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Die Krise des Suharto-Regimes verschärft sich
Politische Kardinalfragen für die indonesischen Massen
Erklärung der Redaktion
19. Mai 1998
General Suharto hat seinen Besuch in Ägypten vorzeitig
beendet und ist in ein Land zurückgekehrt, das von Aufruhr
und Massenprotesten erschüttert wird. Immer lauter wird sein
Rücktritt verlangt. Aber nicht nur indonesische Studenten
und Arbeiter erheben diese Forderung. Auch Teile der Wirtschaftselite
in Indonesien selbst und führende Sprachrohre des internationalen
Kapitals stellen die 32jährige Diktatur Suhartos mittlerweile
in Frage.
Suhartos Rücktritt ist jedoch noch keineswegs ausgemacht.
Sowohl in der internationalen Bourgeoisie als auch in den Wirtschafts-
und Militärkreisen in Indonesien wird noch stark gezögert,
Suharto abzusetzen, größtenteils, weil sie bisher nicht
überzeugt sind, ob sie eine glaubwürdige Alternative
an seine Stelle setzen können.
Selbst wenn der 76jährige Diktator gehen sollte, wäre
für die indonesischen Massen noch nichts gelöst. Die
derzeitigen gesellschaftlichen Umwälzungen werfen eine ganze
Reihe politischer Fragen auf.
Zunächst einmal hat der Zusammenbruch des asiatischen
Wirtschaftswunders" deutlich gemacht, daß das Profitsystem
und und der kapitalistische Markt die Bedürfnisse der großen
Mehrheit der Bevölkerung nicht befriedigen können. Letztlich
war das Suharto-Regime - wie die Tyranneien in anderen asiatischen
Ländern - ein politisches Werkzeug der internationalen Banken,
Konzerne und der ihnen ergebenen Regierungen, um diese Region
dem Kapitalismus zu unterwerfen.
Enorme Profite wurden gemacht, riesige neue Ressourcen an billigen
Arbeitskräften und Rohstoffen erschlossen. Die Ausdehnung
des Kapitalismus führte über einen Berg von Leichen.
Allein Suhartos Machtübernahme in dem Putsch von 1965-66,
der von den USA unterstützt wurde, kostete mehr als eine
Million Arbeiter das Leben.
Wenn sich die gleichen imperialistischen Mächte, die ihn
mehr als drei Jahrzehnte lang gestützt haben, heute nach
Alternativen umsehen, so nur deshalb, weil sie Suharto nicht länger
zutrauen, den internationalen Banken und ihrem weltweiten Schuldeneintreiber,
dem Internationalen Währungsfonds, die Kredite zurückzuzahlen.
Mittlerweile ist die kapitalistische Presse von Washington über
Bonn bis Tokio und Sydney voll mit Leitartikeln und Kommentaren,
in denen die Armee Suhartos zum Eingreifen aufgefordert wird.
Entweder soll sie die direkte Kontrolle übernehmen oder eine
Galionsfigur einsetzen, mit der demokratische Reformen vorgetäuscht
werden könnten - um desto besser die Bewegung von unten abzuwürgen
und die Forderungen des IWF und der internationalen Banken durchzusetzen.
So machte etwa die New York Times in einem Leitartikel vom
15. Mai unter der Überschrift Präsident Suhartos
Stern sinkt" deutlich, daß nun die Zeit für ein
Eingreifen des Militärs gekommen sei (... selbst die
Armee könnte sich gegen ihn wenden, um das Blutvergießen
zu beenden...").
Allerdings ist die Aversion der Times gegen Blutvergießen,
wie der Leitartikel im weiteren klarmacht, ziemlich selektiv.
Sie will, zumindest gegenwärtig, keine weiteren Ermordungen
protestierender Studenten. Statt dessen sollte sich die Gewaltanwendung
der Armee ihrer Meinung nach lieber auf die die ärmeren und
verzweifelteren Schichten konzentrieren: Das Militär
sollte sich weigern, friedliche Proteste zu unterdrücken
und seine Aufmerksamkeit der Beendigung von Plünderungen
und der Gewalt des Pöbels zuwenden."
Auf dieser Grundlage fordert sie die Einsetzung einer Reform"-Regierung
in Indonesien, ähnlich jener unter Kim Dae Jung in Südkorea,
die der Times zufolge ihre Bürger im Gegensatz zu ihrer
Vorgängerin überzeugen konnte, notwendige Maßnahmen
zu akzeptieren."
Die indonesischen Arbeiter, armen Bauern und Studenten sollten
sich genau anschauen, was der Times hier für ihr Land vorschwebt.
Das würde ihnen helfen, sich von Illusionen über die
demokratischen Bestrebungen der USA befreien und ihr unangebrachtes
Vertrauen in die bürgerliche Opposition zu Suharto aufzugeben.
Das Beispiel von Kim Dae Jung zeigt ganz eindeutig, daß
die Wahl von bürgerlichen Liberalen in die Regierung - auch
solcher mit einer gewissen oppositionellen Vergangenheit - den
Massen keine demokratischen Rechte bringt und ihre Verelendung
nicht aufhält. Im Gegenteil, solche Regierungen werden zu
neuen Werkzeugen der Diktate des internationalen Kapitals und
der Ausbeuterinteressen einheimischer Unternehmer. Sie bereiten
nur neuer blutiger Unterdrückung den Weg.
Alle bürgerlichen Parteien und Politiker Indonesiens sind
nicht nur mit einer langen Geschichte der Zusammenarbeit mit Suharto
befleckt, sie sind auch objektiv von den kapitalistischen Kreditgebern
abhängig. Sie sprechen nicht für die Arbeiterklasse
und die unterdrückten Massen, sondern für eine kleine
Elite, deren privilegierte Position von der Ausbeutung der Arbeiter
und der Unterstützung durch transnationale Konzerne und imperialistische
Regierungen abhängt.
Die Massenbewegung der Studenten muß völlige politische
Unabhängigkeit von den Vertretern der indonesischen Bourgeoisie
bewahren. In Figuren wie Amien Rais, den Führer der größten
islamischen Organisation des Landes, oder Megawati Sukarnoputri,
die Tochter von Suhartos Amtsvorgänger Achmed Sukarno, darf
sie kein Vertrauen setzen.
Megawati Sukarnoputri wird des öfteren mit Corazon Aquino
verglichen, der bürgerlichen Reformpolitikerin, die vor zwölf
Jahren mit Unterstützung der USA das Marcos-Regime auf den
Philippinen ablöste. Niemand sollte sich der Illusionen hingeben,
daß Aquino und ihre People's power-" (Volksmacht-)
Bewegung der Befreiung von imperialistischer Vorherrschaft, von
Ausbeutung oder Armut gedient hätten. Ganz im Gegenteil:
Ihre Rolle bestand im wesentlichen darin, den Status quo aufrechtzuerhalten
und die Interessen des internationalen Kapitals zu sichern, als
Marcos bereits weitgehend diskreditiert und dazu kaum noch in
der Lage war.
Außerdem kam Aquino auf dem Höhepunkt eines Wirtschaftsaufschwungs
in Asien an die Macht. Megawati oder Rais würden die Regierung
unter gerade entgegengesetzten Bedingungen übernehmen - mitten
in einem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Sie würden sehr
viel weniger Spielraum für irgendwelche Manöver haben.
Ihre demokratischen Ansprüche würden daher noch sehr
viel schneller scharfen Sparprogrammen weichen - und polizeilichen
bzw. militärischen Maßnahmen, um sie durchzusetzen.
Die soziale Kraft, der sich die Studenten im Kampf gegen Diktatur
und soziale Verelendung zuwenden müssen, ist die indonesische
Arbeiterklasse, deren Größe und gesellschaftliche Bedeutung
im letzten Vierteljahrhundert enorm gewachsen ist.
Was also sind die zentralen Aufgaben der indonesischen Massen?
Eine ganze Reihe ungelöster, miteinander zusammenhängender
demokratischer und sozialer Fragen stehen auf der Tagesordnung.
Die grundlegenden demokratischen Rechte wie Meinungsfreiheit,
Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, können ebenso wie eine
wahrhaft demokratische Regierung nicht verwirklicht werden, wenn
nicht die großen sozialen Fragen gelöst, d.h. Armut,
Arbeitslosigkeit und Analphabetismus überwunden werden. Und
eine wirkliche, fortschrittliche Lösung der sozialen Fragen
ist undenkbar, wenn man nicht alle Formen von Klassenprivilegien
in Frage stellt und für soziale wie für politische Gleichheit
kämpft. Und schließlich bedeutet der Kampf für
Demokratie und Gleichheit Kampf gegen die Herrschaft des Imperialismus
und seiner Handlanger in Indonesien.
Die Massenbewegung muß neben der Forderung nach vollen
demokratischen Rechten auch die sozialen und wirtschaftlichen
Forderungen erheben, ohne die wirkliche Demokratie und ein anständiger
Lebensstandard nicht möglich sind. Dazu gehören:
Die Nichtanerkennung der Staatsschulden, d.h. des Mittels,
mit dem die imperialistischen Banken die indonesische Wirtschaft
erwürgen und enorme Profite aus den Arbeitern pressen.
Die Enteignung der Großbanken und Industrien, die von
der Suharto-Famile und ihren Kumpanen kontrolliert werden, und
ihre Umwandlung in öffentliche Unternehmen unter der demokratischen
Kontrolle der arbeitenden Bevölkerung.
Um diese Forderungen zu verwirklichen, müssen die Massen
der Arbeiter ihre eigenen, unabhängigen und demokratischen
Machtorgane aufbauen. Gestützt auf die Fabriken und Arbeitsstätten
in Stadt und Land sollten Arbeiterräte gebildet und damit
in der Bevölkerung die Grundlage für eine Arbeiterregierung
geschaffen werden.
Die Ereignisse in Asien vom letzten Jahr haben noch einmal
unterstrichen, daß die gleichen grundlegenden Aufgaben,
mit denen die Arbeiter und unterdrückten Massen in Indonesien
konfrontiert sind, auch vor ihren Klassenbrüdern und -schwestern
in Thailand, Korea, Malaysia und China stehen. Daß dasselbe
auch für Japan gilt, wird immer deutlicher. Die arbeitende
Bevölkerung Indonesiens sollte vorangehen und für die
Einheit der Arbeiterklasse in ganz Asien kämpfen.
Die Ereignisse in Indonesien zeigen mit explosiver Kraft, daß
die Arbeiter der ganzen Welt in eine neue revolutionäre Epoche
eintreten. Die entscheidende Aufgabe, von der das Schicksal der
Massen weltweit abhängt, ist der Aufbau einer internationalen
revolutionären Partei.
Siehe auch:
Der Kampf für Demokratie in Indonesien
Welche sozialen und politischen Aufgaben stellen sich den Massen?
[27. Mai 1998]
Welche Gesellschaftsklassen unterstützen
den Kampf um Demokratie in Indonesien?
[21. Mai 1998]
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