WSWS : WSWS/DE : Aktuelle Analysen : Europa : Deutschland : Bundestagswahl 1998
Die Erfurter Erklärung" ruft zu einer Großdemonstration
am 20. Juni auf:
Ein Wahlverein für Schröder
Von Ute Reissner
28. Mai 1998
Im Vorfeld der Bundestagswahlen im September hat sich in Deutschland
ein loses Bündnis formiert, das für die Wahl einer sozialdemokratischen
Regierung und für deren Unterstützung durch PDS und
Grüne wirbt. Gestützt auf eine sogenannte Erfurter
Erklärung" soll zu diesem Zweck am 20. Juni eine Großdemonstration
in Berlin stattfinden.
Die Erstunterzeichner und Initiatoren fallen in unterschiedliche
Kategorien. Als erstes wäre die Gruppe zu nennen, die die
eigentliche politische Linie vorgibt. Sie besteht aus abgebrühten
Gewerkschaftsbürokraten, die seit langen Jahren den Sozialabbau
in Deutschland mitgetragen haben, und deren akademischen Beratern:
die HBV-Vorsitzende Margret Mönig-Raane, das IG-Metall-Vorstandsmitglied
Horst Schmitthenner, der Thüringer HBV-Vorsitzende Bodo Ramelow,
und der Berliner Professor Dr. Elmar Altvater. In dieselbe Kategorie
gehören noch langjährige hochrangige SPD-Politiker,
namentlich Egon Bahr und Dr. Peter von Oertzen.
Als zweites zu nennen wären ehemalige DDR-Oppositionelle,
die erst die Wiedervereinigung Deutschlands auf kapitalistischer
Grundlage mit organisierten und sich dann den katastrophalen Folgen
entzogen, indem sie ein warmes Nestchen im Schoß der evangelischen
Kirche oder des sozialdemokratischen Apparats belegten. Empört
vermerken sie, daß ihre Appelle zu Gerechtigkeit und Demokratie
seit zehn Jahren auf taube Ohren fallen - um den Herrschenden
unverdrossen weiter Moral zu predigen. Das unsterbliche Bild des
Don Quichotte ersteht in ganz neuen Farben, wenn man die Stellungnahmen
dieser wackeren Kämpen liest. Hier finden wir den unvermeidlichen
Friedrich Schorlemmer, den evangelischen Probst zu Erfurt Dr.
Dr. Heino Falcke, den Mitbegründer von Demokratie Jetzt"
Dr. Hans-Jürgen Fischbeck (mittlerweile Studenleiter einer
Evangelischen Akademie) und den Erfurter Theologen Dr. Edelbert
Richter, seit 1994 SPD-Bundestagsabgeordneter.
Hinzu kommen noch einige untergeordnete Figuren jeder Kategorie,
eine Reihe von Grünen, Umweltschützern, Wissenschaftlern,
Publizisten und Literaten, wie etwa Walter Jens oder der PDS-Bundestagsabgeordnete
Gerhard Zwerenz.
Leider muß man feststellen, daß auch der Schriftsteller
Günter Grass, der in seinen Werken doch einen so scharfen
Blick für die Abgründe des Philistertums beweist und
seine Mitgliedschaft in der SPD wegen deren Zustimmung zur Abschaffung
des Asylrechts aufkündigte, seinen Namen für diese Schmierenkomödie
hergegeben hat.
Die Erfurter Erklärung" ist ein Versuch, die
in der Bevölkerung weit verbreitete Unzufriedenheit über
die immer schlimmeren Zustände in der Gesellschaft aufzufangen
und auf die Mühlen der Sozialdemokratie zu lenken.
Eine neue Politik, die Arbeit und soziale Gerechtigkeit
schaffen soll,", heißt es im Demonstrationsaufruf,
läßt sich nicht allein mit einem Kreuzchen auf
dem Stimmzettel herbei führen. Sie braucht Antrieb durch
eine starke und widerstandsfähige außerparlamentarische
Bewegung, die auf das parteipolitische Spannungsfeld von SPD,
Bündnis 90/Die Grünen und PDS für einen Politikwechsel
einwirkt."
Der leicht gereizte Unterton ist nicht zu überhören.
In der Tat bietet die bislang fehlende Begeisterung für eine
solche Perspektive den Initiatoren Anlaß zu größter
Sorge. Sie ängstigt die immer stärkere Polarisierung
zwischen Arm und Reich. Sie fürchten die Entstehung einer
breiten Bewegung gegen die gesamte bestehende Ordnung, die nicht
mehr von den etablierten Parteien und Strukturen kontrolliert
werden kann. Welchen anderen Grund kann es geben, eine außerparlamentarische
Bewegung" von vornherein zur Ohnmacht zu verdammen, indem
sie nur auf Sozialdemokraten, Grüne und Ex-Stalinisten einwirken
darf?
Im fünften Jahrzehnt ihrer Existenz", so beginnt
die Erklärung", wird in der Bundesrepublik
der soziale Konsens, auf dem ihr Erfolg beruhte, durch radikale
Umverteilung zugunsten der Einfluß-Reichen zerstört."
Die daraus resultierende Unzufriedenheit in der Bevölkerungsmasse
in Stimmen für die SPD umzumünzen, ist wahrlich keine
leichte Aufgabe. In den zahlreichen Bundesländern und Kommunen,
wo die Sozialdemokraten die Regierung stellen, macht die arbeitende
Bevölkerung schließlich reichlich schlechte Erfahrungen
mit dieser Partei.
Die hohe Stimmabgabe für die rechtsextreme DVU in den
jüngsten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt ging in erster
Linie auf eben diese Erfahrungen zurück. In Sachsen-Anhalt
hatte eine von der PDS tolerierte Landesregierung aus SPD und
Grünen ein enormes soziales Elend verwaltet und verschärft.
Der Protest dagegen schlug sich, besonders bei jungen Wählern,
in der Stimmabgabe für die DVU nieder. Die Strukturen des
Parlamentarismus beginnen unter dem Druck der sozialen Gegensätze
zu versagen.
Die Initiatoren der Erfurter Erklärung" halten
dieser unbarmherzigen Realität beschwörend ein dünnes
Blatt Papier entgegen: Sie stellen sich unter das Motto von Artikel
14.2 des deutschen Grundgesetzes: Eigentum verpflichtet.
Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."
Zu der offenkundigen Frage, weshalb dieser Text die bisherige
Entwicklung nicht beeinflussen konnte, äußern sich
die tonangebenden Sozialdemokraten, Professoren und Kirchenmänner
vorsichtshalber nicht. Aber es geht ihnen auch nicht um eine aufrichtige,
tragfähige Zukunftsperspektive. Sie rechnen einfach mit Massenprotesten
und versuchen ihnen vorsorglich die Spitze zu brechen.
Die Erfurter Erklärung" rechtfertigt ihre Unterstützung
für die SPD mit der angeblichen Möglichkeit einer Rückkehr
zu der Politik der Sozialreformen und des sozialen Ausgleichs,
wie sie in der Bundesrepublik der fünfziger bis in die frühen
siebziger Jahre hinein betrieben wurde. Was in den fünfziger
Jahren an Umverteilung gelang", heißt es, sollte
angesichts des Reichtums Hunderttausender und der Vermögen
von Millionen nicht wiederholbar sein?" Es bleibt allerdings
unklar, weshalb ausgerechnet die Sozialdemokraten diese Hoffnung
erfüllen sollten. Die Politik des sozialen Ausgleichs wurde
damals die meiste Zeit nicht von der SPD, sondern von der CDU
betrieben. Daher erheben auch einige Erfurter" konsequenterweise
Ludwig Erhard, den konservativen Wirtschaftsminister und Kanzler
aus der Zeit des Wirtschaftswunders", zum Leitstern
der Zukunft.
Aber ist eine Rückkehr in die Vergangenheit überhaupt
möglich? Und welche Politik könnte das Schalten
und Walten der Wirtschaft im Interesse der einfachen Bevölkerung
in die Schranken weisen? Zu diesen Fragen äußern sich
die Erfurter" nur sehr verschwommen. Und das mit gutem
Grund, denn ihre Argumente sind äußerst fadenscheinig.
Wenn man die Hoffnung wecken will, die SPD lasse sich wieder
zu einer Politik der sozialen Reformen bewegen, so muß man
eines irgendwie wegdiskutieren: die Folgen der Globalisierung
von Wirtschaft und Finanzwelt. Sie bringt es mit sich, daß
die Interessen des Kapitals nicht mehr mit sozialem Ausgleich
und dauerhaften sozialen Reformen vereinbar sind. Die ungemeine
Verschärfung des Konkurrenzkampfs auf dem Weltmarkt zwischen
riesigen, transnationalen Konzernen erfordert den rasanten Abbau
aller sozialen Errungenschaften auf den weltweit jeweils niedrigsten
Nenner. Diese Notwendigkeit bestimmt die Politik der SPD. Deshalb
ist sie vom sozialen Konsens zur sozialen Konfrontation übergegangen.
Daran wird keine Demonstration, ob groß oder klein, etwas
ändern.
Aber die rasante Rechtswendung der SPD ist nicht die einzige
Entwicklung, die sich zwangsläufig aus der Globalisierung
ergibt. Nicht weniger zwingend ergibt sich die Notwendigkeit einer
unabhängigen Klassenpolitik der Arbeiter, die eine grundlegende
Umwälzung des kapitalistischen Wirtschaftssystems auf Weltebene
anstrebt.
Nichts fürchten die Verfasser des Erfurter Aufrufs mehr,
als daß sich diese Erkenntnis unter Arbeitern und Jugendlichen
Bahn brechen könnte. Gott bewahre, das hieße ja Umsturz
und Extremismus! Eine solche außerparlamentarische
Bewegung", die nicht auf die etablierten Parteien einwirken",
sondern gegen sie antreten würde, würden sie nicht für
demokratisch halten.
So begründet der als Rechter bekannte SPD-Politiker Egon
Bahr seine Unterschrift unter die Erfurter Erklärung"
mit dem Argument: Demokratie braucht eine starke Opposition.
Eine Große Koalition stärkt potentiell die extremen
Parteien, rechts wie links." Und sein SPD-Kollege Peter von
Oertzen rät allen etablierten Parteien, auf diesen Vorstoß
einer außerparlamentarischen Bewegung" einzugehen,
ansonsten werde die Demokratie in eine Krise geraten, der
gegenüber die derzeitige viel berufene Politikverdrossenheit
sich sehr harmlos ausnehmen wird."
Unter Demokratie" verstehen diese Herren eine Obrigkeit,
die sie in ihrer wohlsituierten Stellung vor der Wut der Unterdrückten
schützt. Sie fordern eine andere Politik", um
eine solche Katastrophe zu verhindern.
Heino Falcke, evangelischer Probst zu Erfurt, stellt die bange
Frage: Aber ist eine andere Politik machbar und von einer
anderen Regierung zu erwarten? In vielen Diskussionen ist mir
zu dieser Frage ein erschreckender Fatalismus begegnet - obwohl
eine Fülle alternativer, diskutierter Vorschläge vorliegt.
Was für ein fatalistisches Gespenst geht da um? Heißt
deutsch sein denn in dieser Zeit, ein jeder tut sich selbst leid?
Wir brauchen eine Widerstandsbewegung gegen diesen Fatalismus."
Je ängstlicher sich die Unterzeichner der Erfurter
Erklärung" vor den Herausforderungen der geschichtlichen
Entwicklung wegducken, desto geschwollener werden ihre Phrasen.
Dabei schlagen sie nicht wenige weltanschauliche und theoretische
Kapriolen.
Pfarrer Schorlemmer predigt die Versöhnung des Marktes
mit dem Menschen, der Zweck aller Dinge sei. Die ehemalige DDR-Oppositionelle
Daniela Dahn erhofft sich die demokratische Globalisierung
von Arbeiternehmerinteressen" von den höchsten Instanzen
der Gegenseite, nämlich von der UNO oder der UNESCO. Weil
ihr das selbst vielleicht etwas unglaubwürdig vorkommt, fügt
sie noch Greenpeace, Amnesty International, den Internationalen
Bund Freier Gewerkschaften und den Internationalen Gerichtshof
in Den Haag hinzu. Ihr abschließender Kampfruf Sozialismus
oder Barbarei" unterstreicht die beklagenswerten Folgen ihrer
stalinistischen Erziehung, die offensichtlich zu diesem Tohuwabohu
beigetragen hat.
Prof. Altvater fordert, der Globalisierung durch politische
Regulierung auf allen Ebenen Grenzen zu setzen" und räumt
gleichzeitig ein, daß dazu keine politische Institution
in der Lage sei.
Der oben genannte SPD-Bundestagsabgeordnete E. Richter schließlich
durchschlägt den Gordischen Knoten, indem er als guter Theologe
den Weltmarkt kurzerhand zu einem Phantom des Teufels erklärt.
In einer Rede zur Erfurter Erklärung" erläuterte
er im Januar 1997 seinen lieben Mitchristen und Mitbürgern",
es sei unsinnig, wenn der Abbau von Löhnen und Sozialleistungen
mit den Zwängen" begründet würde, die
der Weltmarkt auf uns ausübt." Da jedoch der Christ",
so der SPD-Abgeordnete Richter, nun nicht einmal den Tod
als letzte Macht anerkennen muß, glaubt er noch viel weniger
an solche Mächte! Seit Christus ist es mit diesen Mächten
im Grunde vorbei, auch wenn sie uns in immer neuen Vorspiegelungen
begegnen, nun eben als 'Weltmarkt'."
Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, daß
demokratische Kleinbürger in Deutschland, die Augen vor der
Realität fest verschlossen, sich unter lautem Geschrei in
die Katastrophe ergeben und jeden wütend anfahren, der es
wagt, sie darauf hinzuweisen. Doch dieses Mal muß von der
Arbeiterklasse verhindert werden, daß sie die gesamte Gesellschaft
mit sich in den Abgrund reißen.
Der wichtigste Schritt im Kampf gegen die Gefahr von rechts,
wie sie in den Erfolgen der DVU widergespiegelt ist, besteht im
Aufbau einer revolutionären Opposition gegen den Kapitalismus
von links. Genau dagegen richtet sich die Erfurter Erklärung".
Seitenanfang
Bitte senden Sie Ihren Kommentar an: wsws@gleichheit.de!.
Copyright
1998 - 2008
World Socialist Web Site
Alle Rechte vorbehalten! |