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Das Magdeburger Modell auf dem Prüfstand
Verena Nees aus gleichheit, Nr. 02/98
29. Januar 1998
Eine rot-grüne Landesregierung, die sich auf die PDS stützt das ist das
»Magdeburger Modell«. Insbesondere der Wortführer der PDS Gregor Gysi wird nicht müde,
die Regierung von Reinhard Höppner als fortschrittliche Variante für andere
Landesregierungen und für Bonn anzupreisen. Man könne eine solche Regierung nach links
drücken, ihr einen sozialen und humanen Stempel aufdrücken, behauptet er. Doch was ist
die Wirklichkeit?
Sachsen-Anhalt, einst industrielles Zentrum der DDR, steht heute an der Spitze
der Arbeitslosenstatistik. Die letzten offiziellen Zahlen weisen für das Land 22,8
Prozent (Dezember 1997) aus. Zu den rund 280.000 Arbeitslosen kommen rund 100.000 hinzu,
die keinen regulären Arbeitsplatz haben, sondern entweder in ABM, 249h-Maßnahmen,
Umschulungsprogrammen, Kurzarbeit etc. befristet beschäftigt sind. Fast jeder fünfte
Jugendliche unter 25 Jahren ist arbeitslos. In manchen Gebieten wie im Harz sieht es
weitaus schlimmer aus. Im einstigen Zentrum der Chemieindustrie Bitterfeld stieg die
Arbeitslosigkeit seit 1996 von 14 auf knapp 26 Prozent, nachdem die Sanierungsprogramme,
in denen zahlreiche Arbeiter vorübergehend mit Abriß- und Entsorgungsarbeiten
beschäftigt wurden, ausgelaufen sind.
Die Zahl der Sozialhilfeempfänger in Sachsen-Anhalt hat sich seit 1994 um über
20 Prozent erhöht; mit den drastischen Mieterhöhungen in Ostdeutschland 1995 nimmt auch
die Obdachlosigkeit stetig zu (Jahresende 1996: rund 15.000).
Die Wut der Bevölkerung über die wachsende soziale Misere und Arbeitslosigkeit
hatte sich bei der letzten Landtagswahl 1994 vor allem in beträchtlichen Stimmengewinnen
für die PDS niedergeschlagen. Diese wiederum verhalf mit einem Tolerierungsangebot an die
SPD einer rot-grünen Minderheitsregierung an die Macht. Nach den kommenden Landtagswahlen
im März strebt die PDS eine Regierungsbeteiligung als Koalitionspartner an.
Die Hoffnungen vieler, eine solche Regierung werde die verheerende Politik der
Bundesregierung zumindest abmildern, haben inzwischen Ernüchterung Platz gemacht. Schon
die Tatsache, daß die Höppner-Koalition ausgerechnet den ehemaligen Treuhandmanager
Klaus Schucht (SPD) zum Wirtschaftsminister gemacht hat, der für die Abwicklung der
sachsen-anhaltinischen Chemieindustrie im Dreieck Bitterfeld-Halle-Leuna verantwortlich
war, sagt das Wesentliche über den politischen Kurs dieser Regierung aus: er knüpft
nahtlos an die Politik der Bundesregierung und der früheren CDU-Landesregierung von
Bergner an.
»Ohne die PDS geht hier nichts. Das ist das A und O des Magdeburger
Regierungsmodells.« Theo Struhkamp, Pressesprecher des Finanzministeriums von
Sachsen-Anhalt
Im Dezember ist mit den Stimmen der PDS der neue Haushalt für 1998 im
Magdeburger Landtag beschlossen worden, der vierte Sparhaushalt in Folge. Wie die
vergangenen Haushalte wird auch der neue Einschnitte im sozialen Bereich bedeuten.
»Sparen ist das Gebot der Stunde«, sagte der Pressesprecher des Finanzministeriums von
Wolfgang Schäfer (SPD), Theo Struhkamp gegenüber der gleichheit.
Eingespart werden soll u.a. im Arbeitsmarktbereich (minus 58 Millionen
gegenüber 1997); bei der Sozialhilfe (minus 147 Millionen); bei Baumaßnahmen für
Krankenhäuser und bei den allgemeinen Finanzzuweisungen an die Kommunen (minus 64
Millionen) sowie den Personalausgaben. Zwar soll auch die Wirtschaftsförderung sprich
Subventionen an Unternehmen, die sich in Sachsen-Anhalt niederlassen, um insgesamt 100
Millionen Mark zurückgefahren werden. Allerdings heißt es dazu beschwichtigend in der
Presseerklärung des Regierungssprechers vom 22. November 1997, bei geplanten
Investitionen könnten zusätzliche Kredite bis zu 150 Millionen Mark aufgenommen werden.
»Auch 1998 stellen wir so sicher, daß jeder potentielle Investor die ihm zustehenden
Fördergelder erhalten kann.«
Die Höppner-Regierung behauptet, sie sei aufgrund der Kürzungspolitik der
Bonner Koalition zum Sparkurs gezwungen. In Wirklichkeit handelt sie nach derselben Maxime
wie die Kohl-Regierung den Armen nehmen, den Reichen geben.
In den vergangenen Jahren flossen Milliardenbeträge aus der Landeskasse an
Investoren, Geschäftemacher und sonstige Nutznießer der Wiedervereinigung. Rund die
Hälfte der 1,5 Mrd. DM öffentlichen Subventionen sowie 1,1 Mrd. DM Bürgschaftsgelder
zahlte die Landesregierung an den französischen Mineralölkonzern Elf Aquitaine für den
Raffinerieneubau Leuna 2000. Wenn die Raffinerie in Betrieb geht, wird sie gerade mal 550
Arbeiter beschäftigen, zusätzlich sollen im Umfeld der Anlage im Zuliefer- oder
Wartungsbereich rund 2000 Arbeitsplätze entstehen. Einst fanden in den Leuna-Werken
27.000 Menschen Beschäftigung!
Den Kaufvertrag für die Leuna-/Minol-Werke an Elf Aquitaine hatte 1992 der
damalige Treuhand-Vorstand und heutige Magdeburger Wirtschaftsminister Klaus Schucht
unterschrieben. Schucht ist mittlerweile in einen Schmiergeldskandal des Elf-Konzerns im
Zusammenhang mit der Leuna-Privatisierung verwickelt.
1,1 Mrd. DM Fördermittel erhielten die Investoren bei SKET, dem ehemaligen
Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann. Von den einst 13.000 gibt es heute noch rund 400
Arbeitsplätze in fünf Kleinbetrieben. Hohe Summen flossen auch in die Errichtung dreier
großer Einkaufszentren vor den Toren von Magdeburg, wo lediglich einige 610-Mark-Jobs
geschaffen wurden.
Bei den Beschäftigungsgesellschaften, die das Land mitfinanziert hat, fliegt
ein Korruptionsskandal nach dem anderen auf. In Burg wurde kürzlich der Ex-Chef der
stadteigenen ABM-Gesellschaft SQI wegen Veruntreuung von ABM-Geldern und privater
Bereicherung verhaftet.
Das rot-grüne Bündnis geht mit Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst
wahrhaft beispielhaft voran!
Eine wichtige Stütze der Höppner-Regierung sind neben der PDS die
Gewerkschaften des DGB. Deren Landesfunktionäre sitzen teilweise für die SPD im Landtag,
so der IG Bau Vorsitzende Andreas Steppuhn oder die stellvertretende GEW-Vorsitzende Rita
Mittendorf. Steppuhn zeichnete mitverantwortlich für die Vereinbarung von
Öffnungsklauseln im Tarifvertrag für ostdeutsche Bauarbeiter, die zehnprozentige
Lohnkürzungen ermöglichen.
Mit der GEW handelte das Magdeburger Kultusministerium im Februar vergangenen
Jahres eine Tarifvereinbarung besonderer Art aus. Als Gegenleistung für einen befristeten
Kündigungsschutz hat sie den Lehrern ab August 1997 bis zu 19 Prozent Gehaltskürzung bei
gleicher Arbeitszeit beschert. Allein in den Jahren 1997 und 1998 spart die Regierung
dadurch rein rechnerisch 3000 Stellen ein.
Auch Kindergärtnerinnen haben im letzten Jahr Lohnkürzungen hinnehmen müssen.
Die Gewerkschaften GEW und ÖTV handelten Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen aus,
und ermöglichten Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnausgleich.
Das Magdeburger rot-grüne Bündnis geht in der Frage der Lohnkürzungen im
öffentlichen Dienst wahrhaft beispielhaft voran! Der vorerst zurückgezogene Vorschlag
des ÖTV-Bundesvorsitzenden Herbert Mai, in den kommenden Tarifverhandlungen allgemeine
Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnausgleich zu vereinbaren, wird hier bereits praktiziert.
Nordrhein-westfälische Beamte, denen man in Sachsen-Anhalt auf Schritt und
Tritt begegnet, meinten, daß der jüngste Lehrer-Tarifvertrag im Westen kaum durchsetzbar
gewesen wäre. So schrieb Theo Struhkamp, selbst gebürtiger Westfale, in einem Beitrag
für die Zeitschrift Arbeit und Arbeitsrecht (10/1997, S. 334): »Daß der
ArbeitsplatzsicherungsTV Schulen LSA in einem neuen Bundesland abgeschlossen wurde, ist
kein Zufall. Einerseits ist derzeit im Bereich des öffentlichen Dienstes nur dort der
,Leidensdruck hoch genug. Andererseits gibt es die Bereitschaft der
Tarifvertragspartner, derart weitgehende Regelungen abzuschließen, nur im Osten.
Realeinkommensverluste von 19 Prozent, die nicht auf freiwillige Arbeitszeitreduzierung
zurückgehen, sind momentan im Westen nicht verhandelbar, selbst nicht gegen
mittelfristige Arbeitsplatzsicherheit.«
Höppner übernimmt für eine künftige SPD-geführte Regierung in Bonn die
Aufgabe, Konzepte massiver Billiglohnarbeit schon heute auszutesten.
Nichts besser sieht es in der Arbeitsmarktpolitik aus.
Als »innovative Maßnahme« gegen Langzeitarbeitslosigkeit preist die
Landesregierung die Einführung der sogenannten »sozialverträglichen« Leiharbeit,
genannt START-Modell. Im Unterschied zu anderen Leiharbeitsunternehmen sollen
hauptsächlich Langzeitarbeitslose an die Unternehmen ausgeliehen werden. So innovativ ist
diese Maßnahme allerdings nicht. In Nordrhein-Westfalen gibt es schon seit 1995 eine
»START GmbH«, die von der dortigen rot-grünen Regierung gemeinsam mit dem DGB aufgebaut
wurde. Inzwischen hat sich diese GmbH zu einem gewinnträchtigen Leiharbeitsunternehmen
gemausert. Die Langzeitarbeitslosen, denen es zugute kommen sollte, sind größtenteils
wieder zurück ans Arbeitsamt geschickt worden.
Als weitere Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit will das Magdeburger
Sozialministerium eine »Teilzeitoffensive« beginnen und »sozialorientierte
Erwerbsbetriebe« fördern. Neu- oder ausgegründete Kleinunternehmen, beispielsweise
Baubetriebe, Gaststätten, Wäschereien, Reinigungsdienste, die bei zehn neuen
Arbeitsverhältnissen mindestens sieben besonders schwer vermittelbare Arbeitslose
einstellen, erhalten vier Jahre lang Fördergelder, allerdings unter der Bedingung, daß
sie sich nach vier Jahren selbst auf dem Markt behaupten können. Es ist selbstredend,
daß solche Betriebe versuchen werden, mit Lohndrückerei und Dumpingpreisen Marktnischen
zu erobern.
Schließlich läuft seit Oktober 1997 eine weitere »Innovation«: ein
»Sofortprogramm für Sozialhilfeempfänger«. Es dient dazu, den
Beschäftigungsgesellschaften neue billige Arbeitskräfte zuzuführen, nachdem durch die
drastischen Kürzungen der Bundesanstalt für Arbeit zahlreiche ABM-Kräfte weggefallen
sind.
Hinzu kommen noch einige Maßnahmen zur Frauenförderung, die hauptsächlich aus
Kurzpraktika von drei Monaten bestehen. Den Unternehmern bezahlt die Landesregierung damit
die Probephase für spätere Niedriglohnkräfte. Ein Großteil der Frauen wird allerdings
nach den drei Monaten wieder entlassen. Nach Angaben aus dem Sozialministerium sind von
den 2736 Frauen, die seit 1995 Praktikumsmaßnahmen durchlaufen haben, nur 1183
eingestellt worden zu welchen Bedingungen, darüber sagt die Statistik nichts aus.
Folgender Fall aus Magdeburg spricht dafür Bände über den Charakter dieser
Maßnahmen: eine Frau, die ein dreimonatiges Praktikum bei einem Bäcker absolvierte,
berichtet, daß sie oft erst nach 13 Stunden harter Arbeit nach Hause kam. »Wir haben
alles mitgemacht und nicht aufgemuckt, nur um nach dem Praktikum vielleicht eingestellt zu
werden«, sagte sie. Aber nach drei Monaten setzte der Bäcker sie wieder auf die Straße.
Kurze Zeit später stellte er neue Kräfte ein wieder finanziert über das
Frauenförderprogramm der Landesregierung.
Höppner rühmt sich, besonders viel für die Jugend getan zu haben. Als
einziges neues Bundesland habe Sachsen-Anhalt alle Schulabgänger 1997 in
Ausbildungsplätzen untergebracht. Im letzten Herbst berief die Landesregierung einen
»runden Tisch« von Politikern, Unternehmern und Gewerkschaften ein und organisierte ein
»Bündnis für Ausbildung«.
Zusätzlich zum »Bund-Länder-Programm«, in dem Jugendliche außerbetriebliche
Lehrgänge absolvieren, vereinbarten die Teilnehmer des Runden Tischs das neue Programm
»Berufsfachschule in Kooperation mit der Wirtschaft« sowie ein »Sonderprogramm für
arbeitslose Jugendliche«. Auch hier lohnt es, hinter die Kulissen zu schauen.
Jugendliche, die einen Platz im »Berufsfachschulen«-Programm erhalten, können
hier den theoretischen Teil einer Berufsausbildung durchlaufen und anschließend bei einem
außerbetrieblichen Träger einen praktischen Teil nachholen. Sie haben lediglich
Schülerstatus, beziehen also überhaupt keine Auszubildendenvergütung, es sei denn, sie
erhalten Bafög. Die rot-grüne Koalition erprobt auf diese Weise eine fast kostenneutrale
Ausbildung.
Nach abgeschlossener Prüfung werden die betroffenen jungen Leute mit ziemlicher
Sicherheit arbeitslos sein welcher Betrieb stellt schon einen jungen Arbeiter ein,
der vorher keine Erfahrungen in der Betriebspraxis gesammelt hat?
In diesem Fall bietet ihnen die Landesregierung per »Sonderprogramm für
arbeitslose Jugendliche« ein Jahr lang Arbeit bei Beschäftigungsgesellschaften an. Sie
werden zum ABM-Tarif von etwa 1.900 Mark brutto monatlich auf Grünanlagen, bei
Sanierungsarbeiten, Bau von Fahrradwegen usw. eingesetzt. Sollten sie noch keine
abgeschlossene Berufsausbildung haben, wird ihnen in dieser Zeit eine Ausbildung von sage
und schreibe drei Monaten angeboten. Welche Qualifikationen in dieser kurzen Zeit
vermittelt werden können, kann sich jeder denken.
Außerdem ist ein sechswöchiges Praktikum bei irgendeinem Klein- oder
Mittelstandsunternehmer vorgesehen. Als Beispiel nannte die Geschäftsführerin der
Gesellschaft AQB, eine der drei städtischen Beschäftigungsgesellschaften in Magdeburg,
Frau Fahtz: »Autohäuser, Läden, Boutiquen etc.« Dies sei für die Betriebsinhaber
»kostenneutral«. Die AQB habe Anfang Dezember 130 Jugendliche eingestellt, sagte Frau
Fahtz weiter, allerdings vorerst nur für sechs bzw. neun Monate statt der
vorgesehenen 12 Monate. Dies führte sie auf den großen Andrang auf solche Stellen
zurück.
Die Jugendprogramme Sachsen-Anhalts ähneln der Politik der sozialistischen
Jospin-Regierung in Frankreich, die sich auf die französische Kommunistische Partei, die
Schwesterpartei der PDS, stützt. Wie dort dient auch Höppners Beschäftigungspolitik
für Jugendliche zwei Zielen: Jugendliche zeitweilig von der Straße zu holen und damit
einer sozialen Rebellion zuvorzukommen; und sie gleichzeitig als Lohndrücker einzusetzen.
Eine Zukunftsperspektive bietet sie der Jugend nicht. Kein Wunder, daß in Sachsen-Anhalt
auch nach Antritt der rot-grünen Koalition im Herbst 1994 die Neonazi-Gruppen von
frustrierten Jugendlichen Zulauf erhalten.
Die Arbeitsmarktpolitik Höppners ist in vieler Hinsicht beispielgebend für die
Politik einer künftigen SPD-Regierung in Bonn. Nach dem Motto »lieber Arbeit als
Arbeitslosigkeit bezahlen« soll das Arbeitslosenheer als Reservoir billiger
Arbeitskräfte genutzt werden.
Nicht zufällig war Ministerpräsident Höppner Mitverfasser der
Wirtschaftsleitlinien von SPD-Wirtschaftssprecher Gerhard Schröder, die der
SPD-Bundesparteitag vor kurzem angenommen hat. Das Kernstück dieses Leitantrags besteht
aus der Forderung nach Einführung von Teilzeitjobs und massiver Billiglohnarbeit nach
amerikanischen Vorbild. Aus der Feder von Schröder und Höppner heißt es dort,
staatliche Mittel, die bisher für Arbeitslosenunterstützung ausgegeben wurden, sollten
für »neue Arbeitsplätze mit niedrigen Stundenlöhnen« eingesetzt werden.
Höppner übernimmt für eine künftige SPD-geführte Regierung in Bonn die
Aufgabe, in Sachsen-Anhalt solche Konzepte schon heute auszutesten. Insofern hat die
Magdeburger Regierung tatsächlich Modellcharakter.
In den Kommunen Sachsen-Anhalts hat sich die PDS
längst als gewöhnliche bürgerliche und unternehmerfreundliche Partei entpuppt.
Die PDS spielt bei der Durchsetzung dieser Politik eine Schlüsselrolle. Ihre 21
Landtagsabgeordeten und 891 Stadt- und Gemeinderäten betreiben nur in Worten Opposition,
in ihren Taten stellen sie einen gewichtigen und von der Landesregierung sowie den
Wirtschaftsverbänden anerkannten Ordnungsfaktor dar. »Der Pakt mit dem Teufel hat in
Sachsen-Anhalt die Besonderheit, daß der Teufel ziemlich zuverlässig ist«, erklärt
Hans-Jochen Tschiche, Fraktionsführer von Bündnis 90/Grüne. »Wenn Verabredungen
geschlossen werden, hält sich die PDS daran.« Tschiche, dessen Partei mitregiert, aber
eine viel kleinere Landtagsfraktion von nur fünf Abgeordneten führt, fungiert als
Vermittler zwischen PDS und SPD.
Die PDS behauptet, eine SPD-Grünen-Regierung könne durch eine starke PDS im
Parlament und durch außerparlamentarische Bewegungen unter Druck gesetzt werden, den
Interessen der Bevölkerung entgegenzukommen. In Wahrheit ist es umgekehrt. Die
Höppner-Regierung kann ihre Sparmaßnahmen nur mit Hilfe der PDS durchsetzen. Theo
Struhkamp: "Ohne die PDS geht nichts. Das ist das A und O des Magdeburger
Regierungsmodells."
Bei dem gegenwärtigen Haushalt laufe es wie bei allen anderen vorher auch,
erläuterte Struhkamp weiter. Die PDS protestiere lautstark gegen einige Punkte, dann gebe
es Verhandlungen und geringfügige Änderungen, und schließlich stimme die Mehrheit der
21köpfigen Fraktion zu. Üblicherweise werden vor der entscheidenden Abstimmung im
Landtag Probeabstimmungen in der Fraktion abgehalten, so daß gesichert ist, daß
genügend PDS-Abgeordnete für den Haushalt stimmen und ihn über die Bühne bringen.
Alle sozialen Angriffe hat die PDS bisher mitgetragen. Man habe Schlimmeres
verhüten können, so lautet meist ihre lapidare Begründung. Die zusätzlichen 10
Millionen Mark für Personal in der Kinder- und Jugendarbeit, die die PDS nach zahlreichen
Protesten von Jugendprojekten im Haushalt 98 durchgesetzt hat, haben nur Alibifunktion.
Ohnehin sollen diese Gelder an anderer Stelle, beispielsweise durch mehr
Stellenstreichungen im öffentlichen Dienst, wieder eingespart werden.
Wenn die PDS tatsächlich Druck auf die Magdeburger Regierung ausübt, so geht
dieser vor allem in eine Richtung: Gelder locker zu machen für ostdeutsche
Existenzgründer und ausgegründete Kleinunternehmer, unter denen sich nicht wenige
ehemalige Wirtschaftskader und Funktionäre der SED befinden. Deshalb bemühte sie sich
bei den Haushaltsverhandlungen um einen »Sanierungsfonds zur schnellen Hilfe für
privatisierte Unternehmen«. Auch die zusätzlichen 100 Millionen für die Kommunen, die
die PDS ausgehandelt hat, dienen ausdrücklich nicht dem sozialen Bereich, sondern sind an
Investitionsprogramme im Straßen- und Wohnungsbau gebunden, die wiederum klein- und
mittelständischen Auftragsnehmern zugute kommen.
Höppners Politik auf dem Arbeitsmarkt, die der öffentlichen Bezuschussung von
Billiglohnarbeit dient, kommt den Vorstellungen der PDS von einem »öffentlich
geförderten Beschäftigungssektor« entgegen. Seit längerem fordert die PDS, daß
künftig öffentliche Fördergelder nicht mehr wie bisher individuell pro Arbeitsloser,
sondern pauschal an kleine Projekte und Betriebe in Ostdeutschland gezahlt werden sollten,
um deren »wirtschaftliche Flexibilität zu erhöhen und Diskriminierungen gegenüber der
Privatwirtschaft zu beseitigen«, »die Auftragslage kleiner und mittlerer Unternehmen zu
verbessern«, dazu beizutragen, »daß solche Unternehmen neu entstehen« und deren
»Produkte und Dienstleistungen ... bis zur Marktfähigkeit entwickelt werden.«
(Parteibeschluß in Schwerin, Januar 1997)
Vor Ort in den Kommunen Sachsen-Anhalts sie stellt 37 Bürgermeister
bemüht sich sich die PDS ebenso wie die CDU oder SPD, Gewerbeansiedlungen
anzulocken, indem sie stadteigenen Boden zum Schleuderpreis verkauft und Investoren
Subventionsgelder hinterherwirft. Längst hat sie sich dort als gewöhnliche bürgerliche
und unternehmerfreundliche Partei entpuppt.
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