WSWS : WSWS/DE : Aktuelle Analysen : Amerika : Nordamerika : Clinton-Starr
Die Clinton-Krise - letzte Runde
Bericht des Sonderermittlers ermöglicht Verfahren zur Amtsenthebung
Von Martin McLaughlin
12. September 1998
aus dem Amerikanischen (11. September 1998)
Das Ende der Präsidentschaft Bill Clintons ist so gut wie besiegelt,
nachdem Sonderermittler Kenneth Starr dem Kongreß seinen Bericht
überreicht hat, der die Einleitung eines Verfahrens zur Amtsenthebung
verlangt. Selbst wenn es Clinton entgegen dem heutigen Anschein gelingen
sollte, seine verbleibende Amtszeit irgendwie zu überstehen, wäre
er nur noch eine Art Gefangener im Weißen Haus, während seine
rechten Gegner die politische Bühne beherrschen.
Was gegenwärtig in Washington geschieht, kommt einem Staatsstreich
sehr nahe. Kenneth Starr hat am vergangenen Mittwoch keine Panzer vor dem
Gebäude auf dem Kapitol auffahren lassen. Seine Waffen waren zwei
Lieferwagen voller Akten. Aber die eigentliche Aufgabe, die Starrs Büro
hinter der Fassade einer juristischen Ermittlung leistete, war politischer
Natur: es ging darum, mittels einer klassischen Destabilisierungsoperation
einen zweimal gewählten Präsidenten aus dem Amt zu beseitigen.
Die Freigabe des Berichts war ein sorgfältig inszeniertes Medienereignis,
das den Eindruck hinterlassen sollte, daß es umfangreiches Beweismaterial
für kriminelle Machenschaften im Weißen Haus gebe. Am Freitag
soll das Repräsentantenhaus den vollständigen, 445 Seiten umfassenden
Text im Internet veröffentlichen. Die Republikaner im Kongreß,
die eng mit Starr und den sensationsgierigen, korrupten Medien zusammenarbeiten,
wollen eine Flut von schlüpfrigen Einzelheiten über angebliche
Sexualverfehlungen im Weißen Haus entfesseln, um jede kritische Reaktion
hinwegzuschwemmen, die öffentliche Meinung aufzuhetzen und so eine
politische Atmosphäre zu schaffen, unter der Clinton noch vor Anhörungen
wegen einer möglichen Amtsenthebung zum Rücktritt gezwungen ist.
Während immer heftiger über den Inhalt des Starr-Berichts
spekuliert wurde und angebliche Einzelheiten daraus durchsickerten, hörte
man praktisch keinen Kommentar zu dem wichtigsten Aspekt des Dokuments:
es enthält nichts außer Sex, d.h. Clintons Beziehung zu Monica
Lewinsky und seine Versuche, diese vor seinen rechten Gegnern, die das
Paula-Jones-Verfahren betrieben, zu verbergen. Vier Jahre Ermittlungen
in Sachen Whitewater und eine ganze Kette ähnlich tendenziöser
Anschuldigungen hatten zu keinem Ergebnis geführt, bis sich Starr
und die Anwälte von Paula Jones schließlich zusammenschlossen,
um Clinton ein Vergehen anzuhängen, das zur Amtsenthebung taugen könnte.
Einige der Individuen und Gruppen, die an dieser schmutzigen Operation
teilhatten, sind bereits bekannt: Linda Tripp, Lucianne Goldberg, der Newsweek-Journalist
Michael Isikoff, der Milliardär Richard Mellon Scaife, und andere
rechtsstehende Kräfte wie die Zeitschrift American Spectator und das
Rutherford Institute. Über die genaue Rolle und Motivation anderer
Beteiligter, wie auch Lewinskys selbst, kann man nur Vermutungen anstellen.
Nun wird zwar viel von ausgedehnten Anhörungen im Rahmen eines
Amtsenthebungs-Verfahrens und über eine mögliche Abstimmung im
Senat gesprochen, der den Präsidenten nur mit einer Zweidrittel-Mehrheit
für abgesetzt erklären kann. Dennoch sieht alles danach aus,
daß die Krise nicht durch die lange, von der Verfassung vorgegebene
Prozedur zu Ende gebracht wird. Weitere Einbrüche an der Aktienbörse
oder eine weitere Schwächung von Clintons Stellung innerhalb der Demokratischen
Partei könnten innerhalb weniger Tage zu seinem Rücktritt führen.
Abrücken der Demokraten
Besonders aufschlußreich ist die Art und Weise, wie die Demokraten
im Kongreß Starrs Bericht aufnahmen. Monatelang hatten sie Starr
als voreingenommenen Ermittler charakterisiert, dem es darum ginge, den
Präsidenten mittels einer Sexaffäre zu stürzen. Doch nun,
da Starr einen riesigen Bericht abgeliefert hat, der kein anderes Thema
als Clintons Sexualleben hat, schlagen die Demokraten plötzlich einen
anderen Ton an.
Der Führer der Demokratischen Minderheit im Repräsentantenhaus
Richard Gephardt, ihr prominenter Vertreter David Bonior und ihr Mitglied
im Justizausschuß John Conyers erklärten einhellig, daß
sie Starrs Bericht mit allem gebotenen Respekt prüfen würden.
Sie lobten den Vorsitzenden des Justizausschusses Henry Hyde, der die Prüfung
einer Amtsenthebung leiten wird, und erklärten, im Rahmen ihrer "verfassungspolitischen
Pflicht" würden beide Parteien zusammenarbeiten.
Eine Reihe von Demokraten im Senat - Boxer aus Kalifornien, Hollings
aus South Carolina, Kerrey aus Nebraska, Moynihan aus New York - schlossen
sich dem Beispiel des Abgeordneten Joseph Lieberman aus Connecticut an
und verdammten Clintons Verhalten als unmoralisch. Der dienstälteste
Demokrat im Senat, Robert Byrd aus West Virginia, verglich Clinton mit
Richard Nixon.
Nichts enthüllt das niedrige Niveau des geistigen und politischen
Lebens in Amerika so vernichtend, wie diese ständigen Vergleiche der
gegenwärtigen Krise mit der Watergate-Affäre, die den genau gegenteiligen
Charakter trug. In der Watergate-Krise war vom Weißen Haus aus eine
Verschwörung gegen die demokratischen Rechte der amerikanischen Bevölkerung
angezettelt worden. In der Clinton-Krise war das Weiße Haus Schauplatz
einvernehmlicher sexueller Begegnungen zwischen zwei erwachsenen Menschen,
während die Verschwörung gegen demokratische Rechte außerhalb,
im Büro des Sonderermittlers stattfand.
Bei Watergate ging es um Politik: Nixon benutzte Polizeistaatsmethoden
wie Abhören, Einbrüche und "schmutzige Tricks" gegen die Gegner
einer US-Militärintervention in Vietnam. Bei der Lewinsky-Affäre
geht es um Sex. Clinton soll seines privaten Verhaltens wegen des Amtes
enthoben oder zum Rücktritt gezwungen werden.
Auch die Methoden sind in beiden Ermittlungen grundlegend verschieden.
In Watergate wurden die Beweise gegen Nixon öffentlich in national
ausgestrahlten Anhörungen vor dem Kongreß in präziser Kleinarbeit
zusammengetragen. Das Verbrechen, das ihm angelastet wurde, war ein massiver
Machtmißbrauch. In der Lewinsky-Affäre wurde der ganze Fall
hinter verschlossenen Türen von einem Sonderermittler zusammengestellt,
der die Öffentlichkeit von der Zeugenbefragung durch die Grand Jury
ausschloß und die Medien mit gezielten Indiskretionen fütterte.
Regierungsmacht in den Händen des Sonderermittlers
Der heftige und erbitterte politische Krieg in Washington mag manchem
deshalb unverständlich erscheinen, weil keine bedeutenden oder nennenswerten
Unterschiede zwischen der Demokratischen und der Republikanischen Partei
bestehen. Beide vertreten und verteidigen die Interessen der amerikanischen
Konzerne im In- und Ausland. Clinton selbst ist der konservativste demokratische
Präsident des zwanzigsten Jahrhunderts - er unterzeichnete die Gesetze,
die Millionen von der Sozialhilfe abschnitten, er verkündete das Ende
der "aufwendigen Regierung" und schnitt seine ganze Politik auf die Wünsche
der Börsen zu.
Dennoch zog Clinton den geballten Haß einer Vielzahl extrem rechter
Gruppen auf sich. Die politische Erklärung für dieses Phänomen
liegt in den enormen gesellschaftlichen Widersprüchen in den Vereinigten
Staaten. Die amerikanische Gesellschaft ist polarisiert zwischen einer
reichen Elite und privilegierten Oberschicht - 4 Millionen Millionäre,
mehrere hundert Milliardäre - und der großen Mehrheit der arbeitenden
Bevölkerung, die kaum über die Runden kommt.
Die zaghaften reformistischen Vorschläge, die Clinton in seinem
ersten Amtsjahr äußerte, versetzten einflußreiche Kreise
auf der Rechten in Wut: ein Haushaltsentwurf, der die Steuerlast der Reichen
um ein Prozent erhöhte, eine Gesundheitsreform, die, wenn auch in
ganz beschränktem Umfang, staatliches Handeln zur Befriedigung eines
wichtigen gesellschaftlichen Bedürfnisses vorsah.
Keine zwei Monate, nachdem der Plan für die Gesundheitsreform
veröffentlicht worden war, begann das Geschrei der Medien wegen Whitewater
(ein Grundstücksgeschäft Clintons während seiner Zeit als
Gouverneur von Arkansas). Dem folgte kurz darauf die Anklage von Paula
Jones wegen sexueller Belästigung. Dann mischten sich höhere
Justizinstanzen in die Whitewater-Ermittlungen ein, feuerten den zuständigen
Robert Fiske und ersetzten ihn durch den Sonderermittler Kenneth Starr,
der eine Reihe weiterer Untersuchungen in Gang setzte. Gegenwärtig
ermitteln ein halbes Dutzend Sonderstaatsanwälte gegen Clinton bzw.
dessen Kabinettsmitglieder.
Clintons Absetzung wäre nicht das Ende dieses Prozesses, in dem
der Sonderermittler praktisch die Regierungsgewalt ausübt. Ein erzwungener
Rücktritt oder eine Amtsenthebung würden Clintons rechte Gegner
nur ermutigen, sodann seinen verfassungsmäßigen Nachfolger,
den Vizepräsidenten Al Gore unter Beschuß zu nehmen. Der legale
Mechanismus zur Absetzung Gores oder zur Lahmlegung seiner Regierung wird
bereits geschaffen: Justizministerin Janet Reno stimmte den einleitenden
Maßnahmen zur Ernennung eines Sonderermittlers zu, der Gores Rolle
bei einer Spendensammlung der Demokratischen Partei im Jahr 1996 untersuchen
soll.
Das Ende des Liberalismus
Die Clinton-Krise ist nicht nur das Debakel eines Individuums. Sie
bedeutet den Tod der Demokratischen Partei und beseitigt die letzten Überreste
des Liberalismus in der amerikanischen kapitalistischen Politik. Voraussichtlich
wird es bei den kommenden Kongreßwahlen im November eine weitere
Rechtswende geben, zu der die Demokraten noch mehr beitragen, als die Republikaner.
Die Kollaboration der Demokraten im Kongreß mit Starr und die
außerordentliche Feigheit Clintons, der täglich um Vergebung
fleht, haben nicht nur persönliche, sondern vor allem politische Bedeutung.
Clinton und die Demokraten können der rechten Destabilisierungskampagne
keinen wirklichen Widerstand entgegensetzen, weil sie die selbe gesellschaftliche
Schicht vertreten, wie die Rechten.
Es ist bezeichnend, daß Clintons politisches Ansehen innerhalb
der Demokratischen Partei während der letzten drei Wochen stark gelitten
hat. Aber es wäre völlig abwegig, dies damit zu erklären,
daß die langjährigen Funktionsträger der Demokraten über
Clintons Eingeständnis, eine außereheliche sexuelle Beziehung
geleugnet zu haben, ausgesprochen schockiert seien.
Der anhaltende Kurssturz an den Börsen trägt zu Clintons
schlechterem Abschneiden bei. Die Vernichtung von zwei Billionen Dollar
an Anlagewerten hatte auf die große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung
bisher wenig Auswirkung, aber es sind dennoch wirkliche Verluste, und die
Verlierer, die obersten zehn Prozent der amerikanischen Gesellschaft, sind
erbost.
Da die Arbeiterklasse praktisch entmündigt ist, dreht sich das
ganze offizielle politische Leben ausschließlich um die Bedürfnisse
und Interessen dieser Oberschicht. Ihre rachsüchtige Stimmung schlägt
sich in den vorwurfsvollen, erbitterten Äußerungen von Lieberman
und seinesgleichen nieder.
Der erfolgreiche Sturz eines amtierenden Präsidenten unter Einsatz
quasi-verfassungsgemäßer Mittel würde sehr bedrohliche
Gefahren für die demokratischen Rechte der Arbeiterklasse heraufbeschwören.
Es würde alles auf die Beine bringen, was in der amerikanischen Politik
reaktionär und rückständig ist. Es wäre Wasser auf
die Mühlen all jener, die neue Angriffe auf soziale Leistungen im
Innern entfesseln und die letzten Schranken für die ungehinderte Wirtschaftsmacht
der Konzerne beseitigen wollen. Auch der amerikanische Militarismus würde
gestärkt.
Der Untergang des Liberalismus und der Demokratischen Partei bedeutet
kurzfristig einen Sieg für die Kräfte auf der äußersten
Rechten innerhalb der herrschenden Klasse. Doch langfristig bringt er eine
tiefgreifende Destabilisierung der kapitalistischen Herrschaft mit sich.
Die soziale und wirtschaftliche Krise, die durch die jüngsten
Erschütterungen an den Börsen beschleunigt wird, kann nicht länger
ignoriert und vertuscht werden. Auch können die Medien und die Gewerkschaftsbürokratie
die Stimme der Arbeiterklasse nicht auf ewig ersticken.
Aus dieser Krise muß eine Bewegung der arbeitenden Bevölkerung
zur Verteidigung ihrer Rechte und ihrer sozialen Interessen hervorgehen.
Und dies unter Bedingungen, in denen die alten Verteidigungsmechanismen
der bürgerlichen Gesellschaft - der Liberalismus, die Demokratische
Partei, die Gewerkschaften - ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt
haben.
Unter diesen Umständen werden Arbeiter und Jugendliche, die nach
einer Alternative zu der abstoßenden, reaktionären Politik des
Big Business suchen, den Ausweg nur im Aufbau einer neuen politischen Bewegung
finden, die völlig unabhängig von den alten politischen Strukturen
ist und sich auf ein sozialistisches, antikapitalistisches Programm stützt.
Seitenanfang
Bitte senden Sie Ihren Kommentar an: wsws@gleichheit.de!.
Copyright
1998 - 2008
World Socialist Web Site
Alle Rechte vorbehalten! |