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Prominente französische Intellektuelle unterstützen Präsidentschaftskandidatur von Nicolas Sarkozy

Von Stefan Steinberg
15. März 2007
aus dem Englischen (3. März 2007)

Knapp zwei Monate vor der wichtigen französischen Präsidentschaftswahl haben sich mehrere prominente französische Intellektuelle hinter den rechten Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy (Union für eine Volksbewegung, UMP) gestellt.

Einige dieser Intellektuellen, die locker mit der so genannten Nouvelle Philosophie verbunden sind, werden in der Presse üblicherweise als "links" bezeichnet, obwohl sie schon vor langer Zeit mit jeder Form linker oder sozialistischer Politik gebrochen haben. Trotzdem ist es von beträchtlicher Bedeutung, dass Persönlichkeiten wie der Schriftsteller und nouveau philosophe Andre Glucksmann, der Autor Pascal Bruckner oder Max Gallo, der Romancier und Sprecher des ehemaligen französischen Präsidenten Francois Mitterrand, jetzt offen Sarkozys Wahlkampf unterstützen.

Andre Glucksmann verkündete seine Unterstützung für Sarkozy in einem Beitrag für die Tageszeitung Le Monde und erklärte, neue Ideen kämen heutzutage von der Rechten. Die Linke "schmort in Narzissmus", heißt es bei Glucksmann. Über Sarkozys wichtigste Gegnerin bei der Präsidentschaftswahl, die Kandidatin der Sozialistischen Partei (PS) Ségolène Royal, sagte Glucksmann, dass "die Hohlheit der Linken noch größer ist als ihre eigene".

Der Schriftsteller und Neue Philosoph Pascal Bruckner, der in jüngster Zeit offesiv für einen neuen Nationalismus wirbt, erklärte, er habe sich zuerst für Frau Royal erwärmen können, dann aber habe ihn die Äußerung des PS-Vorsitzenden François Hollande beunruhigt, der gesagt hatte: "Ich mag die Reichen nicht." Jetzt ist Presseberichten zufolge zu der Einsicht gekommen, dass Sarkozy "brillant und mutig" ist. Der Schauspieler und Autor Roger Hanin hat sich ebenfalls für Sarkozy ausgesprochen. Hanin ist ein Schwager des verstorbenen Präsidenten François Mitterrand, der als Vorsitzender der Sozialistischen Partei auch der politische Ziehvater von Royal war. Hanin erklärte, dass er Mitterand immer noch "verehrt", aber Royal nicht traut.

Alain Finkielkraut, ein weiterer nouveau philosophe, lobt Sarkozy als den einzigen Kandidaten, der die "Krankheiten" erkenne, an denen Frankreich im Bereich der Bildung, der Umwelt und des unsozialen Verhaltens leide. In einem Interview mit Libération zog Finkielkraut über die "offensichtliche Inkompetenz" von Royal her, und betonte seine Nähe zu Sarkozy.

Finkielkraut geht auch mit "der offiziellen Linken" hart ins Gericht, die seiner Ansicht nach "überzeugt ist, als Partei das Gute zu verkörpern und zu verteidigen gegen die Partei Pétains" (der das Kollaborationsregime während des Zweiten Weltkriegs anführte). Dieses Mal bevorzugt Finkielkraut offenbar Pétain-Sarkozy gegenüber der "Partei des Guten".

Animiert von der Initiative dieser Gestalten hat eine Gruppe namens La Diagonale Unterschriften von 1.000 so genannten Linken gesammelt, die für Sarkozy stimmen wollen. Unter ihnen finden sich auch einige Mitglieder der Sozialistischen Partei.

Bis jetzt hält sich der bekannteste Neue Philosoph, Bernard-Henri Lévy, noch bedeckt. Er verstehe Glucksmanns Entscheidung nicht, sagt Lévy, aber verteidigt im gleichen Atemzug Sarkozy gegen Vorwürfe, ein "Faschist und Bastard" zu sein. In seiner typisch opportunistischen Art erklärt Lévy "den richtigen Zeitpunkt" zum wichtigsten Kriterium für die Wahlentscheidung eines Intellektuellen.

Kürzlich berichtete Lévy im Wall Street Journal überschwänglich über ein höchst angenehmes Abendessen mit Ségolène Royal. Nachdem er früher enge Beziehungen zu François Mitterrand unterhielt, pflegt Lévy in jüngerer Zeit allerdings eher Umgang mit konservativen Persönlichkeiten wie dem ehemaligen Premierminister Edouard Balladur und dem amtierenden Präsidenten Jacques Chirac.

Mit ihrer Unterstützung für Sarkozy bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen reagieren Glucksmann und seinesgleichen direkt auf den Appell, den Sarkozy in seine Dankesrede auf dem UMP-Parteitag am 14. Januar gestartet hatte.

In einer Rede voller Phrasen und Standpunkte, die gemeinhin mit autoritären und bonapartistischen Herrschaftsformen in Verbindung gebracht werden, beschwor Sarkozy überschwänglich den Nationalismus, verurteilte den Klassenkampf und forderte alle wahren Franzosen zur Einheit auf - gleich, ob sie von links oder rechts kämen. "Mein Frankreich", rief er aus, "ist das aller Franzosen, die eigentlich gar nicht wissen, ob sie rechts, links oder in der Mitte stehen, weil sie vor allem guten Willens sind."

In seiner Rede erläuterte er Schlüsselelemente seines Programms. Nach Sarkozys Vision stützt sich die französische Nation auf Disziplin in den Schulen und in der gesamten Gesellschaft sowie darauf, dass der einzelne Bürger nicht nur Rechte hat, sondern auch seine Pflichten gegenüber dem Staat akzeptiert und erfüllt.

Sarkozys Ansichten zur Beziehung zwischen dem Staat und seinen Bürgern erinnert an die Kritik des konservativen französischen Historikers Ernest Renan aus dem 19. Jahrhundert, der verzweifelt feststellte, Frankreich verlöre "fast alle Erinnerung an einen nationalen Geist". Er riet Napoleon III ein "wahrhaft konservative Programm" zu übernehmen und verurteilte in einem Essay in La Revue des Deux Mondes von 1869 "die Idee gleicher Rechte für alle Menschen, die Vorstellung, die Regierung sei ein öffentlicher Dienst, für den man bezahlt, dem man aber weder Respekt noch Dankbarkeit schuldet, eine Art amerikanischer Impertinenz."

Sarkozy verfolgt zwar enthusiastisch das Ziel, neoliberale US-Politik nach Frankreich zu importieren, und unterhält enge Beziehungen zu politischen Kreisen in den Vereinigten Staaten. Aber seine Vision eines starken korporatistischen Staats, in dem das Individuum seine Rechte für das höhere Interesse der Nation opfert, erinnert an Theoretiker wie Renan, der im 20. Jahrhundert dem italienischen Diktator Mussolini als wichtiger Vordenker des Faschismus galt.

Es ist kein Zufall, dass das Vorwort zu Sarkozys neuestem Buch Temoignage ("Zeugnis") von Gianfranco Fini geschrieben wurde, dem Führer der postfaschistischen italienischen Alleanza Nazionale (Nationale Allianz -NA).

Wer sind die Neuen Philosophen?

Die nouveaux philosophes traten als ideologische Bewegung erstmals 1977 in Erscheinung, als der französische Politiker François Mitterrand aktiv an einer Parteienkoalition bastelte, die die Dominanz der Gaullisten in der französischen Politik brechen sollte. 1971 hatte Mitterand die Führung der neu gegründeten Sozialistischen Partei übernommen und 1972 eine entscheidende Rolle gespielt, als sich die so genannten Union der Linken (1972-1977) bildete, eine Koalition aus Sozialistischer Partei, Kommunistischer Partei und Radikaler Linken. Nach Auseinandersetzungen in der Koalition wurde das so genannte Gemeinsame Programm 1977 nicht erneuert.

In dieser Situation meldete sich eine Gruppe ehemaliger Radikaler und linker Theoretiker zu Wort. Während sich die Krise in der Union der Linken verschärfte, griffen sie die Kommunistische Partei von rechts an und stellten die gesamte Perspektive des Sozialismus in Frage.

Diese Neuen Philosophen waren allesamt mit radikalen Gruppen und stalinistischen Organisationen verbunden, die zur Zeit der Radikalisierung französischer Arbeiter und Studenten in den 1960er Jahren aktiv geworden waren. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Gruppe kam aus der maoistischen Organisation Gauche Prolétarienne (Proletarische Linke, GP). Zu ihnen gehörten z.B. Glucksmann und Christian Jambet. Andere, wie Bernard-Henri Lévy, hatten die Radikalisierung der Studenten und Arbeiter von außen mit Sympathie verfolgt.

Obwohl die Neuen Philosophen als eine Gruppe mit vielen Schattierungen begannen, einte ihre Vertreter das gemeinsame stalinistische und maoistische Erbe, d.h. ihr Nationalismus, ihre Anbetung des starken Staates, ihre Verachtung für die Arbeiterklasse, den echten Sozialismus und die marxistische Tradition. Vor allem maoistische Gruppen wie die GP sahen kleinbürgerliche Kräfte als willkommenes Gegengewicht zur Arbeiterklasse.

In China orientierte man sich auf die Bauernschaft. Im modernen Frankreich wandte sich die Proletarische Linke an Schichten der Studenten und radikalisierten Intelligenz. Schon in den frühen 1970er Jahren gaben die Aktivisten der GP selbst formal jede Orientierung auf die Arbeiterklasse auf. Stattdessen griffen sie Protestthemen wie Umweltfragen, den ‚Konsumterror’ und sexuelle Unterdrückung auf und wandten sich an deklassierte und demoralisierte Bevölkerungsgruppen wie Gefängnisinsassen und Drogensüchtige.

Als die Welle politischer Radikalisierung Mitte der 1970er Jahre in Frankreich und ganz Europa zurückging, brach eine Schicht von Radikalen mit ihren stalinistischen Organisationen und bewegte sich nach rechts. Eine ganze Anzahl von ihnen fand ihre Heimat in dem von François Mitterrand geführten rechten Flügel der Sozialistischen Partei. Mitterand hatte nichts dagegen einzuwenden, sich die Dienste dieser Ex-Radikalen nutzbar zu machen, um die Kommunistische Partei als Koalitionspartner zu disziplinieren und einen Rechtsschwenk vorzubereiten.

Mitte der 1970er Jahre stürzten sich Leute wie Glucksmann und Lévy auf die Verbrechen des Stalinismus, die mit der Veröffentlichung von Büchern wie Alexander Solschenizyns Archipel Gulag an die Öffentlichkeit drangen. Glucksmann und Lévy lehnten allerdings eine ernsthafte Untersuchung zur Geschichte der Sowjetunion im Zwanzigsten Jahrhundert ab. Sie setzten den Stalinismus mit wirklichem Kommunismus gleich und überschütteten die marxistische Tradition mit Hohn und Spott. Sie machten diese Tradition größtenteils für alle Übel des Zwanzigsten Jahrhunderts verantwortlich.

In seinem Buch Die Meisterdenker (1978) wirft der 1937 geborene Glucksmann unsinniger Weise so unterschiedliche Theoretiker und Philosophen wie Karl Marx, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Nietzsche in einen Topf und schlussfolgert, diese hätten "unter dem Vorwand des Wissens [...] den geistigen Apparat zusammengesetzt, der für die Propagierung der großen Endlösungen des 20. Jahrhunderts unabdingbar ist". Glucksmann zufolge ist der Gulag die logische Konsequenz aus dem Marxismus und sogar der Aufklärung

Glucksmanns Breitseite gegen den Marxismus und die Aufklärung wurde dann von Bernard-Henri Lévy aufgegriffen. Lévy war Mitte der 1970er Jahre politischer Berater von Mitterand und Herausgeber beim Pariser Verlagshaus Grasset, das den Begriff nouveaux philosophes prägte. 1977 gab Lévy drei Bücher der Gruppe heraus - von Andre Glucksmann, Guy Lardreau, und Christian Jambet - und veröffentlichte schließlich sein eigenes mit dem Titel Barbarei mit menschlichem Gesicht.

In seiner üblen antimarxistischen Polemik verzichtet Lévy völlig auf eine Untersuchung der konkreten historischen Entwicklung in der Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre, d.h. der Zeit, als den Internationalisten, die die Russische Revolution 1917 geführt hatten, die politische Macht entwunden wurde und an eine reaktionäre nationalistische Bürokratie überging. Stattdessen erklärt Lévy plump, die Entwicklung der Sowjetunion habe gezeigt, dass die Revolution ein "Mythos" sei.

Für die Beständigkeit marxistischer Ideen in Frankreich macht Lévy die Denker der französischen Aufklärung verantwortlich, die den Weg für kommunistischen Dogmatismus bereitet hätten. Sie hätten den naiven Glauben in die historische Zwangsläufigkeit des menschlichen Fortschritts postuliert.

"Der Totalitarismus ist [...] die einzige erfolgreiche Revolution eines Jahrhunderts, das so viele Revolutionen erlebte und scheitern sah." schreibt Levy und erklärt zu Solschenizyns Archipel Gulag "Das sowjetische Lager ist marxistisch, es ist genauso marxistisch, wie Auschwitz nationalsozialistisch war."

Schon zwanzig Jahre, bevor das Schwarzbuch des Kommunismus (1997) veröffentlicht wurde, hissten Glucksmann und Lévy das Banner des "Antitotalitarismus" und setzten Stalinismus, Faschismus und wirklichen Kommunismus gleich, um letzteren zu verunglimpfen. 1977 zollte das konservative Wirtschaftsmagazin The Economist den Neuen Philosophen Tribut, als es sie kollektiv als "großartige Marx-Hasser" lobte.

In den nächsten drei Jahrzehnten betätigten sich Glucksmann und Lévy verlängerter Arm der französischen (und auch der amerikanischen) Außenpolitik. Sie spielten ihre einzigartige Interpretation von Protestpolitik und Menschenrechten immer dann in den Vordergrund, wenn es für den französischen Staat darum ging, die eigenen Interessen zu verteidigen.

Beide unterstützten 1999 die von den USA und der Nato betriebene Auflösung Jugoslawiens und die Bombardierung Serbiens, weil damit angeblich "die Menschenrechte verteidigt" wurden und weil sie im serbischen Staatschef Slobodan Milosevic einen "totalitären" und "faschistischen" Diktator erkannten. Später, im Jahre 2001, befürworteten sie die französische und europäische Intervention in Afghanistan mit der Begründung, dass damit die Unterdrückung der Frauen und der islamische Extremismus bekämpft würden.

Beide haben ihren Kampf gegen den Totalitarismus geschickt auf den "Krieg gegen Terror" unter US-amerikanischer Führung ausgedehnt. Glucksmann ist bis heute ein entschlossener Verteidiger des amerikanischen Kriegs gegen den Irak.

Glucksmann, Bernard-Henri Lévy und Alain Finkielkraut sind jüdischer Herkunft (Glucksmann verlor mehrere Familienmitglieder in den Todeslagern der Nazis), haben aber aus dem tragischen Schicksal der Juden im Zwanzigsten Jahrhundert nichts gelernt. Kritiker der israelischen Politik bezichtigen sie bei jeder Gelegenheit des Antisemitismus. Alle drei beteiligten sich kürzlich an federführend an einer Kampagne, die vor der angeblichen Gefahr eines "Islamo-Faschismus" oder "Faschislamismus" (Lévy) warnte.

Vergangenes Jahr verurteilte Glucksmann in der Tageszeitung Figaro den "universellen Dschihad", die iranische "Machtbesessenheit" und die Strategie der "grünen Subversion", die vom radikalen Islam ausgehe. Im März 2006 unterzeichnete Lévy das Manifest "Gemeinsam gegen den neuen Totalitarismus" in Solidarität mir der rechten dänischen Zeitung Jyllands Posten, die mit der provokativen Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed eine antiislamische Kampagne vom Zaun gebrochen hatte.

Finkielkraut wiederum löste eine Kontroverse aus, als er die soziale Dimension der Unruhen leugnete, die von französischen und eingewanderten Jugendlicher in benachteiligten Wohngebieten in ganz Frankreich ausgingen. "In Frankreich möchten sie diese Unruhen am liebsten auf ihre soziale Dimension reduzieren. [...] Das Problem ist aber, dass die meisten dieser Jugendlichen Schwarze oder Araber sind und sich als Moslems verstehen. [...] Diese Revolte hat einen ethnisch-religiösen Charakter."

Als Finkielkrauts Äußerung verschiedentlich auf Widerspruch stieß, stellte sich ein führender Politiker demonstrative an seine Seite: der gegenwärtige Innenminister und Präsidentschaftskandidat der UMP, Nicolas Sarkozy.

Jeder kritische Leser mit einer gewissen Kenntnis des politischen und intellektuellen Lebens in Frankreich weiß um die negative und fatale Rolle, die intellektuelle Quacksalber und Hochstapler wie Glucksmann, Lévy und Finkielkraut in den letzten Jahrzehnten gespielt haben. Ihre Neigung zu Selbstbeweihräucherung, Populismus und intellektueller Schlampigkeit wird nur noch von ihrem politischen Opportunismus übertroffen.

Nichtsdestoweniger ist der Übergang einer ganzen Reihe dieser Gestalten in das Lager von Nicolas Sarkozy eine bedeutsame Entwicklung und Ausdruck eines qualitativen Wechsels in ihrer politischen Orientierung. Von den halblegalen Aktivitäten der Gruppe Proletarische Linke über den rechten Flügel der französischen Sozialistischen Partei geht diese Gruppe von Intellektuellen in das Lager der autoritären Rechten über. 1977 diente die Verteufelung des Kommunismus als Übergang vom kleinbürgerlichen Radikalismus in das Lager der Sozialistischen Partei. Heute ist die Kritik an dem völlig rechtslastigen Programm von SP-Kandidatin Ségolène Royal als zu links und unzureichend ihre Eintrittskarte ins Lager von Sarkozy.

Die politische Entwicklung von Glucksmann und seinesgleichen ist Ausdruck einer tief reichenden Veränderung in den Klassenbeziehungen. Unter den Bedingungen zunehmender sozialer Polarisierung und dem schnellen Anwachsen von sozialer Ungleichheit in Frankreich wie vielen anderen Ländern Europas geraten die Existenz und der traditionelle Status großer Teile der Mittelschichten in Gefahr. Sarkozy ist sich über diese Entwicklung gänzlich im Klaren und bietet sich in seinem Buch Temoignage als der starke Mann an, der die bedrohte französische Mittelschicht retten kann.

In seinem Buch schreibt Sarkozy unter der Kapitelüberschrift "Die verlassenen Mittelschichten": "Seit dem Ende der Trente Glorieuses [1945-1975] haben wir zunehmend aufgegeben, Politik für die Mittelschichten zu machen. Das ist ein Fehler, weil gerade die Mittelschichten wirtschaftliche Prosperität und Mobilität in der Gesellschaft schaffen. Deswegen sollten sie im Zentrum jeder Politik stehen. [...] Ihr wachsender Wohlstand bringt der ganzen Gesellschaft Vorteile. [...] Wenn die Mittelschichten stagnieren, dann steckt die ganze Gesellschaft in der Sackgasse und kommt zum Erliegen."

Sarkozy will die Mittelschichten von ihren Fesseln befreien. Tatsächlich richtet sich Sarkozys Botschaft an die wohlhabenden und überaus privilegierten Teile der französischen Mittelschichten, deren typische Repräsentanten Leute wie Glucksmann und Lévy sind. Unter seiner Regierung, versichert ihnen Sarkozy, brauchen sie sich ihres Wohlstands nicht zu schämen: "Seit 25 Jahren entmutigt Frankreich unablässig Initiative und bestraft Erfolg. Die Dynamischsten daran zu hindern, reich zu werden, führt zuerst zur Verarmung aller anderen. Weil wir Gleichheit für alle wollten, wurden letztlich alle bestraft."

Für die folgenden Worte ist ihm die Zustimmung des Wall Street Journals gewiss: "Geld ist die legitime Belohnung für harte Arbeit und das Eingehen von Risiken. Es ist das Mittel für die Schaffung von zusätzlichem Reichtum, der mehr Wachstum und dann mehr Beschäftigung ermöglicht. Die gegenwärtige Ideologie bezüglich Geld und Erfolg führt nur zu Verarmung, Anpassung nach unten und Gleichmacherei."

Sarkozys Versuch, Teile der Mittelschichten und rückständige wie deklassierte gesellschaftliche Elemente für einen Kreuzzug gegen "Gleichmacherei" zu mobilisieren, hat eine zutiefst reaktionäre Bedeutung. Die wachsende gesellschaftliche Spaltung, der zunehmende Militarismus und die Linkswendung von großen Schichten der Arbeiterklasse sowie Teilen der französischen Mittelschichten, die sich in einer ganzen Reihe von Demonstrationen und sozialen Protesten ausdrückt, sind nicht mit den einst bewährten Mitteln in den Griff zu bekommen, die der bürgerliche Staat in der Nachkriegszeit eingesetzt hat. Sarkozy führt im Zusammenspiel mit einflussreichen Teilen der französischen Wirtschafts- und Finanzbourgeoisie eine Initiative für neue autoritäre Herrschaftsformen an.

Sein Appell an die Mittelschichten, "sich zu bereichern", hat jetzt bei einer Schicht von Intellektuellen eine positive Resonanz gefunden. Mit ihrer Unterstützung für seinen Präsidentschaftswahlkampf bieten sich Gestalten wie Glucksmann, Bruckner und Gallo als geflissentliche Demagogen für Sarkozys und seine durch und durch reaktionäre Vision einer neu belebten französischen Nation an.



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