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WSWS : WSWS/DE : Geschichte : Naher Osten
Fünfzig Jahre seit der Gründung Israels
Von Bill Vann
10. Juni 1998
Der fünfzigste Jahrestag der Gründung Israels fällt
mit einer zunehmenden politischen und sozialen Krise des zionistischen
Staats zusammen. Dazu kommen wachsende Spannungen mit der palästinensischen
Bevölkerung in den immer noch israelisch besetzten Gebieten
sowie mit den arabischen Nachbarn.
Die offiziellen Gedenkveranstaltungen in Israel und die hohlen
Zeremonien in den USA und anderen Ländern haben die grundlegenden
historischen Fragen der Gründung des israelischen Staates
nicht einmal gestreift.
Immerhin sind in der Entstehung und Entwicklung Israels die
großen ungelösten Widersprüche des 20. Jahrhunderts
konzentriert. Im wesentlichen wurzelt dieser Staat im größten
Verbrechen der Geschichte gegen die Menschheit, dem faschistischen
Holocaust. Die Vernichtung der sechs Millionen europäischer
Juden wiederum war der schreckliche Preis, den die Krise der Arbeiterbewegung
gefordert hat. Gelähmt durch die stalinistischen Verbrechen
und die Degeneration der Sowjetunion sowie der Kommunistischen
Internationale, war die Arbeiterklasse nicht in der Lage, das
krisengeschüttelte kapitalistische System zu stürzen,
und dieses griff in letzter Konsequenz zum Faschismus.
Die Niederlagen der Arbeiterklasse, die Verbrechen des Stalinismus
und die Schrecken des Holocaust ermöglichten die Gründung
Israels und verliehen der Gleichsetzung des Zionismus mit dem
Weltjudentum, die die zionistische Bewegung Hand in Hand mit dem
US-Imperialismus und Stalinismus propagierte, einige Glaubwürdigkeit.
Letzlich stützten sich diese Bewegung und der zionistische
Staat auf Enttäuschung und Verzweiflung. Hoffnungen auf eine
sozialistische Alternative, die die jüdische arbeitende Bevölkerung
auf der ganzen Welt stark angezogen hatte, waren mit dem Verrat
des Stalinismus zerbrochen. Die faschistischen Verbrechen in Deutschland
galten als letzter Beweis für die Unmöglichkeit, den
Antisemitismus in Europa oder anderswo zu überwinden. Die
Antwort der Zionisten lautete, man müsse einen eigenen Staat
und eine eigene Armee schaffen, um die historischen Unterdrücker
des jüdischen Volkes mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.
Die tragische Ironie dieser angeblichen Lösung besteht
allerdings darin, daß das jüdische Volk, bisher immer
mit dem Kampf für Toleranz und Freiheit identifiziert, nun
mit Israels Unterjochung eines anderen unterdrückten Volkes
in Verbindung gebracht wird.
Während der vielen Feiern Israels zum 50jährigen
Gedenken organisierten die Palästinenser des Westjordanlandes
und Gaza-Streifens ihre eigene Gedenkveranstaltung genannt Al-Naqba,
was soviel wie ,Katastrophe" bedeutet. Zehntausende palästinensischer
Arbeiter und Jugendlicher protestierten am 14. Mai auf den Straßen
und trotzten den israelischen Sicherheitskräften, die mit
scharfer Munition gegen sie vorgingen und neun Menschen, darunter
ein achtjähriges Kind töteten. Als am 24. Mai israelische
Soldaten und zionistische Gruppen durch Jerusalem demonstrierten,
um den Jahrestag und die israelische Eroberung der umkämpften
Stadt im Jahr 1967 zu feiern, provozierten sie Zusammenstöße
mit Palästinensern in den arabischen Bezirken von Ostjerusalem.
Diese blutigen Begleitumstände der Jahresfeiern unterstrichen
ein Wesensmerkmal Israels seit seiner Gründung. Die Errichtung
eines jüdischen Staates in Palästina bedeutete die Entrechtung
und physische Vertreibung der arabischen Bevölkerung. Der
Staat, der beanspruchte, das jüdische Volk vor der Unterdrückung
gerettet zu haben, brachte denjenigen, die seit Generationen in
diesem Land gelebt hatten, Militärherrschaft, Diskriminierung
und Unterdrückung.
Am 14. Mai 1948, dem Tag vor dem Ende des britischen Mandats
für Palästina, verlas David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung
Israels. Danach gelang es den israelischen Streitkräften
in weniger als einem Jahr, die bis heute international anerkannten
Grenzen Israels zu errichten. In der gleichen Zeit wurde mehr
als eine Dreiviertelmillion palästinensischer Araber mit
systematischen Terror und Einschüchterungskampagnen aus ihrer
Heimat vertrieben.
Ben Gurion nannte die Verwirklichung des israelischen Staats
den ,Höhepunkt der jüdischen Revolution". Das zentrale
politische Anliegen des Zionismus, der Ende des 19. Jahrhunderts
gegründeten jüdischen nationalistischen Bewegung, sei
damit erfüllt. Schon immer vertraten die Zionisten die Auffassung,
die Juden könnten sich weder aus der Unterdrückung befreien
noch überhaupt als Volk existieren, ohne daß sie einen
unabhängigen Nationalstaat bildeten.
Israels Enstehung ist untrennbar verbunden mit dem Massenmord
der deutschen Nazis an den europäischen Juden, und der Zionismus
hatte dieser historischen Katastrophe seinen gewachsenen Einfluß
zu verdanken. Enstanden in direkter Opposition zur sozialistischen
Bewegung, zog der Zionismus Nutzen aus den stalinistischen Verrätereien
und Niederlagen der Arbeiterklasse in den 20er und 30er Jahren.
Vor dem zweiten Weltkrieg blieb diese Tendenz eine relativ
isolierte Bewegung und fand vor allem unter Teilen der jüdischen
Mittelschichten Anhang. Sogar innerhalb Palästinas gab es
unter jüdischen Arbeitern eine starke Stimmung für einen
gemeinsamen Kampf der jüdischen und arabischen Arbeiter gegen
den Kapitalismus.
Zwar hat der Holocaust dem Zionismus zur Staatsmacht verholfen,
aber die wirklichen Beziehungen zwischen den Verbrechen der Nazis
gegen die europäischen Juden und der zionistischen Bewegung
bleiben Gegenstand systematischer geschichtlicher Verfälschungen.
Nach wie vor wird Israel als rettender Hafen für aus deutschen
Konzentrationslagern fliehende Juden dargestellt. Allerdings war
die Haltung des Zionismus im Kampf zur Rettung der Juden vor der
Vernichtung keineswegs eindeutig.
Dies ist eines der Themen, dem sich neuere israelische Historiker
widmen, bekannt als ,neue Historiker", ,Post-Zionisten"
oder ,revisionistische" Schule. Die Entwicklung einer kritischen
Haltung in Fragen der israelischen Geschichte ist ein starkes
Anzeichen für die wachsende Krise der zionistischen Ideologie
und der israelischen Gesellschaft.
Einige dieser Historiker sind von der postmodernistischen Schule
der USA beeinflußt und sehen ihre Aufgabe darin, verschiedene
,Sichtweisen" der israelischen Erfahrung darzustellen - die
palästinensische Sicht oder die Sicht der sephardischen Juden,
die aus der arabischen Welt nach Israel emigriert sind. Diese
subjektivistische Herangehensweise kann keine systematische Kritik
des Zionismus liefern. Andere Historiker haben jedoch versucht,
die historischen Widersprüche Israels tiefer zu ergründen.
Zu ihnen gehört Zeev Sternhell, der Autor von ,The Founding
Myths of Israel" (Die Mythen über die Gründung
Israels), das kürzlich in Englisch veröffentlicht wurde.
Sternhells Buch entlarvt einige der wirkungsvollsten Mythen des
Zionismus, vor allem die Behauptung, die zionistischen Gründer
Israels hätten versucht, einen neuen Gesellschaftstyp zu
schaffen, der auf egalitären Prinzipien und sogar Sozialismus
aufbaue.
Sternhell macht klar, daß der Zionismus in keiner Weise
einzigartig war. Er entwickelte sich als besondere Form des osteuropäischen
Nationalismus im 19. Jahrhundert und war eine Tendenz, die nicht
auf allgemeinen demokratischen Prinzipien, sondern eher auf Vorstellungen
von rassischer, religiöser und sprachlicher Hegemonie und
Auserwähltheit beruhte. Ironischerweise hatte die Bewegung,
die behauptet, für die Befreiung der Juden einzustehen, beträchtliche
Gemeinsamkeiten mit den Antisemiten und rechten Vorläufern
des deutschen Faschismus.
Zionismus, so schreibt Sternhell, ,war von Anfang an das Steckenpferd
einer Minderheit, die das jüdische Problem nicht als Frage
physischer Existenz und Schaffung ökonomischer Sicherheit
verstand, sondern als Projekt für die Errettung der Nation
vor der Gefahr kollektiven Untergangs." Sie sah als die größte
Gefahr des Untergangs die Assimilierung der Juden in die moderne
Gesellschaft, insbesondere durch die Hinwendung einer wachsenden
Zahl jüdischer Arbeiter zur sozialistischen Bewegung.
Insofern die Gründer des zionistischen Staats versuchten,
Zionismus mit der Arbeiterbewegung, mit Gleichheit und Sozialismus
zu identifizieren, zielten sie darauf ab, einen, wie Sternhell
schreibt, ,mobilisierenden Mythos" zu schaffen, um Juden
aus der Arbeiterklasse für die Sache des Nationalismus zu
gewinnen. Er macht den Punkt, daß dieser Gebrauch sozialistischer
Phraseologie viel mit anderen ,national-sozialistischen"
Bewegungen gemein hat, die für nationalistische Erneuerung
in Europa eintraten und letzlich dem Aufstieg der Nazis den Weg
bahnten.
Man könnte hinzufügen, viele andere nationalistische
Bewegungen im Verlauf des 20. Jahrhunderts, einschließlich
des arabischen Nationalismus, haben ebenfalls einen solchen ,mobilisierenden
Mythos" geschaffen, indem sie sich als sozialistisch und
egalitär darstellten. Stets haben solche Ideologien den Zweck
erfüllt, die Interessen der nationalen Bourgeoisie zu verschleiern
und den unabhängigen Kampf der Arbeiterklasse zu unterdrücken.
Was die Rechtfertigung Israels als einzig möglicher Zufluchtsort
für die vor den Nazis flüchtenden Juden angeht, so haben
Sternhell ebenso wie andere Historiker - so beispielsweise Tom
Segev, Autor von ,The Seventh Million, the Israelis and the Holocaust"
(Die siebte Million, die Israelis und der Holocaust) - umfassende
Belege geliefert, daß der Zionismus seine vorrangige Aufgabe
niemals in der Rettung der europäischen Juden sah. Ben Gurion
und andere zionistische Führer begegneten deren Schicksal
mit Gleichgültigkeit.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, als die Bedrohung der europäischen
Juden durch die Nazis immer offensichtlicher wurde, brachte Ben-Gurion
die Haltung der zionistischen Bewegung zum Holocaust auf den Punkt:
,Zionistische Überzeugungen stehen über jüdischen
Gefühlen. ... wir sollten entsprechend unseren zionistischen
Überzeugungen und nicht nur jüdischen Überzeugungen
handeln, denn ein Jude ist nicht automatisch ein Zionist."
Während des ganzen Krieges argumentierte er erfolgreich gegen
diejenigen, die vorgeschlagen hatten, die Jewish Agency (jüdische
Agentur) in Palästina nicht mehr auf den Aufbau von ,Eretz
Israel", sondern auf die Rettung der Juden vor den Nazis
zu konzentrieren.
Allerdings hinderte dies die Zionisten nicht daran, die Katastrophe
in Europa für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Mit Erfolg,
denn aus definitiven geopolitischen Gründen wurde der Flüchtlingsstrom
der überlebenden Juden aus Europa nach Palästina gelenkt.
Washington, das die amerikanischen Grenzen für jüdische
Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland geschlossen hatte, war an
der Entstehung eines jüdischen Staates im Nahen Osten interessiert,
um auf Kosten der alten Kolonialmächte Großbritannien
und Frankreich die eigene Hegemonie in dieser Region zu errichten.
Israel ist durch Vertreibung der arabischen Einwohner entstanden
und war daher von Anfang an ein Militärstaat. Die Armee stellte
immer die zentrale Stütze der Gesellschaft dar. Umgeben von
feindlichen arabischen Staaten und versehen mit dem Nimbus einer
neuen Gesellschaftsform, die sich angeblich auf Gleichheit und
vage sozialistische Prinzipien gründete, betrachtete man
allgemein den neuen Staat als ein unterdrücktes Land, das
die Sympathie des Volkes verdient.
Doch änderten sich die Realitäten und Auffassungen
mit dem Aufstieg Israels zur unbestrittenen Militärmacht
und einzigen Atommacht der Region. Zuerst kam der Suez-Krieg 1956,
in dem Israel vorübergehend die Sinai-Halbinsel besetzte.
Ihm folgte der Krieg 1967, der wieder neue Grenzen auf der Landkarte
des Nahen Ostens zog und die Voraussetzungen für den heutigen
Konflikt schuf. Mit amerikanischer Hilfe überfiel Israel
Ägypten, Syrien und Jordanien und eroberte das Westufer des
Jordan-Flusses, die Golan-Höhen und den Gaza-Streifen, die
es bis heute besetzt. Der Zionismus und der israelische Staat
entwickelten sich zu einer aggressiven und expansionistischen
Macht. Israel führte weitere Kriege im Libanon, wo es bis
heute eine ,Sicherheitszone" im Süden besetzt.
Die militärische Expansion Israels wurde ermöglicht
durch die massive und ununterbrochene Wirtschafts- und Waffenhilfe
seitens der USA. Die 3 Milliarden Dollar jährlichen Zahlungen
wurden mit Washingtons ,besonderer Beziehung" zu Israel begründet.
Allerdings hatte diese nichts mit gemeinsamen Prinzipien oder
Sympathien für das geschichtlich verfolgte jüdische
Volk zu tun. Die USA unterstützten Israel vielmehr als Bastion
gegen die revolutionären Bestrebungen der arabischen Massen
und als Instrument, um den amerikanischen Einfluß in dieser
strategisch wichtigen Ölregion zu erweitern.
Israels Militarismus war von wachsenden reaktionären politischen
und sozialen Tendenzen begleitet. Die Besetzung und Verwaltung
des Westufers und des Gaza-Streifens, die einer politischen Diktatur
über etwa eine Million Palästinenser gleichkamen, entlarvten
nicht nur den repressiven Charakter des israelischen Staates,
sondern brachten auch alle Widersprüche der zionistischen
Bewegung an die Oberfläche.
1968 begann der Bau israelischer Siedlungen in den besetzten
Gebieten des Westufers und Gazas. Man rechtfertigte sie mit der
Theorie, diese paramilitärischen Außenposten dienten
der Abwehr palästinensische Guerillaüberfälle auf
israelisches Eigentum. Die damalige, von der Arbeiterpartei geführte
Regierung stellte die Siedlungen ursprünglich als reine Verteidigungsmaßnahme
dar, die die Rückgabe des Landes an Jordanien und Ägypten
nicht von vorneherein ausschließen würde. Bald aber
entwickelte sich der Status des Westufers und Gaza-Streifens zu
einem Streitpunkt israelischer Politik.
Die rechte Opposition unter Führung von Menachem Begin
forderte, das Gebiet unter israelische Verwaltung zu stellen und
begründete dies damit, es sei das biblische Land von Samaria
und Judäa, das Gott dem jüdischen Volk versprochen habe.
Dreißig Jahre später ist der Streitpunkt immer noch
nicht geklärt, trotz des viel gepriesenen Friedensabkommens
im Nahen Osten, das die Clinton-Regierung vermittelt und Israel
ebenso wie die PLO unterzeichnet haben. Verstreut über das
umstrittene Gebiet liegen 144 Siedlungen mit 160.000 Bewohnern,
darunter viele bis an die Zähne bewaffnete extreme Nationalisten
und religiöse Fanatiker.
Trotz der Vereinbarung mit der PLO vermehren sich diese Siedlungen
mit einer Wachstumsrate von jährlich neun Prozent. Die israelische
Regierung besteht darauf, die Zufahrtsstraßen mit Soldaten
zu sichern, um die Verbindung der Siedlungen mit Israel zu garantieren.
Allein dies zeigt schon, wie zerstückelt ein ,unabhängiger"
palästinensischer Staat sein wird, der vielleicht irgendwann
einmal aus dem Friedensprozeß entsteht. Man wird der palästinensischen
Verwaltung nur kleine Landfetzen überlassen, hauptsächlich
verarmte Städte, die von israelischen Truppen umzingelt und
vom übrigen Gebiet abgeschnitten sind. Der Stillstand in
den Nahostverhandlungen macht deutlich, daß der israelische
Staat nicht bereit ist, nennenswerte Änderungen der gegenwärtigen
Lage zuzulassen.
Das Hauptmotiv Israels für die Unterzeichnung des Friedensabkommens
lag in der Hoffnung, damit einem revolutionären Aufstand
der palästinensischen Massen in den besetzten Gebieten zuvorzukommen,
der sich mit der Intifada seit 1987 angebahnt hatte. Israel erwies
sich trotz brutaler Unterdrückungsmaßnahmen als unfähig,
diese Rebellion in den Griff zu bekommen und suchte deshalb die
direkte Zusammenarbeit der PLO.
Auch versuchte die israelische herrschende Klasse, den drückenden
wirtschaftlichen und sozialen Folgekosten der Besatzung zu entgehen,
entstanden einerseits durch die Militärausgaben, andererseits
durch die Ächtung Israels als Paria innerhalb der arabischen
Welt und anderswo.
Aber wie der Mordanschlag auf Yitzhak Rabin im November 1995
und die anschließende Regierungsübernahme der Rechten
unter Benjamin Netanyahu gezeigt haben, gibt es keinen leichten
Ausweg aus den historischen Widersprüchen des Zionismus.
Die Siedlungspolitik, von der Arbeiterpartei begonnen, hat eine
rechte nationalistische, halbfaschistische Schicht erzeugt, aus
der der Attentäter von Rabin hervorgegangen ist. Mehr und
mehr nimmt die Auseinandersetzung über die Zukunft der Siedlungen
und der immer heftigere Konflikt zwischen religiösen und
weltlichen israelischen Juden bürgerkriegsähnliche Formen
an.
Israels ultra-orthodoxe politische Parteien, die einen unverhältnismäßíg
großen Einfluß auf die Regierung ausüben, haben
in Gebieten, die früher als säkulär galten, die
Gebote der jüdischen religiösen Gesetze durchgesetzt.
Die gesamte Verwaltungshoheit über Geburten, Heiraten und
Begräbnisse ist in den Händen der orthodoxen Rabbiner
konzentriert, sehr zum Ärger der Konservativen, Reform- und
weltlichen Juden. Orthodoxe Mitglieder der Knesset, die eine Schlüsselrolle
in der Bildung von Regierungskoalitionen spielen, haben Gesetze
gefordert, die am Sabbat, d.h. an Samstagen, die Sperrung von
Straßen und den Stopp der Flüge der nationalen Fluglinie
El Al verfügen sollen. In vielen Kommunen hat die Spaltung
zwischen Orthodoxen und weltlichen Juden derart heftige Formen
angenommen, daß eine physische Konfrontation droht.
Nicht weniger scharf sind die sozialen Gegensätze in Israel
In einem Land, in dem einst behauptet wurde, man brauche jeden
jüdischen Emigranten für den nationalen Aufbau, sind
jetzt 8,2 Prozent der Bevölkerung offiziell arbeitslos. In
den verarmten ,Entwicklungsstädten" wie Ofkim in der
Negev-Wüste sieht es am schlimmsten aus. Dort brach vor sechs
Monaten eine Revolte aus, nachdem die Arbeitslosenzahl der Stadt
14,3 Prozent erreicht hatte.
Äthiopische Juden rebellierten im letzten Jahr ebenfalls,
um gegen ihre Behandlung als Bürger zweiter Klasse zu protestieren.
Zum zentralen Unsicherheitsfaktor israelischer Politik hat sich
auch die Abneigung der aus der arabischen Welt stammenden sephardischen
Juden gegenüber dem Aschkenasi, d.h. dem Establishment europäischer
Juden entwickelt. Menachem Begin gelang es, diese Feindschaft
in eine rechte Richtung zu lenken, vor allem wegen des schroffen
Widerspruchs zwischen den sozialistischen Phrasen der zionistischen
Gründer Israels und den enormen sozialen Gegensätzen
in der heutigen israelischen Gesellschaft.
Ein wichtiger ökonomischer Widerspruch untergräbt
zudem ständig sowohl die zionistischen Ziele als auch die
Vorstellung einer neuen ökonomischen Partnerschaft zwischen
der israelischen und arabischen Bourgeoisie, die dem Friedensabkommen
zugrundeliegt. Der am schnellsten wachsende Wirtschaftszweig Israels
ist die High-Tech-Industrie, die weder für den nationalen,
noch den regionalen Markt produziert. Ganze 96 Prozent der israelischen
Exporte und 93 Prozent seiner Importe werden mit Gebieten außerhalb
der Region abgewickelt.
Während der Stillstand in den Verhandlungen um die besetzten
Gebiete die arabisch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen weitgehend
stagnieren läßt, werden sich die internationalen Verbindungen
letztlich auf Kosten der Massen der arbeitenden Menschen entwickeln,
und zwar der arabischen und jüdischen Arbeiter gleichermaßen.
Die arabische Welt bietet den iraelischen Kapitalisten zudem die
Aussicht auf neue Reserven an billigen Arbeitskräften, die
den Lebensstandard der Arbeiter in Israel weiter untergraben werden.
Innerhalb der von der PLO verwalteten Gebiete im Gaza-Streifen
und am Westufer stellen inzwischen die palästinensischen
Arbeiter fest, daß´sich ihre elenden Lebensbedingungen
weiter verschlechtern, während eine dünne Schicht von
Regierungsbürokraten und Geschäftsleuten mit politischen
Beziehungen Vermögen scheffeln.
Fünfzig Jahre nach Israels Gründung hat die reaktionäre
zionistische Utopie eines Nationalstaats, in dem die Juden der
Welt einen Zufluchtsort, Einheit und Gleichheit finden könnten,
Gestalt angenommen als kapitalistischer Staat, der sich auf die
Beraubung anderer Menschen stützt und sich durch Krieg, Unterdrückung
und soziale Ungleichheit im Lande aufrechterhält. Wie die
Ermordung Rabins und andere Gewaltakte der vom zionistischen Staat
geförderten rechtsradikalen Kräfte zeigen, drohen sich
in Israel dieselben Bedingungen von Diktatur und Bürgerkrieg
zu entwickeln, vor denen eine frühere Generation von europäischen
Juden geflüchtet ist.
Die Sackgasse des Zionismus ist ein besonderer Ausdruck für
die Unfähigkeit aller Bewegungen, die sich auf die Perspektive
des Nationalismus gestützt haben, auch nur ein grundlegendes
Problem der arbeitenden Massen zu lösen. Dies gilt genauso
für die arabischen Länder, wo herrschende Cliquen die
nationalen Gefühle und bitteren Ressentiments gegenüber
Israel ausgenutzt haben, um die sozialen Kämpfe der Arbeiterklasse
abzulenken.
Es gibt nur einen Ausweg aus den verheerenden Widersprüchen
der israelischen Gesellschaft. Arabische und jüdische Arbeiter
müssen sich in einem gemeinsamen Kampf gegen den Kapitalismus
und für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft vereinen.
Sie müssen die künstlichen Grenzen niederreißen,
die die Völker und Wirtschaften dieser Region spalten. Krieg
und Unterdrückung im Nahen Osten, geschürt durch die
Jagd ausländischer und einheimischer Kapitalisten nach Profit,
kann man nur auf diese Weise beenden.
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