepieren würde. ... Übrigens sollten wir auch
aufhören, von Arbeitern und Kapitalisten zu reden, sondern den Menschen als das
betrachten, was er ist: als Mann und Frau."
Unser Redaktionsmitglied Marianne Behrent anwortete auf diesen Brief.
Lieber Kollege,
Sie schreiben zu dem Ziel der sozialen Gleichheit: "Meiner Meinung nach nützt sie nichts,
wenn es eine Gleichheit ist, in der die Frauen nicht auch gesellschaftlich gleichberechtigt sind.
Denn ohne gesellschaftliche Gleichheit gibt es auch keine soziale Gleichheit." In diesem
Punkt haben Sie zweifellos völlig recht, und dies ist eine Position, die Marxisten schon seit
über hundert Jahren einnehmen.
So stellte beispielsweise August Bebel, einer der bedeutendsten Führer der
Sozialdemokratie, schon vor hundert Jahren fest: "Spricht man aber von der Gleichheit aller
Menschen, dann ist es ein Unding, davon die Hälfte des Menschengeschlechts ausschließen
zu wollen. Die Frau hat das gleiche Recht wie der Mann auf Entfaltung ihrer Kräfte und auf
freie Betätigung derselben; sie ist ein Mensch wie der Mann, und sie soll wie er die Freiheit
haben, über sich zu verfügen als ihr eigener Herr. Der Zufall, als Frau geboren worden zu
sein, darf daran nichts ändern. Die Frau, weil sie als Frau und nicht als Mann geboren ist
woran der Mann so unschuldig ist wie die Frau , von der Gleichberechtigung
auszuschließen, ist ebenso ungerecht, als wenn Rechte und Freiheiten von dem Zufall der
Religion oder der politischen Gesinnung abhängig gemacht werden, und ebenso unsinnig wie,
daß sich zwei Menschen als Feinde betrachten, weil sie durch den Zufall der Geburt
verschiedenen Volksstämmen oder verschiedenen Nationalitäten angehören. Das sind eines
freien Menschen unwürdige Anschauungen. Der Fortschritt der Menschheit besteht darin,
alles zu beseitigen, was einen Menschen von dem anderen, eine Klasse von der anderen, ein
Geschlecht von dem anderen in Abhängigkeit oder Unfreiheit erhält."
Das Zitat ist August Bebels Werk "Die Frau und der Sozialismus" entnommen (S.280), in
dem er die historischen, ökonomischen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Aspekte
der Stellung der Frauen analysiert. Vor allem untersuchte er, wie und aus welchen Ursachen
die Unterdrückung der Frauen geschichtlich entstanden ist. Es ist überhaupt ein wichtiges
Wesensmerkmal der marxistischen Wissenschaft, daß sie alle Erscheinungen auf ihren
Ursprung und ihre geschichtliche Entwicklung hin untersucht.
Um es gleich ganz klar zu sagen: Die in Ihrem Brief geäußerte Ansicht daß der Sexismus
die Klassenunterschiede und den Kapitalismus hervorgebracht habe ist unhistorisch und
falsch.
Die menschliche Geschichte kannte durchaus Zeiten, in der die Frauen eine bevorzugte
Stellung in der Gesellschaft einnahmen und die führende Rolle spielten. Zu einer Zeit, als die
Produktivkräfte noch äußerst primitiv waren und es keinerlei Privateigentum gab, gab es
urkommunistische menschliche Gemeinschaften, die sogenannten Gentes, in denen das
Matriarchat herrschte. Die Urgesellschaft und das Mutterrecht wurden im letzten Jahrhundert
durch Bachofen und Morgan untersucht. August Bebel und Friedrich Engels stützten sich bei
ihren Arbeiten auf deren Forschungsergebnisse.
Sie wiesen nach, daß sich die Form der Gesellschaft und Familie im Lauf der Geschichte
stark wandelte: Mit größerer Differenzierung der Produktion entstanden verschiedene
Handwerkszweige, höherentwickelte Produktivkräfte und die Entwicklung von Handel. Das
führte dazu, daß die Produkte nicht mehr gemeinschaftlich genutzt, sondern als Waren
getauscht wurden, was voraussetzte, daß sie einen Besitzer hatten.
Mit dem Aufkommen von Privateigentum und der Auflösung der alten Gentilordnung sanken
rasch Stellung und Einfluß der Frauen; das Mutterrecht verschwand und machte dem
Patriarchat Platz, denn, so Bebel: "Der Mann als Privateigentümer hatte das Interesse nach
Kindern, die er als legitime ansehen und zu Erben seines Eigentums machen konnte, er zwang
daher der Frau das Verbot des Umganges mit andern Männern auf." (S. 56) ... "Mit der
Herrschaft des Privateigentums war die Unterjochung der Frau unter den Mann besiegelt. Es
folgte die Zeit der Geringschätzung und selbst der Verachtung der Frau." (S. 58)
Bebel zeigt in seinem Buch, wie aus dem Privateigentum und dem damit verbundenen
Erbrecht die Klassenunterschiede und Klassengegensätze entstanden, wie die
Klassengesellschaft und mit ihr der Staat sich herausbildeten, und welche Funktion die
Familie dabei hatte, das Privateigentum zu wahren und sicherzustellen, daß es an die
Nachkommen vererbt werden konnte.
Besonders die Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus hatte widersprüchliche
Auswirkungen auf die Stellung der Frauen. Die neue herrschende Klasse, die Bourgeoisie,
mußte alle unhaltbaren wirtschaftlichen und sozialen Schranken des Mittelalters hinwegfegen,
um die moderne Industrie zu entwickeln. Sie stellte die Gewerbefreiheit, die Freizügigkeit, die
Aufhebung der Ehebeschränkungen, die Niederlassungsfreiheit usw. her, um
Hunderttausende benötigter Arbeitskräfte freizusetzen. Im Vergleich zum Mittelalter
bedeutete das für viele Frauen besonders der oberen bürgerlichen Schichten einen
Fortschritt.
Es entwickelten sich zwei unterschiedliche politische Frauenbewegungen, eine bürgerliche und
eine proletarische. Was Ziele und Forderungen der bürgerlichen Emanzipationsbewegung
angeht, so wurden sie mit der Weiterentwicklung des Kapitalismus in den fortgeschrittenen
Industrieländern weitgehend durchgesetzt. So wird den Frauen bürgerlicher und gehobener
kleinbürgerlicher Schichten im allgemeinen der Zugang zu fast allen Berufen und
Studienzweigen nicht mehr verwehrt. Sie haben auch das Recht, in hohe Positionen
aufzusteigen. Sogar etliche weibliche Regierungschefs oder Staatsoberhäupter kennen wir,
wie zum Beispiel Margaret Thatcher oder Chandrika Kumaratunga in Sri Lanka. Diese sind
jedoch, wie man an den angeführten Beispielen schon sieht, nicht fortschrittlicher als ihre
männlichen Amtskollegen.
Anders sieht es mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellung der großen Mehrheit
der Frauen aus, die der Arbeiterklasse und den armen Massen angehören. Schon seit Beginn
des Kapitalismus bestand die große Gefahr für die Nicht-Besitzenden darin, daß sie als
Arbeitskräfte gegeneinander ausgespielt wurden. Die billigeren weiblichen Arbeitskräfte
wurden seit je zur Lohndrückerei benutzt. Deshalb zeichnete sich die proletarische
Frauenbewegung dadurch aus, daß sie der wachsenden Konkurrenz der Arbeiter
untereinander die Klassensolidarität und Einbeziehung der Mädchen und Frauen in die
sozialistische Bewegung entgegenstellte.
Diese Frage ist in jüngster Zeit wieder enorm wichtig geworden: Durch die Globalisierung der
Produktion hat sich der Gegensatz zwischen Reich und Arm aufs Äußerste verschärft, und in
immer neuen Billiglohnländer kommen die drastischen Auswirkungen der Konkurrenz der
Arbeiter untereinander am klarsten zum Ausdruck. In vielen Fällen sind es vor allem Frauen
und junge Mädchen, die in den Freihandelszonen unter Bedingungen schuften, die schlimmer
sind als Sklaverei.
Was Ihre Frage nach der Abschaffung von Prostitution und Pornographie, man könnte
auch Kinderpornographie und Mädchenhandel nennen betrifft, so gilt hier mehr denn je die
Aussage Bebels: "Ganz unabhängig von der Frage, ob die Frau als Proletarierin unterdrückt
ist, sie ist es in der Welt des Privateigentums als Geschlechtswesen." In einer Gesellschaft wie
der unseren, die sich der Anhäufung von Privateigentum verschrieben hat, ist der Verkauf von
Mädchen und Frauen gegen Geld keine Verirrung, sondern unausweichliche
Folgeerscheinung der alles verschlingenden Jagd nach Profit.
Nun kommt aber eine weitere und in unseren Augen heute die wichtigste Frage hinzu. Es
ist die Frage danach, warum diese Zustände heute immer noch vorherrschen, oder sogar
noch schlimmer sind als je zuvor. Es ist die Frage, die Sie in Ihrem Brief stellen: "Sie glauben,
der Kapitalismus ist an der Misere der Arbeiter schuld, aber wie war es denn in den
kommunistisch regierten Ländern wie UdSSR, Rumänien, usw?"
Es ist die Frage danach, warum die Arbeiterklasse bisher nicht in der Lage war, diese
Zustände zu ändern, nicht einmal in dem Land, in dem sie zum ersten und einzigen Mal die
Macht ergreifen konnte, der Sowjetunion. Dazu ist es wiederum notwendig, die Geschichte
zu kennen, diesmal die Geschichte unseres Jahrhunderts und die Rolle, die der Stalinismus
gespielt hat.
Es ist entscheidend, in der Entwicklung der Sowjetunion zwei Perioden klar zu unterscheiden:
In den ersten fünf Jahren nach der Oktoberrevolution strebte die bolschewistische Führung
entschlossen danach, die Grundlagen für eine sozialistische Entwicklung zu legen. Aber in der
Zeit von 1923 an begann sich eine bürokratische Tendenz im Staat und dann auch in der
Partei durchzusetzen. Eine privilegierte Kaste bildete sich heraus, die politisch von Josef
Stalin angeführt wurde. Der Grund für diese Entartung bestand vor allem darin, daß die
Sowjetunion isoliert und von der internationalen Produktion abgeschnitten war, weil die
proletarische Revolution nicht auch in den hochentwickelten Industrieländern wie Deutschland
gesiegt hatte.
Von Anfang an gab es eine politische Opposition gegen die stalinistische Entartung in der
Sowjetunion: die Linke Opposition, geführt von Leo Trotzki, aus der später die Vierte
Internationale wurde. In den dreißiger Jahren zeigte Trotzki auf, daß allen offiziellen Phrasen
über die "Vollendung des Sozialismus" zum Trotz sich im gesellschaftlichen Leben der
Sowjetunion restaurative Tendenzen durchsetzten: Während in der Armee die Offiziere
wieder mit Orden geschmückt wurden, lebte die bürgerliche Kleinfamilie in ihrer schlimmsten
Form wieder auf, die den arbeitenden Frauen die Hauptlast der Gesellschaft aufbürdete.
Als Trotzki im Jahr 1936 in seinem Buch "Verratene Revolution" die Sowjetunion einer
durchgehenden Analyse unterzog, widmete er der Stellung der Frauen ein eigenes Kapitel.
("Familie, Jugend, Kultur Der Thermidor in der Familie"). Wie Bebel besteht auch Trotzki
auf dem sozialistischen Ziel, die völlige gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frauen
herbeizuführen. Dies gehörte auch zu den urprünglichen Zielen der russischen Revolution, zu
denen die Zustände in der Sowjetunion knapp 20 Jahre später freilich im krassen
Widerspruch standen.
Trotzki schreibt: "Die Oktoberrevolution tat der Frau gegenüber ehrlich ihre Pflicht. Die junge
Macht gab ihr nicht nur dieselben politischen und juristischen Rechte wie dem Mann,
sondern, was noch wichtiger ist, tat alles, was sie konnte, und jedenfalls unvergleichlich mehr
als irgendein anderer Staat, um ihr wirklich zu allen Zweigen der Wirtschafts- und
Kulturarbeit Zutritt zu verschaffen. Jedoch selbst die kühnste Revolution wäre genauso wenig
wie das allmächtige britische Parlament dazu in der Lage, die Frau in einen Mann zu
verwandeln, oder besser gesagt, die Last der Schwangerschaft, des Gebärens, des Stillens
und der Kindererziehung zu gleichen Teilen auf beide zu verteilen. Die Revolution machte
einen heroischen Versuch, den sogenannten Familienherd zu zerstören, d.h. jene archaische,
muffige und starre Einrichtung, in der die Frau der werktätigen Klassen von der Kindheit bis
zum Tode wahre Zwangsarbeit leisten muß. An die Stelle der Familie als geschlossenem
Kleinbetrieb sollte, so war es gedacht, ein vollendetes System öffentlicher Pflege und
Dienstleistungen treten: Entbindungsanstalten, Krippen, Kindergärten, Schulen, öffentliche
Kantinen, öffentliche Wäschereien, Kliniken, Krankenhäuser, Sanatorien, Sportvereine,
Kinos, Theater usw. Durch das vollständige Ersetzen der wirtschaftlichen Funktionen der
Familie durch Einrichtungen der sozialistischen Gesellschaft, die die gesamte Generation in
Solidarität und gegenseitigem Beistand eint, sollte der Frau und dadurch auch dem Ehepaar
wirkliche Befreiung aus den tausendjährigen Fesseln gebracht werden. Solange diese
wichtigste aller Aufgaben nicht gelöst ist, bleiben 40 Millionen Sowjetfamilien in ihrer
erdrückenden Mehrheit Brutstätten einer mittelalterlichen Daseinsweise, weiblicher
Knechtschaft und Hysterie, täglicher Demütigung der Kinder, weiblichen und kindlichen
Aberglaubens." (Trotzki, "Verratene Revolution", Arbeiterpresse-Verlag 1997, S.183)
Im folgenden geißelte Trotzki schonungslos die Zustände, die unter der Bürokratie wieder
eingerissen waren, und die von jener noch dazu als "Sozialismus" hingestellt wurden:
Verwahrlosung von Kindern, Prostitution, etc. Er schreibt: "Aus den Episoden der
Kriminalchronik kann der Leser von der Existenz der Prostitution in der UdSSR erfahren,
d.h. der tiefsten Degradierung der Frau im Interesse des zahlungsfähigen Mannes. Im Herbst
vergangenen Jahres meldete die Iswestija beispielsweise überraschend aus Moskau die
Verhaftung von etwa 1000 Frauen, die sich auf den Straßen der proletarischen Hauptstadt
heimlich verkauften." ... Trotzki kommentierte: "Es ist jedoch unverzeihlich, vom Triumph des
Sozialismus zu reden, wenn es noch Prostitution gibt." (S.186-87)
Auch in Sachen Abtreibung nimmt er engagiert Stellung für die Frauen: "Die massenhafte
Verwahrlosung von Kindern ist zweifellos das unfehlbarste und tragischste Zeichen für die
schwere Lage der Mütter. In dieser Hinsicht ist selbst die optimistische Prawda von Zeit zu
Zeit zu bitteren Geständnissen gezwungen. Die Geburt eines Kindes ist für viele Frauen eine
ernste Bedrohung ihrer Lage. Genau aus diesem Grund hatte die Revolutionsmacht der Frau
das Recht auf Abtreibung gebracht, das, wo Not und Familienjoch weiterhin bestehen, eines
der bedeutendsten politischen und kulturellen Bürgerrechte ist was die Eunuchen und alten
Jungfern beiderlei Geschlechts darüber auch sagen mögen. Allein, auch dies an sich traurige
Recht der Frau verwandelt sich bei faktischer sozialer Ungleichheit in ein Vorrecht." Er
schildert dann, wie der Staat "seine Unfähigkeit bewiesen hatte, den Frauen, die zur
Abtreibung Zuflucht nehmen mußten, die notwendige medizinische Hilfe und hygienischen
Einrichtungen zur Verfügung zu stellen." Das Ergebnis war, daß daraufhin jäh der Kurs
geändert wurde, und die Abtreibung wieder verboten wurde, zur gleichen Zeit, als auch die
Scheidung wieder erschwert wurde. (S. 187-88)
Präzise weist Trotzki den Zusammenhang nach zwischen der Wiedereinführung von
bürgerlichen Normen im gesellschaftlichen Leben und bei der Verteilung der Güter: "Die
feierliche Rehabilitierung der Familie, die welch ein Wunder der Vorsehung! mit der
Rehabilitierung des Rubels zusammenfiel, hatte seine Ursache im materiellen und kulturellen
Versagen des Staates". (S.189)
Verherrlichung der Kleinfamilie, Erniedrigung und Ausbeutung der Frauen all diese
Erscheinungen waren also nicht die Folgen der sozialistischen Revolution, sondern Bestandteil
einer starken, von der stalinistischen Bürokratie vorangetriebenen Tendenz der bürgerlichen
Restauration. Diese fand schließlich mit der Perestroika Gorbatschows Ende der 80er Jahre,
der Auflösung der Sowjetunion 1991 und der vollständigen Wiederherstellung des
Kapitalismus in Rußland ihren Höhepunkt und Abschluß.
Es gibt zahllose Beispiele dafür, zu welch üblen Zuständen die kapitalistische Restauration in
der Sowjetunion und in den osteuropäischen Ländern gerade auch für die Frauen geführt hat.
So ist zum Beispiel bekannt geworden, daß in der ehemaligen DDR sich nach der
Wiedervereinigung zahlreiche junge Frauen sterilisieren ließen, um bessere Chancen auf dem
Arbeitsmarkt zu haben. In den neuen Bundesländern sind heute 75% der Langzeitarbeitslosen
Frauen, während früher 90% der Frauen im erwerbsfähigen Alter berufstätig waren.
Die vollständige Befreiung der Frauen ist erst möglich, wenn die Vorherrschaft des
Privateigentums überwunden wird. Dann erst wird man die Früchte der modernen
Technologie gesellschaftlich nutzbar machen und die materielle Armut und Abhängigkeit der
überwiegenden Mehrheit der Menschen abschaffen können.
Die Vorstellung, "Sexismus" sei die Ursache für die Kämpfe zwischen den Klassen, geht
davon aus, daß die Unterdrückung und Benachteiligung der Frau zu den Natureigenschaften
des Menschen gehöre. Sie ist vergleichbar mit der Vorstellung, daß der Rassismus zu den
"Urtrieben des Menschen" gehöre. Beides hat historisch bedingte, gesellschaftliche Ursachen
und kann durch eine Veränderung der Gesellschaft überwunden werden.
Wem aber nützen diese Theorien vom "Sexismus"? In den siebziger Jahren wurden sie von
bürgerlichen Vertreterinnen des Feminismus bewußt als Gegen-Ideologie zum Marxismus
kultiviert. Dabei nährten sie sich von der Verwirrung, die der Stalinismus angerichtet hatte:
Sozialismus das wurde automatisch mit Stalinismus und den gesellschaftlichen Zuständen in
der Sowjetunion identifiziert, also als Perspektive zur Befreiung der Frauen abgelehnt.
Heute werden diese Theorien wiederbelebt, und zwar umso energischer, je offener und
schärfer die Klassengegensätze in dieser Gesellschaft hervortreten. Sie dienen dazu,
Arbeiterinnen, Frauen davon abzuhalten, sich mit ihren männlichen Kollegen für die
Überwindung dieser Klassengegensätze zusammenzuschließen.
Mit freundlichen Grüßen
Marianne Behrent
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