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Präsidentschaftswahlen in Österreich
Vorbereitung auf Regierungsbeteiligung der Rechtsradikalen
Von Ulrich Rippert
25. April 1998
»Je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben
sie sich gleich«, sagt der Volksmund. Das gilt auch umgekehrt.
Mitunter finden wichtige politische Veränderungen fast unbemerkt,
im Verborgenen, hinter einer Fassade scheinbarer Stabilität
und Kontinuität statt. So ist das gegenwärtig in Österreich.
Am vergangenen Sonntag wurde dort der bisherige Bundespräsident
für weitere sechs Jahre gewählt.
Mit 63,5 Prozent der Stimmen erhielt Thomas Klestil bereits
in der ersten Wahlrunde erheblich mehr Unterstützung als
vor sechs Jahren. Damals war es ihm erst im zweiten Wahlgang gelungen,
die notwendige absolute Mehrheit zu erreichen. Kommentatoren verweisen
auf Amtsbonus und Popularität. Doch der Stimmenzuwachs läßt
sich nicht aus »überragender Amtsführung«
erklären.
Vor sechs Jahren hatte Klestil seinen Wahlkampf als Kandidat
der christlich konservativen Österreichischen Volkspartei
(ÖVP) geführt und dabei das heilige Sakrament der Ehe
und intakte Familienbeziehungen betont. Wenige Monate nach der
Wahl 1992 verließ seine Ehefrau unter Protest und Medienrummel
die Präsidentenvilla, nachdem bekannt geworden war, daß
ihr Mann seit Jahren ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin
im Präsidialamt hatte. Es folgte eine Affäre wegen einer
Beamtenpension, die Klestil zuzüglich zu seinem üppigen
Präsidentengehalt bezog. Und schließlich war er im
vergangenen Jahr auch gesundheitlich stark angeschlagen.
Die Wiederwahl von Klestil entspringt also nicht politischer
Leistung oder persönlicher Autorität, sondern ist das
Ergebnis von Absprachen führender Politiker in Österreich,
die für den alten und neuen Bundespräsidenten eine ganz
besondere Aufgabe bereithalten. Er soll den rechtsradikalen Jörg
Haider und seine Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ)
in die Regierungsverantwortung einbinden.
Thomas Klestil bringt dafür gute Voraussetzungen mit.
Als sein Vorgänger im Präsidentenamt Kurt Waldheim aufgrund
seiner Rolle im Naziregime vom damaligen amerikanischen Präsidenten
auf die Watchlist gesetzt wurde und in den USA Einreiseverbot
erhielt, war Klestil Botschafter in Washington. Zwar konnte er
die internationale Ächtung Österreichs damals nicht
verhindern, aber er arbeitete intensiv daran, die diplomatischen
Verbindungen im Ausland wieder aufzubauen und soll, bei einer
Regierungsbeteiligung von Jörg Haider, eine erneute Isolation
der Alpenrepublik verhindern.
Während des Wahlkampfs der vergangenen Wochen hat Klestil
immer wieder betont, daß er Haider und seine Freiheitliche
Partei als durchaus regierungsfähig betrachte. Eine weitere
Ausgrenzung der Haider-Partei sei eine Mißachtung des Wählerwillens
und undemokratisch. Haider antwortete prompt und gab eine eindeutige
Wahlempfehlung zu Gunsten des bisherigen Amtsinhabers aus.
Um diese Unterstützung der Rechtsradikalen zu gewinnen,
hatte Klestil sich diesmal nicht mehr als ÖVP-Kandidat um
das höchste Staatsamt beworben, sondern war als unabhängiger,
über den Parteien stehender Bewerber angetreten.
Von vier weiteren Kandidaten stützten sich zwei auf die
weitverbreitete Opposition gegen Haider, waren aber von Anfang
an ohne ernsthafte Erfolgsaussichten. Zum einen die Vorsitzende
des Liberalen Forums, Heide Schmidt, die bei den Präsidentschaftswahlen
vor sechs Jahren noch als Haiders Stellvertreterin kandidiert
hatte, aber kurze Zeit später die FPÖ verließ
und das Liberale Forum gründete. Ihre Abneigung gegen Haider
begründete sie vorwiegend mit seinem »autoritären
Führungsstil«. Das änderte nichts daran, daß
sie selbst eine erzkonservative Politik vertritt. Gemessen am
früheren Wahlergebnis verlor Heide Schmidt mehr als fünf
Prozent und erreichte nur noch 11 Prozent der Stimmen.
Auf Drängen der Grünen kandidierte nach langem Zögern
auch die evangelische Theologin Gertraud Knoll und forderte mehr
»Menschlichkeit und Rückgrat in der Politik«.
In den wenigen Wochen ihres Wahlkampfs ist sie unter dem Druck
einer gezielten Medienkampagne allerdings von ihrer ursprünglichen
Forderung nach einem Bleiberecht für alle Ausländer
weitgehend abgerückt. Von den vorhergesagten 20 erreichte
sie nur 13,5 Prozent der Stimmen.
Eine Schlüsselrolle für die Wahl Klestils und für
den weiteren politischen Aufstieg Haiders spielen die Sozialdemokraten
der SPÖ. Zum ersten Mal stellten sie keinen eigenen Kandidaten
auf, obwohl sie früher das Präsidentenamt als ihre politische
Domäne betrachteten.
Die SPÖ ist die älteste und mitgliederstärkste
Partei Österreichs. Seit 1970 fast drei Jahrzehnte
lang stellt sie ununterbrochen den Bundeskanzler in Wien.
Seit zwölf Jahren regiert sie mit der ÖVP in einer großen
Koalition.
Die Jahre, in denen die Sozialdemokraten auf sozialen Ausgleich
bedacht waren und Reformen im Interesse der Bevölkerung durchsetzten,
sind schon lange vorbei. Die Vormacht internationaler Finanzmärkte
und Kapitalströme hat das Sozialstaatsgefüge auch in
Österreich aufgebrochen und seit Jahren setzt die Regierung
ein Sparprogramm nach dem anderen durch. Viele Staatsbetriebe
wurden privatisiert und die Arbeitslosigkeit stieg, wie im Nachbarland
Deutschland, auf Rekordhöhe wie in den dreißiger Jahren.
Schon vor anderthalb Jahren dokumentierte ein Sozialbericht
der »Caritas« ein sprunghaftes Ansteigen der Massenarmut.
Vor allem Familien mit Kindern seien betroffen. In einem hochindustrialisierten
Land mit einer Bevölkerung von knapp neun Millionen Menschen
leben diesem Bericht zufolge fast eine Viertelmillion Kinder unter
der Armutsgrenze.
Dieses soziale Desaster bildet den politischen Nährboden
für das immer aggressivere Auftreten des rechtsradikalen
Demagogen Jörg Haider. Der mehrfache Millionär und Großgrundbesitzer
gehört zu den reichsten Männern Österreichs, gibt
sich aber gern als Anwalt der kleinen Leute und sozial Schwachen
aus.
Haider hat nie einen Hehl daraus gemacht, wes Geistes Kind
er ist. 1990 erklärte er öffentlich seine Bewunderung
für Adolf Hitler und das »Beschäftigungsprogramm
der Nazis«. Drei Jahre später initiierte er einen Volksentscheid
»Österreich zuerst!«, in dem er die rigorose
Ausweisung von Ausländern und Asylbewerbern forderte und
einen umfassenden Kampf »gegen die Überfremdung Österreichs«
ankündigte. Systematisch lenkt er den wachsenden Widerstand
gegen Arbeitslosigkeit und Sozialabbau in rechte, rassistische
Bahnen und verbreitet ungestört das Gift des Rassismus in
immer breiteren Schichten der Bevölkerung.
Die Sozialdemokraten reagierten auf den schnell wachsenden
politischen Einfluß Haiders, indem sie seine reaktionären
Parolen übernahmen, um, wie sie erklärten, »ihn
überflüssig zu machen«. Mit immer schärferen
Gesetzen und Verordnungen ging die Regierung gegen Ausländer
und Asylsuchende vor. Haider klatschte Beifall. Als der frühere
sozialdemokratische Innenminister Löschnak ausländerfreie
Bezirke forderte und eine extrem restriktive Ausländerpolitik
durchsetzte, bezeichnete ihn Haider als »mein bester Mann
in der Regierung«. Als kurz darauf der Arbeitsminister der
SPÖ einen »gemeinnützigen Pflichtdienst«
sprich Arbeitsdienst für Langzeitarbeitslose
forderte, verwies Haider auf seine Urheberschaft dieser Forderung.
Das Ergebnis dieser Politik waren immer spektakulärere
Stimmengewinne der Rechtsradikalen. In den zwölf Jahren,
seit Haider die Leitung der FPÖ übernommen hat, ist
ihr Stimmenanteil von knapp fünf auf 27,6 Prozent (bei den
Europawahlen im Oktober 1996) gestiegen. In drei von acht Bundesländern
(Kärnten, Tirol und dem Land Salzburg) und in fünf Landeshauptstädten
(Bregenz, Innsbruck, Klagenfurt, Graz und Salzburg) wurde die
FPÖ zur stärksten Partei. SPÖ und ÖVP mußten
hingegen drastische Stimmenverluste hinnehmen.
Angesichts dieser Entwicklung findet nun ein wichtiger politischer
Umbruch in Österreich statt. Die Weichen werden in Richtung
Regierungsbeteiligung bzw. Regierungsübernahme durch die
Rechtsradikalen gestellt. SPÖ und ÖVP wetteifern im
Liebeswerben um den früher verschmähten Bündnispartner.
Viktor Klima, früher Finanzminister der SPÖ, Architekt
vieler Sparprogramme und gegenwärtiger Bundeskanzler, betonte,
er könne sich trotz vieler Unterschiede eine Zusammenarbeit
mit der FPÖ gut vorstellen. Immerhin seien er und Haider
seit geraumer Zeit Duzfreunde.
Auch die Führer der Gewerkschaften bieten nun Haider Zusammenarbeit
an. Auf allen Funktionärsebenen hat ihm der Vorstand des
Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB) Posten zur
Verfügung gestellt. Der Vorsitzende Fritz Verzetnitsch (SPÖ),
der auch den europäischen Gewerkschaftsbund leitet, erklärte
gegenüber der Presse, die FPÖ habe ohnehin ihre Ausländerpolitik
vom Gewerkschaftsbund abgeschrieben.
Die Vorbereitung auf eine Regierungsbeteiligung der Rechtsradikalen
leitet ein qualitativ neues Stadium der politischen Entwicklung
ein. Die Politik des Sozialreformismus, die auf gesellschaftlichen
Ausgleich und möglichst weitgehende soziale Gerechtigkeit
ausgerichtet war, ist am Ende. Alle Parteien haben nur noch eine
Antwort auf die wachsenden wirtschaftlichen Probleme: drastische
Sparmaßnahmen und Kürzungen in allen Sozialbereichen.
Das Ende der Sozialpartnerschaft kennzeichnet aber auch das
Ende des sozialen Friedens. Die Regierung erwartet Widerstand
und bereitet sich auf heftige Auseinandersetzungen vor. Regierungsbeteiligung
der Rechtsradikalen bedeutet, daß die Regierung in Zukunft
die verelendeten und verzweifelten Schichten der Gesellschaft
aufhetzt und als Rammbock gegen die Arbeiterklasse einsetzt.
Unter diesen Bedingungen einer immer tieferen Spaltung der
Gesellschaft verschiebt sich die politische Macht vom Parlament
weg, hin zum Staatsapparat mit seinen jurististischen, polizeilichen
und militärischen Unterdrückungsinstrumenten. Das sind
die Verhältnisse, unter denen der völlig farblose Bürokrat
Thomas Klestil in der Donaumetropole wie ein leibhaftiger Monarch
der Habsburger Dynastie auftritt und ankündigt, er werde
dem Präsidentenamt weitaus größere politische
Bedeutung verschaffen als bisher.
Die österreichischen Ereignisse sind symptomatisch für
die Entwicklung in vielen europäischen Ländern und werden
daher vor allem von Deutschland aus aufmerksam verfolgt. Nicht
zufällig nahm der ehemalige Bundespräsident Richard
von Weizsäcker an der Abschlußkundgebung von Klestils
Wahlkampf teil. Auch hierzulande stehen die politischen Zeichen
auf Sturm. Es gibt viele Anzeichen dafür, daß mit dem
Ende der Regierung Kohl auch die CDU, die sich oft als Volkspartei
bezeichnet, auseinanderbricht und eine starke Rechtspartei entsteht,
die die verschiedenen, gegenwärtig konkurrierenden Neonazi-Gruppen
in sich vereinigt.
Jahrzehntelang waren Arbeiter und die übergroße
Mehrheit der Bevölkerung daran gewöhnt, sich nicht direkt
in die politischen Angelegenheiten einzumischen. Das ändert
sich jetzt. Die systematische Vorbereitung auf eine Regierungsbeteiligung
der Rechtsradikalen macht es notwendig, die Sturmglocken zu läuten,
um daran zu erinnern, welch verheerende Konsequenzen es hat, wenn
Arbeiter nicht ihre eigene Partei aufbauen, mit der sie als eigenständige
gesellschaftliche Kraft in die politische Entwicklung eingreifen.
Gegenwärtig wird immer wieder behauptet, eine sozialdemokratische
Regierung sei eine fortschrittliche Alternative zu Kohl. Die Ereignisse
in Österreich widerlegen das. Das angeblich »kleinere
Übel« hat dort einen gewaltigen politischen Rechtsruck
und ein rassistisches Monster hervorgebracht, und das in einem
Land, welches die Schrecken der Naziherrschaft in der Zeit von
1934-45 am eigenen Leib schmerzhaft erleben mußte. Nirgendwo
in Westeuropa erreichten die Neonazis in jüngster Zeit derart
großen politischen Einfluß, wie in dem Land, in dem
seit fast dreißig Jahren ununterbrochen ein sozialdemokratischer
Regierungschef an der Macht ist.
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