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Die Rehabilitierung von Gustaf Gründgens

Von Stefan Steinberg
20. Januar 2000

"Aber ich habe nicht mehr Gesicht." Gustaf Gründgens - Eine deutsche Karriere: Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek vom 3. Dezember bis 29. Januar

Vor 100 Jahren, am 22. Dezember 1899, wurde der Schauspieler, Regisseur und Theaterintendant Gustaf Gründgens geboren. Er war in den zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre ein glühender Radikaler gewesen, der zu einem der zuverlässigsten künstlerischen Diener von Hitlers Herrschaft wurde. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 und unter der unmittelbaren Schirmherrschaft des preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring wurde Gründgens Generalintendant des wichtigsten Theaters in Berlin, des Preußischen Staatstheaters. Er blieb bis kurz vor Kriegsende 1944 auf diesem Posten. Er ist ein Sinnbild des Intellektuellen, der sich und seine Karriere über Prinzipien stellte, auch wenn dies bedeutete, Ungeheuern zu dienen. Gründgens Renegatentum und sein Opportunismus hat Klaus Mann in seinem Roman Mephisto als Fiktion verewigt.

Aus Anlass des 100. Geburtstags von Gründgens wurden in einer Reihe Berliner Kinos Filme mit ihm gezeigt und eine neue Fernsehdokumentation wurde produziert. Außerdem ist in der Berliner Staatsbibliothek zur Zeit eine Gründgensausstellung zu sehen, die später in eine Reihe anderer deutscher Städte gehen soll.

Die Ausstellung ist dem Werk und der Karriere von Gründgens gewidmet und trägt den Titel "Aber ich habe nicht mehr Gesicht. Gustaf Gründgens - Eine deutsche Karriere". Dort sind u.a. Plakate, Korrespondenz, kleine Theaterutensilien und Fotografien zusammengetragen worden. Auch einige der berüchtigtsten Fotos, die von Gründgens während des Krieges aufgenommen wurden, sind dort zu sehen. Auf einem schüttelt der lächelnde Gründgens dem Reichspropagandaminister Goebbels kräftig die Hand. Ein anderes zeigt ihn hockend in Reichswehruniform, ein Gewehr über dem Kopf schwingend. Es datiert von 1943. Gründgens hatte damals zeitweilig seinen Posten beim Staatstheater verlassen. Er war nach den Rückschlägen an der Ostfront Goebbels Aufruf zum "totalen Krieg" gefolgt. Außerdem kann man in der Ausstellung ein Foto sehen, das Gründgens zeigt, wie er für seine Verdienste um das deutsche Nachkriegstheater 1954 das deutsche Verdienstkreuz mit Stern, den höchsten deutschen Orden, verliehen bekommt.

Am Eingang der Ausstellung hängt ein Plakat mit einem Zitat von Gründgens selbst aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es lautet: "Ich möchte einmal der gewesen sein, der die Flamme in einer dunkeln Zeit bewahrt und gehütet hat und dem man vielleicht abnehmen kann, wie es war, wie es ist und von dem aus man vielleicht weiterbauen kann." Viele biografische Kommentare über Gründgens anlässlich seines hundertsten Geburtstags heben genau diesen Punkt hervor. Seine Zusammenarbeit mit den Nazis sei gerechtfertigt gewesen, weil Gründgens auf dieser Grundlage eine gewisse künstlerische Tradition bewahren und retten konnte.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung spricht von Gründgens als von einem "Mitmacher, der nicht mitmachte" [d.h. bei den Verbrechen der Nazis]. Die Berliner Zeitung schreibt: "Gründgens hat das Theater nicht missbraucht, nicht in den Dienst ideologischen Terrors gestellt." Gründgens Apologeten führen auch an, dass er während seiner Intendanz am Staatstheater in der Lage war, einige jüdische und linke Gegner des Nationalsozialismus zu retten. Dieser Artikel macht sich zur Aufgabe, diese Fragen näher zu untersuchen und derartige Behauptungen in Frage zu stellen.

Wer war Gründgens?

Gründgens wurde 1899 als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren, dessen finanzielle Lage schon zur Zeit der Geburt seines ältesten Sohnes durch die Wirtschaftskrise unterhöhlt war, die Ende des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Gründgens wurde im Ersten Weltkrieg (infolge der Nachlässigkeit eines Mitsoldaten) verletzt und begann danach in einer Theatertruppe der Armee mitzuspielen. Bereits als junger Mann war Gründgens entschlossen, sich einen Namen zu machen. Mit 18 Jahren schrieb er eine Postkarte an einen Freund und wies diesen an, sie aufzubewahren, weil sie einmal wertvoll sein würde, wenn er berühmt wäre.

Nach der Auflösung des Heeres besuchte Gründgens eine Schauspielschule und begann nach einem Bühnenengagement zu suchen. Tatsächlich erlebte das deutsche Theater in den turbulenten Jahren der Weimarer Republik eine Blütezeit. Die Konkurrenz war scharf und Gründgens musste hart arbeiten, um bekannt zu werden. 1923 ging er an die Kammerspiele in Hamburg und spielte dann bis 1928 insgesamt mehr als siebzig Rollen

Nicht jeder war zur damaligen Zeit von Gründgens Schauspielkunst begeistert. Einer der scharfsichtigsten deutschen Kritiker, Herbert Jhering beschrieb Gründgens Auftritt in einer Revue mit den Worten: "Ein grober, undifferenzierter Schauspieler". Nicht ganz seinem eigenen Wunsch entsprechend wurde Gründgens mehr und mehr ausgewählt, um Schurkenrollen zu spielen, und berühmt dafür. Man sagt, er sei in der Rolle des Sadisten Otfried in Ferdinand Bruckners Die Verbrecher glänzend gewesen. Eine Zeit lang war er dazu verurteilt, Schufte, arrogante Snobs, soziale Aufsteiger und ebenso unsichere wie neurotische Typen zu spielen.

Bereits Mitte der zwanziger Jahre bewegte sich Gründgens in bekannten Künstler- und Intellektuellenkreisen. 1926 heiratete er Erika Mann, die Schauspielerin und Tochter Thomas Manns, und pflegte eine enge Freundschaft mit Erikas Bruder Klaus Mann.

Seine Biografen beschreiben Gründgens in den zwanziger Jahren als politisch der Linken zuneigend. In einer Pressenotiz von 1926 heißt es, dass Gründgens in Hamburg eine Reihe von Sketchen geplant habe unter dem Titel Revolutionäres Theater.Diese Stücke wurden jedoch niemals aufgeführt. In Mephisto beschreibt Klaus Mann, dass Gründgens (im Buch heißt er Hendrik Höfgen) mit Mitgliedern der Kommunistischen Partei befreundet war, die im Theater arbeiteten, und immer bereit war, auf dem Weg zur Probe die geballte Faust zum Gruß zu heben. Gleichzeitig machte er keinen Hehl aus seinem Abscheu vor den Nazis.

Aber er machte auch keinen Hehl aus seinem Ehrgeiz, es am Theater zu etwas zu bringen, vor allem wollte er auf den Berliner Bühnen bekannt werden. Seine Chance kam, als ihn Deutschlands berühmtester Regisseur Max Reinhardt einlud, nach Berlin zu kommen und in seinem Ensemble zu spielen. Unter Reinhardts Regie hatte er erstmals Gelegenheit, die Rolle zu spielen, mit der er immer mehr identifiziert werden sollte, den Mephistopheles in Goethes Faust. Die Premiere war 1932. Klaus Mann beschreibt in seinem Roman die politischen Spannungen der damaligen Zeit aus der Perspektive zweier junger Männer, eines Faschisten und eines Kommunisten:

"Der Tag ist nahe: schwärmerischer Gedanke, der Hans Miklas und Otto Ulrichs beherrscht, ausfüllt, begeistert wie Millionen andere junge Menschen. Auf welchen Tag aber wartet Hendrik Höfgen? Er wartet immer nur auf die neue Rolle. Seine große Rolle in der Saison 1932/1933 wird der Mephisto sein."

Gründgens befand sich außer Landes, als die Nationalsozialisten Anfang 1933 an die Macht kamen. Wir haben keine Möglichkeit herauszufinden, was ihm damals durch den Kopf ging. Wir wissen, dass er beunruhigt war, was seine Rückkehr nach Deutschland anging. Immerhin hatte er aus seinen Gefühlen, was die Nazis betraf, nie ein Geheimnis gemacht und er war klug genug zu wissen, dass Probleme auf ihn zukommen konnten, weil er trotz seiner kurzen Ehe als Homosexueller bekannt war. Klaus Mann, der Gründgens sehr gut kannte (einige sagen, er sei sogar sein Sexualpartner gewesen), spekuliert über Höfgens Bedenken, nach Deutschland zurückzukehren:

"Er gehörte keiner Partei an, er war kein Jude, also konnte ihm alles verziehen werden... ‚Ich bin ein blonder Rheinländer‘, trällerte Hendrik Höfgen, vom Sektgenuss wie vom Resultat seiner Überlegungen erleic