|
Ein Appell an unsere Leser
Unterstützt die WSWS!
Heute neu !
Aktuelle
Analysen
Kunst
& Kultur
Wissenschaft
& Technik
Soziales
Arbeitskämpfe
Geschichte
Philosophie
Korrespondenz
Polemik
Monatsarchiv
Über
das WSWS
Über
das IKVI
Erklärungen der Redaktion
Flugblätter
Arbeiterpresse
Verlag
ANDERE
SPRACHEN
Englisch
Französisch
Italienisch
Spanisch
Portugiesisch
Russisch
Polnisch
Tschechisch Serbo-Kroatisch
Türkisch
Indonesisch
Singhalesisch
Tamilisch
HIGHLIGHTS
Die Streikbewegung im Öffentlichen Dienst erfordert eine neue politische Perspektive PDF-Flugblatt 
Frankreich: LCR-Kongress beschließt Gründung einer neuen Partei
Eine sozialistische Strategie gegen Militarismus und Krieg PDF-Flugblatt 
Marxismus, Geschichte und sozialistisches Bewusstsein von David North
Amerikas Krieg und Besatzung des Irak Eine Gesellschaft wird liquidiert
Neue Ausgabe
der gleichheit März/April 2008
|
|
WSWS : WSWS/DE : Kunst & Kultur : Film
Schwaches Drehbuch, schwache Regie, schwach gespielt
Warum die Lobgesänge auf den Film Titanic?
Von David Walsh
26. Februar 1998
(aus gleichheit 3/98)
Es gibt wenig Entschuldigungsgründe für jene Kritiker, die James Camerons Titanic
in den Himmel loben. Es ist kein gutes Werk schwaches Drehbuch, schwache Regie,
schwach gespielt. Wären da nicht die hunderte Millionen Dollar für seine Produktion und
Vermarktung, wäre da nicht das große Aufhebens von Seiten der Medien, könnte man den
Film ohne weiteres ignorieren.
Die Filmkritikerin Janet Maslin stand für viele andere ihrer Zunft, als sie in
der »New York Times« vom 19. Dezember 97 versicherte: »Camerons großartige Titanic
ist das erste Mammutwerk seit Jahrzehnten, daß man mit Vom Winde verweht
vergleichen kann.« Sie nannte den Film »ein gewaltiges, packendes
drei-ein-viertel-Stunden-Erlebnis, das die Zuschauer unfehlbar in die Schönheit und
Tragik einer verlorenen Welt zieht.« Maslin schrieb von dem »phantastischen
Zusammenspiel der Stars« Leonardo DiCaprio und Kate Winslet, und schwärmte: »Titanic
erzählt eine ergreifende Geschichte von blinder Arroganz und ihren fürchterlichen
Konsequenzen. Es ist einer der seltenen Abenteuerfilme Hollywoods, der mythische Elemente
der Tragödie der Fall des Ikarus, der Ruin des Ozymandias ins Bewußtsein
ruft.«
Was ist da los? Es ist eine Sache, manchmal ein Werk zu überschätzen, etwa um
einen aufstrebenden Künstler zu unterstützen, selbst wenn man sich dabei um der guten
Sache willen ein wenig dem Wunschdenken hingibt. Aber solch eine Übertreibung muß eine
gewisse Grundlage in der Wirklichkeit haben. Filmkritik ist kein rein subjektives
Unterfangen. Nach jedem objektiven Maßstab ist Titanic nichts von alledem, was
Maslin und andere von ihm behaupten.
Es ist keine Überraschung, daß Camerons neuester Film bestenfalls enorm
angestrengt und mittelmäßig ist. In seinen vorherigen Filmen Aliens, True Lies,
The Abyss oder Terminator deutete nichts darauf hin, daß hier ein großes
künstlerisches Talent heranreifte. Der Regisseur ist zweifellos ein tatkräftiger und
fähiger Techniker und Organisator, aber ohne besonderes Gespür für Dramatik oder
psychologische oder soziale Einsicht.
Titanic hat seit dem 19. Dezember, als er in den Verleih gekommen ist,
hunderte Millionen Dollar eingespielt. Er könnte zum finanziell erfolgreichsten Film
aller Zeiten werden, vielleicht bis zu eine Milliarde Dollar einspielen. Dieser Erfolg ist
nicht weiter erstaunlich. Camerons Film hat vor allem durch die Medien massive
Unterstützung bekommen. Außerdem gibt es natürlich noch die normale Neugier der
Öffentlichkeit, angeheizt von der Aufmerksamkeit der Medien, über den Untergang der
Titanic, oder auch bloße Sensationslust.
Der Film zielt offensichtlich vor allem auf junge Leute ab. Laut einer Studie
von Paramount Pictures sind 63 Prozent derjenigen Zuschauer, die ihn zweimal oder öfter
gesehen haben, unter 25 Jahre alt. Camerons Hauptfiguren in Titanic sind ein von
DiCaprio gespielter, Jack London-hafter Künstler und die unglückliche Rose (Winslet),
die in der ersten Klasse reist und von ihrer Mutter zur Heirat eines herzlosen Millionärs
gezwungen wird. Daß sich Jugendliche für das Thema unglücklich Verliebte und verbotene
Liebe interessieren, ist natürlich und legitim.
Aber ist dieses Problem hier auf stimmige oder überzeugende Weise verarbeitet?
Fast jedes Element in diesem Film, die Liebesgeschichte eingeschlossen, wird auf
völlig klischeehafte und vorhersagbare Weise dargestellt. Die Verhaltensweisen und
Charakterzüge, selbst die Mimik jeder Person sind sofort klar erkennbar und bleiben den
ganzen Film hindurch völlig unverändert. Der böse Verlobte ist von seinem ersten
Auftritt bis zum Schluß ohne Unterbrechung grausam und egoistisch. Die matronenhafte,
herrische Mutter ist unermüdlich matronenhaft und herrisch, die »unsinkbare« Molly
Brown unfehlbar heiteren Gemüts.
Der unbezähmbare Jack (DiCaprio) trifft die reiche Rose (Winslet) und verliebt
sich in sie. Kann es irgendwelche Zweifel geben, daß die beiden sich streiten werden,
wieder versöhnen, miteinander ins Bett gehen, dem erzürnten Verlobten gegenüberstehen,
über ihn triumphieren usw., usf.?
Man kann die Jugendlichen von heute nicht für ihren Geschmack verantwortlich
machen. Was haben sie denn außer den banalsten Produkten der vorherrschenden Filmstudios
schon zu sehen bekommen? Selbst das kommerzielle Kino hat die gleichen Themen vor wenigen
Jahrzehnten noch mit mehr Tiefe behandelt. Man denke dabei etwa (trotz all ihrer
Schwächen) an Bonnie and Clyde und The Graduate (beide 1967), oder selbst
an Franco Zeffirellis Romeo and Juliet (1968).
Das Schicksal der Titanic war ein außergewöhnliches Ereignis, voller
dramatischer Möglichkeiten. Was soll man von einem Regisseur halten, der vom Leben und
der Geschichte entweder so gelangweilt oder so blind gegenüber ihren Möglichkeiten ist,
daß er offenbar um Spannung zu erzeugen eine Schießerei und eine Situation
inszeniert, in der jemand fast ertrinkt, und das auf einem sinkenden Schiff, während
Tausende dem sicheren Tod entgegengehen? Camerons fehlende Phantasie hat beinahe schon den
Anstrich der Satire. (Wer einen wirklich haarsträubenden Schiffsuntergang sehen will,
sollte sich Andrew L. Stones The Last Voyage (1960) auf Video holen.)
Dann gibt es da noch die angeblich »radikale« politische Seite des Films. Das
ist das schlimmste aller Argumente zugunsten von Titanic. Maslin nennt ihn »einen
Film, der gnadenlos die unterschiedlichen Schicksale von Reich und Arm herausstellt«. Sie
zitiert Camerons Gewitzel: »Wir nähern uns fast schon marxistischen Dogmen«. Das ist
Blödsinn. Die meisten Erwachsenen wissen recht gut, daß 1912 Arme und Reiche
unterschiedlich behandelt wurden und daß sie es 86 Jahre später immer noch werden.
Was Cameron seinem Publikum mit einer Hand gibt eine oberflächliche
Kritik der Klassenbeziehungen nimmt er ihm mit der anderen durch seinen völlig
bornierten und angepaßten Standpunkt wieder weg: Im menschlichen Verhalten gibt es keine
Widersprüchlichkeiten, es gibt keine Probleme, die schmerzhafte und schwierige
Entscheidungen erfordern, alles im Leben und in der Gesellschaft ist klar und
offensichtlich, die Welt ist so, wie sie auf den ersten Blick erscheint, man braucht nur
ein bißchen Glück und ein bißchen Köpfchen, um im Leben glücklich zu werden. Das sind
die wirklichen Aussagen von Titanic. Er ist so geistlos wie ein Werbespot von Nike.
Wie soll damit kritisches Denken ermutigt werden?
Aber die eigentliche Frage bleibt: Warum sind so viele Angehörige der »Elite«
der New Yorker Filmkritiker dermaßen von diesem Film begeistert? Es wäre falsch,
anzunehmen, die hunderte Millionen Dollar, die vom Erfolg oder Mißerfolg von Titanic
abhängen, hätten einen direkten Einfluß auf das Urteil all dieser Kritiker. Was hier
abläuft, ist sehr viel komplexer.
Die Lobgesänge auf Camerons Film beinhalten viel Wunschdenken. Viele der
Kritiken lesen sich wie Artikel über einen Film, den die Kritiker gerne sehen würden.
Dieses Werk hat nur leider nicht viel mit Titanic zu tun. In diesem Wunschdenken
steckt vor allem die Sehnsucht, im Bestehenden einen Funken von Größe zu sehen, und die
Weigerung, sich ernsthaft mit der Krise des Films und seinen intellektuellen und
historischen Ursachen zu befassen.
Darüberhinaus hat auch die unbeschränkte Herrschaft des amerikanischen
Kommerzkinos ihre Auswirkungen. Wie man weiß, erobert die Macht nicht nur, sie überzeugt
auch. Der »Kunst«kritiker fühlt nach vielen Jahren des Außenseiterdaseins ohne Zweifel
den äußeren und inneren Anpassungsdruck, nicht länger ein außenstehender Kritiker mit
hochgezogener Augenbraue, sondern ein Teil der Masse zu sein. Wenn er dem nachgibt,
rechtfertigt er sich dann oft mit dem Argument, daß er durch die Huldigung des Götzen Titanic
doch nur Eins werde mit den großen filmschaffenden Traditionen Hollywoods, usw.
Wir sind überzeugt, daß der Glanz von Titanic und ähnlichem kurzlebig
ist. Andere Stimmen erheben sich, andere Visionen bilden sich heraus. In ein paar Jahren
wird man sich an die Lobgesänge auf Camerons Film nur noch als an ein Symptom einer Ära
der geistigen Armut erinnern, der nur sehr wenige nachtrauern werden.
Seitenanfang
Bitte senden Sie Ihren Kommentar an: wsws@gleichheit.de!.
Copyright
1998 - 2008
World Socialist Web Site
Alle Rechte vorbehalten! |