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  WSWS : WSWS/DE : Aktuelle Analysen : Amerika : Nordamerika : Clinton-Starr

Die amerikanischen Medien und der Clinton-Skandal

Experten für politische Pornographie

von der Redaktion
27. August 1998
aus dem Englischen (25. August 1998)

Seit sieben Monaten macht die umstrittene sexuelle Beziehung zwischen Clinton und Monica Lewinsky das politische Leben der Vereinigten Staaten aus, sehr zum Erstaunen der Weltbevölkerung und auch der meisten Amerikaner. Nun, da die Krise einen gewissen Höhepunkt erreicht hat, darf man wohl einen ihrer zentralen Aspekte beleuchten -
die Rolle der Medien.

Von Anfang an haben sich die amerikanischen Medien der primitivsten Methoden - der Begriff Kloakenjournalismus wäre geschmeichelt - bedient, um die öffentliche Meinung hinter die rechte Offensive zu bringen, die von Sonderermittler Starr geführt wird. Die ganze Affäre wirft ein Schlaglicht auf die Manipulation des politischen Lebens in Amerika durch die Medien, die mittels Lügen, Sensationsgier und Appellen an geile Lüsternheit versuchen, das Bewußtsein der breiten Bevölkerungsmasse hinabzudrücken und zu verrohen.

Es ist nichts Neues, daß Konflikte innerhalb der herrschenden Kreise in den USA in der Form schmutziger Skandale ausgefochten werden. Doch selbst nach amerikanischen Maßstäben erleben wir in jüngster Zeit die Degradierung der politischen Auseinandersetzung auf ein Niveau, wie man es bislang nicht für möglich gehalten hätte.

Seit die Medien begannen, die Öffentlichkeit mit Klatsch und Tratsch über Clintons Affäre mit Lewinsky zu überschütten, wetteifern die TV-Größen und Journalisten darin, ihre "Nachrichten" mit möglichst vielen delikaten Anzüglichkeiten zu würzen. Nach Clintons Fernsehansprache vom 17. August, in der er Starr entgegentrat, gebärdeten sich die Medien noch zügelloser. Sie fielen über Clinton her, weil er "nicht alles" über seine Liebschaft mit Lewinsky gesagt habe, und unterstützten Starrs Gegenangriff, der vor allem darin bestand, Einzelheiten über die physischen Kontakte zwischen Clinton und der ehemaligen Praktikantin im Weißen Haus zu veröffentlichen.

Typisch war ein Bericht der abendlichen Nachrichtensendung des NBC vom 20. August. Die für das Weiße Haus zuständige Korrespondentin Lisa Myers kündigte an, daß es bei Lewinskys neuerlichem Erscheinen vor der Grand Jury in erster Linie um "anschauliche Einzelheiten der sexuellen Begegnungen" gegangen sei. Ihren Quellen zufolge, grinste Myers, habe Lewinsky der Grand Jury mitgeteilt, daß sich die Affäre nicht auf "eine Art Sex beschränkt" und auch "ungewöhnliche Praktiken" beinhaltet habe. Noch bestimmter äußerte sich am folgenden Morgen die New York Times. Ihre Darstellung von Lewinskys Aussage liest sich teilweise wie ein obszöner Groschenroman.

Aber die Niedrigkeit der sogenannten Nachrichten beschränkt sich nicht darauf, Sexgeschichten breitzutreten. Die Medien reagierten deshalb so heftig auf die Fernsehansprache, weil Clinton darin, wenn auch in gedämpfter und beschränkter Weise, die Legitimität von Starrs Ermittlungen in Frage gestellt und versucht hatte, über die Köpfe der Medien und des politischen Establishments hinweg an die Öffentlichkeit zu appellieren.

Clintons Gegner in der wirtschaftlichen und politischen Elite wissen ganz genau, daß die überwiegende Mehrheit der Amerikaner dem Sonderermittler und seiner Hexenjagd gegenüber ein tiefes Mißtrauen hegt. Sie fürchten jeden Versuch, die Öffentlichkeit zu mobilisieren und die reaktionären politischen Kräfte hinter Starr zu entlarven. Die Medien reagieren auf diese Gefahr, indem sie immer mehr Schlamm werfen, um die Kritikfähigkeit der Bevölkerung zu ersticken.

Wenn es um grundlegendere Interessen des amerikanischen Kapitalismus geht, wie im Falle der Bombenabwürfe auf Afghanistan und den Sudan, dann drehen sie sich allerdings um 180 Grad und plappern unkritisch die weit hergeholten und unbewiesenen Behauptungen desselben Präsidenten nach, den sie eben noch als Lügner beschimpft hatten.

Die angeblichen Säulen des amerikanischen Journalismus - die New York Times, die Washington Post und die großen Fernsehsender - haben ihre politische Berichterstattung nicht nur auf die jüngsten Anschuldigungen über außerehelichen Sex reduziert, sondern gehen auch dazu über, Reaktionäre mit Beziehungen zu offen faschistischen und rassistischen Kräften als Autoritäten in Sachen Moral, Politik und Gesetzestreue anzuführen. Die New York Times etwa zitiert in großer Aufmachung Theodore Olson und dessen Ehefrau Barbara. Ihre Ausgabe vom 21. August brachte eine lange Kolumne unter dem Titel "Geht es nur um Sex?", die angeblich einen Überblick über die Ansichten der maßgeblichen Autoritäten liefert, die den Wert der Starr-Ermittlungen beurteilen können. An erster Stelle wird Mr. Olson angeführt, den die Zeitung einfach als stellvertretenden Generalstaatsanwalt unter Ronald Reagan vorstellt.

Die Times setzt ihre Leser nicht davon in Kenntnis, daß Olson ein langjähriger Freund und einstiger Anwaltspartner von Kenneth Starr ist, und daß er einst im Vorstand des American Spectator saß, jenes rechtsstehenden Magazins, das von Richard Mellon Scaife finanziert wird und seit langem mit Vorliebe Artikel gegen Clinton veröffentlicht. (Der American Spectator hatte im Dezember 1993 den Paula-Jones-Fall losgetreten. Er hatte in einem Bericht behauptet, Clinton habe als Gouverneur von Arkansas die Polizei des Bundesstaates zu sexuellen Kupplerdiensten mißbraucht. Dieser Artikel wurde später vom Autor widerrufen.)

Ebenso verschweigt die Times, daß Olson laut einem kürzlich erschienenen Artikel der britischen Zeitung Observer an der Gründungsversammlung des "Arkansas Project" teilgenommen hat. Urheber dieser Gruppe sind rechte Kräfte, die Verbindungen zu weißen Rassisten in Arkansas unterhalten. Mit der finanziellen Unterstützung Scaifes nahmen sie die Vernichtung von Clintons politischer Karriere in Angriff.

Doch so zwielichtig die beteiligten Gestalten auch sein mögen, die Niedrigkeit der "Nachrichten" entspringt nicht nur den subjektiven Neigungen der Reporter und Journalisten oder selbst der Medienmogule, die sie bezahlen. Auf einer grundlegenderen Ebene ist sie Ausdruck eines objektiven Phänomens, nämlich der außerordentlichen politischen Orientierungslosigkeit und des geistigen Niedergangs im amerikanischen Establishment.

Dieses Phänomen hat mehrere Aspekte. Die schäbigen Methoden des zeitgenössischen Journalismus hängen mit bestimmten politischen Einstellungen zusammen. Der Stil ist der Mensch, und die Methoden der Medien widerspiegeln ihre reaktionäre Weltsicht, die im großen und ganzen mit den Absichten der Clinton-Gegner im politischen und unternehmerischen Establishment zusammenfällt.

Diese Einstellung hängt wiederum mit einem weiteren Phänomen zusammen: der immer stärkeren Konzentration aller Formen der Massenkommunikation in den Händen weniger riesiger Konzerne. Die großen Fernsehgesellschaften befinden sich im Besitz von fünf Wirtschaftsriesen - Disney (ABC), Westinghouse (CBS), General Electric (NBC), Time Warner (CNN) und Murdoch (Fox). Ähnlich weit fortgeschritten ist die Konzentration in den Branchen Radio, Kino und Printmedien.

Die zunehmende Monopolisierung der Massenkommunikation ist ihrerseits ein Aspekt der Kluft, die sich insgesamt zwischen dem politischen und unternehmerischen Establishment auf der einen und den Massen der amerikanischen Bevölkerung auf der anderen Seite gebildet hat. Noch nie zuvor in der Geschichte war das politische System so abgehoben von den Sorgen der normalen Bevölkerung. Die großen Parteien, ganz offen Instrumente der Konzernmacht und des privaten Reichtums, verfügen über so gut wie keine aktive Unterstützung. Die Bevölkerungsmassen begegnen der ganzen Politik, die ihrerseits die letzten Verbindungen zu demokratischen Idealen kappt, mit Befremden, Wut und Enttäuschung.

Diese besonderen Umstände ermöglichen den Kräften der äußersten Reaktion einen Einfluß, der in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Unterstützerbasis in der Bevölkerung steht. Perioden, in denen die politische Reaktion vorherrscht, sind im allgemeinen Perioden des kulturellen und geistigen Niedergangs. Sie rücken das Menschenmaterial in den Vordergrund, das ihr rückwärtsgewandtes und stumpfes Denken am besten zum Ausdruck bringt.

Unwissenheit, Oberflächlichkeit und Zynismus sind die Merkmale all dessen, was heute in den amerikanischen Medien als Nachrichten und Analyse daherkommt. Vergeblich sucht man nach dem geringsten Anzeichen für eine kritische Herangehensweise. Weshalb bestimmte Entwicklungen - wie die politische Krise und Bedrohung der Präsidentschaft - stattfinden, oder worin ihre umfassendere Bedeutung bestehen mag, solche Fragen sind den Berichterstattern ein Buch mit sieben Siegeln. Das Niveau des Denkens erhebt sich nur selten über das Anfangsstadium der unmittelbaren Sinneswahrnehmung, was möglicherweise die Fixierung auf physische und sexuelle Dinge zu einem gewissen Grade erklärt.

Die Prominenz von Medienstars wie Chris Mathew, dem Moderator der TV-Sendung "Hardball", der sich nur schreiend äußern kann, oder des ex-Sportreporters Ken Obermann, der das nächtliche Getratsche über die Lewinsky-Affäre in einem der NBC-Kabelkanäle leitet - was lehrt sie uns über den Charakter der heutigen Periode? Wenn man diese Leute und die Dutzenden ihresgleichen beobachtet, dann fragt man sich unwillkürlich, ob sie jemals ein Buch gelesen haben. Keiner von ihnen läßt erkennen, daß er auch nur in Ansätzen verstünde, was eine ernsthafte politische Analyse ausmacht.

Vor wenigen Generationen konnte man in seriösen amerikanischen Zeitungen noch Beispiele wirklicher politischer Analyse finden. Walter Lippmann, der große Mann des bürgerlichen liberalen Journalismus, war trotz seiner im allgemeinen konservativen Ansichten ein intelligenter Mensch. Er verfügte über einige Bildung und Kenntnis der großen Ideen der Moderne.

Doch es ist praktisch unmöglich, heute in den großen amerikanischen Zeitungen einen Journalisten zu finden, von dem man dasselbe behaupten könnte. Abgesehen von ganz seltenen Ausnahmen kommen die Ergüsse der Kolumnisten von New York Times, Washington Post, Los Angeles Times usw. über Banalitäten nicht hinaus. Sie lassen auch kein gewissenhaftes, aufrichtiges und unabhängiges Herangehen an die Ereignisse erkennen.

Selbst wenn man nur die prominentesten Vertreter der Fernsehberichterstattung betrachtet, sticht einem der Niedergang der letzten Jahrzehnte ins Auge. Man muß nur Redakteure der Vergangenheit wie Edward R. Murrow, Walter Cronkite und Eric Severide - ohne deren Leistungen und Statur zu übertreiben - mit dem heutigen Haufen von Tom Brokaw, Peter Jennings, Tim Russert und Sam Donaldson vergleichen, um das ganze Ausmaß des geistigen Niedergangs zu ermessen.

An Europa ist der Zerfall des geistigen Niveaus beileibe nicht vorübergegangen. Dennoch besteht nach wie vor ein frappierender Gegensatz zwischen den dortigen Nachrichtenreportagen und jenen in den USA. In Europa sind stundenlange Sendungen über wichtige Ereignisse nicht unüblich, und von führenden Politikern erwartet man ausführliche Stellungnahmen. Besucher aus dem Ausland sind oft überrascht und schockiert, wenn sie sehen, was in den USA als "Nachrichten" angeboten wird: Ein 90-Sekunden-Beitrag gilt schon als "Hintergrundanalyse" im Gegensatz zu den Sound Bites, die den Rest der Berichterstattung ausmachen.

Die amerikanischen Medien sind außerordentlich darum besorgt, daß jegliche Diskussion über politische Fragen im vorgegebenen Rahmen bleibt. Man kann sich Abend für Abend durch die Kanäle schalte und vernimmt doch überall gleichlautende Phrasen aus den Mündern austauschbarer Nullitäten, die aus unerklärlichen Gründen als "Experten" gelten. Sie sind unfähig zu einer kritischen Haltung und fest entschlossen, eine solche auch bei niemandem sonst zuzulassen.

Jene seltenen Ausnahmen, also Journalisten, die für die großen Nachrichtensendungen arbeiten und sich noch zu gewissenhaften, aufrichtigen Recherchen und einer entsprechenden Berichterstattung bekennen, werden nach und nach schikaniert und entlassen. Es war bezeichnend, daß CNN mitten in dem Medienrummel um den Lewinsky-Skandal eine Dokumentarsendung vom Programm absetzte, die den amerikanischen Einsatz von Nervengas während des Vietnamkriegs aufdeckte. Die beiden Journalisten, die den Bericht erstellt hatten, wurden gefeuert.

Die allgemeine Reaktion der führenden Medienvertreter auf die Meinungsumfragen nach Clintons Fernsehansprache vom 17. August war höchst lehrreich. Sie sprach Bände darüber, wie stark sich die erlauchte Weisheit der Washington-Insider und politischen Experten vom Denken der breiten Bevölkerungsmehrheit unterscheidet. Außerdem warf sie ein Licht auf die äußerst unaufrichtigen Methoden der Verdrehung und Manipulation, die bei der Darstellung der Nachrichten zum Einsatz kommen.

Erneut, wie während des gesamten Lewinsky-Skandals, hatten die Umfragen die Medienmeute verblüfft und verärgert. Sie erklärten Clintons Rede zum Desaster. Er habe sich nicht zerknirscht genug gezeigt, d.h., er habe sich vor "Richter" Starr nicht tief genug erniedrigt.

Doch die Umfragen zeigten das Gegenteil. Clintons Kritk, so schüchtern sie war, hatte in der Öffentlichkeit einen Widerhall gefunden. Die Zustimmungsraten für Clintons Amtsführung stiegen sogar; sein persönliches Ansehen hatte nur leicht gelitten; eine große Mehrheit wandte sich gegen eine Amtsenthebung oder einen Rücktritt; und beinahe zwei Drittel der Befragten erklärten, sie wünschten ein Ende der Starr-Ermittlungen. Die Zustimmung zu Starr hingegen bewegte sich irgendwo zwischen zehn und zwanzig Prozent.

Natürlich besteht noch ein großer Unterschied zwischen solchen gefühlsmäßigen Einstellungen und einer bewußten politischen Opposition gegen die rechte Verschwörung hinter Starrs Ermittlungen. Dennoch widerspiegeln sie eine gesunde Abscheu dagegen, wie Starr und die Medien die Sexangelegenheit hochkochen, und das starke Empfinden, daß die Treibjagd des unabhängigen Ermittlers gegen demokratische Rechte verstößt.

Dieselben Weisen, die ansonsten Meinungsumfragen eine unumstößliche Autorität beimessen, ignorierten sie diesmal entweder gänzlich, oder berichteten nur jene Ergebnisse, die eine Schwächung von Clintons Ansehen zeigten. Die New York Times behauptete in einem Kommentar über den Gegensatz zwischen den Meinungsumfragen und der Reaktion der "Experten" auf Clintons Rede dreist, daß die Medien die Vorbehalte der Öffentlichkeit so lange weiter bearbeiten würden, bis die Umfragen die erwünschten Ergebnisse brächten.

Der bisherige Widerstand der Öffentlichkeit gegen den Propagandafeldzug Starrs und der Medien läßt hoffen. Er zeigt, daß die Öffentlichkeit im Gegensatz zu den Polit-Pornographen der Medien noch nicht jedes Schamgefühl verloren hat. Doch aus Fäulnis und Stagnation wird das politische und geistige Leben in den USA erst dann herauskommen, wenn die breiten Massen der arbeitenden Bevölkerung auf der Grundlage ihres eigenen, unabhängigen Programms den Kampf gegen beide Parteien des Big Business und gegen das ganze korrupte, anti-soziale politische Establishment aufnehmen.

Die Niedrigkeit der Medien ist ein wichtiges Anzeichen dafür, daß dieses Establishment auf die Folgen der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Krise, die gegenwärtig an Fahrt gewinnt und eine enorm explosive Lage schafft, nicht im geringsten vorbereitet ist. Die Medien tragen überdies ihr Möglichstes dazu bei, daß auch die amerikanische Gesellschaft insgesamt nicht auf das Kommende vorbereitet ist.

Um so wichtiger ist die Rolle des World Socialist Web Site, das auf internationaler Ebene nicht nur eine politische Alternative zu den reaktionären Plänen der kapitalistischen Regierungen bietet, sondern auch etwas, das die bürgerlichen Medien nicht liefern können - eine seriöse Analyse der heutigen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen.

 

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