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Der Wahlskandal der Teamster-Gewerkschaft
und seine Bedeutung für die Arbeiterklasse
Von Jerry White
23. Mai 1998
In der amerikanischen Gewerkschaft der Transportarbeiter, der
Teamsters Union, haben staatliche Stellen eine Umbesetzung der
Führungsspitze veranlaßt. Nachdem vor nahezu sechs
Monaten ein Bezirksgericht den Teamster-Vorsitzenden Ron Carey
für das Wiederwahlverfahren disqualifiziert hatte, hat nun
ein von der Regierung ernannter Wahlprüfer den Weg für
seinen Hauptrivalen James P. Hoffa, den Sohn des bekannten früheren
Gewerkschaftschefs Jimmy Hoffa, freigemacht. Die Neuwahl wird
für September dieses Jahres erwartet.
Hoffa junior war von Carey in der Wahl 1996 knapp geschlagen
worden. Aber die Regierung hatte das Wahlergebnis angefochten,
nachdem aufgedeckt worden war, daß Carey und seine Spendensammler
mit Hilfe eines komplizierten Netzes von Mittelsmännern auf
illegalen Wegen fast eine Million Dollar an Gewerkschaftsgeldern
in Careys Wahlkampagne gepumpt hatten.
Wie alles in dem Teamster-Wahlskandal trägt auch der Erlaß
des Wahlprüfers Michael Cherkasky vom 21. April den Stempel
einer verdeckten Intrige. Cherkasky räumte ein, daß
es nicht nur bei Carey, sondern auch im Falle Hoffas beträchtliche
finanzielle Unregelmäßigkeiten gegeben habe, die eigentlich
für seine Disqualifizierung genügt hätten. Dennoch
erklärte er, für eine solche Maßnahme seien die
Betrügereien nicht gravierend genug gewesen.
Die große Mehrheit der amerikanische Arbeiter wird von
der Entscheidung des Wahlprüfers kaum Notiz genommen haben.
Nur wenige außerhalb der Gewerkschaften hegen die Illusion,
daß diese Organisationen für ihre Rechte kämpfen.
Und auch bei der schrumpfenden Minderheit von Arbeitern, die in
den offiziellen Gewerkschaften geblieben sind, hat das Personenkarrussell
an der Spitze kaum die Gemüter erregt; zeigt ihnen doch die
lange und bittere Erfahrung, daß keine der Fraktionen der
Gewerkschaftsbürokratie irgendeine Perspektive hat, ihre
Interessen zu verteidigen.
In den engeren Kreisen der Gewerkschaftsbürokratie und
der kleinbürgerlichen Ex-Radikalen allerdings wird Cherkaskys
Entscheidung sicherlich einen Aufschrei der Empörung und
des Protests hervorrufen. Der Spruch des Wahlprüfers beweise,
werden sie behaupten, daß Careys Disqualifizierung das Ergebnis
einer Hexenjagd der Regierung auf einen angeblich militanten Gewerkschaftsführer
und dessen progressive" Verbündete im Dachverband
AFL-CIO gewesen sei.
Eine objektive Untersuchung der Fakten straft allerdings derartige
Behauptungen Lügen.
Cherkaskys Erlaß ist nur die jüngste Maßnahme
einer bundesstaatlichen Überprüfung der Teamsters, die
bereits 1989 begonnen hat. Damals hatten die Gewerkschaft und
das Justizministerium der Bush-Regierung vereinbart, bei der Aufklärung
eines Erpressungsfalls zusammenzuarbeiten. Unter dem Vorwand,
sie wolle den Einfluß der Mafia bekämpfen, griff die
Regierung in dem Moment ein, als die alte Führung der Teamsters
ihre Glaubwürdigkeit und Kontrolle über die Mitgliedschaft
zu verlieren drohte. Auch suchte und erhielt sie die Unterstützung
der TDU (Teamsters for a Democratic Union), einer oppositionellen
Gruppe in der Gewerkschaft, die von Radikalen aus der früheren
International Socialists Gruppe gegründet worden war.
Das Arbeitsministerium nutzte seine Aufsichtsbefugnisse und
die Hilfe der TDU, um Ron Carey zu begünstigen und ihm den
Weg zum Gewerkschaftsvorsitz in der Wahl 1991 zu ebnen. Carey,
ein bürokratischer Karrierist, dessen antisozialistische
Positionen genügend belegt sind, wurde als Gegner von Korruption
und Mafiaverbindungen dargestellt, als ehrlicher Reformer und
militanter Mann des Volkes".
Allen Bemühungen von Regierung und TDU zum Trotz gelang
es Carey jedoch niemals, eine Massenbasis unter den Gewerkschaftsmitgliedern
zu finden. Abgesehen von seiner Rhetorik unterschied sich seine
Politik kaum von der seiner Vorgänger. Die Mitgliedschaft
der Teamsters schrumpfte weiter, und Carey unterzeichnete eine
Anzahl von Vereinbarungen mit den Transportunternehmen und United
Parcel Service (UPS), die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der
Beschäftigten weiter verschlechterten.
Als die Zeit der Vorstandswahlen 1996 herangekommen war, schien
es überhaupt nicht sicher, ob er gewinnen würde. Viele
Leute des politischen und wirtschaftlichen Establishments, von
der Clinton-Regierung bis zum Magazin Business Week, unterstützten
Carey. Aber Hoffa, der sich auf die alte Garde der Bürokratie
stützen und die Unzufriedenheit der Arbeiter mit Carey ausnutzen
konnte, wurde zu einem ernsten Herausforderer. Im Spätsommer
1996 sah das Carey-Lager seine Macht dahinschwinden. Darauf wandte
Carey sich an seine Freunde in der Demokratischen Partei, eine
Reihe reicher Liberaler und früherer Radikaler der 60er Jahre,
und an die AFL-CIO-Bürokratie, um Finanzen für eine
Propagandaschlacht aufzutreiben. Hauptsächlich wurden Gelder
aus der Gewerkschaftskasse illegal in die Kassen der Carey-Kampagne
umgeleitet. Selbst dann noch verfehlte Carey beinahe den Sieg
bei den Wahlen im Dezember 1996, bei der nur knapp ein Drittel
der Gewerkschaftsmitglieder abstimmten.
Acht Monate später brach der ganze Zauber zusammen. Man
deckte die Geldwäscheaktion auf, in die Spitzenfunktionäre
des AFL-CIO wie Kassenwart Richard Trumka, liberale Wahlunterstützergruppen,
sowie Vertreter des Demokratischen Nationalkomitees und der Wahlkampfleitung
für die Wiederwahl von Clinton und Gore verwickelt waren.
Weit entfernt davon, eine Hexenjagd auf Carey zu beginnen,
bemühten sich die staatlichen Kontrolleure der Gewerkschaft
nun eifrigst, den Amtsinhaber zu decken und auf seinem Posten
zu halten. Nur sehr zögernd, und erst, als die Beweise für
die groben Amtsvergehen nicht länger ignoriert werden konnten,
entschieden sie, eine Neuwahl anzuordnen.
Im August 1997, vier Tage nach dem Ende des Streiks bei UPS,
annullierte die damalige Wahlprüfungsbeauftragte Barbara
Zack Quindel die Ergebnisse der Teamsterwahl von 1996. Zwei Aspekte
dieser Entscheidung sind bemerkenswert. Der erste betrifft den
Zeitpunkt.
Bis zum Auslaufen des Tarifvertrags für UPS gingen Quindel
und das Justizministerium ebenso wie Carey und Hoffa wie selbstverständlich
davon aus, daß Neuwahlen ausgerufen werden müßten.
Zu jenem Zeitpunkt waren bereits zwei Wahlleiter Careys verhaftet
und angeklagt worden. Einer von ihnen hatte sich schuldig bekannt
und einverstanden erklärt, mit dem FBI und dem Bundesstaatsanwalt
zusammenzuarbeiten. Carey selbst war vor eine große Jury
in New York geladen worden, und sein politischer Sprecher hatte
den Fünften Verfassungszusatz (Aussageverweigerungsrecht)
in Anspruch genommen und seinen Gewerkschaftsposten aufgekündigt.
Indem Quindel erst nach dem Streik, der offiziell als Gewerkschaftssieg
dargestellt wurde, die Wahlen von 1996 für ungültig
erklärte, verhalf sie, wie sowohl die Unternehmensleitung
von UPS als auch Hoffa betonten, Carey zu einem gewaltigen Auftrieb.
Ihm wurde auf diese Weise ermöglicht, das Beste aus der für
ihn denkbar schlechten Situation zu machen.
Zweitens und vielleicht noch bemerkenswerter ist die Tatsache,
daß Quindel erklärte, Carey habe weder von der Geldwäscheaktion
etwas gewußt noch sei er in sie verwickelt. Darauf gestützt
fällte sie die Entscheidung, ihn als Kandidaten für
die Neuwahl zuzulassen.
Einen Monat später trat Quindel von ihrem Posten zurück.
Inzwischen war bekannt geworden, daß sie und ihr Ehemann
Mitglieder der New Party sind, einer Organisation, die hauptsächlich
aus Gewerkschaftsfunktionären der mittleren Ebene und Ex-Radikalen
besteht, und daß Carey persönlich 5.000 Dollar aus
der Gewerkschaftskasse an diese Partei gespendet hat. Darüber
hinaus stellte sich heraus, daß Quindels Ehemann im Vorstand
der Filiale von Citizen Action in Wisconsin saß, einer Organisation,
der die Beteiligung an Careys Geldwäsche mit einem Betrag
von 475.000 Dollar angelastet wird.
Michael Cherkasky kommt ins Spiel
Im Dezember 1997 wurde Michael Cherkasky zum neuen Wahlbeobachter
für die Teamsters Union ernannt. Im Unterschied zu Quindel
kommt Cherkasky nicht aus der linken" Demokratischen
Partei und Kreisen der Arbeiterbürokratie. Bis 1994 war er
11 Jahre lang als Chefermittler für den New Yorker Staatsanwalt
Robert Morgenthau tätig gewesen. In dieser Funktion hatte
er besonders markante Fälle bearbeitet, vom Gangster John
Gotti über den Skandal um die BCCI (Bank of Credit and Commerce
International) bis zum Bombenanschlag auf das World Trade Center.
Cherkasky ist zur Zeit Spitzenmanager der nordamerikanischen
Niederlassungen von Kroll Associates, einer Sicherheitsfirma für
internationale Gesellschaften, die Aufträge für die
500 größten Unternehmen des Landes abwickelt und enge
Beziehungen zum amerikanischen Militär unterhält.
Warum die Entscheidung, Hoffa als Kandidaten zuzulassen? Zweifellos
spielten dabei mehrere Überlegungen eine Rolle, und man kann
keine geradlinige Erklärung geben. Aber es ist möglich
und auch notwendig, diese Entscheidung in größerem
politischen Zusammenhang zu sehen.
Am Tag von Cherkaskys Entscheidung klagte die große Bundesjury
in New York William Hamilton, den früheren politischen Sprecher
der Teamsters, in sechs Punkten des Betrugs, Meineids, der Veruntreung
und Verschwörung an, die aus seiner Verwicklung in die Wahlmanöver
von Carey resultieren. Die Klage nannte außerdem Spitzenfunktionäre
des AFL-CIO und Beauftragte des Demokratischen Nationalkomitees
und der Wahlkampagne für Clinton und Gore.
Der Jury zufolge hatte Hamilton auf Aufforderung von AFL-CIO
Kassenwart Richard Trumka einen Scheck der Teamsters über
150.000 Dollar an die Dachorganisation [d.h. den AFL-CIO] gespendet.
Trumka wiederum veranlasste eine Spende des AFL-CIO über
150.000 Dollar an Citizen Action, die ihrerseits 100.000 Dollar
an eine Firma fließen ließ, die Massenwurfsendungen
für Careys Kampagne organisierte.
Drei Tage nach der Anklage wurde AFL-CIO-Chef John Sweeney
zu einer Anhörung vor den Kongreßausschuß des
Republikaners Peter Hoekstra geladen. Er sollte begründen,
warum sein Stellvertreter Trumka den Fünften Verfassungszusatz
in Anspruch genommen und die Aussage sowohl vor dem Kongreß
als auch vor der Bundesjury in New York verweigert hatte. In den
Teamster-Skandal verwickelt sind auch andere AFL-CIO-Führer
wie der Vorsitzende der Gewerkschaft für die Verwaltungsangestellten
von Bund, Staaten und Gemeinden (AFSCME), Gerald McEntee, sowie
ein weiterer Spitzenfunktionär der AFSCME, Paul Booth, und
der Vorsitzende der Gewerkschaft für den öffentlichen
Dienst, Andrew Stern, Sweeneys alter Kricketpartner.
Die Entscheidung über die Kandidatur von Hoffa kann auch
mit Befürchtungen zusammenhängen, daß der Teamster-Skandal
weitere Kreise zieht. Dabei könnte die gesamte Führungsriege
des AFL-CIO, die erst vor drei Jahren mit beträchtlichem
Medienspektakel auf ihre Posten gehievt wurde, dezimiert werden.
So könnte sich Trumka, der Nachfolgekandidat für Sweeney,
gezwungen sehen zurückzutreten, egal ob er angeklagt wird
oder nicht. Auch ein Rücktritt von McEntee und ernste juristische
Probleme für Sweeney selbst sind nicht auszuschließen.
Wäre es unter diesen Bedingungen nicht klüger, eine
neue Auswahl von Handlangern zu lancieren, um den alten Gewerkschaftsapparat
zusammenzuhalten? Schließlich haben die Teamsters und der
AFL-CIO viel Nützliches geleistet, um die Arbeiterklasse
zu unterdrücken und die Interessen und Ideologie des amerikanischen
Kapitalismus zu verteidigen. Hoffa mag zwar ein Mängelexemplar"
sein, aber vielleicht der einzige Kandidat, der dafür zu
haben ist.
Cherkaskys Entscheidung sollte man auch im Zusammenhang mit
den andauernden Querelen um Präsident Clinton sehen, vor
allem mit den Ermittlungen der Republikaner in angebliche finanzielle
Machenschaften bei der Wiederwahl Clintons 1996. Das Büro
des New Yorker Bundesstaatsanwalts hat bereits in Aussicht gestellt,
es werde die Verbindungen zwischen der Teamster- und der Clinton-Wahlkampagne
überprüfen. Die Republikaner im Repräsentantenhaus
untersuchen dieselben Vorwürfe. Hoffa hat keinen Hehl daraus
gemacht, daß er zu einem Bündnis mit dieser Untersuchungskomission
bereit ist.
Politische Lehren für die Arbeiterklasse
Die Absichten und Ziele, die die Bundesbehörden und Gerichte
mit ihren Maßnahmen verfolgen, kann man wahrscheinlich nicht
exakt bestimmen. Eines kann man jedoch mit Gewißheit sagen:
Die Manöver der herrschenden Klasse in der Frage, wer künftig
die Teamsters Union führen soll, finden über den Köpfen
und hinter dem Rücken der Arbeiterklasse statt.
Drei Schlußfolgerungen kann man aus diesen Ereignissen
ziehen:
Erstens, die staatliche Intervention in der Teamsters Gewerkschaft
ist völlig entlarvt worden. Von dem Vorwand der Regierung,
sie wolle im Interesse der Mitgliedschaft saubere Verhältnisse
in der Gewerkschaft schaffen, ist nichts übriggeblieben,
nachdem sie James P. Hoffa unterstützt, der Karriere als
Aushängeschild der alten Garde der Teamsters-Bürokratie
gemacht hat.
Zweitens unterstreichen die verschiedenen Manöver und
Untersuchungsausschüsse die Tatsache, daß Arbeiter
keinerlei echte Kontrolle über die Teamster-Gewerkschaft,
den AFL-CIO oder irgendeine andere Gewerkschaft haben.
Schließlich gibt es keine wesentlichen Unterschiede zwischen
den verschiedenen Fraktionen der Gewerkschaftsbürokratie.
Weder Hoffa noch Ken Hall, der Bürokrat aus West Virginia,
den die Carey-Anhänger erneut gewählt haben, haben die
Absicht, die Interessen der Teamster-Mitglieder oder der Arbeiterklasse
als Ganzes zu verteidigen. Beide sind loyale Anhänger des
kapitalistischen Zwei-Parteien-Systems, Feinde des Sozialismus
und Gegner jedes Kampfs, der das Profitsystem in Frage stellt.
Organisationen, die an den kapitalistischen Staat gebunden
sind und die ökonomischen Forderungen des großen Kapitals
verteidigen, können und werden nicht für die Interessen
der Arbeiterklasse eintreten. Letzendlich beweisen Aufstieg und
Fall von Ron Carey und deren schäbige Umstände, wie
degeneriert die alten Gewerkschaften sind, und wie dringend es
ist, daß sich die Arbeiter eine neue Bewegung aufbauen,
die eine grundlegend andere, eine sozialistische und internationalistische
Orientierung hat.
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