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WSWS : WSWS/DE : Aktuelle Analysen : Europa : Deutschland
»Schulreform« im Rückwärtsgang
Die teilweise Aufhebung der Koedukation
Dietmar Henning aus gleichheit, Nr 05/98
29. April 1998
Die Länder Nordrhein-Westfalen, Berlin und Schleswig-Holstein haben
die »reflexive Koedukation« nach einer Modellphase in den Regelunterricht überführt.
Demnächst werden Mädchen und Jungen in bestimmten Fächern und für eine bestimmte Zeit
getrennt unterrichtet.
Was ist der Grund, daß eine für die Gleichberechtigung der Geschlechter
offensichtliche Voraussetzung eingeschränkt wird?
Mit der Einführung der Koedukation, dem gemeinsamen Unterricht von Jungen und
Mädchen, war bereits in den 50er Jahren begonnen worden. Nach der flächendeckenden
Einführung in den 60ern galt die »Koedukationsdebatte« als abgeschlossen. Trotz der
ständigen Angriffe einer Handvoll Erzkonservativer sowie verschiedener Bemühungen von
Feministinnen gegen die Koedukation in den 70er und 80er Jahren, wurde der gemeinsame
Unterricht als fortschrittliche pädagogische Errungenschaft angesehen. Erst Ende der
80er, Anfang der 90er Jahre wurde die Debatte von neuem entfacht.
Die Grundlage waren empirisch gewonnene Ergebnisse, die angeblich belegten, daß
Koedukation die geschlechtsrollenkonforme Interessensentwicklung, Berufs- und
Lebensplanung begünstigt. Die Erhebungen zeigten, daß grob gesagt auf
gemeinschaftlichen Schulen Mädchen seltener im Abitur Mathematik oder ein
naturwissenschaftliches Fach wählen als auf reinen Mädchenschulen. Auch
Leistungsunterschiede (in Form von Zensuren) zu Ungunsten der Mädchen in den
entsprechenden Fächern stellte man fest. Bei getrenntem Unterricht waren die Zensuren
besser.
Diese Ergebnisse bildeten den Ausgangspunkt für mehrere Modellversuche, die
schließlich in den Erlassen der drei Bundesländer mündeten, teilweise und zeitlich
befristet die Koedukation, insbesondere in Mathematik, Informatik und den
Naturwissenschaften aufzuheben.
Doch nicht nur die inzwischen größer gewordene Gemeinde der Erzkonservativen
jubelt, die zurück zum Jungengymnasium und zur Mädchenrealschule wollen, auch nicht nur
die kleiner gewordene Gemeinde der Feministinnen, die das weibliche Geschlecht von den
schädlichen Einflüssen des männlichen fernhalten wollen. Breite Teile derjenigen, die
in den letzten Jahrzehnten zumindest offiziell für die Gleichberechtigung der Frau
eintraten, unterstützen ebenfalls die reflexive Koedukation. So mutieren in einem
Kommentar in der den Grünen nahestehenden taz Jungen von zehn oder elf Jahren von
»Buben« über »Schlauberger« und »kleine Männer« bis hin zu »Machos«: »Es ist
gut, die kleinen Machos ab und zu von den Mädchen zu trennen.«
Der Grund für diese Wandlung ist, daß die Gleichberechtigung der Geschlechter
nicht vom sozialistischen Standpunkt angegangen wird, als Bestandteil der Schaffung
umfassender sozialer Gleichheit aller Menschen gleich welchen Geschlechts, sondern als
Reform im Rahmen der bestehenden kapitalistischen Gesellschaft. Diese Gesellschaft, die
insgesamt auf sozialer Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung beruht, läßt aber
keine Gleichberechtigung der Geschlechter zu. In den 60er und 70er Jahren, als auch die
Frauen vom allgemeinen Anstieg des Lebensstandards profitierten und zunehmend Berufe
ausübten, war dies nicht so offensichtlich. Heute sind es wieder die Frauen, die am
schärfsten von der allgemeinen sozialen Polarisierung betroffen sind und in ihre alte
Rolle an Heim und Herd zurückgedrängt werden.
Die Betrachtung breiter angelegter empirischer Erhebungen macht deutlich, daß
die an den Schulen auftretenden Probleme nicht die Ursache, sondern lediglich ein Ergebnis
der gesellschaftlichen Benachteiligung der Frau sind.
So stellt die Studie »Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im
Jugendalter« (BIJU) keine geschlechtsspezifischen Leistungsunterschiede in den
Mathematikleistungen bis zum Ende des 7. Schuljahres fest. Nach der 10. Klasse gibt es
aber diese Unterschiede, die angeblich das bessere mathematische Verständnis von Männern
darlegen. Es ist offensichtlich, daß in dieser Zeit nicht urplötzlich ein genetisch
bedingter Verlust bei Mädchen einsetzt, sondern ein sozialer Prozeß stattfindet: sie
werden zu Frauen. Und da haben sie sich in bestimmte vorgelebte und propagierte Rollen zu
fügen. Unter anderem gehört dazu, ein geringeres Interesse an Mathematik und
Naturwissenschaften zu zeigen, da Berufe, die diese Kenntnisse verlangen, ohnehin den
Männern vorenthalten sind. Die Gesellschaft auch die Schule fördert dies.
So bescheinigt die gleiche Studie (BIJU), daß Mädchen im gemeinschaftlichen Unterricht
nicht gleichbehandelt werden. Sie werden seltener aufgerufen und beim Reden öfter
unterbrochen, von Lehrern und Mitschülern. Lehrer halten mehrheitlich Schüler mit guten
Noten für »aufgeweckt und intelligent«, Schülerinnen mit guten Noten für »ordentlich
und fleißig«.
Anstatt das Übel an der Wurzel zu packen und für eine Veränderung der
gesellschaftlichen Verhältnisse einzutreten, die die Benachteiligung der Frau
hervorbringen, fallen die Verfechter der reflexiven Koedukation vor vollendeten Tatsachen
in die Knie. Sie treten für die getrennte Erziehung von Jungen und Mädchen ein und
verewigen damit das Problem, das sie angeblich lösen wollen.
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