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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Das Märchen vom JobwunderSybille Fuchs"Löhne
und Sozialleistungen runter, dann gibt es neue Arbeitsplätze",
so lautet der Schlachtruf, mit dem Unternehmer, Regierung und Gewerkschaftsfunktionäre
heute gemeinsam gegen die Arbeiter zu Felde ziehen, die um ihren Arbeitsplatz
bangen oder sich auf den Fluren der Arbeitsämter und Jobbörsen
drängen. So lautet das Märchen. Sybille Fuchs hat für unsere Leser einmal die Fakten der Realtität zusammengetragen.
Auf der Titelseite des Spiegel in der letzten Woche (Nr. 17/1997) prangt es, unübersehbar: "Alle schaffen Arbeit - wir nicht!" Den "reformunwilligen" deutschen Arbeitern werden vor allem die USA, Großbritannien und die Niederlande als Vorbild vorgehalten. Nicht etwa, daß der Spiegel verschweigt, daß die dort neugeschaffenen Arbeitsplätze meist schlecht bezahlt sind und daß die Arbeiter geheuert und gefeuert werden können, wann immer es dem Unternehmen paßt. Nein, er führt sogar selbst einige der "Schattenseiten" dieser Entwicklung an. Die müßten aber, so die Spiegel-Redakteure, in Kauf genommen werden. "Wo immer in den vergangenen Jahren massenhaft neue Arbeitsplätze entstanden, gab es nicht mehr, sondern weniger Hilfe vom Staat: weniger Arbeitslosengeld, weniger Kündigungsschutz, weniger Einkommenshilfe für die Bauern, weniger Investitionshemmnisse und Regulierungen wie Bauvorschriften oder Ladenschluß. Und vor allem weniger Lohn. Lieber einen Billiglohnjob als gar keinen Job lautet der Grundsatz in den Reformländern, konsequent drückten sie die Lohnkosten nach unten. Das Ergebnis ist ein neuer Kapitalismus: schneller, rauher und oftmals herzlos - aber eben effizient und erfolgreich. Innerhalb der Reformländer kam ein - durchaus gewollter - Prozeß der Umverteilung von Arbeit und Einkommen in Gang." Ganz besonders leuchtend wird die Lage in Großbritannien geschildert, wo die "Arbeitslosenzahlen schrumpften" und die "Investitionen zulegten", weil die Unternehmer seit Thatcher schrankenlose Freiheiten erhalten haben. "Zu Zehntausenden ersetzten die Firmen gut bezahlte Angestellte durch Zeitarbeiter, die sie jederzeit feuern können. Über zwei Drittel der seit 1993 geschaffenen Stellen , zeigt eine Studie der größten britischen Bankengruppe HSBC, sind Teilzeitjobs". Aber selbst die Unternehmerzeitung Handelsblatt (16.04.1997) macht darauf aufmerksam, daß der Rückgang der Arbeitslosigkeit in Großbritannien keineswegs so stark ist, wie die Regierung Major behauptet. Die Arbeitsmarktstatistik der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) weise für Großbritannien eine höhere Arbeitslosenquote aus als die von der Regierung Major angegebenen 7,5 Prozent. Schwerwiegender jedoch sei die Tatsache, so das Handelsblatt, daß seit Beginn der Regierungsübernahme durch die Konservativen 1979 mehr als 30 mal die Kriterien für die Zählweise in der Arbeitslosenstatistik geändert wurden, um die Statistik zu schönen. In Großbritannien zählt nur als arbeitslos, wer Anspruch auf staatliche Unterstützung hat. Allein im Oktober letzten Jahres verschwanden schlagartig 70.000 Arbeitslose aus der Statistik, weil die Beihilfekriterien geändert wurden. Eine Untersuchung der Universität Sheffield wies nach, daß die Arbeitslosigkeit in Großbritannien in Wirklichkeit doppelt so hoch als offiziell angegeben, also bei 15 Prozent liegt. Selbst die Regierung mußte gegenüber der EU zugeben, daß vor allem arbeitslose Jugendliche, Frauen und ältere Arbeitnehmer von der Statistik nicht erfaßt würden. Nach wissenschaftlichen Berechnungen sind allein 1,2 Millionen Langzeitarbeitslose einfach aus der Statistik verschwunden. Bei einer Gesamtbeschäftigung von 25 Millionen Erwerbstätigen ist die Zahl der Beschäftigten seit 1992 nach den offiziellen Angaben des Nationalen Amtes für Statistik nur um 338.000 Stellen gewachsen. Dabei handelt es sich nach wissenschaftlichen Untersuchungen zu zwei Dritteln um Teilzeitarbeitsplätze. Die Hälfte der neuen Arbeitsverhältnisse sind zudem nur befristet. Ähnlich sind die Fakten in bezug auf die "Wunder" auf dem Arbeitsmarkt der Niederlande. Begeistert berichtet der Spiegel von den "Reformen" dort. Er zitiert einen niederländischen Lehrer, der als Straßenwächter arbeitet und durchaus damit zufrieden sei und preist den sozialdemokratischen Regierungschef Kok, der die Abgabenlast der Unternehmen konsequent auf das "Niveau karibischer Steuerparadiese" gedrückt habe. Auch hinter der aus den Niederlanden berichteten Beschäftigungszunahme verbergen sich größtenteils schlecht bezahlte Teilzeitjobs im Dienstleistungssektor. Heute arbeiten in unserem Nachbarland 33 Prozent der Beschäftigten in Teilzeitarbeitsverhältnissen. Vor 15 Jahren waren es noch weniger als 18 Prozent. Die Teilzeitquote bei Männern hat in den Niederlanden um 17 und bei Frauen um 67 Prozent zugenommen. Viele dieser Teilzeitarbeitskräfte - 35 Prozent - arbeiten nur 10 Stunden oder weniger in der Woche. Die meisten der neuen Arbeitsplatzinhaber mußten sogenannte atypische Arbeitsverträge abschließen. Das heißt, für sie gelten keine Tarife oder Ecklöhne. Lohn und Arbeitsbedingungen wurden individuell zwischen dem Unternehmer und dem Arbeitsuchenden ausgehandelt. So stehen heute den wenigen gut bezahlten und einigermaßen abgesicherten Arbeitsverhältnissen, meist in der Industrie, zahlreiche unsichere, schlecht bezahlte Teilzeitjobs im Dienstleistungsbereich gegenüber. (vergl.: Die Mitbestimmung, 4/1997, S. 18ff. und 28f) Natürlich wird vom Spiegel die Lage in den USA, dem internationalen Vorbild für die wundersame Jobvermehrung, in besonders rosigen Farben geschildert. Täglich steigt dort die Zahl der Zeitarbeiter, die je nach Auftragslage angefordert oder wieder auf die Straße geworfen werden können, ohne daß sie dann noch einen Pfennig Gehalt weitergezahlt bekommen. Der Spiegel dazu: "Das amerikanische Jobwunder ist nicht denkbar ohne Billiglohnarbeiter. Rund dreißig Prozent der Beschäftigten schuften zu Löhnen, die in Deutschland unterhalb der Tarifverträge liegen. Ein Fünftel aller arbeitenden Amerikaner fällt in die Schicht der sogenannten working poor. Ihr Lohn liegt noch unter der Armutsgrenze von 10.062 Dollar im Jahr." Immer wieder geistert die Zahl von 24,1 Millionen zwischen 1985 und 1995 neu geschaffenen Jobs durch die Presse, die als Beweis für die phantastischen Produktionsbedingungen gelten. Seltener wird berichtet, daß im gleichen Zeitraum die sozialen Unterschiede noch viel krasser zugenommen haben als in anderen Ländern. In keinem Land der OECD existieren so große Einkommensunterschiede wie in den Vereinigten Staaten. Zahllose gut bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie wurden seit den siebziger Jahren kontinuierlich vernichtet und durch meist schlecht bezahlte Jobs im Dienstleistungsbereich ersetzt. Daß es diese Nachfrage nach Dienstleistungen überhaupt gibt, hängt natürlich auch mit den großen Einkommensunterschieden zusammen. Die Superreichen können es sich leisten, den Hungerleidern ein paar Dollars in die Hand zu drücken, damit sie ihnen die Wohnung sauber halten, für sie kochen, ihr Auto fahren, ihren Hund spazierenführen usw. Aber selbst von den sozialen Bedingungen der so "Beschäftigten" abgesehen, hält die ominöse Zahl von 24,1 Millionen neuen Arbeitsplätzen keiner wissenschaftlichen Analyse statt. Sie beruht auf einem statistischen Taschenspielertrick. In einem Vortrag, der in der Frankfurter Rundschau vom 9. 4. 1997 dokumentiert wurde, untersucht Reinhard Stransfeld vom VDI/VDE Technologiezentrum in Teltow, wie diese Zahl zustandegekommen ist und in welchen Relationen sie gesehen werden muß. Als erstes stellt Stransfeld fest, daß in diesem Zeitraum die erwerbsfähige Bevölkerung in den USA gewaltig, nämlich um 24,4 Millionen gewachsen ist. Allein um die Beschäftigungsquote von 1983 auf dem damaligen Niveau von 58% zu halten, mußt die Zahl der Arbeitsplätze um 14,2 Millionen wachsen. Als tatsächlicher Zugewinn, der die Beschäftigungsquote erhöht, bleiben also von den 24,4 Millionen nur 9,9 Millionen übrig. Diese Zahl wird noch geringer, wenn man alle weiteren statistischen Tricks in Rechnung stellt. So wurde als Ausgangsbasis für die Berechnung des amerikanischen Jobwunders das Jahr 1983 gewählt, in dem durch einen starken Konjunktureinbruch eine Million Jobs verloren gegangen waren. Natürlich sieht dann der anschließende Anstieg umso eindrucksvoller aus. Beseitigt man diese Verzerrung und berücksichtigt man noch die strukturellen Veränderungen in der Bevölkerung, wie zum Beispiel die wachsende Anzahl von Frauen im Arbeitsprozeß, dann bleibt nach den Berechnungen von Stransfeld nur noch die Zahl von 4 Millionen Billiglohnjobs, die seit 1983 neu geschaffen worden sind. Wie dieses Jobwunder sich für die Betroffenen im Lebensalltag darstellt, zitiert Stransfield aus der New York Herald Tribune: "Es gibt Regionen in den USA, in denen bei Stundenlöhnen von sechs Dollar die Erwerbstätigkeit von zwei Erwachsenen nicht ausreicht, um die Familie auf unterstem Lebensstandard über die Runden zu bringen. Kinder- und Jugendarbeit sind dort weit verbreitet - wohl bemerkt nicht um das Taschengeld aufzubessern, sondern, um überhaupt nur für das Notwendigste zu sorgen. Aus dem gleichen Grund wird auch verstärkt Doppelberufstätigkeit mit Wochenarbeitszeiten von 70 bis 80 Stunden beobachtet." Die tatsächliche Arbeitslosenquote dürfte laut Stransfield in den USA etwa genauso hoch sein wie in Deutschland, doch das Einkommen der Beschäftigten und der Arbeitslosen liegt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erheblich niedriger. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen gleichen jenen, wie sie in Entwicklungsländern oder in den USA vor 100 Jahren herrschten. Und darauf zielen auch all die Politikerreden, Berichte und Reportagen über das "Jobwunder" in den USA ab: die Arbeiter auf amerikanische Verhältnisse einzustimmen. © neue Arbeiterpresse, Nr. 857, 01. Mai 1997 Copyright 1998 - 2008 World Socialist Web Site Alle Rechte vorbehalten! |