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  WSWS : WSWS/DE : Geschichte : Rußland : Rogowin

Trauerfeier für Wadim Rogowin

Grußworte von Waleri Bronstein, Juri Primakow, Juri Smirnow, Tatjana Smilga und Sorja Serebrjakowa

1. Oktober 1998

Auf der Trauerfeier für Wadim Rogowin sprachen am 21. September in Moskau die Söhne und Töchter mehrerer sozialistischer Oppositioneller gegen den Stalinismus. Wir geben hier ihre Beiträge wieder.

Waleri Borisowitsch Bronstein (geb. 1924)

Waleri Bronstein ist der Sohn eines Neffen von Leo Trotzki, der, selbst politisch aktiv, 1937 hingerichtet wurde. Unter Chruschtschow wurde sein Vater rehabilitiert und post mortem wieder in die Partei aufgenommen.

Bei uns hat es noch nie gute Bücher über den Kampf der Opposition gegen Stalin gegeben. Nach der Vernichtung der Opposition in den 30er Jahren sind nur vereinzelt Menschen übrig geblieben, die überhaupt etwas über die Tätigkeit der Oppositionellen wußten. Der Krieg und der Kampf gegen den Faschismus hat diese Erinnerungen noch zusätzlich überschattet. Niemand erinnerte sich mehr an Trotzki, es gab nur noch einen: Stalin.

Zur Zeit des "Tauwetters" unter Chruschtschow wurden zwar wieder Diskussionen erlaubt, doch auch diese Generation der fünfziger Jahre lernte Trotzki und die Linke Opposition nur als Feinde des Sozialismus kennen. Mein Vater wurde damals rehabilitiert, und ich trat in die Partei ein, obwohl ich lange Jahre in der Verbannung in Kolyma verbracht hatte. Als Frau eines Volksfeindes war auch meine Mutter dort über 17 Jahre im Lager.

Das "Tauwetter" ging schnell zu Ende, und in den Jahren des "Stillstandes" unter Breschnew wurde Stalin wieder mehr und mehr rehabilitiert und als eine Autorität aufgebaut. Breschnew, Andropow und Tschernenko gingen erneut gegen jeden "Parteifeind" vor. Erst in den Jahren der Perestroika wurde Trotzki wieder erwähnt und man konnte seine Bücher lesen. Erst jetzt erfuhren die Menschen von den Millionen Ermordeten und Lagerhäftlingen.

Doch die neue Demokratie hat den Sozialismus im allgemeinen und Trotzki im besonderen abgelehnt. Ich habe sogar von Fällen gehört, daß aus Sjuganows Partei Leute ausgeschlossen worden sind, nur weil sie Schriften von Trotzki gelesen haben. Diese Demokraten haben Trotzki als ein Monster dargestellt und ihn mit Stalin gleichgesetzt.

Es gab aber eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, die Trotzkis Schriften kannten und seine Bücher weiter auflegten. Einer der hervorragendsten von ihnen war Wadim Rogowin. Seine weit über allem stehenden Bücher waren einer Frage gewidmet: "Gab es eine Alternative zum Stalinismus?" Er untersuchte in seinem Werk die Geschichte des revolutionären Kampfes in der Partei und hat dabei eine hervorragende Arbeit geleistet. Leicht zu lesen und zu verstehen, stellen seine Bücher einen überaus wertvollen Beitrag zu einem objektiven Verständnis der Geschichte dar. Nun endlich wird die Geschichte des innerparteilichen Kampfes bekannt werden.

Rogowins Arbeit ist ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen den Stalinismus, der immer noch mit Sozialismus gleichgesetzt wird. Sie wird eine große Rolle spielen in der Entwicklung einer neuen marxistischen Bewegung in Rußland. Immer mehr Wissenschaftler, die über diese Frage diskutieren, werden seine Argumente anerkennen müssen.

 

Juri Witaljewitsch Primakow (geb. 1927)

Juri Primakow ist der Sohn von General Witali Markowitsch Primakow (1897-1937), der sich schon drei Jahre vor dem Oktober der bolschewistischen Partei anschloß und vom zaristischen Regime nach Sibirien verbannt wurde. Im Bürgerkrieg spielte er eine herausragende Rolle. 1934 wurde er von Stalin verhaftet und drei Jahre später zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Während der gesamten Sowjetzeit wurden Alternativen zum Stalinismus als Staatsverbrechen verfolgt und der Marxismus bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Nach Stalin wurde die Diktatur zwar gelockert, aber die grundlegenden Fehler fortgesetzt. Nach wie vor wurde die breite Mehrheit der Bevölkerung nicht in die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozesse einbezogen. Aus den Erfahrungen der 20er und 30er Jahre wurde nichts gelernt.

Rogowin war der erste, der in der Sowjetunion objektiv über die Stalinzeit geschrieben hat, und zwar ohne Tatsachen zu verheimlichen, oder zu fälschen oder jemanden zu beleidigen. Er hat uns den Weg zu den verdeckten Seiten unserer Geschichte eröffnet. Denn das wichtigste für heute ist ein Meinungsstreit, damit die gegenwärtigen Probleme gelöst werden können. Dazu ist es notwendig, endlich mit dem Konformismus zu brechen.

Unsere Geschichte hat gezeigt, daß von oben keine Probleme gelöst werden können. Rogowins Bücher ermöglichen heute jedem einfachen Menschen Einsicht in die Geschichte, und zwar ganz im Gegensatz zum "kurzen Lehrgang" der KPdSU.

Wadim war ein Mensch, der keine Angst hatte. Er schrieb in einer äußerst schwierigen Zeit über etwas, worüber niemand schreiben wollte. Eigentlich ist es nicht schwierig, mit den nun geöffneten Archiven eine solche Arbeit durchzuführen. Doch niemand wollte sie tun. Durch seine Krankheit zum Tode verurteilt hat Vadim alle Kräfte aufgewandt, und es ist ihm gelungen, den Bann des Schweigens brechen. Jetzt muß seine Arbeit fortgesetzt werden, denn noch sind die Probleme in keinem Land auf der Welt gelöst.

 

Juri Wladimirowitsch Smirnow (geb. 1917)

Juri Smirnow ist der Sohn von Wladimir Michailowitsch Smirnow (1887-1937), der 1907 den Bolschewiki beitrat, nach der Oktoberrevolution Volkskommissar in Finnland, danach Mitglied des Moskauer Revolutionskomitees und 1921 Kollegiumsmitglied im Gosplan (staatliche Planbehörde) wurde. 1926 schloß er sich der Vereinten Opposition an und wurde direkt auf dem 15. Parteitag aus der Partei ausgeschlossen. Nach langjähriger Verbannung kam er 1937 ums Leben.

Leider habe ich Wadim Sacharowitsch erst Anfang dieses Jahres kennengelernt. Aber er hat als Mensch sehr großen Eindruck auf mich gemacht. Es war äußerst interessant, mit ihm zu diskutieren, und er war ein sehr aufmerksamer Mensch. Eine besondere Eigenschaft von ihm war seine Fähigkeit zu arbeiten. Er hat es geschafft, in den wenigen Jahren seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine ganze Reihe Bücher herauszubringen, die jedes für sich eine große Fülle an sehr interessantem Material und viele bisher unbekannte Fakten enthalten. Seine Bücher sind deshalb so einnehmend, weil sie sehr objektiv geschrieben sind: ohne jegliche Zensur, ohne Verdrehungen oder irgendwelche Tiraden.

Ich habe als kleines Kind viele Revolutionäre und Mitglieder der Linken Opposition kennengelernt. Ich war sogar auf dem Begräbnis von Lenin. Wadims Bücher haben in mir lange verschüttete Kindheitserinnerungen geweckt. Diese Leute waren sehr einfache Menschen, und ich hatte gute Beziehungen zu ihnen. Ich konnte immer zu ihnen gehen, weil sie Kinder liebten. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr genau an Radek, Ordschonikidse und Dserschinski (unabhängig davon, was später aus ihnen wurde). Und diese Erinnerungen entsprechen genau dem, was Wadim schreibt. Das ist sehr interessant.

 

Tatjana Iwarowna Smilga (geb. 1919)

Tatjana Smilga ist die Tochter von Iwar Tenissowitsch Smilga (1892 - 1938). Er wurde schon im April 1917 ins ZK der bolschewistischen Partei gewählt, war Mitglied des Revolutionären Kriegsrats und später einer der Führer der Linken Opposition. Rogowin zitiert einen Bericht, wonach Smilga vor der stalinistischen Untersuchungskommission gesagt hat: "Ich bin Ihr Feind!" Im ersten Moskauer Schauprozeß wurde er als Terrorist verurteilt und vermutlich 1938 hingerichtet.

Die Bücher von Rogowin sind sehr umfangreich, von hohem Intellekt und in einer herrlichen Sprache verfaßt. Sie lesen sich wie ein Roman. Ich habe damals viele persönlich gekannt, über die Wadim schreibt. Doch bisher hat es noch nie eine solch umfangreiche und informative Arbeit über das politische Leben im revolutionären Rußland und der Sowjetunion der 20er Jahre gegeben. Niemand hat derartiges über den innerparteilichen Kampf geschrieben.

Jahrzehntelang wußte man im Ausland mehr über diese Ereignisse, als hier in Rußland. Die besten Generationen sind ausgelöscht worden, und es ist noch nicht gelungen, diese tiefe Wunde wieder zu schließen. Für die Zukunft Rußlands und der ganzen Welt sind die Bücher von Wadim von großer Bedeutung, weil sie die Wahrheit nicht verheimlichen. Er hätte dafür den Nobelpreis verdient.

Ich bin leider erst im vergangenen Jahr mit ihm bekannt geworden. In ihm habe ich einen höchst intelligenten Menschen kennengelernt, der sehr aufmerksam, sehr natürlich und sehr sympathisch war.

 

Sorja Leonidowna Serebrjakowa (geb. 1923)

Sorja Serebrjakowa ist die Tochter von Leonid Petrowitsch Serebrjakow (1890 -1937). Als Metallarbeiter war er seit 1905 Mitglied der Bolschewiki und einer der Führer des Oktoberaufstands in Moskau. Im Bürgerkrieg leitete er zeitweilig die Politische Verwaltung der Roten Armee. Seit 1923 gehörte er der Führung der Opposition an. Im Pjatakow-Radek-Prozess wurde er als einer der Hauptangeklagten zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Wadim Rogowin hat mit seinen Büchern eine Heldentat vollbracht. Trotz seiner schweren Krankheit hat er alles getan, um die historische Wahrheit wiederherzustellen. Insbesondere der 4. und der 5. Band sind sehr beeindruckend. Nach Trotzki ist das die erste moderne Arbeit, die Licht in die Verbrechen des Stalinismus bringt. In der heutigen Zeit ist das besonders wichtig, weil der Stalinismus wiederbelebt wird und wir in einer sehr gefährlichen Situation leben.

Wadims Bücher sind daher nicht nur vom historischen Standpunkt, sondern auch vom politischen Standpunkt wichtig. Ich bedanke mich bei Wadim Sacharowitsch als Mensch und als Historiker. Ich möchte mich im Namen all derer bedanken, die damals im Kampf gegen den Stalinismus ums Leben gekommen sind. Ich denke dabei vor allem an Trotzki und seine Freunde. Es ist sehr gut, daß endlich jemand darüber geschrieben hat.

 

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