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an die Redaktion
Eine juristische Farce: Anklageerhebung gegen Saddam Hussein
Von Peter Symonds
26. Juli 2005
aus dem Englischen (20. Juli 2005)
Mit der am 17. Juli erfolgten Ankündigung, die ersten
Anklagepunkte gegen den abgesetzten irakischen Präsidenten Saddam
Hussein zu erheben, werden die Vorbereitungen für einen
Schauprozess später im Jahr getroffen. Angesichts der erbitterten
Feindschaft und dem bewaffneten Widerstand, mit denen die
Bevölkerung den amerikanischen Behörden und dem
Marionetten-Regime unter Premierminister Ibrahim al-Dschafari
entgegentritt, wollen diese Hussein vor Gericht stellen, um die
Opposition einschüchtern und Unterstützung unter den Schiiten
und Kurden zu gewinnen, die unter der Baath-Diktatur am meisten
gelitten haben.
Die politische Absicht ist so deutlich, dass die New York Times
berichtete: "Die Justizbeamten sagten, es sei ganz offen gewaltiger
politischer Druck ausgeübt worden. Einige Regierungsvertreter
hätten darauf bestanden, Hussein noch vor den für Dezember
geplanten Wahlen vor Gericht zu stellen, in denen die Iraker eine
Regierung für eine volle fünfjährige Amtszeit
wählen werden. Ihre Vermutung laute, so die Justizbeamten, dass
eine detaillierte Ausbreitung der Gräueltaten Husseins vor Gericht
die öffentliche Unterstützung für die schiitischen und
kurdischen Führer konsolidieren und die sunnitisch-arabischen
Hardliner isolieren werde."
Raeed Juhi, der 35-jährige Richter, der für diese Aufgabe
eigens ausgewählt wurde, erklärte den Medien, Hussein werde
wegen des Massakers an über 150 Menschen in dem schiitischen Dorf
Dujail im Jahr 1982 angeklagt. Juhi ist der leitende
Untersuchungsrichter des irakischen Sondertribunals, das im Dezember
2003 von den US-Besatzungskräften eingerichtet wurde, nachdem der
ehemalige irakische Präsident gefasst worden war. Wird Hussein
schuldig gesprochen, droht ihm die Todesstrafe.
Es ist kein Zufall, dass die Wahl gerade auf das wenig bekannte
Dujail-Massaker fiel. Das Dorf, das etwa 80 km nördlich von Bagdad
liegt, ist eine kleine schiitische Enklave in einer überwiegend
sunnitischen Gegend und gilt seit langem als Hochburg von Dschafaris
eigener islamisch-fundamentalistischer Dawa-Partei. Am 8. Juli 1982
versuchten Heckenschützen, die dieser Partei angehören,
Hussein durch Schüsse auf seine vorbeifahrende Autokolonne zu
töten.
Das Hussein-Regime ging drakonisch gegen Dujail vor, um die
schiitische Bevölkerung und die Dawa-Partei einzuschüchtern,
die schon mehrere regierungsfeindliche Guerillaangriffe verübt
hatte. Innerhalb weniger Stunden nach dem Attentatsversuch beschossen
Hubschrauber das Dorf, und Hunderte Dorfbewohner - Männer, Frauen
und Kinder - wurden zusammengetrieben. Viele Häuser wurden
zerstört und ein großer Teil des bebauten Landes und der
Obstgärten, die zum Dorf gehörten, wurden mit
Raupenfahrzeugen planiert.
Etwa 1.500 Dorfbewohner wurden jahrelang unter schrecklichen
Bedingungen im Gefängnis Nugra as-Salman, einem von den Briten
erbauten Fort in der Nähe der saudi-arabischen Grenze, gefangen
gehalten. Über 140 Männer und Jungen, einige nicht älter
als 13 Jahre, wurden vor Gericht gestellt, regierungsfeindlicher
Verbrechen für schuldig befunden und hingerichtet. Husseins
Halbbruder und ehemalige Geheimdienstchef Barzan Tikriti, der ehemalige
Vizepräsident Taha Jassin Ramadan und der ehemalige Oberrichter
Awad Haman Bander Sadun, der im Dujail-Prozess den Vorsitz hatte,
werden zur Zeit ebenfalls wegen dieses Ereignisses angeklagt.
Dschafari und die Dawa-Partei haben darauf gedrängt, wegen des
Dujail-Massakers Anklage zu erheben, und hoffen daraus politisch zu
profitieren, aber ohne Zustimmung der Bush-Regierung käme der Fall
nicht vor Gericht. Während Juhi dem Namen nach für das
Verfahren verantwortlich zeichnet, hat Washington zweifellos das Sagen.
Das US-Justizministerium trägt die Kosten für das irakische
Sondergericht, und ein großes Team von amerikanischen
Rechtsanwälten und Untersuchungsrichtern, das Verbindungsbüro
für Regierungsverbrechen (Regime Crimes Liaison Office) mit Sitz
in der amerikanischen Botschaft, "assistieren" dem Tribunal. Der Chef
des Verbindungsbüros, Greg Kehoe, wurde von der Bush-Regierung
ernannt.
Vom Standpunkt der Bush-Regierung aus gesehen, ist ein Strafprozess
wegen des Dujail-Massakers politisch wohl weniger gefährlich, als
manch andere Anklage. Es werden auch Prozesse gegen Hussein
vorbereitet, die die "ethnischen Säuberungen" an den Kurden in den
späten 1980er Jahren, den Einsatz von Chemiegas gegen das
kurdische Dorf Halabja 1988 und die Niederschlagung der schiitischen
und kurdischen Aufstände von 1991 betreffen. Die iranische
Regierung forderte diese Woche, Hussein auch wegen des
Iran-Irak-Krieges anzuklagen. Aber in all diese Verbrechen sind
hochrangige US-Vertreter - frühere und heutige - tief verwickelt.
Die meisten Anklagen, die das Tribunal gegen Hussein vorbereitet,
betreffen Taten, die sein Regime während der Zeit verübte,
als es wachsende Unterstützung von Seiten der US-Regierung
erhielt. Die Verbindungen Washingtons zu Saddam Hussein verbesserten
sich im gleichen Maß, wie Hussein selbst Ende der siebziger und
Anfang der achtziger Jahre nach rechts ging. Kennzeichen dieser
Rechtsentwicklung waren Angriffe auf linke Kräfte im Irak und 1979
die Vertreibung der irakischen kommunistischen Partei aus allen
Regierungspositionen sowie die anschließende blutige Repression
gegen KP-Mitglieder.
Die Bush-Regierung weiß, dass Hussein - wie schon der
ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic - seinen
Prozess dazu nutzen könnte, die USA in Verlegenheit zu bringen. Er
ist zum Beispiel bestens mit den zwei Besuchen des damaligen
Sondergesandten des Präsidenten, Donald Rumsfeld, in Bagdad
vertraut, die in den Jahren 1983 und 1984 die Verbindungen der USA zur
Diktatur trotz des Chemiewaffeneinsatzes durch den Irak fester
knüpften sollten. Genauso gut weiß er um die
militärische Unterstützung, die die USA dem Irak während
des Kriegs gegen den Iran gewährte, und kennt detailliert die
amerikanischen und europäischen Unternehmen, die zum irakischen
Chemie- und Bio-Waffenprogramm beigetragen haben. Dieses politische
Minenfeld ist einer der Gründe, warum Washington darauf bestand,
den Prozess unter seiner engen Kontrolle in Bagdad stattfinden zu
lassen, statt ihn an den internationalen Strafgerichtshof in Den Hag
abzugeben.
Der heuchlerische Charakter des gesamten Prozesses wird noch dadurch
unterstrichen, dass der irakische Justizminister Abdel Hussein Shandal
letzten Monat angab, US-Beamte verzögerten die irakischen
Bemühungen, Saddam Hussein zu verhören. "Es scheint", sagte
er, "dass es viele Geheimnisse gibt, die sie verstecken wollen."
Ein Prozess voller Unregeläßigkeiten
Obwohl die Bush-Regierung und das Regime in Bagdad behaupten,
rechtmäßig vorzugehen, ist nicht zu übersehen, dass ihr
Vorgehen von Unregelmäßigkeiten strotzt. Zweifellos hat sich
Saddam Hussein vieler Verbrechen schuldig gemacht. Aber wenn er
für den Einmarsch in ein Land (den Iran), für die brutale
Unterdrückung von Aufständischen, mörderische
Vergeltungsmaßnahmen gegen die unbewaffnete Zivilbevölkerung
sowie für Rechtsbeugung zur Verantwortung gezogen werden soll,
dann ist die Bush-Regierung auf Grund ihrer illegalen Invasion und
Unterwerfung des Irak derselben Verbrechen schuldig und muss erst recht
vor Gericht gestellt werden.
Würde man Namen und Zeitangaben aus der Beschreibung des
Massakers von Dujail streichen, könnte sie auch eines der vielen
US-Operationen im Irak wiedergeben. Ein Konvoi gerät unter
Beschuss, ein bewaffnetes Hubschraubergeschwader beschießt das
benachbarte Dorf oder einen Vorort, schwer bewaffnete Einheiten
töten Hunderte verdächtige "Terroristen" oder nehmen sie
gefangen und sperren sie in Konzentrationslager, wo sie ohne
Gerichtsverfahren festgehalten und gefoltert werden.
Das Ausmaß der Gräueltaten in Dujail erscheint gering im
Vergleich mit dem Ausmaß an Brutalität, das in Falludscha
ausgeübt wurde, wo Hunderte unschuldige Zivilisten getötet
und die 300.000 Menschen zählende Bevölkerung in die Flucht
getrieben wurde.
Es gibt noch eine andere Parallele. Die Anklage gegen Hussein wird
damit begründet, dass das Verfahren und die Exekution der 143
männlichen Bewohner von Dujail aus politischen Gründen
manipuliert wurden. Genau das gilt auch für das Verfahren gegen
Hussein. In Regierungskreisen wird unverhohlen gefordert, ihn nach
kurzem Prozess zu exekutieren. Seine Verteidiger haben mehrmals
Einspruch gegen die offene Verletzung grundlegender Verfahrensregeln
eingelegt. Demnach konnten sie ihr Besuchsrecht beim Angeklagten nicht
wahrnehmen und das Beweismaterial nicht einsehen. Ihrem Klienten wurde
seit Dezember 2003 bis zum heutigen Tag jede Verbindung zur
Außenwelt verwehrt.
Ein langes Dokument der amerikanischen Organisation "Human Rights
Watch" (HRW) vom Dezember 2003 weist nach, dass viele Teile der
Statuten des Sondergerichts nicht internationalen gesetzlichen
Standards entsprechen. Es wird nicht garantiert, dass die vorsitzenden
Richter unabhängig und unparteiisch sind oder überhaupt die
notwendige Erfahrungen haben, um komplexe Menschenrechtsfragen
einordnen zu können. Geständnisse, die unter Folter erzwungen
wurden, werden nicht ignoriert, das Aussageverweigerungsrecht wird
nicht garantiert, und es gilt auch nicht der Grundsatz, dass die Schuld
zweifelsfrei bewiesen werden muss.
Noch bedeutsamer ist, dass der illegale Charakter der US-Invasion
des Irak die Legitimität des Gerichtes selbst in Frage stellt.
Curtis Doebbler, einer der Verteidiger Saddam Husseins, schrieb im
Februar in Al-Ahram Weekly: "Bevor überhaupt ein Mitglied
der von Saddam Hussein geführten Regierung des Irak vor Gericht
gestellt werden kann, muss eine Entscheidung über die
Rechtmäßigkeit des gewaltsamen Vorgehens der amerikanischen
Regierung gegen das irakische Volk getroffen werden. Es ist
übelste Rachsucht, die Führer des irakischen Volks vor
Gericht zu stellen, während diejenigen, die den Irak angegriffen
haben, nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Es handelt sich um einen
Rachefeldzug, der internationale Rechtsstandards verletzt und die
Rechtsstaatlichkeit derart verhöhnt, dass sie über Jahrzehnte
hinweg beschädigt sein wird."
Die Bush-Regierung will auf keinen Fall zulassen, dass sie sich
für die Lügen rechtfertigen muss, mit denen sie ihre
Aggression rechtfertigte. Um zu verhindern, dass die US-Intervention
jemals Gegenstand eines Gerichtsverfahrens wird, bestand sie darauf,
dass das Verfahren in Bagdad stattfindet. Alle Parteien der Dschafari
-Regierung fungieren als Komplizen der Unterwerfung des Irak durch die
USA, das gesamte irakische Justizpersonal ist handverlesen. Sollten
Saddams Verteidiger die Zuständigkeit des Gerichts in Frage
stellen, würden die Vorsitzenden Richter dies ohne Zweifel
umgehend abweisen.
Dass hier derart offensichtlich ein Scheingericht eingesetzt wird,
beunruhigt selbst Unterstützer der Invasion. Im Irak und im
gesamten Nahen Osten gibt es jetzt schon weit verbreiteten Argwohn und
massive Empörung über die Verletzung demokratischer Rechte
durch Washington. Wird der Prozess gegen Saddam Hussein als das
wahrgenommen, was er ist, als Schauprozess, entwickelt er sich für
die Dschafari-Regierung nicht zum Erfolg, sondern zu einer politischen
Niederlage. Der Vorsitzende der Nationalversammlung Hussain Shahristani
bemühte sich letzte Woche zaghaft darum, die irakische
Souveränität über das Verfahren herzustellen, indem er
darauf beharrte, dass das Parlament das Sondergericht noch vor
Prozessbeginn legitimieren müsse.
Deutlicher äußerte sich der in den USA lebende Experte
für internationales Recht, M. Cherif Bassiouni, in einem an
Dschafari gerichteten Memorandum, das diesen Monat auf der Website foreignpolicy.com
veröffentlicht wurde. Bassiouni, der an der Reorganisation
der Juraausbildung im Irak beteiligt ist, machte verschiedene
Vorschläge, wie der Prozess vertrauenswürdiger inszeniert
werden könnte, und warnte: "Leider besteht die Gefahr, dass die
Prozesse gegen Saddam und seine Weggefährten von der irakischen
Bevölkerung und auch weiten Teilen der arabischen und muslimischen
Welt als nicht rechtmäßig angesehen werden. Das irakische
Sondertribunal, das über Saddam und weitere hohe Politiker seines
Regimes zu Gericht sitzen wird, ist juristisch, politisch, und auch
unter Public-Relations-Gesichtspunkten mit schweren Mängeln
behaftet. Ein Gerichtsverfahren, das zu einem der bedeutendsten in der
arabischen Geschichte werden könnte, erschiene dann lediglich als
amerikanischer Schauprozess und Siegerjustiz."
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