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Der Börsengang der Deutschen Post

Teil 3: Die Liberalisierung und ihre Auswirkungen

Von Jörg Victor
16. November 2000

"Mittelfristig werden jedenfalls die Beschäftigungseffekte des Arbeitsplatzabbaus durch den Beschäftigungszuwachs bei den neuen Unternehmen ausgeglichen, wenn nicht überkompensiert." Diese von Klaus-Dieter Scheuerle, dem Präsidenten der Regulierungsbehörde aufgestellte Prognose ist in keiner Weise realisiert worden. Ganz im Gegenteil stehen den vernichteten 140.000 Arbeitsplätzen gerade einmal 16.000 durch andere Zustellfirmen geschaffene gegenüber.

Doch nicht nur diese Prognose der Regulierungsbehörde erscheint im Licht des just begonnenen Wettbewerbs bereits als hohle Schönfärberei: "Mit Wettbewerb ist den Interessen der Nutzer am besten gedient. Und auch das Ziel der Grundversorgung lässt sich am kostengünstigsten und am zuverlässigsten durch Wettbewerb sicherstellen", so der Präsident der Behörde im Januar 1998.

Die ehemalige Bundespost war per Gesetz zur Grundversorgung der Bevölkerung mit ihren Diensten verpflichtet. Neben der flächendeckenden Verfügbarkeit der Dienstleistungen mittels eines Netzes aus über 20.000 Postfilialen gehörte zu diesem Grundversorgungsauftrag die Einheitlichkeit des Portos. Auch der aus dem entlegensten Winkel abgeschickte Brief durfte nicht mehr kosten, als der aus der Großstadt versandte. Zudem musste das Porto für jeden erschwinglich bleiben. Dieser Grundversorgungsauftrag erscheint privatisierten Unternehmen zunehmend als Ballast. Es verwundert nicht, dass die DPWN zur Grundversorgung genötigt werden musste, in dem dieser Auftrag an die Exklusivlizenzen gekoppelt und die Überprüfung dieser Versorgung der Regulierungsbehörde übertragen wurde.

Doch bereits vor Ablauf der Exklusivlizenz begann die Post mit der systematischen Zerschlagung des flächendeckenden Angebots. Das Filialnetz wurde von über 20.000 auf 5.556 posteigene Einrichtungen zusammengestutzt. Um dem Anspruch der Grundversorgung noch zu genügen, die die Regulierungsbehörde bei rund 12.000 stationären Einrichtungen als gegeben ansieht, richtete die Post ca. 8.000 Agenturen ein, die in Schreibwarenläden (wie der posteigenen McPaper-Kette), Lebensmittelläden oder Ähnlichem installiert wurden.

Die Betreiber dieser Agenturen schließen mit der Post zeitlich befristete Verträge ab und werden in einem zweiwöchigen "Crashkurs" in ihre neue Arbeit eingewiesen. Allerdings beruht das Vergütungssystem der Post auf reiner Umsatzstärke. Rentabel wird eine Agentur erst dann, wenn sie sich in Ballungszentren mit kontinuierlich starkem Kundenstrom befindet.

Wie das ARD-Magazin Monitor in seiner Sendung vom 20. Juli dieses Jahres zeigte, gilt dies nicht für ländliche Gegenden. So kündigte ein Agenturbetreiber im oberbayrischen Übersee (5.000 Einwohner) seinen Agenturvertrag, weil er nicht davon leben konnte, was laut Monitor kein Einzelfall ist. Die Folge in Übersee wie anderswo ist die Zerstörung des Zugangs zu postalischen Leistungen. Neben der Stillegung unrentabler Bahnlinien und der Verteuerung von Telefonanschlüssen in unwirtschaftlichen Gegenden folgt mit der Beseitigung des Zugangs zu postalischen Dienstleistungen und der absehbaren Verteuerung des Porto die fortschreitende Unterordnung jedes Gesellschaftsbereiches unter das Profitstreben.

Das Ende der Exklusivlizenz wird wegen des parallelen Abschieds vom Grundversorgungsauftrag diesen Prozess weiter beschleunigen. Die zu erwartenden sinkenden Gewinne aus dem Briefgeschäft nach dem Ende der Exklusivlizenz werden zwangsläufig fallende Aktienkurse hervorrufen, wenn sie nicht durch weitere Einschnitte in die Grundversorgung sowie durch steigende Arbeitsbelastungen der Belegschaft ausgeglichen werden.

Die Liberalisierung des Postmarkts wird aber auch die bisherigen Qualitätsstandards für die Zustellung deutlich senken. Schon heute entwickelt sich der Stammzusteller, der jeden Bewohner seines Bezirk persönlich kennt und so Fehler auffängt, zur Seltenheit. Die Zustellunternehmen gleich welcher Couleur setzen verstärkt auf sogenannte "Turnschuhbrigaden", die zum Teil täglich wechselnde Einsatzbezirke zugewiesen bekommen. Die mittelständischen Konkurrenzunternehmen haben wegen des Fehlens eines kontinuierlichen Sendungsaufkommens praktisch auch keine andere Wahl, da Auftraggeber und Zustellbereich dauernd wechseln.

Weiterhin fehlen den meist auf eine Stadt oder gar ausschließlich auf das Stadtzentrum beschränkten Unternehmen die Mittel, um eine der Post vergleichbare Fehlerbearbeitungs- und Nachsendelogistik aufzubauen. Sollte sich diese für die DPWN nicht als Wettbewerbsvorteil herausstellen, so wird das kostenlose Nachsenden der Post an den neuen Wohnort bald ebenso der Vergangenheit angehören, wie die trotz fehlender Hausnummer oder Postleitzahl angekommenen Urlaubsgrüße.

Die Verschwendung gesellschaftlicher Ressourcen - bei gesteigerten Profiten - wird gänzlich offensichtlich, wenn die mit der Post konkurrierenden Unternehmen in der Stadt, in der sie aktiv sind, eine eigene beschränkte Logistik aufbauen. Alle Unternehmen, jedes mit eigenen Briefkästen, eigenen Unternehmensbekleidungen, eigenen Fahrzeugen und eigenen Briefmarken, werden nacheinander ihre Zusteller - womöglich im Unternehmens-PKW - durch einen Stadtteil schicken. Die in Berlin ansässige PIN AG kündigte unlängst an, in der Hauptstadt mit dem Aufstellen eigener blauer Briefkästen zu beginnen und eigene Briefmarken (Motiv: Brandenburger Tor) auszugeben.

In der Logik dieser Entwicklung liegt, dass der Postmann künftig nicht zweimal klingelt, sondern viermal, sechsmal ...

Siehe auch:
Der Börsengang der deutschen Post - Teil 1
(14. November 2000)
Der Börsengang der deutschen Post - Teil 2
( 15. November 2000)

 

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