Zum 60. Jahrestag des Sieges der Roten Armee über Nazideutschland
Antirussischer Nationalismus in den Baltenstaaten
Erster Teil | Zweiter Teil
Von Niall Green
13. Mai 2005
aus dem Englischen (9. Mai 2005)
US-Präsident George W. Bush wählte am 7. Mai die litauische Hauptstadt Riga zum Schauplatz einer Rede, in der er die frühere sowjetische Dominanz über Osteuropa als einen der "größten Fehler der Geschichte" verurteilte.
Sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges lobte Bush die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, sie hätten während der fünfzigjährigen sowjetischen Besetzung "eine lange Wache des Leidens und der Hoffnung" gehalten. Das Kriegsende habe diesen Ländern zwar den Frieden gebracht, erklärte Bush, jedoch auch "Besetzung und kommunistische Unterdrückung".
Bush erkor Lettland als Bühne für seine Attacke gegen Moskau, um auf diese Weise Nutzen aus den verstärkten Spannungen zwischen Russland und den politischen Eliten der drei baltischen Staaten zu schlagen. Politiker und Medien der Baltenländer hatten bereits zuvor mit einer hysterischen antikommunistischen und antirussischen Kampagne auf die Offerte des russischen Präsidenten Wladimir Putin reagiert, der alle Staatschefs der ehemaligen Sowjetrepubliken zu den Feierlichkeiten zum Sieg der Sowjetunion und der Alliierten über Nazideutschland nach Moskau einlud.
Die Kommentatoren der lokalen Presse und Intelligenz drängten ihre Staatschefs, nicht an einem Ereignis teilzunehmen, das sie als eine Feier zu Ehren des russischen bzw. sowjetischen "Imperialismus" und der "Okkupation" bezeichneten. Nur wenige Gelegenheiten wurden ausgelassen, um die Sowjetunion als moralisches und politisches Äquivalent zu Nazideutschland zu porträtieren.
Als erster erklärte Estlands Präsident Arnold Ruutel, er würde nicht an der Feier am 9. Mai teilnehmen. Nach kurzem Schwanken erklärte der litauische Präsident Valdas Adamkus, er würde ihr ebenfalls fernbleiben. Einzig Lettlands Staatschefin Vaira Vike-Freiberga nahm an den Feierlichkeiten teil.
Lettlands etwas weniger frostige Antwort auf die Einladung gründete sich auf die Befürchtung, andernfalls die lebenswichtigen Wirtschaftsbeziehungen zu Moskau zu beschädigen. Alle drei baltischen Staaten hängen aufgrund ihres Handels und des größten Teils ihres Energiebedarfs ökonomisch von Russland ab, doch Lettland weist den höchsten Grad wirtschaftlicher Verflechtung mit Russland auf.
Trotz des Zugeständnisses an Moskau gab Vike-Freiberga zu erkennen, dass sie die Gelegenheit nutzen würde, um die sowjetisch geprägte Nachkriegszeit als "brutale Besetzung" zu brandmarken. Ihre Entscheidung, an der Feier teilzunehmen, wurde vom estnischen Außenminister Rein Lang mit dem Argument begrüßt: "Was Lettland hier tut, ist gut für alle drei baltischen Staaten." Es böte sich eine Gelegenheit, die Sichtweise zu verbreiten, die sowjetische Periode müsse als eine Besetzung vergleichbar mit derjenigen der Nazis angesehen werden.
Bei der offiziellen Herangehensweise an die frühere sowjetische Herrschaft ist dieser Ton in den baltischen Staaten vorherrschend. Die Debatte, ob man zum 60. Jahrestag nach Moskau reisen solle oder nicht, ist nur der jüngste Ausdruck der nationalistischen und antikommunistischen Ideologie, die die Basis der bürgerlichen Politik bildet.
Während der gesamten postsowjetischen Periode bemühten sich die Eliten in den Baltenländern gemeinsam mit ihren Verteidigern in den Medien und der Intelligenz darum, die Arbeiterklasse ihres gemeinsamen Erbes mit Arbeitern in der übrigen ehemaligen Sowjetunion zu berauben. Dieser Prozess begann schon unter Federführung der stalinistischen Bürokratie, lange vor dem Zusammenbruch der UdSSR.
Tatsächlich aber teilt die baltische Arbeiterklasse eine reiche revolutionäre Geschichte mit ihren Kollegen und Kolleginnen in Russland. Die Verbrechen der stalinistischen Bürokratie können dies nicht auslöschen.
Im Jahr 1917, während die Region ein Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges war, wurden in Lettlands Hauptstadt Riga und anderen Gebieten, die nicht unter deutscher Besetzung standen, Sowjets und Arbeiterräte aufgebaut. In den folgenden Monaten wurde der Bolschewismus zur dominierenden politischen Kraft in der Arbeiterschaft von Riga. Auch in Estland besaßen die Bolschewiki 1917 die Vorherrschaft. Die Arbeiter-, Soldaten- und Matrosenräte wurden für das Proletariat und viele Bauern zu einem mächtigeren Anziehungspunkt als die bürgerliche Nationalversammlung, die Maapaev, die nach der Machtübernahme der provisorischen Regierung in Petrograd aufgestellt worden war.
Im Oktober 1917 hatten sich die Bolschewiki zur führenden Strömung in den estnischen und lettischen Sowjets entwickelt. Delegierte aus der Region wurden nach Petrograd entsandt, wo sie eine wichtige Rolle bei den sich entfaltenden revolutionären Ereignissen spielten. Nach der Revolution kämpften Arbeiter aus den Baltenländern in der von Leo Trotzki aufgebauten und angeführten Roten Armee, um die Revolution vor den Angriffen imperialistischer Mächte und der russischen Aristokratie und Bourgeoisie zu verteidigen, die die konterrevolutionäre Weiße Armee aufgestellt hatten. Lettische Gewehrschützen dienten als Lenins Leibwache.
Nach der deutschen Niederlage im November 1918 drangen die Rote Armee und Exilsozialisten in die von der deutschen Armee verlassenen baltischen Gebiete ein und errichteten die Sowjetherrschaft. Während dem folgenden Bürgerkrieg besaß die Rote Armee breite Unterstützung gegen die lokalen konterrevolutionären nationalistischen Truppen und ihre imperialistischen Hintermänner im Ausland. Diese Unterstützung fand sich sowohl in den großen städtischen Gebieten, als auch auf dem Land. Dort sympathisierten viele Bauern mit dem Bolschewismus als der Macht, die sie von den deutschen und polnischen Aristokraten befreien konnte, welche das Land seit dem Mittelalter im Besitz hatten.
Doch die Rote Armee war bei weitem überfordert und konnte ihre Herrschaft in den baltischen Ländern nicht aufrechterhalten. 1920 war die bolschewistische Regierung in Moskau gezwungen, Verträge mit den drei neuen kapitalistischen Staaten in Litauen, Lettland und Estland zu unterzeichnen, die als Ergebnis der Niederlage der dortigen Arbeiterklasse errichtet worden waren. Zehntausende revolutionäre Arbeiter flohen daraufhin aus der Region in die Sowjetunion.
Als Gegensatz zu dem gemeinsamen Kampf, den die Arbeiterklasse der ehemaligen UdSSR damals führte, glorifizieren die baltischen Eliten heute die konterrevolutionären bürgerlichen Regierungen, die während der Zwischenkriegsperiode eingesetzt wurden. Die drei Staaten von 1920 waren, ähnlich wie ihre Nachfolger von heute, durch ihre ökonomische Unterordnung unter ihre größeren Nachbarn und ein politisches Klima gekennzeichnet, in dem nationalistischer Chauvinismus die Norm war.
Während der Unabhängigkeitsperiode zwischen den Kriegen mussten die baltischen Eliten auf rechte und faschistische Elemente als Stützen ihrer Herrschaft zurückgreifen. Litauen, das ökonomisch schwächste der drei Länder, ging 1926 zu einer autokratischen Herrschaftsform über. Die rechte Koalitionsregierung war von einer inneren Krise erschüttert worden, nachdem die Arbeiterklasse bei den Parlamentswahlen eine Rekordzahl oppositioneller Sozialdemokraten gewählt hatte. Unfähig, ihre Differenzen zu überwinden und in Todesangst vor dem Proletariat wandte sich die herrschende Elite an Antonas Smetova, den Kopf der faschistischen Nationalistischen Union. Inmitten einer Propagandakampagne, die Angst vor einem Putsch durch Agenten Moskaus verbreiten sollte, übernahm dieser durch einen Militärcoup die Macht.
In Estland wurde 1928 die Liga der Veteranen des Unabhängigkeitskrieges gegründet, eine Organisation in Nazimanier. Sie basierte auf kleinbürgerlichen Elementen, die gegen die Rote Armee gekämpft hatten und folgerichtig als antikommunistisches Bollwerk des Staates kultiviert worden waren. In der vergifteten nationalistischen Atmosphäre, die das Land beherrschte, konnte die Organisation in der Wirtschaftskrise der späten 20er und frühen 30er Jahre Einfluss gewinnen. Obwohl die Partei eng mit der nationalen Elite verbunden war, wurde sie als zu instabil betrachtet, um die Macht zu übernehmen. Doch ihr Aufstieg diente der estnischen Bourgeoisie als Anlass zur Ausrufung des Kriegsrechts und der Machtübernahme Konstantin Pats’, eines der führenden Nationalisten des Bürgerkrieges, im Jahr 1934.
Bald darauf folgte Lettland dem Beispiel Estlands. Die Herrschenden bekamen es dort infolge der Ereignisse in Estland und der anhaltenden wirtschaftlichen Rezession mit der Angst vor einer linken Bewegung der Arbeiterklasse zu tun. Im Mai 1934 übernahm ein "Kabinett der Nationalen Einheit" mit quasi-diktatorischen Vollmachten die Macht.
Die Rolle des Stalinismus
In ihrem heutigen Bemühen, ihre Herrschaft auf Nationalismus zu stützen, kann sich die Bourgeoisie der Baltenstaaten einer Hinterlassenschaft jahrzehntelangen Verrats durch die stalinistische Bürokratie bedienen, aus deren Rängen viele Mitglieder der gegenwärtigen politischen Eliten selbst stammen.
Als sich Ende der 20er Jahre die bürokratische Herrschaft Stalins und seiner Clique festigte, nachdem 1928 Massenverhaftungen von Mitgliedern der Linken Opposition stattgefunden hatten, markierte dies einen schweren Rückschlag für die sowjetische Arbeiterklasse und die Weltrevolution. Der Stalinismus entfremdete Millionen von Arbeitern und Bauern von der Sowjetunion und ihrer nationalistischen Politik des "Sozialismus in einem Lande", die so katastrophale Formen wie die brutale Kollektivierung der Landwirtschaft 1929 annahm.
Die Annahme der Perspektive des Sozialismus in einem Land bedeutete die Zurückweisung der strategischen Achse der kommunistischen Parteien - des Kampfs für die sozialistische Revolution. An ihre Stelle trat ein nationalistischer Standpunkt. Dieser räumte der Verteidigung der Existenz der Sowjetunion - und im weiteren Sinne der Verteidigung des privilegierten Daseins der bürokratischen Kaste um Stalin, die in der UdSSR als Ergebnis der Rückständigkeit und Isolation des Landes entstanden war - Vorrang ein.
Zunächst stand die stalinistische Bürokratie den revolutionären Kämpfen der europäischen und internationalen Arbeiterklasse skeptisch, schließlich zutiefst feindlich gegenüber. Sie fürchtete, die Ausbreitung revolutionärer Stimmungen und deren ansteckende Wirkung innerhalb der UdSSR werde ihre eigene Existenz bedrohen. 1933 kam es zur Niederlage der deutschen Arbeiterklasse als Folge der desaströsen Politik der Stalinisten. Hitler kam an die Macht, ohne dass ein Schuss abgefeuert wurde. Die Bürokratie der Sowjetunion erwies sich als eine bewusst konterrevolutionäre Kraft, die aktiv daran arbeitete, jedwede unabhängige politische Aktivität der Arbeiterklasse zu unterdrücken. Die Kommunistischen Parteien wurden zu Instrumenten zur Verteidigung der national beschränkten Interessen der Bürokratie.
Die Verteidigung der Sowjetunion sollte nicht mehr mit revolutionären Mitteln erfolgen, sondern durch Abkommen mit verschiedenen bürgerlichen Regierungen oder vermeintlich progressiven Kräften in den bürgerlichen Staaten. Ihren tragischen Ausdruck fand diese Politik im Verrat und der Niederlage der spanischen Revolution. Die Stalinisten unterdrückten brutal ihre linken und sozialistischen Opponenten und bestanden darauf, dass die Arbeiterklasse ihren Kampf gegen Franco der demokratischen Bourgeoisie unterordnete. Das katastrophalste Ergebnis dieser Orientierung war schließlich der Versuch der Stalinclique, eine Übereinkunft mit Nazideutschland zu erreichen. An der Schwelle zum Zweiten Weltkrieg wurde dadurch die Arbeiterklasse ganz Europas entwaffnet und desorientiert.
Der Pakt zwischen Molotow und Ribbentropp beinhaltete eine Nichtangriffsabkommen zwischen Deutschland und der UdSSR, sowie eine Neuaufteilung Nordosteuropas unter den beiden Ländern.
Die UdSSR entsandte Truppen in die Baltenstaaten, die 1940 von der Sowjetunion annektiert wurden. Es begannen Säuberungen gegen Nationalisten und Antistalinisten. Stalins brutales und rücksichtsloses Vorgehen verlieh den rechten nationalistischen Kräften Glaubwürdigkeit und desorientierte die Arbeiterklasse politisch. Das Ergebnis war, dass der Widerstand gegen die deutschen Armeen geschwächt war, als diese sich 1941 bei der stalinistischen Bürokratie für ihre Beschwichtigungsversuche mit dem Überfall auf das Baltikum und dem Krieg gegen die UdSSR bedankten.
Im Mai 1945 sicherte sich die Rote Armee ihren vollständigen Sieg über Nazideutschland nach dem heftigen Kampf um Berlin. Es war der Abschluss einer gewaltigen, vier Monate dauernden Offensive, während derer sich die sowjetischen Truppen westwärts vorkämpften, angefangen mit der Befreiung Warschaus und der baltischen Staaten im Januar. Trotz der Vorgeschichte stalinistischen Verrats konnte sich die Rote Armee des Baltikums nach Beginn der Januaroffensive innerhalb von Tagen bemächtigen. Oft erhielt sie hierbei die Unterstützung lokaler Partisanen.
Nach der Befreiung der Baltenstaaten wurde das ganze Ausmaß der Verbrechen sichtbar, die die Nazis während ihrer Besetzung verübt hatten. Die jüdischen Bevölkerungsanteile, die schon während der Zwischenkriegsperiode abgenommen hatten, waren dezimiert. In Litauen war 1945 die große Mehrheit der Zehntausenden von Juden, die 1939 noch sechs Prozent der Bevölkerung ausgemacht hatten, ausgelöscht.
Wird fortgesetzt
