Treffen der Internationalen Redaktion der WSWS
Die Bush-Regierung und der globale Niedergang des amerikanischen Kapitalismus
Teil 1
Von Barry Grey
5. April 2006
aus dem Englischen (4. März 2006)
Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Berichts, den Barry Grey im Rahmen einer erweiterten Redaktionskonferenz der World Socialist Web Site in Sydney vom 22. bis 27. Januar 2006 hielt. Grey ist führendes Mitglied der WSWS-Redaktion und der Socialist Equality Party (USA).
David North warf in seinem einleitenden Bericht für dieses Treffen die Frage auf, ob sich der Weltkapitalismus im Aufschwung befindet oder ob er vielmehr einen Niedergang erfährt und auf explosive Umwälzungen zusteuert? Zur Beantwortung dieser Frage ist es überaus wichtig, die Entwicklung des amerikanischen Kapitalismus zu betrachten und Bilanz zu ziehen.
Die relative Stärke oder Schwäche, Robustheit oder Angeschlagenheit des amerikanischen Kapitalismus und seine Entwicklung über eine längere historische Periode ist im grundlegendsten und objektiven Sinne eine Frage, die die ganze Welt betrifft. Das Schicksal des Weltkapitalismus war im Verlauf des letzten Jahrhunderts stärker mit den Vereinigten Staaten als mit der nationalen Wirtschaft oder der Politik irgendeines anderen Landes verbunden.
Bereits 1924 fasste Leo Trotzki in einer berühmten Rede, die damals unter dem Titel "Die Voraussetzungen der proletarischen Revolution" publiziert wurde, die überragende Rolle des amerikanischen Kapitalismus für alle Fragen des Weltkapitalismus wie folgt zusammen:
"Wer jetzt den Versuch macht, sich über das Schicksal Europas oder des Weltproletariats klar zu werden, ohne die Bedeutung der USA in Rechnung zu ziehen, der macht die Rechnung ohne den Wirt. Wir müssen es uns einprägen: Der Wirt der kapitalistischen Menschheit ist New York und seine Regierungszentrale ist Washington."
Die Vereinigten Staaten wurden auf der Grundlage ihrer enormen industriellen und technologischen Stärke zur vorherrschenden kapitalistischen Macht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sie zum Motor der Weltindustrie geworden und konnten dadurch zur Zeit des Ersten Weltkrieges Großbritannien in den Schatten zu stellen.
Selbst während der Großen Depression der 1930-er Jahre verfügte der amerikanische Kapitalismus weiterhin über enorme wirtschaftliche Reserven und erhielt sich vor allem seine industrielle Stärke. Diese ließ ihn im Zweiten Weltkrieg zur dominanten Militärmacht werden und maßgeblich die Gestaltung der Nachkriegsordnung bestimmen.
Es war zum allergrößten Teil der amerikanische Kapitalismus, der dem Weltkapitalismus inmitten der blutigen Ruinen, die der Krieg im größten Teil Europas und Asiens hintergelassen hatte, wieder auf die Beine half. Er stützte sich dabei auf die stalinistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bürokratien, die Verrat an der Arbeiterklasse übten, und konnte so die revolutionäre Bedrohung des Kapitalismus in großen Teilen der Welt unterdrücken. Doch besaß der amerikanische Kapitalismus auch die industriellen und finanziellen Mittel, um den Weltkapitalismus wiederzubeleben, und setzte diese selbstverständlich in einer den eigenen Interessen förderlichen Weise ein.
Am Ende des Krieges befanden sich die USA in einer Position überwältigender wirtschaftlicher Stärke. Sie produzierten den überaus größten Weltanteil an Stahl, Elektrizität, Automobilen usw., und beinahe die gesamten Goldvorräte des Planeten befanden sich in ihrem Besitz. Dadurch waren die Vereinigten Staaten in der Lage, durch den Marshallplan und ähnliche Maßnahmen die wirtschaftliche Wiederbelebung in Europa und dem kapitalistischen Asien zu unterstützen und so ein zwei Jahrzehnte anhaltendes rapides Wachstum der Weltwirtschaft einzuleiten. Der Nachkriegsboom legte die wirtschaftliche Basis für soziale Reformmaßnahmen, die die Klassenantagonismen dämpften - zumindest in Nordamerika, Westeuropa und Japan.
Jedoch stieß der Versuch des amerikanischen Kapitalismus, den Weltkapitalismus wiederaufzubauen, unweigerlich auf die Widersprüche, die in dem grundlegenden Gegensatz zwischen Weltwirtschaft und Nationalstaatensystem angelegt sind. Indem sie die industrielle und finanzielle Wiederbelebung Europas und Japans förderten, stärkten die USA ihre imperialistischen Konkurrenten und Rivalen. Mit Beginn der 1960-er Jahre geriet der Dollar zunehmend unter Druck und Staaten wie Deutschland und Japan begannen, die amerikanische Dominanz auf den Weltmärkten in Frage zu stellen - einschließlich des amerikanischen Marktes.
Die gesellschaftlichen und politischen Schockwellen, die durch diese tektonischen Verschiebungen in der wirtschaftlichen Basis ausgelöst wurden, nahmen in den sechziger Jahren in den USA explosive Formen an. Man denke nur an das Attentat auf John F. Kennedy im Jahr 1963 und die politischen Morde im gleichen Jahrzehnt, an die Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung, die militanten Arbeitskämpfe in nahezu jedem Wirtschaftszweig, die Straßenkämpfe in den Städten sowie die Massenbewegung gegen den Krieg in Vietnam. Diese sozialen und politischen Unruhen wiederum beeinflussten und verschärften die ihnen zugrunde liegende Wirtschaftskrise.
Die Erosion der amerikanischen Vorherrschaft über die Weltwirtschaft fand ihren deutlichen Niederschlag in den Maßnahmen, die Richard Nixon am 15. August 1971 verkündete. Unter den Bedingungen einer stürmischen Nachfrage nach dem Dollar und schwindender Goldreserven in Fort Knox beendete Nixon die Dollar-Gold-Konvertibilität - das Herzstück der globalen Finanzordnung, die mit dem Abkommen von Bretton Woods 1944 etabliert worden war.
Dies war ein entscheidender Wendepunkt, der allgemein gesprochen sowohl das Ende des Nachkriegsbooms als auch der industriellen und finanziellen Vorherrschaft Amerikas markierte. Es folgten der Ölpreisschock 1973/74, eine Inflationsspirale und die schwerste Rezession in den USA seit den dreißiger Jahren.
Die ganzen siebziger Jahre hindurch blieben die USA im Würgegriff einer tiefen wirtschaftlichen Krise, die "Stagflation" getauft wurde - eine Kombination aus geringem Wirtschaftswachstum und steiler Inflation. Gleichzeitig erhielt der amerikanische Kapitalismus wachsende Konkurrenz durch seine wichtigsten Rivalen in Europa und Asien - allen voran Deutschland und Japan. Amerikanische Unternehmen büßten unter anderem in der Stahl-, Automobil- und Elektronikindustrie rapide ihre Weltmarktanteile ein. Gleichzeitig nahmen innerhalb der USA Automobil- und Stahlimporte aus dem Ausland zu und verringerten den Inlandsmarkt von amerikanischen Fahrzeugherstellern und Stahlgiganten wie US Steel.
Trotz ihrer politischen Unterordnung unter das kapitalistische Zweiparteiensystem, die von der Gewerkschaftsbürokratie noch verstärkt wurde, erhielt sich die amerikanische Arbeiterklasse viel von der Militanz, die das Entstehen der industriellen Massengewerkschaften in der Streikbewegung der 1930-er Jahre und auch die Arbeitskämpfe der Nachkriegszeit gekennzeichnet hatte. In den gesamten siebziger Jahren fanden erbitterte Streiks und eine merkliche Radikalisierung unter jungen Arbeitern in nahezu jedem Industriezweig statt.
Den Höhepunkt dieses militanten Aufbegehrens bildete der 111-tägige landesweite Bergarbeiterstreik 1977/78, bei dem die Kumpels Verträge zurückwiesen, denen die Gewerkschaftsspitze bereits zugestimmt hatte. Sie versetzten dem Demokratischen Präsident Jimmy Carter einen demütigenden Schlag, indem sie seine Arbeitswiederaufnahmeorder nach dem Taft-Hartley-Gesetz ignorierten. Schließlich akzeptierten sie widerwillig einen Kompromissvertrag.
Diese Militanz stand in Beziehung zu einer ganzen Reihe von Sozialreformen und arbeitnehmerfreundlichen Regulierungen, die auf Roosevelts Politik des New Deal zurückgingen. Diese wurden allgemein und zurecht als Zugeständnisse angesehen, die die Arbeiterklasse der herrschenden Klasse Amerikas abgetrotzt hatte. Konfrontiert mit einem steilen und unübersehbaren Niedergang ihrer weltwirtschaftlichen Stellung, stagnierendem Wachstum, wachsenden Staatsschulden, chronischer Inflation und fallenden Profitraten sah sich die herrschende Elite Amerikas gezwungen, einen Angriff auf die Reformen und Gesetze früherer Zeiten zu beginnen, die den kapitalistischen Markt und sein Handeln auf verschiedene Weise einschränkten. Hierdurch sollte die Position der Arbeiterklasse geschwächt und ihr militanter Widerstand gebrochen werden.
Deregulierung
Der erste größere Schritt in dieser Richtung war die Deregulierungspolitik, die von der Carter-Regierung eingeleitet und von liberalen Politikern wie Senator Edward Kennedy unterstützt wurde. Die herrschende Klasse ging in Gegenoffensive, indem sie mit der Deregulierung bei Massentransportindustrien wie den kommerziellen Flug- und Lastkraftverkehr begann. Die Deregulierungspolitik fußte auf der politischen und ideologischen Prämisse, dass der Markt von Natur aus staatlicher Regulierung und Kontrolle überlegen sei.
Der Sturz des Schahs und der darauf folgende Anstieg der Ölpreise im Jahr 1979 trieben die Wirtschaftskrise in den USA auf die Spitze; der entscheidende Wendepunkt kam mit der Ernennung des Wall Street Bankiers Paul Volcker zum Leiter der Zentralbank. Volcker, ein Mitglied der Demokratischen Partei, leitete die amerikanische Version der Schocktherapie ein, indem er die Zinsraten auf ein beispielloses Niveau anhob. Mit dem Ziel, die "Inflation aus der Wirtschaft zu wringen", wurden die USA absichtlich in eine tiefe Rezession gestürzt.
Dies war ein dramatischer und höchst bewusst vollzogener Schritt, um die Schließung von Betrieben und Fabriken zu erzwingen, die Arbeitslosenquote zu erhöhen und Bedingungen für einen Frontalangriff auf die alten Errungenschaften der Arbeiterklasse zu schaffen. Chrysler, der schwächste der drei amerikanischen Autogiganten, wurde an den Rand des Bankrotts getrieben. Das Unternehmen wurde nur durch das Eingreifen der Carter-Regierung gerettet, die der Automobilarbeitergewerkschaft United Auto Workers (UAW) die Zustimmung zu Lohnsenkungen und andere Zugeständnisse abverlangte. Die Führung der UAW gewährte dies bereitwillig und erhielt im Gegenzug einen Sitz im Aufsichtsrat von Chrysler.
Als im ganzen Land Automobil-, Stahl-, Strom- und andere Industriebetriebe ihre Tore schlossen, begannen Wirtschaftsmagazine wie Business Week offen von der "Deindustrialisierung" Amerikas zu sprechen. In kürzester Zeit wurden traditionelle Industriezentren wie Detroit, Cleveland, Pittsburgh, Youngstown und Teile von Los Angeles durch Betriebsschließungen und Massenentlassungen verwüstet. Ganze Städte wurden von wirtschaftlicher Abwanderung, Armut und Elend gezeichnet. Hunderttausende, schließlich Millionen von Arbeitern fanden sich beinahe über Nacht ohne eine anständig bezahlte Arbeit.
Dies war die Geburtsstunde des so genannten "Rostgürtels", der in weiten Teilen des Landes fortbesteht. In seinen verlassenen Monumenten aus Stein und Mörtel und sich selbst überlassenen menschlichen Wesen manifestierte sich der objektive Niedergang, den der amerikanische Kapitalismus in seiner Weltposition erfuhr.
Die Wahl des rechtsgerichteten republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan im Jahr 1980 bedeutete eine Verschärfung der Offensive gegen die Arbeiterklasse, die von der vorhergehenden demokratischen Regierung eingeleitet worden war. "Reaganomics" wurde zum Schlagwort für eine rücksichtslose Politik, die aus der Zerschlagung von Gewerkschaften, Lohnsenkungen, dem Aushöhlen von Sozialprogrammen, Steuergeschenken für Unternehmen und Reiche, sowie der Aufhebung von Vorschriften zu Umweltschutz, Arbeitsplatzhygiene und -sicherheit bestand und darüber hinaus noch viele weitere Aspekte des Wirtschaftslebens betraf.
Die Wirtschaftspolitik wurde recht unverhohlen gestaltet, um die gigantische Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von der arbeitenden Bevölkerung hin zu den wohlhabenden und privilegierten Schichten zu erleichtern. Dies geschah im Wesentlichen auf parasitäre Art und Weise, durch einen massiven Arbeitsplatzabbau in der Industrie und einen scharfen Anstieg der Staatsverschuldung. Der Aktienmarkt wurde mehr denn je zum Mittelpunkt der persönlichen Bereicherung für die Finanzelite und das Hochtreiben der Aktienkurse zur Hauptbeschäftigung der staatlichen Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Die achtziger Jahre erlebten eine Rückkehr zu offenem und gewalttätigem Streikbruch, bei dem Schlägertrupps, private Sicherheitskräfte, staatliche Repression, Komplotte und Schikanen zum Einsatz kamen - Methoden, die in der Nachkriegsperiode größtenteils in den Hintergrund getreten waren. Die Arbeiterklasse leistete Widerstand und antwortete mit erbitterten Streiks in nahezu allen Wirtschaftssparten. Jedoch wurde jeder einzelne dieser Arbeitskämpfe vom Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO verraten, der die Streiks isolierte und anschließend die Niederlagen benutzte, um die militanten Traditionen der Vergangenheit zurückzuweisen und korporatistische Beziehungen zu den Arbeitgebern einzugehen. Gleichzeitig widersetzte sich die Gewerkschaftsbürokratie allem, was einen Bruch mit der Demokratischen Partei und eine Entwicklung hin zu einer unabhängigen politischen Partei der Arbeiter hätte einleiten können.
Am Ende des Jahrzehnts war die amerikanische Arbeiterbewegung als Instrument des sozialen Widerstands gegen das amerikanische Großunternehmertum im Wesentlichen zerstört worden.
Streichungen, Insolvenzen, Schmarotzertum
Der Abbau in der Basisindustrie und anderen Sektoren setzte sich zügig fort und wurde von einer Reihe spektakulärer Insolvenzen begleitet. Zahlreiche Flaggschiffunternehmen, die einst die Stärke des amerikanischen Kapitalismus symbolisierten, verschwanden: Pan American Airlines und Eastern Airlines fallen einem als erstes ein. Seit den späten neunziger Jahren gingen mehr als 50 amerikanische Stahlproduzenten Bankrott, einschließlich solcher Giganten wie Bethlehem, LTV, Republic, National und Wheeling-Pittsburgh. Die drei großen amerikanischen Automobilunternehmen schrumpften unablässig und reduzierten ihre Belegschaft um mehr als die Hälfte.
Man kann von einem "Entkernen" der amerikanischen Wirtschaft sprechen, in der sich das Erwirtschaften unternehmerischer Profite und die persönliche Bereicherung der herrschenden Elite in zunehmendem Maße von der Herstellung nützlicher Güter und dem Ausbau von Produktionsanlagen gelöst und sich stattdessen mehr und mehr mit der Aktienspekulation und anderen Aktivitäten verbunden hat, die im Wesentlichen als parasitär zu beschreiben sind. Regelrechter Betrug, Bilanzfälschungen und andere Formen von Unternehmenskriminalität haben in starkem Umfang zugenommen. Investitionen in Forschung und Entwicklung, den Erhalt und die Verbesserung der industriellen und sozialen Infrastruktur wurden hintangestellt - dies betrifft nicht nur das Bildungs- und Gesundheitswesen, sondern sogar die Straßen, Brücken, Häfen, Deiche, das Stromnetz, den Gebäudebestand und die Umwelt.
Um eine Vorstellung von dem Ausmaß des industriellen Niedergangs zu vermitteln, möchte ich ein paar Zahlen aus der Perspektivresolution des Internationalen Komitees der Vierten Internationalen vom Jahr 1988 zitieren:
"Der Anteil der USA an der Autoproduktion sank von 65 Prozent im Jahr 1965 auf 20 Prozent im Jahr 1980. Zwischen 1980 und 1984 verloren die USA 23 Prozent ihres Exportmarktanteils. Die Position der Stahlindustrie zeigt deutlich den Verlust der einst unbestrittenen Vormachtstellung Amerikas als erster Industriemacht. 1955 produzierten die USA 39,3 Prozent allen Stahls der Welt. 1975 war dieser Anteil auf 16,4 Prozent gesunken. 1984 waren es nur noch 8,4 Prozent. Zwischen 1973 und 1983 fiel die US-Stahlproduktion um 44 Prozent. In den fünfziger Jahren belieferten die US-Stahlunternehmen zusammengenommen mehr als 95Prozent des amerikanischen Marktes. Heute liegt ihr Anteil bei weniger als 60Prozent."
Dieser Prozess hat sich nach 1988 fortgesetzt und noch beschleunigt.
Die Erhebung des "freien Marktes" zum politischen Dogma, auf den Status einer säkularen Religion, bringt immer weitere katastrophale Ergebnisse hervor. In den letzten Jahren gab es eine neue Welle von Unternehmensinsolvenzen, von United Airlines bis zu Delphi, dem weltgrößten Automobilteilehersteller. Selbst General Motors - einst das größte Unternehmen der Welt und das Symbol amerikanischer Industriemacht schlechthin - liebäugelt mit dem Bankrott, ebenso Ford.
Diese tief greifenden Veränderungen wirkten sich stark auf das Verhältnis zwischen den Klassen und die soziale Physiognomie der verschiedenen Klassen innerhalb der USA aus. Die herrschende Elite Amerikas selbst hat sich verändert. Der allgemeine Verfallsprozess drückt sich auf üble Weise im politischen, intellektuellen und sogar moralischen Verfall der herrschenden Schichten aus. Im Allgemeinen sind die räuberischsten, ignorantesten, kurzsichtigsten und reaktionärsten Elemente an die Spitze aufgestiegen.
Ich werde später noch auf die aktuelle Liste des Forbes Magazins zu den 400 reichsten Amerikanern eingehen. Im Augenblick möchte ich nur anmerken, dass sich der derzeitige Haufen von Multimillionären und Multimilliardären, allgemein gesprochen, in einem wichtigen Aspekt von den Raubrittern unterscheidet, die vor hundert Jahren die amerikanische Gesellschaft beherrschten. Die Rockefellers, Carnegies, Fords, Edisons, Firestones, die damals das Wirtschaftsleben bestimmten, waren rücksichtslose und politisch reaktionäre Männer. Jedoch gelangten sie zu ihrem Vermögen, indem sie industrieller Imperien aufbauten. Ihre Namen sind mit einer gewaltigen Entwicklung der Produktivkräfte verbunden.
Die gegenwärtigen Mogule haben zum größten Teil keine solche Verbindung zur Entwicklung der Industrie oder produktiver Kapazitäten. Warren Buffett, Kirk Kerkorian, Carl Icahn, Sumner Redstone hinterlassen keine Industrieimperien. In vielen Fällen sind sie und ihresgleichen an ihr Vermögen gelangt, indem sie das demontierten und abwickelten, was die Raubritter einst aufgebaut hatten. Sie sind die Nutznießer von Aufkäufen, Fusionen und von verschiedenen, oft esoterischen Formen des Spekulationsgeschäftes.
Dieses Schmarotzertum erreichte in den ungestümen Tagen der Clinton-Regierung neue Höhen, als der Aktienmarkt hochschnellte und Betrug sowie Bilanzfälschungen unheilvolle Ausmaße annahmen. Die allgemeine Plünderung der amerikanischen Wirtschaft durch die herrschende Elite ging mit der massenhaften Plünderung von Unternehmen durch ihre Spitzenmanager einher.
Soziale Ungleichheit
Die enorme Konzentration von Reichtum an der Spitze der amerikanischen Gesellschaft und das Anwachsen sozialer Ungleichheit sind Teil desselben Verfallsprozesses, der sowohl auf der Ebene des Weltmarktes als auch innergesellschaftlich stattfindet. Dass die amerikanische Gesellschaft immer offener die Form einer Plutokratie annimmt, ist kein Anzeichen von Gesundheit und Stärke, ganz im Gegenteil. Die frühere Fähigkeit der herrschenden Klasse Amerikas - unter enormem Druck von unten und gewiss nicht ohne innere Reibereien - eine allgemeine Erhöhung des Lebensstandards für die Arbeiterklasse zustande zu bringen und die ökonomische Ungleichheit zu dämpfen, war Ausdruck wirtschaftlicher Stärke und Zuversicht in die Zukunft.
Diese Voraussetzungen sind nicht länger gegeben. Inzwischen dokumentieren Hunderte von Studien und Tausende von Statistiken die überwältigende und immer größer werdende Kluft zwischen den obersten sozialen Schichten und der übergroßen Mehrheit des amerikanischen Volkes. Große Teile der Bevölkerung leben in einem Zustand der Hoffnungslosigkeit und an der Schwelle zur Armut. Allgemeiner gesehen wurde die arbeitende Bevölkerung wie auch der größte Teil der Akademiker, leitenden Angestellten und Freiberufler in den permanenten Malstrom wirtschaftlicher Unsicherheit und Verlagerung hineingerissen.
Um nur eine Statistik anzuführen: Die New York Times berichtete unlängst, dass die reichsten Amerikaner - etwa 45.000 Steuerzahler mit einem Einkommen von mehr als 1,6 Millionen Dollar, die die obersten 0,1 Prozent der Bevölkerung ausmachen - ihren Anteil am Nationaleinkommen seit den siebziger Jahren mehr als verdoppelt haben, auf 10 Prozent im Jahr 2000. Ein derartiges Niveau der Einkommenskonzentration hat es seit den 1920-er Jahren nicht mehr gegeben.
Dass derart obszöner Reichtum und groteske Ungleichheit existiert, wird von den Medien nur gelegentlich zur Kenntnis genommen und noch seltener von der Demokratischen Partei, die nach wie vor behauptet, die "Partei des Volkes" zu sein. Die in herrschenden Kreisen - "liberalen" wie konservativen - verbreitete Mentalität zeigte sich deutlich beim jüngsten Streik im New Yorker Nahverkehr. Während Arbeiter mit einem Jahreseinkommen von 50.000 Dollar von Politikern und Zeitungen als habgierige Schurken und "Ratten" beschimpft wurden, bereitete sich die Wall Street Berichten zufolge darauf vor, eine Gesamtsumme von rund 21,5 Milliarden Dollar in Jahresendprämien an die Vorstandsvorsitzenden auszuhändigen.
In den Medien und dem politischen Establishment rief diese Nachricht keine besondere Reaktion hervor. Sie wurde mehr oder weniger als die natürliche Ordnung der Dinge angesehen. Einige traten hervor, um die Weihnachtsgabe zu begrüßen und zu verteidigen.
"Die Leute hatten genug schlechte Nachrichten", sagte Glenn Mazzella von der World Wide Yacht Corporation. "Sie wollen segeln gehen, sie wollen Ski fahren und sie wollen einen Maybach [ein Luxusauto von Daimler-Chrysler mit einem Endkundenpreis von 325.000 Dollar] fahren. Sie sind es leid, sich schämen zu müssen."
"Es gibt an der Wall Street jemanden, der 20 seiner engsten Freunde zu seiner Junggesellenparty mitnimmt, eine Yacht mietet, in der Karibik auf Kreuzfahrt geht und den Golfplatz in Sandy Lane auf Barbados als Endpunkt wählt", sagte Tatiana Byron, Präsidentin des New Yorker Veranstaltungsplaners 4PM Events. Kostenpunkt: 200.000 Dollar.
Unter den größten weihnachtlichen Prämienempfängern an der Wall Street war der Chefmanager von Goldman Sachs, Henry Paulson Junior, der für das Jahr 2005 eine Vergütung in Höhe von 38 Millionen Dollar einheimste. Das sind umgerechnet 731.000 Dollar in der Woche oder 104.000 Dollar pro Tag oder 4.300 Dollar in jeder Stunde. Das ist das 330-fache des Stundenlohns eines durchschnittlichen amerikanischen Lohnempfängers.
Es ist nicht leicht, solche Summen auszugeben. Man muss kreativ sein und sich wahrlich dekadente Dinge einfallen lassen.
Doch so ist das Leben für eine prozentual gesehen sehr kleine Elite, wenn sie auch zahlenmäßig gar nicht so winzig ist in einer Stadt wie New York, wo die Enklaven spektakulären Reichtums von den verarmten Ghettos nur ein paar Häuserblocks entfernt sind.
Wird fortgesetzt.

