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Wachsende Ausbildungsmisere

Jugendliche und Kinder sind in überdurchschnittlichem Maße Opfer der sozialen Krise.

Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), wonach besonders Jugendliche von der hohen Arbeitslosigkeit in Europa betroffen sind.

In Frankreich beispielsweise beträgt die Arbeitslosenrate bei den Jugendlichen heute 24,9 Prozent. Das ist fast doppelt so hoch wie bei der übrigen Bevölkerung. Mit anderen Worten, jeder vierte Jugendliche in Frankreich ist arbeitslos. 70 Prozent der Zehn- bis Fünfzehnjährigen befürchten, arbeitslos zu werden.

Von den ca. 2 Millionen Erwerbslosen in Japan sind 620.000 zwischen 15 und 24 Jahre alt. 490 000 sind zwischen 24 und 34 Jahren. Das heißt, mehr als die Hälfte der Arbeitslosen in Japan ist jünger als 35 und der größte Teil von diesen sogar jünger als 25. Das entspricht einer Arbeitslosenquote in dieser Altersgruppe von 6,9 Prozent im Vergleich zu 3 Prozent bei der Gesamtbevölkerung. Die Zahl der Stellensuchenden unter 34 Jahren ist seit 1992 um das Dreifache gestiegen.

Auch in Deutschland wird die Lage für viele Jugendliche immer unerträglicher. Mittlerweile sind rund eine halbe Million junger Menschen ohne Arbeit. Es wird immer schwieriger, einen qualifizierten oder gar interessanten Ausbildungsplatz zu bekommen. Viele Jugendliche fallen aus den offiziellen Statistiken der Arbeitsämter heraus, weil sie sich gar nicht erst oder nicht mehr um einen Ausbildungsplatz bemühen und vorerst jobben oder länger zur Schule gehen.

Doch schon die offiziellen Zahlen reichen aus, um sich ein Bild von den enormen Schwierigkeiten zu machen, vor denen Jugendliche heute stehen.

14 Prozent eines Altersjahrgangs bleiben ganz ohne Berufsausbildung. Das betrifft jährlich rund 100.000 Jugendliche. Viele sind gezwungen, länger bei ihren Eltern zu wohnen, und sind häufig gegen ihren eigenen Wunsch von diesen finanziell abhängig . Sie haben kaum Möglichkeiten, ein eigenständiges Leben zu führen. Der Wunsch, mit Freund oder Freundin in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, bleibt häufig unerfüllt.

Für 1997 werden nach Angaben der Bundesregierung 633.000 Ausbildungsplätze gebraucht, 13.000 mehr als 1996. In Wirklichkeit aber zeigen die Bewerberzahlen für dieses Jahr jetzt bereits, daß rund 800.000 Jugendliche einen Ausbildungsplatz suchen.

Eine Besserung ist nicht abzusehen. Im Gegenteil, während die Bewerberzahlen stetig steigen, in diesem Jahr um 10 Prozent, ist gleichzeitig ein Rückgang der angebotenen Ausbildungsplätze um 8,3 Prozent zu verzeichnen. In Deutschland werden jährlich etwa doppelt soviel Ausbildungsplätze abgebaut, wie Arbeitsplätze.

Es ist davon auszugehen, daß mehr als eine viertel Million der Ausbildungsplatzsuchenden keinen Ausbildungsplatz bekommen werden. Das geht aus der von den Arbeitsämtern vorgelegten "Zwischenbilanz zum Ausbildungsmarkt 1996/97" hervor.

Diese Krise benutzt die Bundesregierung, um mit der demagogischen Parole von der "Reform" der Berufsausbildung einen massiven Abbau von Berufsqualifikation, Lebensstandard und Sicherheit von Auszubildenden und jungen Arbeitern durchzusetzen. Ziel ist es, Jugendliche zu weniger qualifizierten Arbeitern auszubilden, mittels derer das Lohnniveau insgesamt weiter gesenkt werden kann.

Bildungsminister Rüttgers hat diese Angriffe auf Auszubildende bereits im April 1996 mit der Änderung der Ausbildereignungsverordnung eingeläutet. "Qualifizierte und berufserfahrene Fachkräfte und Betriebsinhaber können jetzt sofort ausbilden und müssen vorher nicht mehr zeitraubende und abschreckende Eignungsprüfungen durchlaufen", so Rüttgers. Das bedeutet, daß jeder noch so unqualifizierte und zweifelhafte Unternehmer Auszubildende unbeschränkt als Ausbeutungsmaterial benutzen darf. In diesem Zusammenhang ist auch die Schaffung des "kleinen Meisterbriefes" zu sehen, der die theoretischen Anforderungen herunterschraubt. Welche Art von Ausbildung Jugendliche unter Anleitung solcher unqualifizierter Meister erhalten, kann man sich leicht vorstellen.

Mit der Reformierung des Jugendarbeitsschutzgesetzes Anfang des Jahres wurde es den Ausbildungsbetrieben zudem möglich gemacht, erwachsene Lehrlinge nach der Berufsschule am Nachmittag wieder in den Ausbildungsbetrieb zu bestellen. Für mehr als 1 Million Lehrlinge bedeutet das eine enorme Mehrbelastung.

Unter der Parole: "Die Ausbildung muß flexibler und betriebsfreundlicher organisiert werden" , werden die Bundesländer gedrängt, den 2. Berufsschultag für Lehrlinge abzuschaffen. Als erstes Land setzte diesen Vorschlag das Bundesland Niedersachsen unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Schröder um.

Eine weitere Maßnahme, die Bundesbildungsminister Rüttgers kürzlich bei der Vorstellung des Berufsbildungsberichts erläuterte, ist die "Ausbildung in Stufen" mit einem frühzeitigen "arbeitsmarktverwertbaren Abschluß". Auszubildende sollen bereits nach zwei Jahren Ausbildung auf den Arbeitsmarkt geworfen werden können, wo sie allerdings entsprechend niedrigbezahlte Jobs erwarten. Auf die sozialen Interessen und Lebenswünsche der Jugendlichen und jungen Arbeiter wird dabei keine Rücksicht genommen.

Wie in den USA und anderen Ländern zerstört die Bundesregierung die Zukunftsperspektiven von Millionen Jugendlichen, denen von vorneherein die Möglichkeiten zu einer eigenständigen und vernünftigen Existenz verbaut werden.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 857, 01. Mai 1997

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