www.wsws.org/de/2001/jun2001/kerr-j02.shtml
Das World Socialist Web Site und die Socialist Equality Party befürworten eine breit angelegte Kampagne für die Absetzung des neuen Präsidenten der New School University in New York City, Robert Kerrey. Der ehemalige Senator, der auch Mitglied der Demokratischen Partei ist, hat seine Beteiligung an einem Blutbad während des Vietnamkriegs zugegeben. Ein Kriegsverbrecher steht an der Spitze einer amerikanischen Universität. Wir rufen alle Studenten, Fakultätsangehörigen und arbeitenden Menschen in New York und im ganzen Land auf, dieser politischen Ungeheuerlichkeit ein Ende zu bereiten.
Die Entscheidung des Kuratoriums, Kerrey in seinem Amt an der New School - einer renommierten Einrichtung mit einer großen geistigen Tradition - zu belassen, ist eine politische und moralische Provokation. Kerreys Anwesenheit stellt eine Beleidigung der Millionen Opfer dar, die in diesem imperialistischen Krieg getötet oder verletzt wurden: der Vietnamesen, die der zehnjährigen Aggression der USA zum Opfer fielen, und der Zehntausenden amerikanischen Arbeiterjugendlichen, die zum Kämpfen und Sterben in die Dschungel Südostasiens geschickt wurden.
Die Kontroverse um Kerrey beinhaltet wichtige Fragen, die über sein persönliches Schicksal hinausgehen. Zum Einen sind das politische und akademische Establishment sowie die Medien bemüht, einen Krieg reinzuwaschen und für "ehrenhaft" zu erklären, der zu den schändlichsten und reaktionärsten Kapiteln der amerikanischen Geschichte gehört. Die Macher der öffentlichen Meinung betreiben eine Kampagne zur Geschichtsfälschung, wie man sie bislang nur von totalitären Regimes kannte.
Der Angriff auf Vietnam war ein nicht erklärter Krieg, der hinter dem Rücken der amerikanischen Bevölkerung losgetreten wurde. Als Vorwand diente eine Provokation im Golf von Tonkin, die 1964 von der amerikanischen Flotte inszeniert wurde. Eine ganze Generation wuchs vor dem Hintergrund dieses illegalen und moralisch nicht vertretbaren Konflikts heran. Der Vietnamkrieg radikalisierte Millionen Menschen und entlarvte das Trugbild der amerikanischen "Demokratie". Er diskreditierte die Demokratische Partei und strafte den Liberalismus Lügen, der im Kalten Krieg zur Schau getragen wurde.
Es gab gute Gründe für die Massenopposition, die die Regierungen Johnson und Nixon zu Fall brachte. Das amerikanische Militär stand kurz vor dem Einsatz von Nuklearwaffen. Ein kleines, unterentwickeltes Land wurde dem geballten Vernichtungsarsenal der USA ausgesetzt. Drei Millionen Vietnamesen wurden von amerikanischen Soldaten getötet. Noch 1985 galt ein Drittel des Landes infolge des Einsatzes von Entlaubungsgiften als nicht nutzbar. Die USA warfen mehr Bomben auf Vietnam ab, als während des Zweiten Weltkriegs insgesamt auf Europa, Asien und Afrika niedergingen.
Man muss sich nur die Namen, Bezeichnungen und Redewendungen ins Gedächtnis rufen, die mit diesem Krieg verbunden waren: Napalm, My Lai, "search and destroy", Agent Orange, Leichenzählung, "wir mussten das Dorf zerstören, um es retten", und viele mehr. Sie gingen ebenso in das zeitgenössische Bewusstsein ein wie der "Blitzkrieg" in das Denken früherer Generationen.
Die Verteidigung Kerreys und der Versuch, den Vietnamkrieg zu legitimieren, betreffen nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern auch die Zukunft. Sie sind Bestandteil der Vorbereitung neuer Verbrechen des amerikanischen Kapitalismus - Verbrechen, die sich bereits im Planungsstadium befinden.
Während der vergangenen zehn Jahre haben die USA in Irak, Somalia, auf dem Balkan und in weiteren Ländern interveniert. Bei jeder militärischen Aktion hackten die Medien auf der Notwendigkeit herum, das "Vietnamsyndrom" zu überwinden. Die Politiker des Big Business sollen ihre Furcht vor den Folgen der Rückkehr gefallener Söhne in Leichensäcken ablegen. Die amerikanische Bevölkerung soll an Gewalt und Brutalität im Ausland und im Inland gewöhnt werden.
Die Haltung des politischen Establishments gegenüber der Vergangenheit lässt seine Zukunftsvision erahnen. Wohin geht Amerika? Eine Elite, die einen Kriegsverbrecher an der Spitze einer der renommiertesten höheren Bildungseinrichtungen duldet, wird vor nichts Halt machen, auch nicht vor dem Einsatz von Atomwaffen.
Die Tatsachen und die offizielle Reaktion
Welche Tatsachen sind in Bezug auf Kerreys Taten in Vietnam ans Tageslicht gekommen?
Kerrey hat zugegeben, dass er am 25. Februar 1965 gemeinsam mit sechs Untergebenen etwa 21 Frauen, Kinder und ältere Männer im Dorf Thanh Phong getötet hat. Die Razzia gegen das Dorf war Bestandteil der Operation Phoenix, eines von der CIA organisierten Programms, in dessen Rahmen in den Jahren 1967 bis 1969 Hunderttausende gefoltert und 20.000 Menschen ermordet wurden.
Nach Angaben eines Mitglieds von Kerreys Truppe, Gerhard Klann, wurden die Dorfbewohner zusammengetrieben, nachdem das Dorf erobert worden war, und aus nächster Nähe massakriert. Douglas Valentine stellt auf der Website Counterpunch folgende sorgfältig belegte Behauptung auf: "Kerrey war im Auftrag der CIA tätig, und seine Mission bestand eben darin, diese Frauen und Kinder umzubringen", und zwar im Rahmen einer umfassenderen Strategie, mit der die Anhänger der Nationalen Befreiungsfront (Vietcong) terrorisiert und eingeschüchtert werden sollten.
Wie fiel die Reaktion aus?
Die rechten und liberalen Medien eilten Kerrey zu Hilfe, entschuldigten sein Verhalten und versuchten die Kontroverse abzuwürgen. Die Leitartikler des Wall Street Journal und ihresgleichen möchten, dass Kerreys Mordtaten legitimiert und gerechtfertigt werden. Ihrer Ansicht nach sollte die "Zimperlichkeit" der amerikanischen politischen Führung ein Ende haben. Die verbrauchten Liberalen und Ex-Liberalen, deren Ansichten auf den Seiten der New York Times und der Washington Post zum Ausdruck kommen, zucken entweder mit den Achseln und murmeln: "Weshalb macht man darum so ein Theater?", oder sie interpretieren Kerreys Taten als einen weiteren Beweis für die allgemeine Infamie des Menschen. Solche Leute stellen sich bereits auf die Hinnahme neuer Verbrechen ein.
Das Kuratorium der New School, das sich nicht einmal zu einer Untersuchung der Vorwürfe veranlasst sah, stellte sich uneingeschränkt hinter Kerrey. Die eilige Solidarisierung mit Kerrey bezeugt den erbärmlichen politischen und moralischen Zustand dieser Kreise.
Dieser Skandal darf nicht geduldet werden.
Hannah Arendt, die bis zu ihrem Tode den Lehrstuhl für politische Philosophie an der New School University innehatte, prägte in ihrem berühmten Bericht "Eichmann in Jerusalem" den Begriff der "Banalität des Bösen". Eichmann, der persönlich für die Deportation und Vernichtung der europäischen Juden verantwortlich war, sei kein Ungeheuer gewesen, schrieb Arendt. Er war "schrecklich und erschreckend normal".
Doch sein Verbrechen war von ungeheurem Ausmaß. "Keinem Angehörigen des Menschengeschlechts kann zugemutet werden", so Arendt, "mit denen, die solches wollen und in die Tat umsetzen, die Erde zusammen zu bewohnen."
Kerrey, der ein weitaus kleineres, aber dennoch abscheuliches Verbrechen begangen hat, ist eine nicht weniger banale Figur. Die Studenten und Fakultätsmitglieder der New School University müssen kein Strafmaß festlegen. Diese Aufgabe fällt anderen zu. Doch die Angehörigen der New School haben durchaus die politische und moralische Verpflichtung zu sagen: "Wir möchten diese Einrichtung nicht mit Ihnen zusammen bewohnen."
Die Verteidigung Kerreys von Seiten des politischen Establishments ist kein Ausdruck der Stärke der amerikanischen herrschenden Klasse, sondern Ausdruck ihrer Degeneration.
Immer wieder - während des Impeachment-Skandals, während der Krise um die Wahlen 2000 - hat sich gezeigt, dass die Medien, weit entfernt, die Wahrheit zu berichten oder das Empfinden der Bevölkerung zum Ausdruck zu bringen, die öffentliche Meinung im Dienste des Big Business manipulieren. Die von großen Konzernen kontrollierten Medien und das von ihnen verteidigte Establishment sind diskreditiert und isoliert. Jetzt versuchen sie so zu tun, als stehe die Öffentlichkeit den Verbrechen des Vietnamkriegs gleichgültig gegenüber. "Das kümmert keinen", heißt es, als ob ein derart furchtbares und traumatisches Ereignis durch Propaganda aus der Welt geschafft werden könne.
Wir weisen die Rechtfertigungen für Kerrey und für die Gräueltaten des US-Imperialismus in Vietnam zurück. Wer diese Verbrechen leichtfertig abtut, stellt nicht nur seine eigene Feigheit und Skrupellosigkeit, sondern auch seine Entfremdung von der einfachen Bevölkerung unter Beweis. Die offizielle Verteidigung Kerreys ist Ausdruck des unversöhnlichen Konflikts zwischen den Interessen der Elite aus Politik und Unternehmen auf der einen Seite und den Wünschen und Bestrebungen der arbeitenden Bevölkerung auf der anderen.
Der Kampf für die Absetzung Kerreys muss sich auf einen direkten Appell an die arbeitende Bevölkerung in New York und im ganzen Land gründen. In den kommenden Wochen und Monaten sollte die Opposition gegen seine Präsidentschaft an der New School aufgebaut werden. Im Zentrum dieser Kampagne sollte die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Geschichte und die Lehren der Vietnam-Tragödie stehen.
Bei diesem Kampf geht es im Wesentlichen um die historische Wahrheit. Die Studenten, die Fakultätsmitglieder und die Öffentlichkeit der Arbeiterklasse dürfen nicht zulassen, dass diese schreckliche Episode der amerikanischen Geschichte unter den Teppich gefegt wird. Eine vollständige und aufrichtige Einschätzung der amerikanischen Rolle in Vietnam - sowie der amerikanischen Geschichte und der Weltgeschichte insgesamt - bildet eine unverzichtbare Voraussetzung für die Entwicklung eines politischen Kampfes gegen Militarismus, gegen Ungleichheit und gegen das Ausbeutungssystem, das diese Übel hervorbringt. Nicht einfach Kerrey als individueller Täter, sondern der amerikanische Kapitalismus und die herrschende Elite in den USA, die den Vietnamkrieg zu verantworten hat und weitere Tragödien vorbereitet, sollten im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.
Nur der Versuch, die öffentliche Meinung zu mobilisieren, wird deren wirklichen Zustand ans Licht bringen. Das World Socialist Web Site und die Socialist Equality Party werden alles in ihren Kräften Stehende tun, um diesen Kampf voran zu bringen und zu unterstützen.