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WSWS : WSWS/DE : Geschichte : Rußland : Rogowin
Wadim Rogowin in Moskau bestattet
"Wir trauern um einen großartigen Menschen"
Korrespondentenbericht
1. Oktober 1998
Als Doktor der Philosophie und Forscher am Soziologischen Institut der Akademie der Wissenschaften in Moskau hatte Wadim Sacharowitsch Rogowin zu den angesehensten Gesellschaftswissenschaftlern der Sowjetunion gehört. Doch nur wenige seiner früheren akademischen Kollegen begleiteten ihn am Montag vergangener Woche auf seinem Weg zur letzten Ruhestätte.
Als der Sarg vom Krankenhaus, in dem Wadim Rogowin in den frühen Morgenstunden des 18. September einem Krebsleiden erlegen war, ins Moskauer Krematorium überführt wurde, versammelten sich dort etwa drei Dutzend Trauernde. Neben seiner Ehefrau und Witwe Galja Iwanowna stand seine bereits hochbetagte Mutter. Aus Israel waren seine beiden Töchter aus erster Ehe angereist.
Die große Anerkennung und Hochachtung, die Wadim Rogowin in vielen Ländern genoß, wurde durch die Anwesenheit von Freunden und Genossen aus den USA, Frankreich und Deutschland sichtbar.
Im Gegensatz zu vielen anderen war Rogowin auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion seinen marxistischen und sozialistischen Überzeugungen treu geblieben. Selbst unter den schwierigen Bedingungen seiner fortschreitenden Krankheit widmete er seine ganze Energie historischen Studien und schrieb eine sechsbändige Geschichte der linken Opposition zum Stalinismus innerhalb der Sowjetunion von 1923 bis 1940. Während dieser Arbeit hatte er intensive Gespräche mit vielen noch lebenden Zeitzeugen des Widerstands gegen den stalinistischen Terror geführt.
So war es kein Zufall, daß einige der Söhne und Töchter der sozialistischen Oppositionellen an den Trauerfeierlichkeiten teilnahmen und in bewegten Worten ihre Anerkennung und ihren Dank aussprachen. Unter ihnen: Waleri Borisowitsch Bronstein, ein Großneffe von Leo Trotzki; Juri Primakow, der Sohn von General Witali Primakow, der sich bereits 1914 der bolschewistischen Partei angeschlossen hatte, im Bürgerkrieg eine herausragende Rolle spielte und 1937 unter falscher Anklage verurteilt und hingerichtet wurde; Juri Wladimirowitsch Smirnow, der Sohn von Wladimir Smirnow, der in den schwierigen Jahren nach der Niederlage der Revolution von 1905 Bolschewist geworden war, als Wirtschaftsfachmann dem Präsidium des Obersten Volkswirtschaftsrates angehörte, 1927 aus der Partei ausgeschlossen wurde und 1937 in der Verbannung in Workuta starb.
In den letzten Jahren seines Lebens hatte Rogowin eng mit dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale zusammengearbeitet und auf großen Versammlungen in Australien, den USA, Großbritannien und Deutschland über die Ergebnisse seiner Forschungen gesprochen. Im Namen der Sektionen der Vierten Internationale würdigte Ulrich Rippert, Vorsitzender der Partei für Soziale Gleichheit, Leben und Werk Wadim Rogowins. Er versicherte, daß der Kampf für historische Wahrheit, dem Rogowin sein ganzes Leben gewidmet habe, in den Reihen der Vierten Internationale weitergeführt werde.
Der Direktor des soziologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, Wladimir Jadow, sprach voller Anerkennung über den Wissenschaftler und Menschen Rogowin, der sich auch unter schwierigen Bedingungen niemals angepaßt und deshalb große internationale Achtung und Anerkennung gefunden habe.
Auf einer anschließenden Trauerfeier wurden Beileidstelegramme und Briefe verlesen. Unter anderem ein Kondolenzschreiben von Professor Nathan Steinberger aus Berlin. Steinberger, der als Opfer der stalinistischen Repression 25 Jahre im ostsibirischen Kolyma verbrachte, hat Rogowin auf wissenschaftlichen Veranstaltungen nach der Wende kennen und schätzen gelernt.
Rogowins Tod reiße eine schwer zu füllende Lücke in die Reihen der revolutionären Bewegung in Rußland und vielen anderen Ländern der Welt, heißt es zu Beginn seines Beileidsschreibens. "Wir wissen aber, daß den Werken, die Wadim Sacharowitsch hinterlassen hat, insbesondere seinen Schriften über den Stalinismus, eine bleibende und mit Sicherheit zunehmende Bedeutung zukommt. Denn er hat mit Hilfe einer tiefgehenden wissenschaftlichen Untersuchung die Lüge zerrissen, daß das stalinsche Herrschaftssystem der Bürokratie die logische Fortsetzung der sozialistischen Oktoberrevolution gewesen sei..." Die sich anbahnende Wiederbelebung der sozialistischen Bewegung werde sich in erheblichem Maße auch auf die Arbeit Rogowins stützen können. "Ich drücke Ihnen, liebe Frau Galina Iwanowna die Hand, und wünsche allen, die Wadim Sacharowitsch Rogowin nahegestanden haben, Erfolg für die Fortführung ihrer Arbeit."
Der nationale Sekretär der Socialist Equality Party in Australien, Nick Beams, ließ in einem Telegramm mitteilen, daß er und alle Mitglieder der SEP sich glücklich schätzten, Wadim Rogowin kennengelernt und die Ergebnisse seiner Forschungen einem größeren internationalen Publikum zugänglich gemacht zu haben. "Wadim ist tot. Wir trauern um diesen schmerzlichen Verlust. Aber wir schöpfen auch Kraft aus der Tatsache, daß seine Ideen in einer neuen Generation weiterleben werden, die durch seine Arbeit ausgebildet und angespornt den Kampf für Sozialismus und wahrhafte soziale Gleichheit fortführen wird."
Eine enge Freundschaft verband Wadim Rogowin mit David North, dem nationalen Sekretär der Socialist Equality Party in den Vereinigten Staaten. Ulrich Rippert berichtete, daß die Begegnungen der beiden oft nicht frei von Meinungsstreit und mitunter heftigem Austausch von Argumenten gewesen waren. "Beide waren und sind selbständige Denker und von ihren Standpunkten überzeugte Theoretiker. Es war faszinierend, zu beobachten, wie sie im Wettstreit der Ideen und Argumente sich gegenseitig geistig befruchteten und anregten. Frei von jeglicher Eitelkeit waren beide tief verbunden, durch den gemeinsamen Kampf für historische Wahrheit und eine wahrhaft solidarische Gesellschaft."
In einem Brief an Rogowins Witwe Galja schrieb David North: "Meine Freundschaft mit Wadim begann mit unserer ersten Zusammenkunft in Kiew im Februar 1993. Ich erinnere mich an alle folgenden Begegnungen in den Vereinigten Staaten, Europa und Australien. Tief bewegt denke ich an die vielseitigen Facetten unserer Zusammenarbeit. Seit Juni 1994 entwickelte sich unsere Arbeit unter dem düstren Schatten von Wadims furchtbarer Krankheit. Und dennoch - diese letzten Jahre waren die produktivsten, wichtigsten und glücklichsten seines Lebens. Das ist Dir, liebe Galja, zu verdanken. Ohne Deine unerschöpfliche Unterstützung und Liebe wäre nicht eine von Wadims Leistungen möglich gewesen. Dir verdankte er die Umstände, die seine kreative Arbeit möglich machten..."
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