Am Montag Abend den 28. April schossen US-Soldaten in der irakischen Stadt Falludscha auf eine Demonstration von Studenten und Jugendlichen. Dabei wurden dreizehn Iraker getötet und 75 verwundet, was eine Welle von Wut und Erbitterung auslöste. Den ganzen Dienstag über demonstrierten Tausende in dieser Stadt, trugen die Särge der Toten mit sich, klagten die USA an und forderten den Rückzug der amerikanischen Truppen.
Wie Einwohner von Falludscha berichteten, war die Demonstration ein spontaner Ausdruck des Widerstands von Schülern gegen die Übernahme einer städtischen Schule durch die US-Armee. Eine Kompanie von 150 amerikanischen Soldaten von der 82. Luftlandetruppe hatte die Schule am Wochenende besetzt und in einen Stützpunkt für ihre regionalen Operationen verwandelt. Tag und Nacht fuhren Militärfahrzeuge hinein und heraus, und US-Soldaten stellten Posten in Anliegerstraßen und auf dem Dach des Gebäudes auf. Außerdem wurde die allgemeine Empörung noch durch Gerüchte geschürt, dass die amerikanischen Soldaten ihre Feldstecher und Nachtsichtgeräte dazu benutzten, um die Frauen in der Nachbarschaft zu beobachten.
Laut einem Bericht von Associated Press versammelten sich 200 bis 300 Jugendliche nach den Abendgebeten und marschierten zur Schule, um die Räumung des Gebäudes zu verlangen, weil am folgenden Tag der Unterricht wieder beginnen sollte. Anwohner erklärten, es habe sich durchwegs um unbewaffnete Jugendliche zwischen fünf und zwanzig Jahren gehandelt.
Ein 18-Jähriger, der bei dem Zwischenfall verwundet wurde, erklärte gegenüber Associated Press, die US-Soldaten "warteten, bis wir ganz herangekommen waren, und dann eröffneten sie das Feuer". Amerikanische Soldaten bestätigten der Presse, dass sie zu schießen begonnen hatten, als die Demonstranten auf rund drei Meter an ihre Stellungen herangekommen waren. Die geringe Schussweite trug zu der hohen Zahl von Toten und Verwundeten bei. Mindestens drei der Getöteten waren Kinder unter zehn Jahren.
Ahmed Karim, ein 21-jähriger Verletzter, erklärte dem britischen Independent : "Wir riefen: Es gibt keinen Gott außer Allah’. Wir kamen zum Schulgebäude und hofften, mit den Soldaten sprechen zu können, als sie plötzlich begannen, auf uns zu schießen. Ich glaube, sie wussten, dass wir unbewaffnet waren, aber sie wollten uns ihre Macht demonstrieren, um uns von Protestaktionen abzuhalten."
Anwohner in der unmittelbaren Nachbarschaft bestätigten der Presse, die US-Soldaten hätten wahllos in die Menge geschossen. Edtesam Shamsudeim und ihr Mann wurden beide in ihrem Haus verletzt. Sie berichtete Associated Press: "Wir saßen in unserm Haus. Als die Schießerei begann, versuchte mein Mann, die Kinder hereinzuholen und die Türe zu schließen, da wurde auf ihn geschossen. Die Amerikaner sind Verbrecher." Ihr Bruder wurde bei der Demonstration getötet.
Andere beschuldigten die US-Soldaten, sie hätten drei Stunden lang nicht aufgehört, auf alles zu schießen, was sich vor ihnen bewegte. Jassim Awad, dessen 15-jähriger Bruder verwundet wurde, sagte der New York Times : "Ich brauchte drei Stunden, um ihn da herauszuholen. Ich trug sogar eine weiße Fahne, so dass sie wissen mussten, dass wir nur unsere Toten und Verletzten bergen wollten, und sie sagten bloß: Nein, Nein, Nein!" Ärzte eines örtlichen Krankenhauses sagten, ihre Ambulanzteams seien ebenfalls beschossen und daran gehindert worden, die Verletzten zu bergen.
Die Version der US-Streitkräfte lautet, dass die Menschen in der Menge AK-47-Gewehre gehabt, und dass sie in die Luft und auf die Schule geschossen hätten. Washington behauptete, US-Soldaten schössen nur auf Menschen, die Waffen trügen. Das US-Zentralkommando erklärte: "Die Einheit übte das ihr zustehende Recht auf Selbstverteidigung aus und erwiderte das Feuer."
Im Gegensatz zu den Behauptungen der Amerikaner berichtete der Korrespondent des britischen Independent, Phil Reeves, am 29. April: "Es sind jedoch an der Vorderseite des Schulgebäudes keine Einschlagslöcher oder andere Hinweise auf ein Feuergefecht zu erkennen. Auf dem Platz sind keine Spuren. Im Gegensatz dazu sind die gegenüberliegenden Häuser - mit den Hausnummern 5, 7, 9 und 13 - mit Löchern von Maschinengewehrfeuer übersät, das handgroße Betonstücke herausschlug und so Löcher von der Tiefe einer Kugelschreiberlänge hinterließ. Auf die Frage, wie das Fehlen der Einschlagslöcher zu erklären sei, sagte Oberstleutnant Nantz, das irakische Feuer sei über die Köpfe der Soldaten hinweggegangen. Man zeigte uns zwei Einschlagslöcher in einem oberen Fenster und ein paar Spuren an einer Wand, aber die waren auf einer andern Seite des Schulgebäudes."
Associated Press berichtete ebenfalls, es gebe keine Schießspuren an der Schule.
Eine brutale Besetzung
Die Einzelheiten des Zwischenfalls weisen stark auf eine Panikreaktion auf Seiten der amerikanischen Soldaten und deren Vertuschung durch ihre Vorgesetzten hin. In dem Versuch, Spannungen abzubauen, sind die für die Schießerei verantwortlichen Soldaten nicht nur aus der Schule, sondern auch aus der Stadt abgezogen worden. Offensichtlich wurde eine Untersuchung angeordnet.
Was immer eine solche Untersuchung auch zutage fördern mag, so ist dieses Massaker doch das unvermeidliche Ergebnis der von der Bush-Regierung gewollten räuberischen und illegalen US-Invasion. Ähnliche Gemetzel werden immer und immer wieder stattfinden, bis die US-Streitkräfte schließlich aus dem Irak abgezogen werden.
Fast exakt zur gleichen Zeit, als in den Straßen von Falludscha irakische Jugendliche getötet wurden, stand George Bush vor irakischen Emigranten in Dearborn, Michigan, und sagte zu ihnen: "Wenn der Frieden im Irak Einzug hält, wird das irakische Volk seine eigenen Führer und seine eigene Regierung wählen. Amerika hat nicht die Absicht, ihm unsere Regierungsform oder unsere Kultur aufzuzwingen. Wir werden jedoch sicherstellen, dass alle Iraker eine Stimme in der neuen Regierung haben und die Rechte aller Bürger gewahrt werden."
Das gerade Gegenteil ist der Fall. Die Vereinigten Staaten sind im Irak, um ein Marionettenregime einzusetzen. Washingtons Ziel ist die Schaffung eines Klientenstaates in Bagdad, der zu einer Plünderung der Reichtümer des Landes durch amerikanische Konzerne Ja und Amen sagen und das Feigenblatt der Legitimität für eine ständige US-Militärpräsenz darstellen wird. Das irakische Volk - das nicht von Marionetten von Washingtons Gnaden beherrscht werden will - wird zu der ganzen Sache nicht befragt.
Diese politische Realität bestimmt sowohl die Haltung der Iraker zu den amerikanischen Truppen als auch das Verhalten des amerikanischen Militärs gegenüber der Zivilbevölkerung. Im ganzen Land hat die US-Invasion zu einer brutalen Unterdrückungs- und Einschüchterungskampagne geführt.
In der Stadt Mosul, wo Marines am 15. und 16. April Iraker niederschossen, die gegen die USA demonstrierten, marschierte am 23. April die 101. Luftlandedivision in die Stadt ein, um den Widerstand der Bevölkerung zu ersticken. In einem Bericht darüber schrieb die Washington Post : "US-Panzer fuhren durch Mosul’s Straßen, AH-64-Apache-Kampfhubschrauber kreisten in der Luft und Soldaten schritten mit dem Finger am Abzug ihrer Maschinengewehre die Gehsteige ab. Zwei Kompanien Soldaten besetzten den Amtssitz des Gouverneurs, das Symbol der örtlichen politischen Macht, das US-Streitkräfte erst letzte Woche geräumt hatten, nachdem sie wiederholt angegriffen worden waren."
Ein Oberst der Spezialtruppe, Robert Waltemeyer, brachte die Mentalität der US-Soldaten auf den Punkt, die nun seit über einem Monat mit der Feindschaft der irakischen Bevölkerung konfrontiert sind, und sagte der Washington Post : "Das Volk von Mosul merkt gar nicht, dass es einen Krieg verloren hat. Es setzt seinen passiven Widerstand fort. Starke Militärmacht von Gewehren und Soldaten wird die Bevölkerung von der Entschlossenheit der USA überzeugen."
In einem besonders grausamen Zwischenfall in Bagdad zwangen US-Soldaten vier verdächtigte Plünderer mit vorgehaltener Waffe, sich nackt auszuziehen, malten in arabischer Sprache "Dieb" auf ihren Körper und trieben sie durch die Straßen. Amnesty International verurteilte diese barbarische Bestrafung als einen Bruch der in der Genfer Konvention festgelegten Bestimmungen über die Behandlung von Gefangenen.
Die Beleidigung provozierte mehrere Demonstrationen, darunter eine vor dem Hotel Palestine im Zentrum der Stadt. Ein Demonstrant sagte der Presse: "Dies ist eine abscheuliche Art, Menschen zu behandeln, ohne sie vor Gericht zu stellen. Wie können wir wissen, ob diese Menschen Diebe waren? Selbst wenn sie es waren, ist dies keine Art, sie zu behandeln. Wenn das die amerikanische Demokratie ist, können sie sie behalten. Es ist nur eine andere Art und Weise, die Menschen niederzuhalten. Ich glaube, das wird noch großen Ärger verursachen."
Einer der jungen Männer, die von den amerikanischen Soldaten so erniedrigt worden waren, erklärte: "Jetzt beschaffe ich mir eine Handgranate und werfe sie auf die Soldaten. Ich hasse sie dafür."
