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WSWS : WSWS/DE : Aktuelle Analysen : Australien & Ozeanien
Vorgezogene Neuwahlen in Australien
Trotzkisten nehmen mit sechs Kandidaten teil
Korrespondentenbericht
12. September 1998
Nur eine Woche nach der Bundestagswahl in Deutschland werden auch in
Australien Parlamentswahlen stattfinden. Dies gab der australische Ministerpräsident
John Howard (Liberale Partei) am 30. August überraschend bekannt.
Für eine Wahlkampagne wird dabei kaum Zeit bleiben: Die Wahlen zum
australischen Senat und Repräsentantenhaus finden nur fünf Wochen
nach ihrer Bekanntgabe am 3. Oktober statt und fallen mitten in die Ferienzeit.
Auf den ersten Blick überraschen die Neuwahlen. Die dreijährige
Amtszeit der liberal-konservativen Koalitionsregierung läuft erst
im kommenden März aus, und die Wahlen hätten sogar bis zum Mai
1999 hinausgeschoben werden können. Außerdem ist der Wahlausgang
völlig ungewiß. Keine der traditionellen Parteien - Liberale,
Konservative, Labor und Demokraten - verfügt über nennenswerten
Rückhalt in der Bevölkerung. Obwohl Liberale und Konservative,
die 1996 die Labor-Regierung abgelöst hatten, im 148köpfigen
Repräsentantenhaus über eine Mehrheit von 43 Sitzen verfügen,
weigern sich die Meinungsforscher, eine klare Aussage über den Wahlausgang
zu machen.
Vor allem zwei Gründe dürften die Regierung bewogen haben,
das Risiko vorgezogener Neuwahlen einzugehen.
Der erste ist die Wirtschaftskrise, die sich im Zuge der globalen Währungsturbulenzen
massiv verschärft hat. Unmittelbar vor Howards Erklärung war
die australische Währung auf den bisher tiefsten Stand gegenüber
dem amerikanischen Dollar gefallen. Australische Aktien hatten an einem
Tag fast sieben Milliarden Mark an Wert verloren. Kurz zuvor hatten Howard
und sein Schatzkanzler Peter Costello noch beteuert, die australische Wirtschaft
sei dank den Haushaltskürzungen der Regierung vor den globalen Auswirkungen
der Asienkrise sicher. Inzwischen zeigt sich, wie stark sie vom Währungszerfall
an den Weltbörsen in Mitleidenschaft gezogen wird. Nun versucht die
Regierung die Wirtschaftsturbulenzen auszunützen, um sich so schnell
wir möglich im Amt bestätigen zu lassen.
Laut Howard sollen die Wahlen angesichts einer immer feindlicheren
internationalen Umgebung über "wirtschaftliches Management und wirtschaftliche
Kompetenz" entscheiden. Er hofft, die Angst vor einer wirtschaftlich ungewissen
Zukunft werde die Wähler veranlassen, kein Risiko einzugehen und die
amtierende Regierung zu bestätigen. Es fiel auf, daß er in seiner
kurzen Ankündigung der Neuwahlen nicht weniger als zwölfmal den
Ausdruck "Plan" benutzte. So soll der Anschein erweckt werden, die Regierung
habe eine Strategie oder einen "Plan", wie die Krise zu meistern sei. Kim
Beazley von der Labor Party konterte sofort und erklärte, die Sozialdemokraten
würden ihrerseits einen "Plan" vorlegen, "wie die Nation wieder aufgebaut
werden kann".
Tatsächlich stehen alle Parteien den Auswirkungen der globalen
Krise auf die australische Wirtschaft ratlos gegenüber. Die Australian
Financial Review zitierte am 31. August den ehemaligen Finanzminister Tony
Cole mit den Worten, das Land stehe "auf der Schwelle" einer Krise, und
es gebe keine wirtschaftspolitischen Instrumente, die daran etwas ändern
könnten. Er warnte, daß jeder Versuch der Regierung, die Wirtschaft
anzukurbeln, "eine außerordentlich feindliche Reaktion der internationalen
Währungsmärkte" auslösen würde. "Senkt man die Zinsen,
um die Wirtschaft zu stimulieren, wird der australische Dollar entwertet.
Internationale Verleiher werden uns zwingen, mehr für unser Geld zu
bezahlen, und gezwungenermaßen werden die Zinsraten sogar noch mehr
als vorher ansteigen... Wenn also die Entwicklung aufgrund der ausländischen
Einflüsse einmal abwärts geht, dann kann man daran nichts mehr
ändern. Das einzige, was man tun kann, ist das Volk ruhig zu halten,
und das ist bis jetzt hervorragend gelungen. Vielleicht ist es gar keine
schlechte Idee, Wahlen abzuhalten, weil das die Leute ablenkt."
Ein zweiter Grund für die vorgezogenen Neuwahlen ist das neue
Steuerpaket der Regierung. Nachdem sich die Wachstumsprognosen, auf denen
es beruht, sich als viel zu optimistisch herausgestellt haben und es auf
immer breitere Opposition stößt, soll die Diskussion darüber
mittels der Wahl abgeblockt werden.
Die Regierung plant, eine Senkung der Einkommens- und Gewinnsteuern
durch die Einführung einer 10prozentigen Verbrauchssteuer, der Goods
and Services Tax (GST), zu finanzieren. Durch die GST sollen jährlich
30 Milliarden Dollar aufgebracht werden. Sie würde vor allem Menschen
mit niedrigem Einkommen belasten, die den größten Teil ihres
Geldes für Essen, Kleidung und andere unmittelbare Bedürfnisse
ausgeben. Unternehmen und Menschen mit hohem Einkommen könnten dagegen
mit einer erheblichen steuerlichen Entlastung rechnen.
Mit der Ankündigung der Neuwahlen setzte Howard die für den
nächsten Tag geplante Parlamentsdebatte über das Steuerpaket
ab und verhinderte damit eine öffentliche Diskussion darüber.
Von seiten der Labor Party kam kein Protest, weil ihr "alternatives" Steuerpaket
genauso wie das der Regierung die Einkommenssteuern senken will. Auch ihre
Pläne stützen sich auf unrealistische Voraussagen über ein
ungebremstes Wirtschaftswachstum.
Mögliche Neuwahlen waren seit Jahresbeginn im Gespräch. Die
Regierung stand unter starkem Druck der Wirtschaft, schnell und energisch
unpopuläre Maßnahmen durchzuführen, stieß jedoch
immer wieder auf Schwierigkeiten. Neben der Einführung der GST betraf
dies auch die Privatisierung der Telefongesellschaft Telstra und den Versuch,
die Arbeitsbedingungen in den Häfen und anderen Wirtschaftsbereichen
zu verschlechtern.
Im Frühjahr hatte die Regierung gegenüber streikenden Hafenarbeitern
den Rückzug antreten müssen. Eine weiteren Schlag erhielt sie
am 13. Juni bei den Wahlen in Queensland, wo die rechtsextreme One Nation
Party (Partei für Eine Nation) mit ihrer nationalistischen und populistischen
Demagogie 23 Prozent der Stimmen einheimsen konnte. Dies erlaubte der Labor
Party, in Queensland eine Minderheitsregierung zu bilden, während
die One Nation Party sich zu einer Art Zünglein an der Waage entwickelte.
Nur wenige Wochen danach kippte der Senat in letzter Minute ein Gesetz,
auf dessen Grundlage die Regierung die verbliebenen zwei Drittel von Telstra
hätte verkaufen können. Zu diesem Zeitpunkt sickerten erstmals
Gerüchte durch, daß Howard Neuwahlen ansetzen wolle, um die
öffentliche Reaktion zu testen. Zwar wurde dies mehrfach dementiert,
aber mit den jüngsten dramatischen Auswirkungen der Währungsturbulenzen
sind nun alle Spekulationen beiseite gewischt worden.
Der letzte Anstoß für die Entscheidung Howards war eine
weitere Wahlniederlage auf der Insel Tasmanien im Süden Australiens.
Dort verlor Howards Parteigänger Tony Rundle im August die Mehrheit
knapp an die Labor Party. Auch Rundle hatte in seinem Wahlkampf versucht,
Angst vor einer globalen Krise zu schüren und so Unterstützung
für ein drastisches Programm von Kürzungen und Privatisierungen
zu erhalten. Er wollte die Wasser- und Stromversorgung im Wert von vier
Milliarden Dollar verkaufen und mit dem Erlös die Schuldenlast reduzieren.
Howard hatte ihn unterstützt und versprochen, die Bundesregierung
werde Tasmanien 150 Millionen Dollar Schulden abnehmen, vorausgesetzt die
Wasser- und Stromwerke würden tatsächlich verkauft.
Unabhängig vom Ausgang der Wahl werden die Angriffe auf die Bevölkerung
danach verschärft weitergehen. Der bereits erwähnte Artikel der
Australian Financial Review macht deutlich, was für ein Druck von
seiten der Wirtschaft ausgeht. Er kritisiert Howard wegen seiner Unentschlossenheit
bezüglich der Hafenarbeiter, Telstra und der Steuerpolitik und gelangt
zum Schluß: "Australien muß die Hindernisse, die dem freien
Spiel der Marktkräfte entgegenstehen, schneller als bisher beseitigen."
Die australische Sektion der Vierten Internationale, die Socialist
Equality Party, hat sechs Kandidaten aufgestellt, um der arbeitenden Bevölkerung
in dieser Wahl eine Alternative anzubieten. Der nationale Sekretär
der Partei, Nick Beams, kandidiert im bevölkerungsreichsten Bundesstaat
New South Wales für den Senat.
Die Socialist Equality Party tritt für eine Neuorganisation der
Gesellschaft auf der Grundlage sozialer Gleichheit ein. Sie fordert eine
Arbeiterregierung und strebt eine weltweit geplante Wirtschaft an. Wie
sie in ihrem Wahlprogramm erklärt, kann erst dadurch der enorme Reichtum,
den die moderne Technologie und die kollektive Arbeit der Weltbevölkerung
hervorbringen, aus dem Griff des kapitalistischen Profitsystems befreit
und in den Dienst der Menschheit als Ganzes gestellt werden.
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