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Vierter Vortrag: Marxismus, Geschichte und Wissenschaft der Perspektive

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Von David North
13. Oktober 2005
aus dem Englischen (19. September 2005)

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Lenin und die "Demokratische Diktatur"

Dieses Schwachpunkts nahm sich Lenin in seiner Analyse der russischen Revolution an. Was, so fragte er, waren die historischen Aufgaben der großen bürgerlichen Revolutionen gewesen? Anders gefragt, welche entscheidenden Probleme der gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Entwicklung waren durch die bürgerlichen Revolutionen früherer geschichtlicher Perioden angegangen worden?

Die wichtigsten Aufgaben dieser Revolutionen waren die Liquidierung der verbliebenen feudalen Beziehungen auf dem Land und die Verwirklichung der nationalen Einheit. In Russland war das erst genannte Problem das dringendste. Die Durchführung einer bürgerlich-demokratischen Revolution würde ein massives Aufbegehren der Bauern gegen die alten Großgrundbesitzer mit sich bringen, gefolgt von der Enteignung und Nationalisierung ihrer gewaltigen Ländereien.

Derartige Maßnahmen jedoch würden nicht die Unterstützung der russischen Bourgeoisie finden, die als besitzende Klasse keine Enteignungen in irgendeiner Form begrüßen oder gar ermutigen würde. Obwohl die Nationalisierung des Landes in ökonomischer Hinsicht eine bürgerliche Maßnahme war, die auf lange Sicht die Entwicklung des Kapitalismus erleichtern würde, war die Bourgeoisie zu eng mit der Verteidigung des Eigentums verbunden, um solch eine Maßnahme zu unterstützen. Mit anderen Worten: Bei der Durchführung der bürgerlichen Revolution konnte man sich nicht auf die Bourgeoisie verlassen. In Russland würde daher die bürgerliche Revolution des 20. Jahrhunderts eine soziale Dynamik besitzen und eine politische Form annehmen, die sich grundlegend von denen früherer bürgerlicher Revolutionen unterschied. Die Aufgaben der bürgerlichen und demokratischen Revolution konnten nur durch ein Bündnis zwischen der russischen Arbeiterklasse und den besitzlosen, verarmten Bauernmassen gelöst werden, die auf eine entschlossene, konterrevolutionäre Allianz von zaristischer Autokratie und Großbürgertum stoßen würden.

Es blieb die Frage nach der politischen Form der Staatsmacht, die aus dieser großen Arbeiter- und Bauernerhebung hervorgehen würde. Lenin vollzog einen klaren Bruch mit Plechanows Perspektive eines mehr oder weniger konventionellen, bürgerlich-demokratischen Parlamentarismus und propagierte ein neues und völlig anderes Ergebnis des Sturzes der Autokratie: Eine demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft.

Mit dieser Formel zielte Lenin auf eine radikal demokratische Regierung ab, die sich aus einem Bündnis der russischen Sozialdemokratie mit den radikalsten politischen Vertretern der Bauernschaft bilden würde. Dennoch verneinte er ausdrücklich, dass ein derartiges revolutionär-demokratisches Regime den Versuch unternehmen würde, Maßnahmen sozialistischen Charakters zu ergreifen. Im März 1905 schrieb er:

"Wollte sich die Sozialdemokratie sofort die sozialistische Umwälzung zum Ziel setzen, so würde sie sich in der Tat nur blamieren. Gerade gegen solche verworrenen und unklaren Ideen unserer ‚Sozialrevolutionäre’ hat jedoch die Sozialdemokratie stets gekämpft. Gerade deshalb betont sie stets den bürgerlichen Charakter der in Russland bevorstehenden Revolution, gerade deshalb fordert sie die strenge Trennung des demokratischen Minimalprogramms vom sozialistischen Maximalprogramm. Einzelne Sozialdemokraten, die dazu neigen, vor der Spontaneität zu kapitulieren, mögen all das während der Umwälzung vergessen, nicht aber die Partei als Ganzes. Die Anhänger dieser irrigen Meinung verfallen in eine Anbetung der Spontaneität, wenn sie glauben, der Gang der Dinge werde die Sozialdemokratie zwingen, in einer solchen Lage gegen ihren Willen an die Durchführung der sozialistischen Umwälzung zu gehen. Wäre dem so, dann wäre also unser Programm falsch, dann würde es dem ‚Gang der Dinge’ nicht entsprechen: gerade das befürchten die Anbeter der Spontaneität, sie fürchten für die Richtigkeit unseres Programms. Aber ihre Furcht [...] ist in höchstem Grade unbegründet. Unser Programm ist richtig. Gerade der Gang der Dinge wird es unbedingt bestätigen, und je weiter, je mehr. Gerade der Gang der Dinge wird uns die unbedingte Notwendigkeit eines erbitterten Kampfes um die Republik ‚aufdrängen’, gerade er wird praktisch unsere Kräfte, die Kräfte des politisch aktiven Proletariats, in diese Richtung lenken. Gerade der Gang der Dinge wird uns bei der demokratischen Umwälzung unvermeidlich eine solche Menge von Verbündeten aus dem Kleinbürgertum und der Bauernschaft aufdrängen, deren reale Bedürfnisse die Durchführung des Minimalprogramms erfordern werden, dass die Befürchtungen eines allzu raschen Übergangs zum Maximalprogramm geradezu lächerlich sind." [17]

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[17] Lenin, Die revolutionäre demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, in: Werke Bd. 8, Berlin 1958, S. 289f.

Siehe auch:
Weiter Vorträge der WSWS/SEP Sommerschule

 

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