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Gedenkveranstaltung für Wadim Rogowin an der Humboldt-Universität Berlin
Von der Redaktion
17. Dezember 1998
"Wadim Sacharowitsch Rogowin war - privat und als Wissenschaftler - eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Sein früher Tod am 18. September diesen Jahres ist für alle, die ihn und seine Werke kannten und schätzten, ein schwerer Schlag." Mit diesen Worten eröffnete Peter Schwarz, der Sekretär des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, am 5. Dezember eine Veranstaltung, die selbst in vieler Hinsicht außergewöhnlich war.
Im Audimax der traditionsreichen Berliner Humboldt-Universität, die noch vor wenigen Jahren als Kaderschmiede des SED-Regimes fungiert hatte, versammelten sich Studenten, Historiker und politisch Interessierte, um das Leben eines Mannes zu würdigen, der seit seiner Jugend mit großer Beharrlichkeit ein Ziel verfolgt hatte: Die Aufdeckung der historischen Wahrheit über den Stalinismus.
Wadim Rogowin war überzeugt von der Möglichkeit einer besseren, humaneren Gesellschaft, die auf dem Prinzip der sozialen Gleichheit beruht. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, in den Stalinschen Verbrechen einen Beweis für das Scheitern des Sozialismus zu sehen. Er betrachtete sie als Verbrechen am Sozialismus, deren Wurzeln und Ursachen es aufzudecken galt.
"Die große Säuberung war ein präventiver Bürgerkrieg gegen jene Kommunisten, die eine Alternative zu Stalins totalitärem Regime boten." Dieses Zitat aus den Schriften Wadim Rogowins stand wie ein Motto über der Veranstaltung. Auf dem Podium hatten einige der letzten Überlebenden des Terrors Platz genommen. Ihre Redebeiträge machten das Ausmaß der stalinistischen Unterdrückung deutlich und beeindruckten durch die sozialistische Orientierung der Oppositionellen. Unter ihnen waren:
Tatjana Smilga, die Tochter von Iwar Tenissowitsch Smilga, der sich 1907 im Alter von 15 Jahren den Bolschewiki angeschlossen hatte.
Vom zaristischen Regime mehrmals verhaftet und verbannt, hatte er in der Oktoberrevolution und dem darauffolgenden Bürgerkrieg eine herausragende Rolle gespielt. So gewann er als Vorsitzender des Regionalkomitees der Sowjets in Finnland die Baltische Flotte für die Bolschewiki. Ab 1921 bekleidete er führende Positionen in der Wirtschaftsplanung und leitete zeitweilig das Plechanow-Institut für Nationalökonomie. Als einer der Führer der vereinigten Opposition und Verfasser der "Plattform der Opposition" wurde er 1927 aus der Partei ausgeschlossen. 1929 wurde er wieder aufgenommen. Kurz darauf nahm er die oppositionelle Tätigkeit wieder auf und wurde 1932 zu fünf Jahren Haft verurteilt.
Im Januar 1937 wurde er in einem nichtöffentlichen Prozeß zum Tode verurteilt und erschossen. Seine Tochter Tatjana war 1919 geboren und mußte auf Grund der oppositionellen Tätigkeit ihres Vater viele Jahre in Lagern verbringen.
Auch Sorja Leonida Serebrjakowa, die Tochter von Leonid Petrowitsch Serebrjakow, der 1905 im Alter von 17 Jahren der bolschewistischen Partei beigetreten war, scheute nicht die Strapazen der Reise von Moskau nach Berlin, um über ihre Lebenserfahrungen und die sozialistischen Perspektiven der Oppositionellen zu sprechen.
Ihr Vater Leonid Serebrjakow war seit 1909 Berufsrevolutionär gewesen. 1912 hatte er an der Seite Lenins an der bolschewistischen Konferenz in Prag teilgenommen. 1917 war er einer der Führer der Oktoberrevolution in Moskau. In den folgenden Jahren bekleidete er hohe Ämter in Partei, Staat und Armee.
1923 - im Jahr ihrer Entstehung - schloß er sich der Linken Opposition an und wurde im Oktober 1927 aus der Partei ausgeschlossen. 1929 wurde er wieder aufgenommen und arbeitete bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1936 im Volkskommissariat für Transportwesen.
Serebrjakow gehörte zu den Hauptangeklagten im zweiten Moskauer Prozeß vom Januar 1937. Er wurde zum Tode verurteilt und erschossen.
Ein weiterer Zeitzeuge, der auf der Veranstaltung sprach, war der Berliner Professor Nathan Steinberger. Auch er hat für seine kommunistischen Überzeugungen mit zwanzig Jahren Haft und Verbannung in stalinistischen Lagern bezahlt.
Daß die Ideen der Linken Opposition in der ehemaligen Sowjetunion nicht nur Geschichte, sondern von brennender Aktualität sind, bewies die Anwesenheit von Wladimir Wolkow. Er leitet die Organisation der Vierten Internationale in der ehemaligen Sowjetunion und ist Herausgeber der Zeitschrift "Soziale Gleichheit".
Die aktuelle politische Bedeutung der sozialistischen Opposition gegen den Stalinismus wurde bereits in der Vorbereitung der Veranstaltung deutlich.
Der Hochschulbund für Soziale Gleichheit hatte sich - wie dies in solchen Fällen üblich ist - mit der Bitte um Unterstützung auch an die Studentenvertretung, den RefRat, gewandt. Er erhielt ein Antwortschreiben, unterzeichnet vom Finanzreferenten des RefRats, Mario Pschera, in dem es hieß, der RefRat könne nicht "jeden Schmarrn" unterstützen, und das mit der unverhüllten Drohung schloß: "Ich habe noch einen Eispickel im Kühlschrank."
Dieser Versuch, zu stalinistischen Gepflogenheiten zurückzukehren, ist auf breite Empörung und Ablehnung gestoßen. Der Rektor der Humboldt-Universität, Prof. Dr. Meyer, schickte dem RefRat einen Brief, in dem es heißt:
"Die Universität lebt auch vom Austausch politischer Meinungen der in ihr vertretenen Gruppen. Dies setzt jedoch ein Mindestmaß an Stil im Umgang miteinander und insbesondere mit Andersdenkenden voraus. Auch wenn es zwischen den Statusgruppen Unterschiede darüber gibt, was in dieser Hinsicht noch akzeptabel ist, wäre es fatal, wenn der Ton Ihres Briefes zum Standard würde, zumal wenn er durch den Briefkopf RefRat nicht als subjektive Meinung gelten kann. Insbesondere ist das PS [gemeint ist die Drohung mit dem Eispickel] wohl kaum noch als Humor zu bezeichnen. Ich fordere Sie nachdrücklich auf, die Rolle der organisierten Studentenschaft nicht durch derartige Umgangsformen in Frage zu stellen, die auch in der Presse kritisiert wurden. Sollten Sie anderer Meinung sein, hielte ich ein Gespräch für erforderlich."
Zu Beginn der Veranstaltung wurde dieser Brief als prinzipielle Stellungnahme für demokratische Rechte und Gepflogenheiten begrüßt.
Hauptredner der Veranstaltung war David North, der nationale Sekretär der Socialist Equality Party in den USA und Vorsitzender der Redaktion des World Socialist Web Site. Seit Anfang der siebziger Jahre in der Vierten Internationale tätig, hat er zahlreiche Schriften zur Geschichte der trotzkistischen Weltbewegung, sowie zu verschiedenen politischen und theoretischen Fragen verfaßt.
In den vergangenen fünf Jahren verband ihn eine enge persönliche und politische Freundschaft mit Wadim Rogowin, die auf beide beflügelnd und befruchtend wirkte. In dem Vortrag David Norths wurde nicht nur die Person Wadim Rogowin sichtbar und vor dem geistigen Auge der Zuhörer lebendig. Er setzte sich auch mit der weitverbreiteten "postmodernen" Geschichtsauffassung auseinander und erläuterte die Bedeutung der Zusammenarbeit von Wadim Rogowin mit dem Internationalen Komitee der Vierten Internationalen.
Das World Socialist Web Site veröffentlicht die Redebeiträge der Veranstaltung beginnend mit dem Vortrag von David North.
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