Rotes Kreuz berichtet über schreckliche Zustände in Gaza

Ein Bericht des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) unter dem Titel "Gaza: 1,5 Millionen in Verzweiflung gefangen" zeichnet das furchtbare Bild einer humanitären Katastrophe.

Bei Israels Militäroffensive Anfang des Jahres in Gaza wurden 1.300 Menschen getötet, noch viel mehr verletzt, Tausende obdachlos und ein Großteil der Infrastruktur Gazas zerstört. Sechs Monate danach, so der Bericht, können die Bewohner auf Grund der israelischen Blockade immer noch kein vernünftiges Leben führen:

"Die meisten Menschen kämpfen ums Überleben. Schwerkranke erhalten kaum die notwendige Behandlung. Viele Kinder leiden unter enormen psychischen Problemen. Die Zivilisten, deren Wohnungen und Eigentum während des Konflikts zerstört wurde, finden nicht mehr in ein geordnetes Leben zurück. Die Güter, die nach Gaza gelangen, reichen bei Weitem nicht aus, den Bedarf der Bevölkerung wirklich zu decken.

Israel hat die Schlinge um Gaza fester zugezogen. Im Mai 2009 genehmigten die israelischen Behörden lediglich 2.662 - das sind täglich nicht einmal 90 - Güterlastwagen die Fahrt nach Gaza. Das ist weniger als ein Viertel der im April 2008 genehmigten 11.392 Frachten. Zur Versorgung mit dem Allernotwendigsten bräuchte es mindestens 250 LKW-Ladungen täglich.

Gaza kann überhaupt nur Dank des Warenschmuggels durch die Tunnel unter der Grenze zu Ägypten überleben. Diese Tunnel waren im vergangenen Januar eines der Hauptziele der israelischen Bombardierungen. Sie wurden zwar umgehend wieder instand gesetzt. Der Schmuggel durch die Tunnel ist jedoch äußerst gefährlich. Im vergangenen Jahr starben 40 Menschen durch einstürzende Tunnel.

Israel erlaubt seit dem Ende seiner Militäroperationen im Januar keine Einfuhr von Materialien für Reparaturarbeiten mehr. Nicht ein Cent von den 1,33 Milliarden Dollar, die im März auf der Geberkonferenz in Ägypten versprochen wurden - ohnehin viel weniger als die von den UN geschätzten notwendigen 2,4 Milliarden Dollar - ist bisher in Gaza angekommen. Bis heute wurde nicht mit den Reparaturarbeiten angefangen.

Nach Angaben des IKRK werden die stark von israelischen Bomben zerstörten Gebiete, "...weiterhin wie das Epizentrum eines starken Erdbebens aussehen, wenn nicht riesige Mengen Zement, Stahl und andere Baumaterialien ins Land hinein gelassen werden,."

Viele, die ihre Wohnung verloren haben, leben auf engstem Raum bei Verwandten, Tausende, die sonst keinen Platz finden, in Zelten.

Strom- und Wasserversorgung sowie Kläranlagen wurden durch den Krieg zerstört. Die Lieferung neuer Wasserrohre, elektrischer Ersatzteile, von Pumpen und Transformatoren nach Gaza wurde nicht erlaubt. Zwar wurden einige der notwendigsten Reparaturen durchgeführt; der allgemeine Zustand ist jedoch extrem unbefriedigend. Infrastruktureinrichtungen sind überlastet und brechen ständig zusammen. Neunzig Prozent der Menschen klagen über eingeschränkte Stromversorgung, zehn Prozent haben überhaupt keinen Strom. Zweiunddreißigtausend Menschen haben kein fließendes Wasser und 100.000 haben nur jeden zweiten oder dritten Tag Zugang zu Wasser.

Da es an funktionierenden Wasseraufbereitungsanlagen mangelt, müssen jeden Tag 69 Millionen Liter nur teilweise geklärten oder gänzlich unbehandelten Abwassers - das entspricht dem Volumen von 28 Schwimmbädern - direkt ins Mittelmeer gepumpt werden.

Nach der Wohlfahrtsagentur der UN, UNRWA, die sich der palästinensischen Flüchtlinge annimmt, haben Infektionserkrankungen, auch Durchfallerkrankungen und virale Gelbsucht zugenommen. Das ist eine Folge verschmutzten Wassers und schlechter hygienischer Bedingungen.

Die Bewohner Gazas haben kaum Zugang zu medizinischer Versorgung. Die Krankenhäuser sind am Ende, es gibt kaum Strom, Medikamente und Prothesen. Ihre Einrichtungen funktionieren nicht mehr. Ungefähr 100 der 150 Menschen, die während der letzten Offensive Gliedmaße verloren haben, warten immer noch auf die Versorgung mit Prothesen.

Nur wenigen Schwerkranken wurde erlaubt, Gaza zu verlassen und sich außer Landes behandeln zu lassen. Selbst wenn sie diese Möglichkeit bekommen, ist die Reise nach Israel über den Grenzübergang Erez ein Albtraum. An lebenserhaltende Apparaturen angeschlossene Patienten müssen aus dem Rettungsfahrzeug genommen und auf Bahren 60 bis 80 Meter weit zum, auf der anderen Seite wartenden, Rettungswagen getragen werden. Wer gehen kann, muss sich eingehenden Befragungen unterziehen, bevor er die Ausreiseerlaubnis bekommt, die aber oft auch versagt wird.

Die Blockade hat die Wirtschaft im Gazastreifen ruiniert. Die Arbeitslosigkeit ist auf 44 Prozent in die Höhe geschnellt. Die Import- und Exportbeschränkungen für Gaza haben die Industrieproduktion um 96 Prozent reduziert und kosteten 70.000 Arbeitsplätze.

Eine Erhebung des IKRK vom Mai 2008 hat gezeigt, dass selbst damals über 70 Prozent der Bevölkerung in Armut lebte, wobei sieben- bis neunköpfige Familien von weniger als 250 US-Dollar leben mussten. Nahezu 40 Prozent der Familien leben bei einem monatlichen Einkommen von unter 120 Dollar in extremer Armut. Menschen, die Arbeit haben oder selbstständig sind, müssen sechs bis sieben Personen unterhalten, zusätzlich Angehörige aus ihren Großfamilien.

Nur einmal täglich gibt es in den Familien eine Mahlzeit. Auf Fleisch, Huhn und Eier muss verzichtet werden. Die Regale im Supermarkt sind leer, außer Grundnahrungsmitteln von UN-Organisationen und Spenden der Europäischen Union gibt es nichts. Deshalb leiden Zehntausende Kinder an Eisen-, Vitamin A und D-Mangel, was zu Wachstumsstörungen an Knochen und Zähnen, reduzierter Immunabwehr, Abgeschlagenheit und Lernstörungen führt.

Viele Nahungsmittel sind schlicht nicht zu bekommen und selbst die wichtigsten Grundnahrungsmittel werden zu weit überhöhten Preisen verkauft.

In einer besonders eindringlichen Passage des Berichts heiß es. "Der Großteil der ganz Armen weiß nicht mehr weiter." Sie haben wirklich alles, was sie hatten, verkauft, einschließlich ihrer Existenzgrundlage, wie Viehbestand oder Fischerboote. Ihre Ausgaben für Nahrung können sie einfach nicht mehr reduzieren. Am schlimmsten geht es den Kindern, sie machen die Hälfte der Bevölkerung in Gaza aus.

Bauernfamilien, ein Viertel der Bevölkerung, sind schwer betroffen. Sie können ihre Produkte entweder gar nicht, oder nur zu einem Bruchteil des Exportpreises verkaufen und können sie wegen der Blockade nicht über Israel nach Europa exportieren. Der Kauf von Düngemitteln und Viehfutter, Ersatzteilen für die Maschinen und vieler Saatgutsorten ist unmöglich.

Während der drei Wochen dauernden Offensive anfang des Jahres entwurzelte die israelische Armee Tausende Bäume in Zitrus-, Oliven- und Palmenhainen, zerstörte Bewässerungsanlagen, Brunnen und Gewächshäuser. Israel hat Zonen bis zu einem Kilometer Breite entlang der Grenze zwischen Gaza und Israel zum Niemandsland erklärt und so Landwirte am Betreten ihres Bodens gehindert. Mindestens 30 Prozent des anbaufähigen Landes von Gaza ist betroffen. Bauern, die ihr eigenes Land betreten, laufen Gefahr, von den Israelis erschossen zu werden.

Israel hat die Fischerei eingeschränkt, indem es die schon unter dem internationalen Standard liegende Fischereizone für die Bewohner Gazas nochmals von sechs auf drei Seemeilen vor der Küste Gazas reduziert hat. Die meisten Bestände größerer Fische und Sardinen, die vor zwei Jahren 70 Prozent des Fangs ausmachten, liegen jetzt jenseits dieser Grenzen.

Die Menschen können nicht ausreisen, um ihre Familien zu besuchen, oder um an Unterricht oder Ausbildung teilzunehmen. Fullbright-Stipendiaten aus Gaza wurde die Ausreise zum Studium an amerikanischen Universitäten verweigert. Auch palästinensische Angestellte verschiedener Hilfsorganisationen sind von Reisebeschränkungen betroffen. Am Übergang Rafah an der ägyptischen Grenze sieht es nicht besser aus.

Vergangene Woche verweigerte Israel die Einreise einer vom südafrikanischen Richter Richard Goldstone geleiteten Untersuchungskommission der UN, die Menschenrechtsverletzungen bei der Militäroperation im Januar untersuchen sollte. Die Aussagen palästinensischer Zeugen bei den Ermittlungen wurden live von einem UN-Büro in Gaza-City aus übertragen.

Am 29 Juni stoppte Israel in internationalen Gewässern außerhalb der Küstenregion Gazas, ein von der "Bewegung Freies Gaza" gechartertes Schiff und kaperte es, weil es humanitäre Hilfe nach Gaza bringen sollte. Das IKRK, 40 internationale Hilfsorganisationen und NGOs haben in einer Erklärung Israels Blockade verurteilt und die Aufhebung der seit zwei Jahren dauernden Belagerung gefordert.

Dass die 1,5 Millionen Palästinenser in Gaza, wie es das IKRK ausdrückt, "in einen Teufelskreis von Entbehrung und Hoffnungslosigkeit" getrieben werden, liegt einzig und allein an dem bewussten, kriminellen Vorgehen der israelischen Regierung, die dabei die Rückendeckung Washingtons und der wichtigsten europäischen Mächte hat.

Die gegenwärtige Blockade begann, als im September 2000 nach Ariel Scharons provokantem Besuch des Tempelbergs in der Altstadt Jerusalems die Intifada ausbrach. Dieser Besuch war absichtlich darauf angelegt, jegliche Friedenslösung in dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zu torpedieren. Damals riegelte Israel seine Grenzen zum Westjordanland und zum Gazastreifen ab.

Israel verschärfte die Blockade im Januar 2006 nach der Wahl der Hamas, die von Israel und den USA als Terrororganisation eingestuft wird. Tel Aviv fing an, Steuern und Staatseinkünfte für die Behörden von Gaza, die Israel eingenommen hatte, einzubehalten. Die europäischen Mächte unterstützten die Wirtschaftssanktionen gegen die Hamas-Regierung.

Die Blockade wurde im Juni 2007 in eine Totalbelagerung umgewandelt, als die Hamas die rivalisierende Fatah vertrieb. Die Fatah hatte Geld, Waffen und Ausbildung von Israel und den USA erhalten, und war von Ägypten unterstützt worden, um die Hamas-Regierung mit militärischen Aktionen zu stürzen und die Macht zurückzuerobern. Seit dieser Zeit genehmigte Israel selbst die Lieferung grundlegender "humanitärer Hilfe" wie Nahrungsmittel, Treibstoffe und medizinische Ausrüstung nur noch in winzigen Rationen.

Die Darstellung des IKRK veranschaulicht, dass die Bewohner Gazas in einem einzigen großen Gefängnis leben.

Siehe auch:
Israel: Netanjahu lehnt Kompromiss mit Palästinensern ab
(20. Juni 2009)
Die Geberkonferenz für den Gazastreifen: Verschwörung im Mantel des Mitleids
( 6. März 2009)
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