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  WSWS : WSWS/DE : Geschichte : Rußland : Rogowin

Wadim Rogowin: 1937-1998

Zum Lebenswerk Wadim Rogowins

Von David North
19. September 1998

Am 12. Mai 1997 veranstaltete das Soziologische Institut der russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau eine Feierstunde zum sechzigsten Geburtstag von Wadim Rogowin. David North, Sekretär der amerikanischen Socialist Equality Party, würdigte dort sein Lebenswerk.

Es ist für mich eine große Ehre und Freude, Wadim Rogowin zu seinem sechzigsten Geburtstag die Grüße des Internationalen Komitees der Vierten Internationale und der Socialist Equality Party der USA zu überbringen. Daß Genossen und Freunde Wadims aus aller Welt nach Moskau gekommen sind, beweist die große Wertschätzung, die seiner Arbeit und seinem Leben von einem internationalen Publikum von Arbeitern, Studenten und Intellektuellen entgegengebracht wird. Sein Kampf um historische Wahrheit hat sie nicht kalt gelassen.

Diese Feierstunde ist von den Kollegen und Freunden Wadim Rogowins organisiert worden, die seit vielen Jahren mit ihm zusammenarbeiten. Ich bin sicher, das all diejenigen, die das Glück haben, mit Wadim zusammenzuarbeiten, seine außerordentliche Geisteskraft, sein umfangreiches Wissen, seine scheinbar unerschöpfliche Fähigkeit zu geistiger Arbeit, die bewundernswerte Ausdruckskraft seiner Gedanken, Worte und Schriften und noch mehr seinen physischen und moralischen Mut allen Widrigkeiten zum Trotz, seinen lauteren Charakter und die Güte seines Herzens zu schätzen wissen.

Es wird heute keiner hier zu finden sein, der - mag er auch mit dem einen oder anderen Aspekt seiner Arbeit oder Ansichten nicht übereinstimmen - bestreiten würde, daß Wadim Rogowin ein außerordentlicher Mensch ist.

Aber ich frage mich, ob die Mitglieder dieses geachteten Instituts wirklich die Bedeutung des Lebens zu würdigen wissen, das wir heute ehren. Ich möchte damit in keiner Weise den Mitgliedern dieses Institut den ihnen zustehenden Respekt verweigern, von denen viele zu den engsten Freunden Wadims zählen.

Es gibt ein Sprichwort, das euch sicherlich bekannt ist: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Dieses Sprichwort fällt einem unwillkürlich ein, wenn man über das Lebenswerk Wadim Rogowins nachdenkt. Es paßt nicht nur zu den Schwierigkeiten, der Komplexität und dem paradoxen Charakter seiner Position im geistigen und politischen Leben des heutigen Rußlands, sondern kennzeichnet auch die Tragödie der früheren Sowjetunion und der Gesellschaft, die aus ihrem Zusammenbruch hervorgegangen ist.

Denn trotz aller umwälzenden Veränderungen, die hier im vergangenen Jahrzehnt stattgefunden haben, hat sich eines nicht verändert: Dieses Land hat sich immer noch nicht dazu durchgerungen, das Lebenswerk und das Denken einer der größten intellektuellen und politischen Figuren seiner Geschichte anzuerkennen, geschweige denn zu würdigen: das Werk und die Ideen von Leo Davidowitsch Trotzkis.

Wadim Rogowin ist ein Prophet der historischen Wahrheit. Und wie alle Propheten konfrontiert er die Gesellschaft, in der er lebt, mit schwierigen Fragen, denen sie lieber aus dem Wege gehen oder die sie lieber ignorieren möchte. Die große historische Frage, vor die Wadim seine Zeitgenossen gestellt hat, lautet: "Gab es eine Alternative zum Stalinismus?" Er beantwortet diese Frage, nachdem er die sowjetische Geschichte gründlich studiert hat, eindeutig mit "Ja", der Stalinismus sei weder das unvermeidliche noch das notwendige Ergebnis der Oktoberrevolution gewesen, sondern habe sie verraten und negiert.

Wenn ich über Wadim als einen Propheten spreche, so will ich nicht das Bild eines strengen und lebensfeindlichen Asketen zeichnen, der sich nicht um die täglichen Sorgen und Nöte kümmerte und den Freuden dieser Welt abhold wäre. Wer ihn kennt, könnte sich Wadim niemals in einer Einsiedlerhöhle vorstellen. Er ist in angenehmster Weise menschlich, er weiß Eiskrem und alle schönen Dinge zu schätzen, er liebt es, Sehenswürdigkeiten zu betrachten, er geht mit enthusiastischer Neugier durchs Leben und liebt die Dichtung und auch die Gesellschaft seiner Kollegen und Freunde.

Aber die beherrschende Leidenschaft seines Lebens ist die Suche nach Wahrheit. Dieser grundlegende Zug seines intellektuellen und moralischen Charakters macht Wadim Rogowin zu einer so außergewöhnlichen Figur.

Wir leben heute in einer desorientierten und verwirrten Welt, deren Haltung zur Wahrheit der von Pontius Pilatus gleicht, welcher, als ihm ein gewisser berühmter Gefangener sagte, er sei auf die Welt gekommen, um der Wahrheit Zeugnis abzulegen, recht zynisch antwortete: "Und was ist Wahrheit?" Pilatus wollte damit ausdrücken, daß ein praktischer und erfolgreicher Mann sich mit solch einem abstrakten Problem nicht zu beschäftigen brauche, und daß die Definition von Wahrheit sowieso eine rein subjektive Frage sei, die sich entsprechend den Tagesbedürfnissen ändere.

Auch 2000 Jahre später hat die pragmatische Ansicht dieses römischen Bürokraten immer noch viele Anhänger. Von allen Seiten wird uns entgegengehalten, daß die objektive Wahrheit ein Trugbild sei, eine lästige philosophische Konstruktion und naive Einbildung des aufgeklärten Denkens mit seinem dummen Glauben an die Macht der Vernunft, ohne die die Menschheit viel besser dran wäre.

Die machtvollste Widerlegung dieser verachtenswerten Haltung zur Suche nach Wahrheit ist das Schicksal der Sowjetunion und des heutigen Rußland. In diesem Land sehen wir, was für schreckliche Folgen es hat, wenn die objektive Wahrheit unterdrückt und sogar die Geschichte systematisch gefälscht wird.

Von außerhalb Rußlands verfolge ich die Bedingungen, wie sie in diesem Land existieren, durch die Presse und durch Berichte unserer russischen Freunde und Gesinnungsgenossen. Ihr, die ihr in diesem Land lebt, seid selbst viel besser über die Verhältnisse in Rußland informiert. Aber was immer eure politischen Ansichten sein mögen, ich bin sicher, daß ihr als human denkende und anständige Menschen über die zahllosen Statistiken und noch mehr über die sichtbaren Zeichen des ökonomischen Zusammenbruchs und des sozialen Niedergangs tief besorgt seid. Eine winzige Minderheit der Bevölkerung suhlt sich in obszönem Reichtum, dessen Ursprung ausgesprochen dubios ist, während die große Masse der Menschen immer größerer Verarmung verfällt.

Viele Erklärungen von unterschiedlicher Plausibilität und Qualität sind als Begründung für den heutigen Zustand gegeben worden, aber eines ist wohl inzwischen klar geworden. Als die Krise der sowjetischen Gesellschaft, die sich schon seit Jahrzehnten zusammenbraute, 1985 aufbrach, gab es niemanden, der in der Lage gewesen wäre, die Probleme der UdSSR zu verstehen oder gar eine Lösung für sie anzubieten. Nicht nur der Generalsekretär der Kommunistischen Partei war überwältigt und verwirrt. Auch die sowjetischen Ökonomen, Philosophen und Soziologen wußten keinen Rat. Die Maßnahmen der Politiker und ihrer Berater in der Ära der Perestroika ähnelten einem "Herumstochern im Nebel". Programme, die heute mit großem Tamtam verkündet wurden, erwiesen sich morgen als nicht praktikabel und waren übermorgen vergessen.

Jene Tage ließen jeden Sinn für historische Perspektive vermissen. Wie konnte es möglich sein, ohne eine objektive und ehrliche Konfrontation mit der Vergangenheit einen Weg in die Zukunft zu finden? Ich erinnere mich an die Rede Gorbatschows vom November 1987 zum siebzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution. Stalin wurde für seinen Beitrag zum Sozialismus gepriesen und Trotzki wie üblich als der Erzfeind Lenins verurteilt. Die ganze Rede war ein Geflecht von Lügen und groben Verzerrungen. Nach der Lektüre dieser banalen und unehrlichen Rede konnte man nur den Kopf schütteln und mit bitterem Sarkasmus anmerken: "Und auf dieser verfaulten Grundlage will Gorbatschow die sowjetische Gesellschaft erneuern?"

Auch heute noch wird ein schrecklicher Preis für diese Fälschung der Geschichte und Leugnung der objektiven Wahrheit bezahlt.

Es ist eine pikante Tatsache, daß das Jahr, in dem wir Wadims sechzigsten Geburtstag feiern, auch der sechzigste Jahrestag des schrecklichsten Jahres der Geschichte der Sowjetunion ist, des Jahres 1937. Die Ereignisse jenes Jahrs, die so tragische Folgen für das Schicksal der Sowjetunion und die Sache des internationalen Sozialismus haben sollten, bestimmten auch die Richtung von Wadim Rogowins intellektuellem Leben.

Nur drei Monate vor Wadims Geburt antwortete Leo Trotzki auf den Moskauer Schauprozeß gegen Radek, Pjatakow und andere alte Bolschewiken, die von Stalin verdammt worden waren. Die Moskauer Prozesse, erklärte Trotzki, erwuchsen aus dem Verrat der totalitären Bürokratie am Sozialismus. Jede einzelne Beschuldigung Wischinskis gegen die Angeklagten war eine Lüge. "Die Wahrheit wird triumphieren," erklärte Trotzki, "und sei es nach unserem Tod." Wadim Rogowin hat sein Leben dem Sieg dieser Wahrheit gewidmet, an die er so leidenschaftlich glaubt.

Niemand von uns kann die Zeit, noch die genaue Form vorhersagen, die die Lösung der schrecklichen politischen und sozialen Probleme der Völker der früheren Sowjetunion annehmen wird. Die Lösung dieser Krise hängt letztendlich nicht nur von den Ereignissen in Rußland ab, sondern von der Entfaltung des Klassenkampfs jenseits seiner Grenzen. Aber wir können mit Gewißheit sagen, daß die immer größere Verbreitung von Wadim Rogowins Büchern ein wichtiges Anzeichen für die bevorstehende Entdeckung einer Lösung ist.

Auch können wir mit der größten Zuversicht vorhersagen, daß die Zeit nicht mehr allzu fern ist, in der unser Freund, Kollege und Genosse Wadim Sacharowitsch Rogowin in Rußland und in der Welt als einer der größten Historiker und einer der ehrlichsten und prinzipienfestesten Menschen seiner Zeit anerkannt werden wird.

Siehe auch:
Marxistischer Historiker in Moskau verstorben
(19. September 1998)

Russische "Demokraten" verteidigen Moskauer Prozesse
(2. September 1998)

Im Arbeiterpresse Verlag erschienen:
1937 - Jahr des Terrors

 

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