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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Mobutus EndeEine Bilanz des afrikanischen NationalismusAus dem International Workers Bulletin"Mobutu wird bald Geschichte sein", erklärte der Pressesprecher des Weißen Hauses Anfang des Monats. Ähnliche Töne schlug das amerikanische Außenministerium an; der Staatssekretär für afrikanische Angelegenheiten erklärte, die Diktatur Mobutu Sese Sekos in Zaire sei bankrott und gehöre der Vergangenheit an. Es kann tatsächlich kaum einen Zweifel daran geben, daß die Ära Mobutu ihrem Ende zugeht. Sein Regime hat die Kontrolle über mehr als die Hälfte des zairischen Territoriums an die Truppen von Laurent Kabila verloren, und Mobutu selbst könnte bald an Krebs sterben. Frankreich, sein letzter großer Verbündeter, hat ihm nun auch die Unterstützung entzogen, weil man in Paris fürchtet, den Einfluß Frankreichs im Zaire nach Mobutu an die USA abtreten zu müssen. Wer war Mobutu? Wie kam er an die Macht und wie war er in der Lage, die bevölkerungsreichste afrikanische Nation 32 Jahre lang unter der Knute zu halten? Keine dieser Fragen kann beantwortet werden, ohne sowohl die Rolle des Imperialismus als auch die der nationalen Bourgeoisie in Afrika zu untersuchen. Mobutu kam an die Macht, während die frühere Kolonie Belgisch-Kongo kurz nach Erlangen ihrer Unabhängigkeit von Unruhen geschüttelt wurde. Belgien, konfrontiert mit einer immer rebellischeren Bevölkerung und antikolonialen Bewegungen in ganz Afrika, hatte sich 1960 entschieden, den Kongo - ohne jede Vorbereitung - in die Unabhängigkeit zu entlassen. Eine organisierte und einheitliche Partei oder nationale Bewegung existierte nicht. Premierminister wurde der führende kongolesische Nationalist Patrice Lumumba. Belgien wollte einerseits die direkte Kontrolle über eine immer feindseligere Bevölkerung loswerden, aber andrerseits die Mechanismen zur Ausbeutung der afrikanischen Reichtümer aufrechterhalten. Zu diesem Zweck unterstützte es bald darauf eine sezessionistische Bewegung unter der Führung von Moise Tschombe in Katanga, dem Zentrum des Bergbaus in Zaire. Lumumba bat zunächst Washington, ihn gegen die Zerstückelung des Kongos zu unterstützen. Nachdem ihm dort jede Hilfe verweigert worden war, wandte er sich an die Sowjetunion. Die USA reagierten mit einer CIA-Verschwörung, deren Ziel es war, den Sturz der Regierung herbeizuführen und Lumumba ermorden zu lassen. Das erste Ziel wurde durch einen Militärputsch von Mobutu erreicht, der vorher Lumumbas militärischer Adjutant gewesen war. Darauf ließ die CIA Lumumba von Mobutu nach Katanga bringen, wo er einem Attentat zum Opfer fiel. Die CIA führte dann über längere Zeit hinweg Operationen zur "Aufstandsbekämpfung" in der früheren belgischen Kolonie durch und organisierte 1965 einen weiteren Militärputsch, der Mobutu zum Präsidenten machte. In den darauffolgenden Jahrzehnten gaben die USA Mobutu jede offene und verdeckte Unterstützung, die er zu seinem Machterhalt brauchte. Die CIA bildete seine Folterknechte in der Armee und der Polizei aus und half ihm, seine politischen Gegner umzubringen. Ende der siebziger Jahre koordinierte die Carter-Regierung einen internationalen Militäreinsatz, an dem sich auch französische und marokkanische Truppen beteiligten, um Mobutu bei der Niederschlagung eines von Katanga ausgehenden Aufstands zu unterstützen. Als Gegenleistung für die Hilfe der USA wurde Kinshasa, die Hauptstadt Zaires, zum wichtigsten Stützpunkt für CIA-Operationen in ganz Afrika; - von hier aus wurde insbesonere der schmutzige Krieg organisiert, den die USA gemeinsam mit Südafrika gegen die nationalen Befreiungsbewegungen in Angola und Mozambique führten. Mobutu stand an der Spitze eines Regimes, das die Volkswirtschaft ausplünderte und eine kleine Clique auf Kosten des zairischen Volkes bereicherte. Er selbst wurde zu einem der reichsten Männer der Welt, in einem Land, dessen pro-Kopf-Einkommen bei gerade 360 Mark im Jahr liegt. Unterernährung und Seuchen nahmen solche Ausmaße an, daß kaum die Hälfte der Kinder im Land älter als vier Jahre wurden. Sein Regime war dermaßen korrupt, daß einer Schätzung zufolge zwei Drittel aller Beamtenstellen von fiktiven Angestellten besetzt wurden, deren Gehälter sich hochrangige Regierungsbeamte in die eigene Tasche steckten. Die CIA half Mobutu, an die Macht zu kommen, und das Eingreifen der USA verhinderte seinen Sturz. Von den sechziger bis in die achtziger Jahre hinein betrachtete Washington im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion den zairischen Diktator als seinen wichtigsten Aktivposten in Afrika und unterstützte ihn mit Milliarden Dollars. Die Unterdrückung, Armut und Korruption in Zaire sind nur in ihrem Ausmaß einzigartig. Einparteien-Regime und Militärdiktaturen waren seit der Unabhängigkeit in Afrika die Regel. Die meisten Volkswirtschaften auf dem Kontinent stehen unter dem Diktat des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, die aus der ärmsten Region der Welt einen Nettoexporteur von Kapital an die entwickelten Länder gemacht haben. Mobutu ist der Vertreter einer ganzen Schicht der afrikanischen Bourgeoisie. Diese Klasse ist vom Kolonialismus geschaffen worden und im Laufe der Entkolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg an die Macht gekommen. Während ihre nationalistischen Ideologien versprachen, die afrikanischen Massen zu befreien, ging es der aufstrebenden afrikanischen herrschenden Klasse in Wirklichkeit nur darum, die Macht ausschließlich zu ihrem eigenen Vorteil zu erlangen. Daher akzeptierte sie die künstlichen Grenzen, die von den rivalisierenden europäischen Kolonialmächten im 19. Jahrhundert bei ihrem Pokerspiel um Afrika gezogen worden waren. Die Rufe nach pan-afrikanischer Einheit blieben rein rhetorisch, da jeder afrikanische Staat sowie auch die Organisation für Afrikanische Einheit (ein irreführender Name) darin übereinstimmen, daß die alten kolonialen Grenzen, innerhalb derer jede nationale Bourgeoisie ihre Macht und Privilegien errichtet hatte, unantastbar seien. Die erfolglosen nationalen Entwicklungspläne der sechziger und siebziger Jahre ebneten den "strukturellen Anpassungsprogrammen" der achtziger und neunziger Jahre den Weg. Die Regime ließen ihre Phrasen von "nichtkapitalistischer Entwicklung" und "afrikanischem Sozialismus" fallen und wurden zu einer Art Agenten der internationalen Banken, setzten deren Kürzungsprogramme durch und pumpten den Reichtum aus ihren Ländern, wofür sie im Gegenzug Kredite erhielten, mit denen sie sich und ihre Anhänger weiter bereicherten. In diesem Rahmen wurden die Versprechungen des afrikanischen Nationalismus - politische Freiheit und wirkliche wirtschaftliche und soziale Entwicklung - immer hohler und leerer. Mobutus eigenes Regime benutzte die hohle Fassade des afrikanischen Nationalismus. So änderte er europäische Namen in afrikanische ab und schrieb "authentische" afrikanische Kleidung vor, während er Schulen und Krankenhäuser schloß und den Reichtum des Landes auf seine privaten Bankkonten in Frankreich und der Schweiz brachte. Mit dem Ende des Kalten Krieges hat Mobutu seine Nützlichkeit verloren. Seine Korruption ist für die multinationalen Banken und Konzerne zu einem Hindernis geworden, in Zentralafrika Unternehmen aufzubauen und es so effizient auszubeuten. Aber wird der Sturz Mobutus auch das Ende des "Mobutuismus" bedeuten? Dies trifft höchstens dann zu, wenn man diese politische Erscheinung in ihrem wörtlichsten Sinne auffaßt. Es gibt klare Anzeichen, daß Washington jetzt die "Allianz der Demokratischen Kräfte zur Befreiung Kongo-Zaires" (ADFL) von Laurent Kabila unterstützt. Uganda und Ruanda, die zwei afrikanischen Länder mit den engsten Beziehungen zu Washington, unterstützen Kabilas Truppen ganz offen. Noch eindeutiger sind die Aktivitäten verschiedener multinationaler Bergbaugesellschaften. Als Kabila Mobutu ein letztes Ultimatum für seinen Rücktritt stellte, gab die Firma "American Mining Fields" bekannt, daß sie gerade erfolgreich einen Vertrag über eine Milliarde Dollar mit den Rebellen abgeschlossen habe. Zwar könnte es Zufall sein, daß die Firma ihren Sitz in Clintons Heimatort hat; aber es ist unvorstellbar, daß sie einen solchen Vertrag unterzeichnen würde, ohne sich erst an höchster Stelle zu vergewissern, daß Kabila die Rückendeckung Washingtons hat. De Beers und Anglo American aus Südafrika, Tenke Mining aus Kanada, Anvil Mining aus Australien und noch weitere Firmen stehen Schlange, um Veträge mit der ADFL abzuschließen. Allesamt versprechen sie sich enorme Profitmöglichkeiten aus unerschlossenen Kobalt-, Kupfer- Gold- und Diamantenreserven. Kabila selbst bereiste die "befreiten" Städte mit Privatjets, die ihm von den Managern der Bergbauunternehmen zur Verfügung gestellt wurden. Kleinbürgerlich-radikale Gruppen in den USA und Westeuropa sind im allgemeinen ganz begeistert von Kabilas miltärischen Erfolgen, denn sie haben aus vier Jahrzehnten der "Unabhängigkeit" nichts gelernt. Von Algerien bis Simbabwe ist eine Regierung nach der anderen durch "bewaffneten Kampf" und unter der Parole der "nationalen Befreiung" an die Macht gekommen, - nur um danach ein noch repressiveres politisches Regime einzuführen und in die Dienste der imperialistischen Banken und transnationalen Konzerne zu treten. Es ist notwendig, eine historische Bilanz dieser nationalistischen Bewegungen zu ziehen. Die afrikanische Bourgeoisie, abhängig von ausländischem Kapital und in den kapitalistischen ebenso wie in den halbfeudalen Ausbeutungsformen ihrer Länder verwurzelt, hat bewiesen, daß sie unfähig ist, die Armut, den Hunger und die Kriege zu überwinden, mit denen die Bevölkerung des Kontinents konfrontiert ist. Es gibt nur eine gesellschaftliche Kraft, die Afrika befreien kann: die Arbeiterklasse; denn sie hat kein Interesse an der Aufrechterhaltung der irrationalen Grenzen aus der Zeit des Kolonialismus. Sie muß politisch unabhängig werden und für den Sturz der nationalen Bourgeoisie und des Imperialismus kämpfen, wodurch sie auch die armen Bauern auf ihre Seite gewinnen wird. Genauso wie die Arbeiterklasse die einzige konsequent revolutionäre Klasse in Afrika ist, so ist die permanente Revolution das einzige politische Programm, das die Erblast von nationaler und sozialer Unterdrückung auf dem afrikanischen Kontinent überwinden kann. Außerdem bringt die immer engere Verflechtung der kapitalistischen Weltwirtschaft es mit sich, daß die Hoffnungen der afrikanischen Bevölkerung auf politische Freiheit und gesellschaftlichen Fortschritt mit den Kämpfen der Arbeiter in den USA, Europa und der ganzen Welt zusammenfallen. Gemeinsam müssen sie der Herrschaft des Kapitalismus ein Ende setzen und die Weltwirtschaft auf sozialistischer Grundlage neu organisieren, damit der enorme Reichtum Afrikas dazu eingesetzt werden kann, um die Bedürfnisse seiner Bevölkerung zu befriedigen, und nicht die Profitgier der Banken und Konzerne zu bedienen. © neue Arbeiterpresse, Nr. 857, 01. Mai 1997 Copyright 1998 - 2008 World Socialist Web Site Alle Rechte vorbehalten! |