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Zu dem Artikel "Gregor Gysi entdeckt die Nation"

Hände weg von Goethe!

18. Oktober 2000

Sehr geehrter Herausgeber,

Gregor Gysis Aufruf an die politische Linke, den Begriff der Nation vor den Rechten zu retten, zeigt, dass er zumindest eines auf den Knien seines Vaters gründlich gelernt hat: wie man das reiche kulturelle Erbe Deutschlands missbrauchen und verzerren kann, um reaktionäre Rezepte zu fördern. Gregors Vater Klaus beteiligte sich bekanntlich als Kulturminister der DDR an der Kampagne, die beweisen sollte, dass die Ostdeutschen die besseren Patrioten waren als diejenigen, die westlich der Mauer wohnten. Vor allem die Anrufung Goethes in Gysis jüngstem Zeitungsinterview ist vollkommen fehl am Platz.

Goethe war sich, nachdem er mehr als die Hälfte seines Erwachsenenlebens aktiv in politischen Ämtern zugebracht hatte, sehr bewusst über die Bedeutung des Kampfs für eine deutsche Nation zur Überwindung der halbfeudalen Rückständigkeit und des kulturellen Verfalls um die Wende zum 19. Jahrhundert. Gleichzeitig hatte er als reifer Mann mit reichem Erfahrungsschatz schlimme Befürchtungen, was die Errichtung einer deutschen Nation anging. In einer Diskussion mit Heinrich Luden, einem Philosophieprofessor aus Jena drückte er 1813 seine Vorbehalte gegenüber dessen Plan, ein neues politisches Magazin herauszubringen, aus. Nachdem er seine Sympathie für die Ideale von Freiheit, Volk und Vaterland betont hatte, fuhr Goethe fort:

"Ich habe oft einen bitteren Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das teutsche Volk, das so achtbar im Einzelnen und so miserabel im Ganzen ist. Eine Vergleichung des teutschen Volkes mit anderen Völkern erregt uns peinliche Gefühle, über welche ich auf jegliche Weise hinweg zu kommen suche; und in der Wissenschaft und in der Kunst habe ich die Schwingen gefunden, durch welche man sich darüber hinweg zu heben vermag: denn Wissenschaft und Kunst gehören der Welt an, und vor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität..." (Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke, Deutscher Klassiker Verlag, S. 288-89)

In Übereinstimmung mit den besten Repräsentanten des kulturellen Aufbruchs, der mit der französischen Revolution einherging, bezog Goethe seine Stärke und Universalität aus der leidenschaftlichen Umarmung der europäischen und der Weltliteratur ... und erklärte 1827: "Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit."

Nachdem Gysi im Verlauf der offiziellen Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der deutschen Einheit versucht hatte, sich als Anwalt der Interessen der deutschen Nation aufzuspielen, kommt seine gegenwärtige Kampagne für die "Nation" nicht ganz unerwartet. Dass er sich dabei aber auf Goethe beruft, ist ganz und gar unangemessen.

Mit freundlichen Grüßen, S.L.

Siehe auch:
Gregor Gysi entdeckt die Nation
(13. Oktober 2000)

 

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