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Das Ende des Arbeitskampfs bei VW Brüssel-Forest
Von Marianne Arens
17. Januar 2007
Nach sieben Wochen Streik und Besetzung wird seit Montag dem 8. Januar im Volkswagenwerk Brüssel-Forest wieder gearbeitet. Eine Urabstimmung hatte am Freitag dem 5. Januar keine Mehrheit mehr für die Fortsetzung des Streiks ergeben. 54,6 Prozent der Arbeiter und 78,5 Prozent der Angestellten stimmten dafür, den Streik zu beenden und die Arbeit wiederaufzunehmen. Wer bereits einer Abfindung zugestimmt hatte, nahm an der Abstimmung nicht teil.
Das Ergebnis ist keine Überraschung. Streik und Besetzung, die seit dem 17. November 2006 sieben Wochen lang von der Belegschaft getragen und von einem Großteil der Bevölkerung unterstützt wurden, waren durch deutsche wie belgische Betriebsräte und Gewerkschaften systematisch isoliert worden. Noch am 7. Dezember hatte sich der VW-Europa-Betriebsrat unter Leitung von Bernd Osterloh auf einer außerordentlichen Sitzung ausdrücklich gegen eine Ausweitung des Arbeitskampfs auf andere VW-Werke ausgesprochen. An keinem einzigen der sechs deutschen VW-Standorte wurden Kampfmaßnahmen zur Verteidigung der belgischen Arbeiter eingeleitet.
Unmittelbar vor der Abstimmung hatten am Freitag Morgen die belgischen Betriebsräte aller drei Gewerkschaften die Arbeiter offiziell aufgefordert, das Verhandlungsergebnis zu unterstützen und für ein Ende des Streiks zu stimmen. Eine Betriebsratssitzung am Tag vor der Abstimmung hatte sich fast ausschließlich mit technischen und organisatorischen Details der Wiederaufnahme der Arbeit beschäftigt, um Probleme beim Wiederanfahren der Bänder nach Möglichkeit zu verhindern.
Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung erhielt jeder Beschäftigte einen Brief von der Werksleitung nach Hause, dass er oder sie die Arbeit pünktlich am Montag Morgen, dem 8. Januar wieder aufzunehmen habe. Dagegen äußerten die Betriebsräte keinerlei Protest.
Die Abstimmung selbst verknüpfte ein Votum über den Streikabbruch mit der Zustimmung zu den ausgehandelten Abfindungen und Vorruhestandsgeldern, so dass jeder, der dagegen stimmte, das Gefühl haben musste, er gefährde die Gelder für die ausscheidenden Kollegen. Unter diesen Bedingungen ist die Tatsache, dass immerhin fast 46 Prozent der Arbeiter dagegen stimmten, ein deutliches Misstrauensvotum gegen den Betriebsrat und die Gewerkschaften.
Noch am selben Abend kam es vor dem Werkstor zu Unruhen. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich immer noch etwa hundert Arbeiter am Streikposten auf, als eine Gruppe von Journalisten und Medienleuten ankam, um den Abbruch der Besetzung zu dokumentieren und zu filmen. Einige Arbeiter vor Ort, die über den Abbruch des Streiks und das Verhalten der Gewerkschaften enttäuscht waren, verjagten die Presseleute wütend und erklärten, sie hätten in dieser Situation keine "Voyeure" nötig. Schnell war eine Polizeieinheit zur Stelle, die sich während der ganzen sieben Wochen immer in der Nachbarschaft in Bereitschaft gehalten hatte. Eine größere Konfrontation wurde nur knapp vermieden.
Im Werk herrscht seither schlechte Stimmung und Unzufriedenheit. In der Golf-Produktion werden statt bisher vier Schichten nur noch zwei gefahren, die Nachtschicht und die Wochenendschicht fallen weg, und langfristig verlieren die Arbeiter, die noch übrig sind, dadurch viele Zuschläge.
Vernichtung von über 3.200 Arbeitsplätzen
Das Verhandlungsergebnis bedeutet die Vernichtung von mindestens 3.200 Arbeitsplätzen: Die Belegschaft von VW Brüssel-Forest wird von 5.400 auf 2.200 reduziert. Die wichtigste Forderung der VW-Konzernleitung, den Golf ganz aus Brüssel abzuziehen und nur noch in Wolfsburg und im sächsischen Mosel zu bauen, wird im Laufe der nächsten Monate erfüllt. Statt wie bisher insgesamt 200.000 Fahrzeuge sollen in den kommenden zwei Jahren nur noch 12.500 Golf und 46.000 Polo in Brüssel gebaut werden. Was die Produktion von weiteren 24.000 Wagen einer dritten Marke, wahrscheinlich des Audi A3 betrifft, so sind dafür bisher im Werk keine Vorkehrungen getroffen worden, wie die Zeitung Le Soir berichtet.
Mit dem drastischen Abbau bei Volkswagen Brüssel-Forest gehen weitere Tausende Arbeitsplätze bei den Subunternehmern und Zulieferfirmen verloren. Johnson Controls, Arvin Meritor, Faurecia, Decoma, Alcoa, ISS, Schedle sind nur einige der Firmen, die infolge des VW-Abkommens Stellen streichen werden. In Belgien und im Großraum Brüssel sind in den letzten Jahren in der Autoproduktion bereits massiv Arbeitsplätze abgebaut worden, zum Beispiel bei der Schließung des Renault-Werks in Brüssel-Vilvoorde, bei General Motors in Antwerpen oder bei Ford in Gent.
Die Aufstockung der Polo-Produktion in Brüssel von bisher 10.000 auf 46.000 Wagen bedeutet, dass in anderen VW-Standorten, die ebenfalls den Polo montieren, zum Beispiel im spanischen Pamplona und Martorell oder im slowakischen Bratislava, weitere Arbeitsplätze gefährdet sind. So geht der Kampf um die Produktionsquoten in die nächste Runde, und die Standorte werden systematisch gegeneinander ausgespielt.
Die Existenz des belgischen VW-Standorts ist keineswegs gesichert, wie von Seiten der Betriebsräte und Gewerkschaften behauptet wurde - im Gegenteil. Das Versprechen, ab 2009 den neuen Audi A1 in Brüssel-Forest zu bauen, wird von einer Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich abhängig gemacht. Zweifellos werden weitere VW-Werke in dieser Zeit mit der Schließung konfrontiert - wenn nicht Brüssel-Forest, dann Pamplona oder eine andere Fabrik. Der Angriff auf die Brüsseler Belegschaft ist nur der Auftakt für noch weit größere, europaweite Rationalisierungsmaßnahmen des Volkswagenkonzerns.
Die belgischen Betriebsräte brüsten sich vor allem mit den hohen Abfindungssummen, die sie durchgesetzt haben. Den Kollegen, die das Werk freiwillig verlassen, wurden in der Tat je nach Betriebszugehörigkeit Summen versprochen, die von 25.000 bis 144.000 Euro reichen; außerdem können rund 900 ältere Arbeiter über fünfzig Jahren eine Vorruhestandsregelung in Anspruch nehmen.
Das alles zeigt nur, wie wichtig es für die Konzernleitung letztendlich war, Streik und Besetzung in Brüssel so geräuschlos wie möglich zum Abschluss zu bringen. Der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch, österreichischer Multimillionär und Enkel von Ferdinand Porsche, der für Hitler den VW-Käfer bauen ließ, hat als Topmanager große Erfahrung im Umgang mit den Gewerkschaften. Kurz vor einem gewaltigen Umbau des ganzen Konzerns war er offensichtlich bereit, einige Millionen Euro springen zu lassen, um mithilfe der Betriebsräte den Arbeitskampf erfolgreich abzuwürgen.
Die Redaktion der World Socialist Web Site hatte in einem Aufruf an die belgischen VW-Arbeiter appelliert, mit Nein zu stimmen. "Die Ablehnung des Verhandlungsergebnisses muss zum Ausgangspunkt gemacht werden, um gegen die systematische Erpressung von Seiten der Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre anzukämpfen und die prinzipielle Verteidigung aller Arbeitsplätze an allen Standorten selbst in die Hand zu nehmen", schrieben wir. "Das erfordert einen politischen Bruch mit den Konzeptionen der Sozialpartnerschaft und Mitbestimmung. Eine völlig andere Perspektive ist notwendig. Sie muss vom internationalen Charakter der modernen Produktion und den gemeinsamen Interessen aller Arbeiter weltweit ausgehen. Und sie muss für eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft eintreten. Die gesellschaftlichen Interessen müssen Vorrang vor den Profitinteressen der Konzerne haben."
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