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WSWS : WSWS/DE : Polemik : Globalisierung
Ein Hoch auf den Kleinkrämer
Joschka Fischers Antwort auf die Globalisierung
Von Peter Schwarz
23. Juni 1998
"Hättest Du geschwiegen, wärst Du Philosoph
geblieben."
(Lateinisches Sprichwort)
Rechtzeitig vor der Bundestagswahl hat der Spitzenkandidat
der Grünen, Joschka Fischer, seine politischen Vorstellungen
in Buchform dargelegt. Unter dem Titel "Für einen neuen
Gesellschaftsvertrag" legt er auf dreihundert Seiten seine
persönlichen Überzeugungen dar. "Anders als ein
Parteiprogramm, das immer Ausdruck innerparteilicher Kompromißzwänge
ist", schreibt er im Vorwort, "bietet ein Buch die Möglichkeit,...
den persönlichen Standpunkt jenseits innerparteilicher Zwänge
und Rücksichtnahmen zu klären und ausführlich zu
begründen."
Fischer betrachtet sich selbst als Vertreter der "deutschen
Linken" - ein Begriff, den er sehr weit faßt. Er versteht
darunter, wie er in einer Fußnote anmerkt, neben SPD und
Grünen, Gewerkschaften, verschiedenen sozialen Bewegungen
und kirchlichen Basisinitiativen "auch den sozialen Flügel
der Unionsparteien". Fischer unterscheidet sich allerdings
in einem entscheidenden Punkt von zahlreichen anderen Vertretern
dieser "Linken": Während sie ihre Augen vor den
umwälzenden Veränderungen verschließen, die sich
zur Zeit in der Weltwirtschaft vollziehen, hält Fischer die
Globalisierung für die entscheidende Veränderung unserer
Zeit.
Die gesamte erste Hälfte seines Buches unter dem Titel
"Die globale Revolution" ist diesem Thema gewidmet.
Fischer wird nicht müde, die einschneidenden Folgen der Globalisierung
zu schildern, wobei er die Begriffe "Revolution" und
"revolutionär" in geradezu inflationärer Weise
benutzt. Er zitiert ausführlich die einschlägigen Studien
von Lester Thurow, Hans Peter Martin und Harald Schumann, Paul
Kennedy, Robert Reich und vielen anderen zu diesem Thema. "Die
globale Revolution der Weltwirtschaft", betont er immer wieder,
wird "die westlichen Gesellschaften voll treffen und dort
in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur kaum einen Stein
auf dem anderen lassen." Mit drastischen Worten beschreibt
er die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklung: Das
Anwachsen der Massenarbeitslosigkeit, das Absinken von Löhnen
und Sozialleistungen, die Erschütterung des Nationalstaats.
Die Globalisierung, darauf besteht Fischer, läßt
sich weder aufhalten noch rückgängig machen: "Sowenig
es den frühen Sozialisten und auch den damaligen Handwerkern
und Bauern geholfen hat, sich gegen die erste industrielle Revolution
seit dem Ende des 17. Jahrhunderts und dann vor allem im 18. und
frühen 19. Jahrhundert zu stellen,... sowenig wird es heute
der europäischen Linken nützen, wenn sie sich gegen
diesen vergleichbare epochalen Prozeß der Globalisierung
stellt."
Doch was ist Fischers "politische Antwort auf die globale
Revolution" - wie der Untertitel seines Buches lautet. Dieser
Frage ist der zweite Teil des Bandes gewidmet, doch Hinweise auf
die Richtung, in die die Antwort geht - oder vielmehr nicht geht
- finden sich bereits im ersten, analytischen Teil.
Als erstes schließt Fischer jede Lösung aus, die
ein aktives Eingreifen der Arbeiterklasse ins politische Geschehen
nach sich zöge. Wird "der Klassenkompromiß zwischen
Arbeit und Kapital notwendigerweise in neue Klassenkämpfe
umschlagen?" fragt er besorgt. "Für Europa wäre
das eine beängstigende Perspektive."
Solche Klassenkämpfe zu verhindern ist sein zentrales
Anliegen. Er begreift sich nicht als Interessenvertreter einer
bestimmten Klasse oder gesellschaftlichen Gruppe, auch nicht als
Vorkämpfer für ein Prinzip oder ein gesellschaftliches
Modell; nein, er gibt sich als besonnener Staatsmann, der über
den Klassen steht und dem angesichts der wachsenden Kluft in der
Gesellschaft nur Eines Sorgen bereitet: ihr "friedlicher
Zusammenhalt". Dies, erklärt er, "die Frage nach
ihrer Kohäsion", sei die "neue soziale Frage der
westlichen Gesellschaften".
Als zweites beharrt er darauf, daß die Grundlagen der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht angetastet werden
dürfen. Immer wieder kommt er in diesem Zusammenhang auf
die Sowjetunion zurück und legt dabei einen grobschlächtigen
Antikommunismus an den Tag, wie man ihn sonst nur in äußerst
rechten Publikationen findet. Die tatsächliche Geschichte
der Sowjetunion - die erbitterten Kämpfe zwischen Bürokratie,
Arbeiterklasse und Bauernschaft, aus denen die Bürokratie
als Siegerin hervorging - ist für Fischer ohne Interesse.
Er zieht aus einem der bewegtesten Kapitel der Menschheitsgeschichte
nur eine Schlußfolgerung: die Heiligsprechung des Marktes.
"Die leninistisch-stalinistische Sowjetunion", behauptet
er an einer Stelle, "hat in diesem Jahrhundert mit ihrer
Ausschaltung des Marktes zugunsten eines absoluten Staates das
praktische Beispiel der Außerkraftsetzung des Marktes als
Gegenspieler des Staates durchexerziert, und bis heute haben die
diesem Experiment unterworfenen Völker und Ökonomien
einen furchtbaren Preis für diesen totalitären Irrsinn
zu entrichten." Seine Tiraden gipfeln in der Behauptung,
"der kommunistische Marxismus" setze "auf die Herstellung
der Gleichheit zu Lasten der Freiheit".
"Freiheit" und "Markt" sind in Fischers
Weltbild weitgehend identische Begriffe. Er betrachtet den "Markt"
nicht nur als ökonomisches Allheilmittel, sondern weist ihm
- da er jeder Massenbewegung von unten mißtraut - auch noch
die politische Aufgabe zu, der Allmacht des Staates als demokratisches
Korrektiv entgegenzuwirken. Wen wundert es da noch, daß
er den "rheinischen Kapitalismus" - den Kapitalismus
von Adenauer und Erhard - in geradezu lyrischen Worten preist:
Diesen "westeuropäischen Dreiklang von Demokratie, Marktwirtschaft
und Sozialstaat" gelte es "unter den neuen Bedingungen
des Globalismus zu rekonstruieren und zukunftsträchtig zu
machen".
Doch wie will Fischer das bewerkstelligen? Was schlägt
er konkret als "politische Antwort auf die globale Revolution"
vor? Worin besteht der "neue Gesellschaftsvertrag",
den er im Titel seines Buches ankündigt? Um es kurz zu fassen:
Er will die negativen sozialen Folgen der Globalisierung durch
die Schaffung eines Heeres von kleinen Krautern - von Selbständigen,
Scheinselbständigen und Kleinbesitzern - auffangen.
Seine Schlüsselthese lautet, es gelte "den Kampf
um die Durchsetzung wirklicher Selbständigkeit für die
Masse der neuen Klein- und Kleinstunternehmer in der ,unternehmerischen
Wissensgesellschaft' aufzunehmen", und die fange "bei
der Bildung von Eigenkapital" an. Hier öffne sich "ein
völlig neues Kapitel sozialer Emanzipation". Die politische
Linke solle "die bereits sehr bläßlich gewordenen
tradierten Klassenkampfbilder vom Unternehmer als Ausbeuter vergessen
und sich auf die Verbesserungen der ökonomischen und politischen
Bedingungen für eine neue Gründerzeit im Dienstleistungskapitalismus
konzentrieren." Es gelte, faßt er am Ende des Buches
zusammen, den "Schritt von der Mitbestimmungsgesellschaft
zur Miteigentümergesellschaft" zu gehen.
Man kann nur staunen über so viel Naivität. War die
Masse der kleinen Selbständigen nicht das unbeständigste
und schwankendste Element in der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts?
Und ausgerechnet auf sie will Fischer den friedlichen Zusammenhalt
der Gesellschaft stützen. Sind Kleinunternehmer und Kleinbesitzer
dem Auf und Ab der Märkte und dem Diktat der Banken nicht
hilflos ausgeliefert? Ist ihre Selbständigkeit angesichts
der Vorherrschaft von mächtigen Monopolen über jeden
Bereich des wirtschaftlichen Lebens nicht eine pure Illusion?
Haben Hitler und Mussolini und heute Le Pen und Haider in Zeiten
der Krise nicht gerade deshalb unter diesen Schichten ein fruchtbares
Rekrutierungsfeld gefunden? Fischer ist so sehr von Vertrauen
in den Kapitalismus beseelt, daß er gegenüber den gesellschaftlichen
Folgen seiner Politik völlig blind ist.
Die Hoffnung, die gesellschaftliche Krise ließe sich
durch die massenweise Förderung selbständiger Existenzen
lösen, liegt allerdings jenseits jeder Realität. Bei
Lichte betrachtet läuft Fischers Forderung nach mehr Selbständigkeit
einfach darauf hinaus, die Vorteile, die ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis
bisher noch mit sich brachte - regelmäßige Arbeitszeiten,
garantiertes Einkommen, ausreichende Sozialversicherung, usw.
- zu beseitigen.
Parallel dazu will er auch die staatlichen Sozialleistungen
drastisch beschneiden. "Der Sozialstaat als Garant für
stetig steigenden Massenwohlstand", verkündet er, "wird
sich wohl kaum aufrecht erhalten lassen."
Als Antwort auf die Arbeitslosigkeit schlägt er die Schaffung
eines "dritten, gesellschaftlichen Sektors des Arbeitsmarktes"
vor, in dem sich "staatliche Arbeitsmarktpolitik mit wettbewerbsfähiger,
kleinunternehmerischer Eigeninitiative und diese wiederum mit
selbstorganisierten Initiativen und ehrenamtlichen Aufgaben"
mischen. Dieser Sektor soll "im kleinen, lokalen Dienstleistungsbereich
... eine Vielzahl von kleinräumigen sozialen Bedürfnissen"
bedienen. Die in diesem Bereich bezahlten "Minimallöhne"
- der Ausdruck stammt von Fischer - sollen durch steuerfinanzierte
Lohnsubventionen aufgebessert werden, die an die Stelle der bisherigen
Arbeitslosen- und Sozialhilfe treten. Dabei darf natürlich
auch eine Dosis Zwang nicht fehlen. "Freilich wird in einem
Grundsicherungssystem ein ganz anderer Druck zur individuellen
Eigeninitiative auf die Leistungsbezieher ausgehen, damit die
Grenzen der Finanzierbarkeit des Systems nicht gesprengt werden",
heißt das in Fischers verschlungener Sprache.
Fischers blindes Vertrauen in den Kapitalismus wird auch deutlich,
wenn er für die "Verankerung des Sozialstaats im Kapitaleigentum
und in der Beteiligung von Kapitalerträgen" eintritt.
"Der Aktienkapitalismus", lautet seine Begründung,
"wird die dominante Organisationsform in der Ära des
Globalismus sein, und darauf wird der neue Gesellschafts- und
Generationenvertrag auszurichten sein." Und was geschieht,
wenn die Aktienkurse einbrechen, was angesichts der rasanten Kursentwicklung,
die in keinem Verhältnis zur Ertragsentwicklung der Unternehmen
steht, mehr als wahrscheinlich ist? Die Altersversorgung von Millionen
wäre dann betroffen. Fischer ahnt gar nicht, daß er
hier eine weitere soziale Zeitbombe von ungeahnter Sprengkraft
vorschlägt.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es für
Fischers Ruf als Politiker besser gewesen wäre, wenn er dieses
Buch nicht geschrieben hätte. Er hat viel gelesen, aber wenig
verstanden und noch weniger durchdacht. In einem umständlichen
Stil, bei dem die Kompliziertheit des Ausdrucks in umgekehrtem
Verhältnis zur Schlichtheit der Aussage steht, kaut er alle
zur Zeit gängigen politischen Vorurteile wieder.
Fischers Buch gibt keine Antwort auf die globale Revolution,
dafür sagt es viel über die Person und den Politiker
Fischer aus. Der Protestler der sechziger Jahre hat die Mentalität
des Hausbesetzers mit der des Hausbesitzers vertauscht - wobei
die beiden gar nicht so weit auseinander liegen. Er verbindet
die Ehrfurcht des kleinen Mannes vor dem großen Kapital
mit dessen Bestreben, eine Gesellschaft nach seinem Ebenbild zu
schaffen. Daß dieser Mann als "Politiktalent"
und zukünftiger Außenminister gehandelt wird, wirft
ein bezeichnendes Licht auf Krise der bürgerlichen Politik.
Läßt man alle Ungereimtheiten und Widersprüche
beiseite, bleibt unter dem Strich eines übrig: Die Entschlossenheit,
die bestehende Ordnung unter allen Umständen zu verteidigen,
koste es, was es wolle.
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