|
Ein Appell an unsere Leser
Unterstützt die WSWS!
Heute neu !
Aktuelle
Analysen
Kunst
& Kultur
Wissenschaft
& Technik
Soziales
Arbeitskämpfe
Geschichte
Philosophie
Korrespondenz
Polemik
Monatsarchiv
Über
das WSWS
Über
das IKVI
Erklärungen der Redaktion
Flugblätter
Arbeiterpresse
Verlag
ANDERE
SPRACHEN
Englisch
Französisch
Italienisch
Spanisch
Portugiesisch
Russisch
Polnisch
Tschechisch Serbo-Kroatisch
Türkisch
Indonesisch
Singhalesisch
Tamilisch
HIGHLIGHTS
Die Streikbewegung im Öffentlichen Dienst erfordert eine neue politische Perspektive PDF-Flugblatt 
Frankreich: LCR-Kongress beschließt Gründung einer neuen Partei
Eine sozialistische Strategie gegen Militarismus und Krieg PDF-Flugblatt 
Marxismus, Geschichte und sozialistisches Bewusstsein von David North
Amerikas Krieg und Besatzung des Irak Eine Gesellschaft wird liquidiert
Neue Ausgabe
der gleichheit März/April 2008
|
|
WSWS : WSWS/DE : Aktuelle Analysen : Europa : Frankreich
Nach 10 Monaten Jospin-Regierung gewinnen die Faschisten an
Einfluß was ist der Ausweg?
Ein Kommentar von Wolfgang Weber
28. April 1998
Über Fünfzig Prozent Wahlenthaltung und ungültige
Stimmen, auf der Linken eine beträchtliche Anzahl von Stimmen
für zwei Organisationen, die sich auf den Trotzkismus berufen,
und auf der andern Seite die Entscheidung etlicher bürgerlicher
Politiker der traditionellen Rechten zur Zusammenarbeit mit dem
neofaschistischen Front national das sind die hervorstechenden
Ergebnisse der Regionalwahlen in Frankreich. Dieser politischen
Polarisierung liegen die gewaltigen sozialen Spannungen in der
französischen Gesellschaft zugrunde, die vor zweieinhalb
Jahren bereits Massenstreiks ausgelöst hatten.
Wochenlang revoltierten damals, im Winter 1995/96, Millionen
gegen den harten Sozialabbau, der mit der Einführung des
Euro verbunden ist. Sie streikten, demonstrierten, hielten Versammlungen
und wußten dabei die gesamte arbeitende Bevölkerung
hinter sich. Ihnen stand eine Regierung gegenüber, die sich
mit ihrer Sparpolitik zwar auf eine überwältigende konservative
Mehrheit im stützen konnte, aber von der überwiegenden
Mehrheit der Gesellschaft völlig isoliert war. Wer soll künftig
das Sagen in der Gesellschaft haben, wessen Interessen die Politik
der Regierung bestimmen? Die arbeitende Bevölkerung oder
die Vertreter des Kapitals? Diese Frage stand offen im Raum, aber
die Arbeiter verfügten über kein Mittel weder
über die Führung, Partei und das notwendige Bewußtsein
, sie in ihrem Interesse zu lösen.
Es gab keine Partei oder Organisation, die bereit gewesen wäre,
eine Regierung im Interesse der Arbeiter zu bilden oder auch nur
zu fordern. Sozialistische und Kommunistische Partei erklärten
platonisch ihre Solidarität und hüteten sich sorgfältig,
auch nur den Rücktritt der Regierung zu fordern. Die Gewerkschaften
waren von Anfang an um eine Beilegung des Konflikts bemüht.
Und die kleinbürgerlichen Radikalen von Organisationen wie
Lutte ouvrière (LO) und Ligue communiste révolutionnaire
(LCR) unternahmen alles, den Einfluß der PCF und der Gewerkschaftsbürokraten
aufrechtzuerhalten und eine unabhängige Mobilisierung der
Arbeiter zu verhindern.
Die Gegner der Arbeiter profitierten von dieser politischen
Schwäche der Revolte, am Ende konnten die Funktionäre
der Gewerkschaften die Streiks beenden und die Regierung Juppé
retten.
Aber die Frage der politischen Macht wird sich erneut stellen.
Wie in ganz Europa wächst unter den Bedingungen der globalisierten
Märkte und Produktion ständig der Druck der Bourgeoisie,
den Sozialstaat noch radikaler zu zerstören, Löhne und
Arbeitsplätze noch massiver abzubauen. Unweigerlich steuert
Frankreich auf neue gesellschaftliche Explosionen zu.
Die Koalition unter Jospin ist nur eine Übergangsregierung
mit der Aufgabe, diese so lange wie möglich hinauszuschieben.
Mit einer Mischung aus sozialen Zuckerbroten und staatlicher Reglementierung
wie Pflichtarbeit, Billiglohnprogrammen, verstärkter Polizeipräsenz
versucht sie die sozialen Spannungen unter Kontrolle halten, während
sie gleichzeitig seit ihrem Amtsantritt getreulich die Politik
Juppés, versehen mit etwas sozialer Kosmetik, fortführt.
Ein Versprechen nach dem anderen, das ihr bei den Parlamentswahlen
vor 10 Monaten zum Sieg verholfen hatte, hat sie gebrochen. Doch
auf Dauer kann sie diesen Spagat nicht durchhalten. Die starken
Stimmenverluste der Regierungsparteien gegenüber dem letzten
Jahr und die hohe Zahl von Stimmenthaltungen sind ein Zeichen
dafür, daß die Kluft zwischen der großen Mehrheit
der Bevölkerung und dem kleinen Zirkel von Regierenden seit
den Tagen Juppés nicht kleiner, sondern größer
geworden ist.
Jospins ganze Rolle besteht darin, der Bourgeoisie die politischen
Bedingungen und die notwendige Zeit für die Vorbereitung
eines ganz anderen Regimes zu verschaffen. Wichtige Vertreter
der Industrie-und Bankenwelt in der UDF und RPR haben sich nach
den Regionalwahlen entschieden, auf eine Regierung unter Beteiligung
der Rechtsradikalen hinzuarbeiten. Die Inthronisierung der Regionalpräsidenten
von Le Pens Gnaden und umgekehrt die Wahl von FN-Politikern in
wichtige regionale Funktionen mit den Stimmen der UDF und RPR
sind die ersten Vorbereitungen dazu.
Bisher war die Funktion des FN, ein Auffangbecken für
den Protest unzufriedener Wähler zu bilden. Jetzt aber soll
er in die Regierung. Die Verantwortung für diesen Aufstieg
der Neofaschisten tragen die PS, PCF und die Gewerkschaften! Seit
sie in den 80er Jahren von der Sozialreform zum Sozialabbau übergegangen
sind, kann Le Pen in den sozialen Brennpunkten und industriellen
Wüstenregionen, die sie mit ihrer Politik hinterlassen haben,
die dumpfe Verzweiflung in rassistische und chauvinistische Kanäle
lenken. Und Mégret rekrutiert dort auf derselben Grundlage
unter den respektableren Schichten des Kleinbürgertums, unter
den Notablen und Geschäftsleuten der Provinz, unter Polizisten
und Militärs. Dabei spielt dem FN die politische Desorientierung
in die Hände, welche die Stalinisten mit ihrer nationalistischen
Politik des »Frankreich zuerst« geschaffen haben.
Die Aufgabe des FN in einer rechten Regierung würde sein,
ihr für die Angriffe auf die arbeitende Bevölkerung
Truppen aus dem Lumpenproletariat und kleinbürgerlichen Schichten
zuzuführen und sie so vor der fatalen Isolation zu bewahren,
die Juppé gelähmt und am Ende zu Fall gebracht hatte.
Sein rassistischer Terror soll die Arbeitermassen spalten und
einer systematischen sozialen Degradierung unterwerfen helfen.
Die Arbeiterklasse kann dieser Gefahr nur entgegentreten, indem
sie von Jospin, der PS und PCF bricht und mit einem eigenen, sozialistischen
Programm selbst die politische Macht anstrebt. Fast eine Million
Stimmen für LO und die LCR bringen zum Ausdruck, daß
breitere Schichten von Arbeitern und Jugendlichen sich nach links
wenden und beginnen, in diese Richtung zu drängen. Gleichzeitig
lassen sie das politische Dilemma deutlich werden, in dem Arbeiter
am Ende dieses Jahrhunderts sich gefangen finden; denn beide Organisationen
ebnen einer solchen unabhängigen politischen Entwicklung
der Arbeiterklasse nicht den Weg, sondern blockieren ihn.
Jahrzehntelang wurde die Perspektive einer sozialistischen
Umgestaltung der Gesellschaft nicht nur durch die Verbrechen der
stalinistischen Bürokratie in Moskau gründlich diskreditiert,
sondern auch in Frankreich selbst durch die Politik der PS und
PCF im Namen des »Sozialismus«. LO und LCR berufen
sich beide auf Leo Trotzki und seinen Kampf gegen Sozialdemokratie
und Stalinismus, aber nur um die wachsende Opposition gegen die
PS und PCF genau diesen Parteien und ihrer Regierung wieder unterzuordnen.
Die LCR reagierte auf ihr seit langem bestes Wahlergebnis,
indem sie sofort auf das Angebot von Jospins Koalitionspartner
PCF zu einer engeren Zusammenarbeit einging. Besorgt über
die Stimmenverlust der eigenen Partei und ihre Fähigkeit,
Arbeiter weiterhin der Regierung unterzuordnen, hatte Robert Hue,
der Vorsitzende der PCF der »radikalen Linken«
gemeint waren LO und LCR »die Hand gereicht«.
Die LCR und ihr Führer Alain Krivine stellen sich der PCF
als linkes Feigenblatt zur Verfügung und verbreiten die Illusion,
daß durch eine solche Volksfront die Regierung zu einer
Politik im Interesse der Arbeiter gezwungen werden könne.
In einem Kommentar zu ihrem eigenen Ergebnis der Regionalwahlen
schrieb sie, es sei »die Verantwortung von Revolutionären,
den Sturmflügel der (sozialen und politischen) Mobilisierungen
zu bilden so wie es die Kämpfer der LCR in den letzten
Monaten gemacht haben , um die Regierungspolitik anzutreiben,
schnellere und weitreichendere Maßnahmen gegen die Unternehmer
zu ergreifen.« (rouge, 26.März 1998, S. 4).
Lutte ouvrière schreckte bisher vor einer solch offenen
Zusammenarbeit mit der Regierung zurück. Aber wenn sie eine
revolutionäre Partei wäre, dann würde sie ihren
Einfluß benutzen, um Arbeiter und Jugendliche systematisch
darauf vorzubereiten, mit einem sozialistischen Programm in die
Entwicklung einzugreifen und sich eine eigene Regierung zu schaffen.
Würde sie dabei dasselbe Selbstbewußtsein und dieselbe
Tatkraft an den Tag leben wie Le Pen, dann würde der FN rasch
an Anziehungskraft und Einfluß verlieren.
»Vierzigtausend Mitglieder mit einer schwankenden und
unentschlossenen Führung sind nur imstande, das Proletariat
zu zersplittern und damit den Weg zur Katastrophe zu ebnen. Zehntausend,
mit einer festen und scharfsichtigen Führung, könnten
den Weg zu den Massen finden, sie dem Einfluß der stalinistischen
und sozialdemokratischen Schwindler und Schwätzer entziehen,«
schrieb Trotzki, als er die schwankende und feige Politik der
zentristischen Organisation POUM im spanischen Bürgerkrieg
geißelte und ihr Argumente, sie sei »noch zu klein«,
»die Zeit noch nicht reif«.
Lutte ouvrière tischt heute dieselben Argumente wie
die POUM auf, weil sie die Arbeiter nicht dem Einfluß der
sozialdemokratischen und stalinistischen Bürokratien entziehen
will. Seit Jahrzehnten hat sie sich selbst in diesen Apparaten
politisch und finanziell eingerichtet. Deshalb versichert sie,
erschrocken über ihre eigenen Wahlergebnisse, welche die
Suche von Arbeitern und Jugendlichen nach einer sozialistischen
Alternative zu Jospin ausdrücken: »Als erstes möchten
wir wiederholen, daß wir die letzten sind, uns Illusionen
zu machen über die Bedeutung unserer eigenen Ergebnisse bei
den jüngsten Regionalwahlen oder auch über das Gewicht
aller Stimmen, die insgesamt den teils vernünftigen, teils
unvernünftigen Listen der extremen Linken gegeben worden
sind. Wir schätzen unsere Ergebnisse genauso vorsichtig ein
wie schon bei den Präsidentschaftswahlen.« (Lutte
Ouvrière, 17. April 1998). Damals hatte Arlette Laguiller
über 1,6 Millionen Stimmen (5, 3 Prozent) erhalten. Wenig
später, im Oktober 1995, entschied eine Parteikonferenz der
LO, daß die Organisation »absolut nicht die Möglichkeit
ins Auge fasse«, eine Partei zu gründen, »die
die politischen Interessen der Arbeiterklasse vertritt«.
Das »Ziel des Aufbaus einer ,Massenpartei sei im Präsidentschaftswahlkampf
ein rein propagandistisches Ziel« gewesen und »als
wirkliche Perspektive offensichtlich ausgeschlossen.« Der
Grund dafür sei, daß »wir seit einigen Jahren
in eine Periode der Reaktion eingetreten« und die »Arbeiterklasse
von den Ideen und Parolen von Le Pen durchdrungen« seien.
Nur Wochen nachdem diese Resolution verabschiedet worden war,
erschütterten Frankreich die größten Massenstreiks
seit Mai/Juni 1968.
Arlette Laguiller aber schreibt bis heute Woche für Woche
in ihren Leitartikeln, erst in fernen Zeiten großer Klassenkämpfe
werde sich etwas ändern: »Die Wut der Arbeiterwelt
ist zwar weitgehend (!) berechtigt, aber braucht lange, bis sie
sich Bahn bricht. Aber wenn sie es dann einmal tut, dann werden
die gegenwärtigen Aktionen der bretonischen Landwirte im
Vergleich dazu wie der Austausch süßer Höflichkeiten
erscheinen.« (Lutte Ouvrière, 17. April 1998).
Welche Ziele mit dieser »sich Bahn brechenden Wut der Arbeiterwelt«
durchgesetzt werden sollen, mit welchem Programm sie erreicht
und was dazu heute getan werden soll davon erfährt
man bei Laguiller kein Wort.
»In Frankreich«, schrieb Trotzki 1936 in Wohin
geht Frankreich, »gibt es nicht wenige Herrschaften
beiderlei Geschlechts, Exkommunisten, Exsozialisten, Exsyndikalisten,
die in Gruppen und Cliquen dahinleben, innerhalb der vier Wände
Eindrücke über die Ereignisse auswechseln und glauben,
die Zeit sei noch nicht reif für ihre erlauchte Teilnahme.
,Es ist noch zu früh. Wenn aber de La Rocque«
der Le Pen der 30er Jahre »kommen wird, werden
sie sagen: ,jetzt ist es schon zu spät.« Heute gehören
zu diesen »Herrschaften beiderlei Geschlechts« zweifellos
auch die Pseudotrotzkisten der LO.
Die feige Unterordnung von Lutte ouvrière und LCR unter
die Jospin-Regierung hat tiefe Wurzeln in der Geschichte dieser
Organisationen. Beide haben bereits vor Jahrzehnten mit dem Trotzkismus
gebrochen. Lutte ouvrière ging aus einer Organisation hervor,
die 1938 die Gründung der Vierten Internationale durch Leo
Trotzki als Alternative zur stalinistischen und sozialdemokratischen
Bürokratie ausdrücklich ablehnte. Die LCR ist Bestandteil
der politischen Tendenz an, die Anfang der 50er Jahre unter der
Führung von Michel Pablo und Ernest Mandel mit der Einschätzung
Trotzkis vom Stalinismus als Totengräber der Revolution brach,
ihm eine fortschrittliche Seite andichtete und sich seitdem als
»linker Ratgeber« der bürokratischen Apparate
versteht.
Das Internationale Komitee der Vierten Internationale hat seit
seiner Gründung vor 45 Jahren diese Feinde des Trotzkismus
stets bekämpft, in politischen und theoretischen Auseinandersetzungen,
die von oberflächlichen Geistern als »sektiererisch«
und »fern von den Massen« belächelten wurden.
Heute erweist sich diese Geschichte der Verteidigung des Trotzkismus
als die einzig tragfähige Grundlage für eine revolutionäre
Partei, welche die Arbeitermassen aus der gegenwärtigen politischen
Sackgasse führen und die Gefahr des Faschismus wirksam bekämpfen
kann.
Seitenanfang
Bitte senden Sie Ihren Kommentar an: wsws@gleichheit.de!.
Copyright
1998 - 2008
World Socialist Web Site
Alle Rechte vorbehalten! |