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Der Börsengang der Deutschen Post

Teil 1: Vom nationalen Monopolisten zum Global Player

Von Jörg Victor
14. November 2000

"Aufgepost..." - mit diesem locker-flockigen, gottschalkschen Slogan bewirbt die deutsche Post von Plakatwänden ihren Börsengang. In den im gleichen Stil gehaltenen Fernsehspots wird der globale Logistikmarkt als einer der Hauptwachstumsmärkte der Zukunft gepriesen und die Deutsche Post World Net (DPWN) - das globale Logistikunternehmen - als Schnittstelle zwischen E-Commerce und Mensch: "Sie machen ‚Klick‘, wir machen den Rest." Der lockere Ton dieser 100 Millionen Mark teuren Werbekampagne soll die weitreichenden Auswirkungen des Börsengangs sowohl auf die Postbeschäftigten als auch auf die Bevölkerung verschleiern.

Die Unternehmensleitung reagiert damit nicht nur auf die Liberalisierung der Postmärkte, sondern ist einer der Motoren, die diesen Prozess voran treiben. Die Tatsache, dass damit ein knapp 130-jähriges staatliches Monopol endgültig seinem Ende entgegen geht, findet keine Beachtung, hat jedoch selbst eine zehnjährige Geschichte: Bereits 1989 beschloss die damalige Bundesregierung per Postreform die Aufteilung des riesigen Monopolisten in Postbank, Postdienst und Telekom, wobei die beiden ersteren bereits wieder zusammengeschlossen sind. Als Ziel galt bereits damals die endgültige Überführung der Unternehmen aus Staatsbesitz in das Eigentum privater Investoren.

Vor dem Hintergrund einer stetig sinkenden Bedeutung der brieflichen Kommunikation im Zuge der Etablierung moderner Kommunikationsformen und eines steigenden Konkurrenzdrucks in Teilbereichen des Postmarktes durch international operierende Privatunternehmen wurden alle Weichen gestellt, die Post zu einem profitorientierten Privatunternehmen zu machen.

Bereits 1990 wurde Klaus Zumwinkel zum Vorstandvorsitzenden berufen. Der ehemalige McKinsey-Unternehmensberater hatte sich durch seine kurzfristige Sanierung des Quelle- Versandhauses, welches in die Verlustzone gerutscht war, für diese Aufgabe als bestens geeignet präsentiert. Er legte an das Staatsunternehmen den harten Maßstab der reinen Profitabilität. Sein vernichtendes Urteil lautete damals: Das Unternehmen mit seinen 380.000 Beschäftigten, ca. 20.000 eigenen Filialen und den annähernd 200 Brief- und Paketsortierzentren erwirtschafte bei einem Umsatz von 19 Milliarden DM einen Verlust von 1,4 Milliarden Mark. Durch Modernisierung und Rationalisierung sollte das Unternehmen profitabel gemacht werden, "fit" für die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Dieser Schritt wurde 1995 gemacht, wobei vorerst aber der Bund als alleiniger Aktionär knapp 50 Prozent der Aktien bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau parkte.

Um das "freie Spiel der Kräfte" zu erreichen, nahm im Januar 1998 die Regulierungsbehörde ihren Dienst auf. Ihre Aufgabe ist es zu verhindern, dass die Post ihre absolut marktbeherrschende Stellung gegen Konkurrenten einsetzt. In den zwei Jahren ihrer Tätigkeit hat sie bisher 735 Lizenzen an Privatunternehmen vergeben und ihnen dadurch erlaubt, auf dem Postmarkt in unterschiedlichster Form tätig zu werden. Allerdings sind nach einer Umfrage der Behörde unter den Unternehmen ca. 30 Prozent der Lizenznehmer nicht oder nicht mehr aktiv. 57 Unternehmen wurden durch Konkurs samt ihrer Arbeitsplätze liquidiert.

Außer im Bereich der Paketzustellung sind allerdings die Konkurrenten der Post World Net weiterhin Einschränkungen unterworfen, insbesondere gegenüber der Exklusivlizenz der DPWN für die Beförderung von Briefsendungen bis 200 Gramm. Es kann demnach nicht verwundern, dass die Post im gesamten Marktbereich immer noch einen Anteil von 98 Prozent innehat. Erst ab 2003 soll sie keine Exklusivrechte mehr haben und der gesamte nationale Markt liberalisiert sein. Dieser allein hat nach Berechnungen der Regulierungsbehörde insgesamt ein Volumen von 40 Milliarden DM. Doch das anvisierte Terrain der Deutsche Post World Net ist der sich immer stärker verflechtende Weltmarkt.

Nach Rationalisierung, Modernisierung und Arbeitsplatzabbau im großen Stil fuhr das Unternehmen 1999 bei einem Umsatz von 43 Milliarden Mark einen Gewinn von über 2 Milliarden DM ein, für das Jahr 2000 wurde diese Gewinnspanne bereits im ersten Halbjahr erreicht. Dieses Geld wie auch Erlöse aus dem Verkauf posteigener Immobilien wurden für den Zukauf von Unternehmen oder für Unternehmensbeteiligungen ausgegeben. Neben der Übernahme von Immobilien aus dem früheren Staatsunternehmen gewährte der Bund dem Unternehmen eine weitere "Starthilfe" in Form eines Schuldenerlasses in Höhe von 5 Mrd. DM.

Die Post investierte sowohl in Anteile mittelständischer Betriebe, wie den polnischen Paketzusteller Servisco (60-prozentige Mehrheitsbeteiligung), als auch in international operierende Firmen: die holländische Nedlloyd, das US-Luftfracht- und Logistikunternehmen Air Express International (Kaufpreis rund 2 Milliarden DM) oder den Schweizer Spediteur Danzas, der in 20 Monaten zum weltgrößten Speditionsunternehmen wuchs. Auch das britische Express- und Paketunternehmen Securior (Mehrheitsbeteiligung für 620 Millionen DM), das schwedische Logistik- und Transportunternehmen ASG (Mehrheitsbeteiligung für 731 Millionen DM) oder die zuletzt für geschätzte 887 Millionen Euro erwobenen 25,6 Prozent von DHL-Expressversand, an dem die Post nun die Aktienmehrheit besitzt, wurden allesamt Teil des weltumspannenden Unternehmens Deutsche Post. Dabei machen allein die Unternehmensstatistiken von DHL die von der Post angestrebte Rolle als Global Player deutlich: Das Unternehmen hat Niederlassungen in 228 Ländern, beschäftigt (noch) 64.000 Menschen und unterhält eine Transportflotte von 19.000 Fahrzeugen und 250 Flugzeugen.

Die deutsche Post hat in den vergangenen zehn Jahren fast 40 Unternehmen übernommen oder sich an ihnen beteiligt und dafür über 12 Milliarden Mark ausgegeben. Der Börsengang dient auch direkt zur Finanzierung dieser Expansion; so bekommen die Eigentümer der DHL-Aktien nur ein Drittel der Summe ausgezahlt, während die restlichen zwei Drittel in Form von Postaktien gezahlt werden sollen.

Ziel des Riesenunternehmens ist es, auf dem globalen Logistikmarkt die Organisation und Durchführung des Warenverkehrs für Großunternehmen anzubieten und Güter quer über den Erdball und doch sekundengenau an den Ort der Weiterverarbeitung zu transportieren - ganz wie es globale Integration der Produktion und "Just in time"-Verfahren gebieten.

Als erstes Unternehmen übertrug die deutsche Telekom der DPWN die gesamte Logistik, die französische Telekom folgte. Die ehemalige Bundespost stellt nun nicht nur die Telefonrechnungen für die beiden Unternehmen her und vertreibt sie - im Fall der deutschen Telekom - über ihr Zustellnetz, sondern sie hat auch die Organisation der Lagerhaltung, des Wareneinkaufs und Warenverkehrs und die Verwaltung des Fuhrparks übernommen.

Das Unternehmen, dass bereits das größte Logistikunternehmen Europas darstellte, als es noch als bundeseigene Schneckenpost bekannt war, hat sich durch die Expansion nun zum größten Logistik-Anbieter der Welt entwickelt und drängt verstärkt in andere, kontinentale wie nationale Märkte. Dabei wird von Politik und Post deren Exklusivlizenz als Druckmittel eingesetzt, um andere Regierungen - wie etwa die französische und britische - zu zügiger Liberalisierung ihrer heimischen Märkte zu zwingen.

Eine eigens von der Post in Auftrag gegebene Studie der Fraunhofer-Gesellschaft zählt den deutschen Postmarkt nach dem schwedischen und dem niederländischen zu den am stärksten liberalisierten Märkten Europas. Längst schon wird darüber diskutiert, das Monopol für Briefsendungen - das mit 90 Prozent den Löwenanteil der Unternehmensgewinne ausmacht; die DPWN macht pro Mark Briefporto elf Pfennig Reingewinn - über das Jahr 2002 hinaus zu verlängern. Den Konkurrenten, wie La Poste aus Frankreich oder TNT aus den Niederlanden, soll der Marktzugang solange erschwert werden, wie andere Staaten ihren Markt nicht für die deutsche Post öffnen.

Morgen: Teil 2 - Die sozialen Kosten des Börsengangs



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