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WSWS : WSWS/DE : Geschichte : Rußland : Rogowin
Trauerfeier für Wadim RogowinGrußworte von Wladimir Wolkow und Ulrich Rippert1. Oktober 1998Auf der Beerdigung Wadim Rogowins sprachen am 21. September in Moskau als Vertreter der Vierten Internationale Wladimir Wolkow und Ulrich Rippert. Wladimir Wolkow Wladimir Wolkow leitet das Büro der Vierten Internationale in Tscheljabinsk. Ich möchte einige Worte über Wadim Rogowin als Mensch und Historiker sagen. Er gehörte jener Generation an, die mit einer der besten Seiten der Geschichte der Sowjetunion verbunden war, der Generation der "60er". Sie trat genau in dem Moment ins Leben, als die Sowjetwirtschaft zusammen mit den Hoffnungen auf eine bessere Zukunft einen großen Aufschwung erlebte. Doch das Schicksal dieser Generation verlief äußerst dramatisch. Während der vergangenen dreißig Jahre wandte sich die Mehrheit ihrer Vertreter von den Werten und Idealen ihrer Jugend mehr und mehr ab. Aber bis heute bestimmt die Generation der "60er" das geistige und kulturelle Leben Rußlands, seine besten als auch - leider in immer stärkeren Maße - seine schlechtesten Seiten. Im Unterschied zu anderen bewahrte Wadim Sacharowitsch nicht nur seine Jugendideale, sondern er konnte sie entwickeln und auf eine historische und ideologische Grundlage stellen. Er vermochte es, all die neuen Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich den früheren Sowjetbürgern eröffneten: freieren Zugang zu Informationen, Zugang zu früher verbotenen Büchern, vielen Archiven und historischen Dokumenten, oder einfach die Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. Seine Beobachtungen und Untersuchungen zu verschiedenen Problemen konnte er in einer mehrbändigen historischen Arbeit zusammentragen und zum Ausdruck bringen. Leider konnte er sie nicht mehr abschließen. Ich denke, daß sich Wadim Rogowin durch seine historischen Untersuchungen in die Reihen der größten Historiker nicht nur des modernen Rußlands sondern der gesamten Welt gestellt hat. Zusätzlich kommt er hinsichtlich der Bedeutung der von ihm verrichteten historischen Arbeit solch großen russischen Historikern des vergangenen Jahrhunderts gleich, wie N. Karamsin oder W. Kljutschewski. Karamsin betrachtete die Geschichte Rußlands erstmals vom Standpunkt des Russischen Staates und der Entstehung der Monarchie als einheitliches Ganzes, während Kljutschewski dasselbe erstmals vom Standpunkt der sozialen, wirtschaftlichen und Rechtsgeschichte Rußlands tat. In diesem Maßstab war Wadim Rogowin der erste, der die Bedeutung der wichtigsten, kompliziertesten und am meisten verfälschten Periode der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts beschrieb und durchdachte, der Periode der 20er und 30er Jahre. So wie man ohne das Studium der Werke von N. Karamsin und W. Kljutschewski die Geschichte des alten Rußland nicht verstehen kann, so kann man ohne das Studium der Bücher von Wadim Rogowin nicht verstehen, was in diesem Jahrhundert in Rußland geschah. Ich bin daher davon überzeugt, daß die Bücher von Wadim Rogowin die Jahrhunderte überleben werden.
Ulrich Rippert Ulrich Rippert ist Vorsitzender der Partei für Soziale Gleichheit (PSG), der deutschen Sektion der Vierten Internationale. Liebe Galja Iwanowna, liebe Trauernde, wir alle haben einen großartigen Menschen verloren und sind tief erschüttert. Der Tod hat uns einen Menschen entrissen, den viele geliebt haben und der überall in der Welt Freunde hatte. Das Außergewöhnliche an Wadim Sacharowitsch war seine leidenschaftliche Suche nach historischer Wahrheit. In seinen Büchern und Schriften - die in mehrere Sprachen übersetzt wurden - wandte er sich entschieden gegen die große Lüge dieses Jahrhunderts, die darin besteht, Sozialismus und Stalinismus gleichzusetzen. Er warf die Frage auf, gab es eine Alternative zum Stalinismus, und antwortete nach eingehendem Studium der Fakten mit einem uneingeschränkten Ja. Er wies nach, daß der Stalinismus weder unvermeidlich noch das notwendige Ergebnis der Oktoberrevolution war, sondern deren Negation. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich Wadim zum ersten Mal begegnete. Es war auf einem Seminar in Deutschland 1993. Zu Beginn seines Vortrags sprach Wadim über die Bedeutung von Geschichte als Wissenschaft. Er erläuterte den Unterschied zwischen Meinung und Wahrheit und sagte: "Es gibt in keinem Land einen Weg vorwärts ohne das ständige Streben nach möglichst genauem und detailliertem Verständnis der Vergangenheit." Die gegenwärtige Krise in diesem Land zeigt, wie recht er hatte. Wir erleben gegenwärtig den vollständigen Ruin all derer, die die geschichtliche Wahrheit als bedeutungslos betrachteten. Oft und lange habe ich mit Wadim auf langen und ausgedehnten Spaziergängen über diese Frage gesprochen. Wer ihn kannte, kannte auch seine Leidenschaft für lange Spaziergänge. Dabei konnte man rasch außer Atem kommen, denn nicht nur seine Gedanken umfaßten eine große Spannweite, sondern er machte auch große und schnelle Schritte. Er liebte das Leben, die Geselligkeit von Freunden, die Natur. Er begeisterte sich für Blumen und Tiere. Seine leidenschaftliche Suche nach historischer Wahrheit verband ihn mit den großen Marxisten in diesem Land. Im selben Jahr, als Wadim geboren wurde, 1937, antwortete Leo Trotzki auf die grotesken Anschuldigungen der Moskauer Prozesse: "Die Wahrheit wird triumphieren." Wadim sprach vor vielen tausend Menschen in Australien, USA, England, Deutschland und vielen anderen Ländern. Stellvertretend für all Deine Freunde und Genossen im Internationalen Komitees der Vierten Internationale möchte ich Dir, lieber Wadim Sacharowitsch, ein letztes Mal unseren Dank und unsere Hochachtung für Deine prinzipielle Arbeit aussprechen. Wir werden diesen Kampf für die historische Wahrheit fortsetzen. Es gibt keinen Zweifel, daß die Bücher und Schriften von Wadim Rogowin einen wesentlichen Beitrag zur Erziehung einer neuen Generation von Marxisten überall auf der Welt leisten werden. Daß er diese Bücher trotz seiner schweren Krankheit in den vergangenen Jahren schreiben konnte, verdanken wir vor allem der aufopferungsvollen Liebe und Fürsorge seiner geliebten Frau - Galja Iwanowna. Die Zeit ist nicht fern, in der unser Freund und Genosse Wadim Rogowin hier in Rußland und in der Welt als einer der großen Historiker und einer der ehrlichsten und prinzipienfestesten Menschen seiner Zeit anerkannt werden wird. Wir trauern um einen großartigen Menschen, aber in unseren Herzen und in unserer Erinnerung lebt er weiter, und dort wird er niemals sterben.
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