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WSWS : WSWS/DE : Geschichte : Rußland : Rogowin
Russische "Demokraten" verteidigen Moskauer Prozesse
von Wadim Rogowin
2. September 1998
Sieben Jahre nach dem Ende der Sowjetunion rechtfertigt die russische Zeitung Njesawissimaja Gaseta die Moskauer Prozesse und die Verurteilung und Hinrichtung Bucharins. Die Unabhängige Zeitung - wie die wörtliche Übersetzung des Namens lautet - wird nicht etwa von unverbesserlichen Altstalinisten kontrolliert, sondern von einem prominenten Vertreter der neuen Gesellschaft: dem Finanzmagnaten Boris Beresowsky, einem der reichsten Männer Rußlands und der ganzen Welt. Im vergangenen Jahr war Beresowsky noch Chef von Jelzins Sicherheitsrat. Inzwischen setzt er auch auf Jelzins Konkurrenten General Lebed, dessen erfolgreiche Kandidatur um das Amt des Gouverneurs von Krasnojarsk er finanzierte.
Professor Wadim Rogowin, Spezialist für die Moskauer Prozesse und Autor der auch in deutsch erschienenen Bücher "1937" und "Die Partei der Hingerichteten", hat diese merkwürdige Vorliebe der russischen "Demokraten" für Stalins Terror in einem Brief kommentiert. Er schickte ihn an die Redaktion mehrerer großer Zeitungen, unter anderem der Moskowskije Novostij, der Prawda-5, der Rabotschaja Tribuna und natürlich der Njesawissimaja Gaseta selbst. Es ist bezeichnend für die politische Atmosphäre im heutigen Rußland, daß nicht eine dieser angeblich "demokratischen" oder "kommunistischen" Zeitungen ihn abgedruckt hat.
Brief an die Redaktion
Obwohl ich zu den historischen Ereignissen nach der Oktoberrevolution Ansichten vertrete, die sich grundlegend von denen unterscheiden, die auf den Seiten Ihrer Zeitung dargelegt werden, halte ich es für möglich, Sie um die Veröffentlichung dieses meines Briefes zu ersuchen.
Am 2. Juli diesen Jahres ist unter der Rubrik "ex libris" auf den Seiten der Njesawissimaja Gaseta der Artikel "Die aufgedeckte Verschwörung. Bucharin ist nicht unschuldig erschossen worden" von A. Rosljakow veröffentlicht worden. Dieser Artikel nahm eine ganze Spalte ein und widmete sich den Worten des Autors zufolge dem "völlig unerwartet" erschienenen Buch "Ein schicksalhafter Bericht", das "kürzlich von dem Dichter Sergej Alichanow herausgegeben wurde". Dieses Buch (hier und im folgenden führe ich Zitate aus dem Artikel unter Beibehaltung des Stils und des spezifischen Ausdrucks des Autors an) ist "ein Foliant, der Stenogramme aus dem Prozeß gegen den Bucharin-Trotzki-Block enthält".
Wie in dem genannten Artikel aufgezeigt wird, "erinnert die Geschichte dieser Ausgabe etwas an einen Krimi... Der Fall ist derartig umfangreich und komplex, daß er bis heute für das breite Publikum ein weißer Fleck ist". Sein Geheimnis war im Stenogramm des Prozesses verborgen, das 1936 "vervielfältigt und per Sonderzustellung an die NKWD-Leitungen des Landes zur Einsichtnahme versandt wurde. Doch bald darauf gaben unsere Geheimdienstler ein Zirkular in Umlauf: Alle numerierten Exemplare sind an die Zentralen zurückzugeben und an besonderen Punkten an Ort und Stelle zu vernichten".
Die weitere Darstellung des Schicksals der "Stenogramme" liest sich wie ein regelrechter Kriminalroman. Es "fand sich ein Mutiger, der die verbotenen Papiere in einem Ofen verbrannte, den Bericht aber sorgsam versteckte und danach berichtete, alles vernichtet zu haben". Jahrzehnte später teilte der "Mutige" die Geschichte seinem Enkel mit und erklärte, daß "er die tatsächliche Wahrheit für die kommenden Generationen aufbewahren wollte. Er verfügte, daß dieses alles aufklärende Dokument jener Epoche veröffentlicht werden sollte, sobald sich irgendwann einmal eine Chance dazu ergebe... Der Enkel, der es in unserer heutigen Zeit schon zu etwas gebracht hat, verschwieg aus guten Gründen seinen eigenen Namen und den seines Großvaters, um das Dokument bis zuletzt geheim zu halten. Alichanow, dem er die von ihm selbst finanzierte Herausgabe des Dokumentes anvertraute, bat er, bis zum Erscheinen des Buches Stillschweigen zu bewahren. Im Ergebnis all dieser Vorsichtsmaßnahmen, über deren Angemessenheit ich nicht urteilen kann, erschien das Buch unter einer Überschrift, die kein Wort zuviel verliert, damit vorher nichts ans Tageslicht kommt".
Es ist schwer zu sagen, was diese ganze Geschichte darstellen soll: eine bewußte Mystifizierung, die auf die Unwissenheit der Leser baut, oder die Frucht äußerster Ignoranz des Autors dieses Artikels. In Wirklichkeit ist der von Alichanow herausgegebene "geheime", "schicksalhafte Bericht" eine einfache Wiedergabe des Buches "Ein schicksalhafter Bericht über den Prozeß gegen den antisowjetischen rechtstrotzkistischen Block", das einen Monat nach Abschluß dieses Prozesses in hunderttausendfacher Auflage gedruckt wurde und für den offenen Verkauf sowie für die breitest mögliche Verbreitung vorgesehen war.
Gleichzeitig wurde das Buch im Jahre 1938 in Moskau innerhalb kürzester Zeit in vielen Sprachen herausgegeben, um es im Ausland so weit wie möglich zu verbreiten. Der "schicksalhafte Bericht" aus dem Jahre 1938 ist in tausenden Bibliotheken unseres Landes und der ganzen Welt und auf tausenden privaten Bücherregalen bei den Bürgern der ehemaligen UdSSR zu finden. In regelmäßigen Abständen taucht er auch immer wieder in antiquarischen Buchhandlungen auf.
Worüber gibt der "schicksalhafte Bericht" A. Rosljakow zufolge nun Auskunft? Darüber, daß der Prozeß "sehr ordentlich von einem Wyschinsky geführt wurde, einem Menschen mit unglaublicher Energie und einem grausamen Gedächtnis, der auch nicht die geringste Kleinigkeit aus einer Unmenge von Details über jeden Angeklagten übersah und der ein hervorragender Polemiker war". In den "Duellen mit Bucharin" behielt Wyschinsky "immer die Oberhand, ohne seinem Gegner zu erlauben, das Spiel auf den eigenen Boden seiner hochmütigen und beliebten Sophisterei zu übertragen".
Im ganzen sieht "das Bild der Verbrechen schrecklich aus, das der eiserne Staatsanwalt im Laufe von zehn Tagen aus unzähligen Geständnissen, beharrlichem Leugnen und etlichen Kreuzverhören ans Tageslicht befördert". Danach schildert uns Rosljakow sehr genau einzelne Details und grundlegende Anschuldigungen, die im stenographischen Bericht des Prozesses (veröffentlicht im Jahre 1938) enthalten sind und ergänzt sie mit Kommentaren folgender Art: die Mehrheit der Mitangeklagten "gelangte durch Wyschinsky zur äußersten Aufrichtigkeit", oder der Prozeß gibt ein "Bild von ebensolcher Kraft wie Shakespeares ,Macbeth'". Am Ende kommt er zu dem Schluß, daß es das "veröffentlichte Dokument kaum noch glaubwürdig erscheinen läßt, daß sich zwanzig Menschen, die peinlichst genau von Wyschinsky verhört worden sind, für erfundene falsche Beschuldigungen hergeben würden, um eine derartig mächtige Fülle von Einzelheiten aufzubauen und in Einklang zu bringen, für die eine ganze Brigade von Experten nötig wäre, die sich in der Geopolitik eines Shakespeares auskennen".
Ich sehe keine Grundlage dafür, eine Polemik gegen Rosljakow zu schreiben. Ich möchte hier nur an zwei Tatsachen erinnern, die jedem bekannt sein dürften, der sich für die Geschichte der Moskauer Prozesse und die Willkür des stalinistischen Terrors im allgemeinen interessiert. So erschienen in der ausländischen Presse und der Presse der Emigranten verschiedenster politischer Couleur fast vom ersten Prozeßtag an hunderte und tausende Artikel, die die unzähligen Verzerrungen und offensichtlichen Fälschungen enthüllten, die in dem stenographischen Bericht enthalten sind. Diese Enthüllungen wurden im Laufe der folgenden 60 Jahre von hunderten wissenschaftlichen Aufsätzen und Büchern, die im Ausland und dann auch in unserem Land herauskamen, bestätigt und ergänzt. Heute wird dieser Prozeß von keinem professionellen Historiker auf der ganzen Welt anders eingeschätzt, denn als die grandioseste gerichtliche Fälschung, die es je in der Geschichte der Menschheit gegeben hat.
In den Nachforschungen über den Prozeß, die zur Rehabilitation der Angeklagten angestellt worden sind und die teilweise in dem bekannten Buch "Rehabilitation. Die politischen Prozesse in den 30er, 40er und 50er Jahren" (Moskau 1991) veröffentlicht wurden, wird anhand von Untersuchungsakten und anderer Archivdokumente gezeigt, daß der Prozeß selbst eine Kette bösartiger und bewußter Fälschungen darstellte. Rosljakow behauptet indessen, daß "alle Angeklagten mit der Ausnahme von Jagoda rehabilitiert wurden. Doch auf welcher Grundlage das geschah, hat wieder einmal niemand erfahren".
Eine ausführliche Analyse des Prozesses gegen den "rechtstrotzkistischen Block" habe ich in meinen Monographien "1937 - Jahr des Terrors" und "Die Partei der Hingerichteten" angestellt, die 1996 und 1997 herausgekommen sind und die in diesem Jahr bei linken Verlagen in England, Australien, Deutschland, den USA und in Frankreich erschienen. Die Herangehensweise dieser Bücher unterscheidet sich deutlich von den Geschichtsversionen der zeitgenössischen "demokratischen" und der "national-patriotischen" Presse (einschließlich der meisten Veröffentlichungen, die sich als kommunistisch bezeichnen). Offenbar hat es aus diesem Grunde in der periodischen Presse Rußlands bis auf zwei kleinere Rezensionen (in der "Moskauer Prawda" ["Moskovskaja Prawda"] und in dem wissenschaftlichen Journal "Fragen der Geschichte" ["Voprosij istorij"]) keinerlei Hinweise auf diese Bücher gegeben (während zum Beispiel in Deutschland in den ersten drei Monaten nach dem Erscheinen der deutschen Ausgabe der Monographie "1937 - Jahr des Terrors" mindestens zehn Rezensionen veröffentlicht wurden. Ein solch hartnäckiges Verschweigen einer wissenschaftlichen Arbeit über die Geschichte der dunkelsten Seiten des Stalinismus erleben wir in einer Zeit, in der Verleumdungen und Lügengeschichten, wie sie in dem Artikel von Rosljakow enthalten sind, "grünes Licht" haben!
Dieser Artikel fügt sich harmonisch in den stetig wachsenden Berg von Publikationen und Veröffentlichungen ein, die sogar der Lobpreisung Stalins gewidmet sind. Sein Ziel besteht nicht nur darin, die bösartigsten stalinistischen Verfälschungen der 30er Jahre wiederzubeleben, sondern auch darin, die wichtigsten historischen Ereignisse der Folgeperiode in einem "neuen Licht" darzustellen, insbesondere die Gründe für die fürchterlichen Niederlagen der ersten Jahre des Vaterländischen Krieges [der zweite Weltkrieg].
"Der Zusammenhang zwischen den Geständnissen Bucharins über die großangelegten Vorbereitungen zur ,Eröffnung der Front' und dem, was 1941 geschah, ist kaum zu übersehen", schreibt deshalb Rosljakow. "Damals sind die Deutschen, die Hauptverbündeten und Empfänger geheimer Informationen durch die Verräter, ungehindert in die UdSSR eingefallen. Daher kann man sich auch die Verwirrung Stalins in den ersten Tagen des Krieges unter diesem Gesichtspunkt vorstellen: er dachte, daß er die Verräter vollständig zerschlagen hatte, aber alles verlief genau nach ihrem tief im Leitungssystem des Landes verankerten Szenario".
Die politische Bedeutung des Artikels von Rosljakow zeigt sich unwiderruflich in dessen Schlußtiraden: "Unschwer kann man auch zu der neuesten Geschichte eine Parallele ziehen, als der Zusammenbruch der UdSSR genau so ablief, wie es sich Bucharin und Trotzki gedacht hatten (die letzten Worte sind Bestandteil einer weitverbreiteten Verleumdung der Führer der Oktoberrevolution W.R.). Aber die Zerstückelung des Landes wurde Ende der 30er Jahre grausam unterdrückt". So vollzog sich den Worten Rosljakows zufolge "die stalinistische Grausamkeit unverhüllt unter der Losung ,Zerquetscht die Natter'... Innerlich möchte man nach all diesen Erhärtungen Stalin den Vorwurf machen, im Kampf gegen die um der Macht Willen zu allem bereiten Gegner nicht übertrieben, sondern untertrieben zu haben!"
Ich denke, daß die politische Zielrichtung des Artikels von Rosljakow keiner weiteren Kommentare bedarf. Ihm geht es nicht um den gestrigen sondern um den heutigen und morgigen Tag. Die Zielrichtungen, denen die "neuesten" historischen Fälschungen dieses Autors dienen, sind, wie ich mir vorstellen kann, nicht nur von ihm allein fabriziert und inspiriert worden.
(gez.) W.S. Rogowin.
Doktor der Philosophie. Wissenschaftlicher Hauptmitarbeiter des Soziologischen Institutes der Russischen Akademie der Wissenschaften.
PS: Für den Fall, daß sie die Veröffentlichung dieses Textes ablehnen, bitte ich Sie, mir eine kurze schriftliche Erklärung der Gründe zu geben, falls solche Normen des Journalismus in Ihrer Redaktion beachtet werden.
Siehe auch:
Marxistischer Historiker in Moskau verstorben
(19. September 1998)
Zum Lebenswerk Wadim Rogowins
(19. September 1998)
Im Arbeiterpresse Verlag erschienen:
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