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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Arbeitslosigkeit macht krankVon 100 Arbeitslosen sind durchschnittlich 40 bis 60 wegen ihrer schwierigen Lebenslage physisch oder psychisch krank. Diese von empirischen Untersuchungen festgestellte Tatsache stand letzte Woche im Zentrum einer internationale Expertentagung in Hannover unter dem Motto "Gesunder Standort kranke Menschen". Die Wissenschaftler debattierten die Ergebnisse ihre Forschungsarbeit zu den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und Sozialabbau auf den Gesundheitszustand der Betroffenen. Arbeitslose leiden häufiger unter Bluthochdruck, Herzflattern, Schlafstörungen, Schweißausbrüchen und Blutgerinnungsstörungen, berichtete Jürgen Collatz , Soziologe an der Medizinischen Hochschule Hannover. Collatz nannte als wesentliche Ursache solcher Erkrankungen, daß Arbeitslose von Politikern durch Begriffe wie "Sozialschmarotzer" diskriminiert und gebrandmarkt würden. Nur bei ganz wenigen Menschen höchstens 15 Prozent lasse sich eine Verbesserung des Gesundheitszustands feststellen, wenn sie arbeitslos werden. "Der Gewinn ist sehr kurzfristig und deutet eher auf die extrem belastende Lage am ehemaligen Arbeitsplatz hin, meinte dazu sein Kollege, der Psychologe Thomas Kieselbach. Dieser stellte fest, Arbeitslose erlitten häufiger Herzinfarkte, alterten und stürben im Durchschnitt früher als Leute, die einen Arbeitsplatz haben. Nach seinen Erkenntnissen beeinflußt der "psychosoziale Streß in diffuser Form die Gesundheit". Bereits vorhandene Symptome und Anfälligkeiten würden verstärkt. "Fast alle Arbeitslosen leiden in irgendeiner Form unter depressiven Störungen", erklärte er. Kieselbach führte internationale Studien an, die belegen, daß 58 Prozent aller arbeitslosen Jugendlichen behandlungsbedürftige psychiatrische Krankheiten haben. Dazu komme in der Regel eine Verschärfung häuslicher Konflikte oder Alkoholprobleme. Zwar gebe es keine typische Arbeitslosenkrankheit, aber die Imunabwehr des Körpers sei bei Arbeitslosen deutlich schwächer, so daß diese für viele Krankheit anfälliger würden. Der Berliner Medizinsoziologe Thomas Elkeles meinte, das Wort "Standort" sei ein "Kampfbegriff", zum Zweck der Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen der Wirtschaft. Er stellte eine Studie vor, nach der zwischen 20 und 25 Prozent der Erwerbstätigen unter chronischen Beschwerden litten. Unter Erwerbslosen, die seit sechs Monaten keinen Arbeitsplatz mehr haben, liege der Anteil ungefähr doppelt so hoch. Elkeles beklagte, daß die Ärzte bisher zu wenig die sozialen Ursachen von Krankheiten berücksichtigten. Ihr Bewußtsein darüber müsse geschärft werden, auch wenn sie nur wenige Handlungsmöglichkeiten hätten. Collatz vertrat die Auffassung, auf Dauer seien gesündere Arbeits- und Lebenbedingungen nur durch eine gerechtere Verteilung der Arbeit zu erreichen, ließ aber offen wie das zu erreichen sei. Professor Kieselbach dagegen appellierte an die Unternehmen, die Beschäftigte entlassen. Der Personalabbau dürfe nicht in Form "kurzfristiger Entsorgung von Menschen" stattfinden. Er schlug vor, sie vorher umfassend zu beraten. Als Beispiel führte er die sogenannten "Arbeitsstiftungen" in Österreich an, mit denen seit den 80er Jahren Opfer von Massenentlassungen "aufgefangen" würden. Beispiele für solche Beschäftigungs- und Auffanggesellschaften, die von den Experten als "allgemeines und gesellschaftlich akzeptiertes" Konzept gefordert wurden, gibt es gerade in Deutschland freilich schon mehr als genug. Sie sind nichts anderes als Verschiebebahnhöfe in die Arbeitslosigkeit. © neue Arbeiterpresse, Nr. 856, 17. April 1997
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