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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Die Sackgasse des GuerillakampfesZum tragischen Ausgang des Geiseldramas in LimaDas blutige Ende der Geiselnahme in der peruanischen Hauptstadt Lima wirft Fragen auf, die für Arbeiter von strategischer Bedeutung sind. Peruanische Sturmtruppen, ausgebildet und unterstützt von Antiterroreinheiten der USA und Israels, stürmten das japanische Botschaftsgebäude und machten alle 14 Guerilleros erbarmungslos nieder. Seit Dezember letzten Jahres hatte die Guerillaorganisation MRTA ("Revolutionäre Bewegung Tupac Amaru") die Botschaft besetzt und mehrere Geiseln darin festgehalten. Selbst wer sich ergeben wollte, wurde erschossen, darunter auch junge Mädchen und eine schwangere Frau. Die Leichen der Guerilleros wurden in Stücke gehackt und in anonymen Gräbern verscharrt. Dieses Ende war durchaus vorhersehbar. Das Regime Präsident Alberto Fujimoris organisiert wie bereits zuvor die Regierung der APRA-Partei unter Alan Garcia seit langer Zeit eine rigorose "Aufstandsbekämpfung", der Zehntausende Menschen zum Opfer fielen. Eine brutale Unterdrückung der Bevölkerung durch Polizei und Militär geht dabei Hand in Hand mit einer Politik des "freien Marktes". Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Perus lebt in bitterer Armut, 85 Prozent aller Erwerbsfähigen haben keine vernünftige Arbeit. Nichts hätte die Grausamkeit des peruanischen Kapitalismus besser symbolisieren können als das Fernsehbild, das Fujimori zeigte, wie er über die blutigen Leichen in der japanischen Botschaft stieg. Tragisch an diesen Ereignissen ist nicht die Tatsache, daß die politischen Abenteuer der MRTA gescheitert sind. Dies war vorhersehbar. Aber schlimm ist, daß immer noch so viele verarmte und politisch unerfahrene Jugendliche von einer derart bankrotten Bewegung angezogen werden und ihr Leben dafür lassen müssen, weil eine wirklich revolutionäre Führung in der Arbeiterklasse fehlt. Die Sympathie für ihr Schicksal und Mitgefühl mit dem Schmerz ihrer Familien rechtfertigen in keiner Weise Solidarität mit der reaktionären Politik der kleinbürgerlichen Guerillaorganisationen. Wie alle politischen Tendenzen, die sich auf die Überzeugung gründen, der "bewaffnete Kampf" sei das entscheidende Kriterium für revolutionäre Politik, hat die MRTA sich als eine Organisation erwiesen, die über keinerlei unabhängige Weltanschauung verfügt und absolut unfähig ist zu anaylsieren, was sich vor ihrer Nasenspitze abspielt. Es ist mittlerweile bekannt, daß die Regierung von Peru den Sturmangriff von den ersten Tagen der Geiselnahme an vorbereitete. Während die Guerilleros mit Fujimoris Vertretern verhandelten, gruben Soldaten einen Tunnel unter das Anwesen des Botschafters, und die Einsatzkommandos übten den Sturmangriff in einer naturgetreuen Nachbildung des Botschaftsgebäudes. Die Entlassung des Innenministers und des Polizeichefs von Peru wenige Tage vor der Erstürmung waren ein deutliches Zeichen, daß man sich innerhab des Regimes auf den entscheidenden Schlag vorbereitete. Trotzdem wurde die MRTA vollkommen überrascht. Daß die MRTA dermaßen unvorbereitet war, beweist nicht nur ihre Unfähigkeit, sondern ist auch das Ergebnis ihrer gesamten politischen Perspektive. Was für Vorstellungen lagen der Geiselnahme zugrunde? Sie zielte nur darauf ab, auf imperialistische Regierungen einzuwirken. Die Vorstellung, die Massen im Kampf zu mobilisieren, lag ihr völlig fern. Die Idee der Gruppe war, Fujimori mittels der japanischen Regierung unter Druck zu setzen. Dabei baute man offenbar darauf, daß Japan aufgrund seines beträchtlichen wirtschaftlichen Einflusses in Peru und seiner angeblich pazifistischen Außenpolitik eine schnelle Lösung der Krise im Sinne der Guerilla erzwingen würde. Dabei verkannte die MRTA die elementarsten Tatsachen der politischen Verhältnisse in Peru selbst und auch der Interessen des Imperialismus. Wäre Fujimori auf die Forderung nach Freilassung der MRTA-Gefangenen eingegangen, wäre dies einer Einladung an das Miltär gleichgekommen, ihn abzusetzen. Was Japan angeht, so solidarisierte sich die Hashimoto-Regierung von Anfang an mit Fujimori. Nach dem Sturm auf die Botschaft pries der japanische Premierminister seinen peruanischen Kollegen als "fähigen General" und versprach Lima neue Millionen an Wirtschaftshilfe. Als längerfristiges Ergebnis dieser Episode könnte sich durchaus herausstellen, daß es Japan nun leichter fällt, sein Gehabe der "Gewaltlosigkeit" aufzugeben und die Wiederaufrüstung zu beschleunigen. In Peru selbst nützte die Aktion der MRTA zumindest kurzfristig lediglich der Politik Fujimoris. Sie führte dazu, daß das Militär seine beherrschende und alles erwürgende Stellung im politischen Leben des Landes ausbauen konnte. Je länger die Geiselkrise anhielt, desto verzweifelter hoffte die MRTA, daß irgend etwas zu ihren Gunsten geschehen würde. Einmal schlug sie sogar Boris Jelzin als Vermittler vor, der in Rußland ein noch blutigeres Massaker durchgeführt hatte, als tschetschenische Kämpfer Geiseln genommen hatten! Es ist jetzt dreißig Jahre her, seitdem Che Guevara, der Stammvater der lateinamerikanischen Guerilleros, ein ähnliches Schicksal wie die MRTA erlitten hatte. Es ist höchste Zeit, nun Bilanz aus all den Erfahrungen mit dem Guerillakampf zu ziehen. Die Medien und Regierungen bestehen in penetranter Weise darauf, Gruppen wie die MRTA "marxistisch" und "revolutionär" zu nennen. Dabei stützen sich deren Methode und Politik in keiner Weise auf die Arbeiterklasse und den Kampf für Sozialismus, sondern auf eine Schicht des unzufriedenen Kleinbürgertums, das der Bourgeoisie und dem Imperialismus Zugeständnisse abtrotzen will. Das Ziel der Guerillatruppen ist nicht der revolutionären Sturz des Kapitalismus, sondern eine bessere Ausgangsposition für ihre Mitglieder im Rahmen des kapitalistischen Systems. In einem Land wie Peru, wo Tausende die Universität abschließen und anschließend keine Positionen finden, wo die Bauernschaft erbarmungslos zwischen dem schrumpfenden Binnenmarkt und dem imperialistischen Monopol über die Landwirtschaft zerrieben wird, können Guerillaorganisationen einige Anhänger finden. Ihre Führer stützen sich auf die Unzufriedenheit des Kleinbürgertums und ernennen sich selbst zu Herrschern des Dschungels. Beispiele hierfür sind "Presidente Gonzalo" (Abimael Guzman, inzwischen inhaftierter Führer des peruanischen "Leuchtenden Pfades") "Subcommandante Marcos" (Führer der zapatistischen Bauernguerilla im mexikanischen Chiapas) und andere. Zwar sind sie unfähig, der Bauernschaft oder dem verarmten städtischen Kleinbürgertum einen Weg vorwärts zu zeigen. In einigen Ländern waren sie jedoch in letzter Zeit in der Lage, eine recht einträgliche Übereinkunft mit dem kapitalistischen Staat zu treffen. Die kolumbianische M-19, die Tupamaros in Uruguay, die Sandinisten in Nicaragua und andere Guerillabewegungen in Mittelamerika haben sich allesamt zu bürgerlichen Parteien gemausert und helfen heute dabei, die Politik der Ausbeutung und der sozialen Ungleichheit durchzusetzen. In Venezuela, wo sich nach Fidel Castros Sieg in Kuba die erste größere Guerillabewegung gebildet hatte, ist diese jetzt in die Regierung eingetreten. Ihr Führer Teodoro Petkoff ist als Planungsminister für die Durchführung der Privatisierungs- und Austeritätsprogramme des Internationalen Währungsfonds verantwortlich. Während der Geiselkrise in Peru gab es immer wieder Berichte, denen zufolge die MRTA ein ähnliches Übereinkommen zum Ziel gehabt habe. Die Arbeiter Perus haben mit gutem Grund wenig Sympathie für die Geiselnahme in Lima gezeigt. Ob diese Gruppen nun einen bewaffneten Kampf führen oder Minister in der bürgerlichen Regierung werden, - zur Befreiung der arbeitenden Bevölkerung von kapitalistischer Unterdrückung tragen sie herzlich wenig bei. Letztlich wurzelt ihre Politik in einer tiefen Feindschaft gegen die Arbeiterklasse. In Peru hat der kleinbürgerliche Guerillakampf besonders schädliche Auswirkungen gezeitigt. Die MRTA wurde 1983 gegründet, zu einer Zeit, als die peruanischen Arbeiter heftige Kämpfe bestanden. Es handelte sich um eine Arbeiterklasse mit starken marxistischen und trotzkistischen Traditionen. Unter den Arbeitern der Kupferbergwerke und der großen Industrie gab es ein starkes Klassenbewußtsein und tiefe Solidarität. Die Massenstreiks jener Zeit führten zum Sturz der Miltärherrschaft der siebziger Jahre und brachten anschließend auch die rechte Zivilregierung von Belaunde Terry zu Fall. Wie wurde diese Bewegung gestoppt? Dies einfach der Unterdrückung durch Polizei und Miltär zuzuschreiben, hieße der Frage ausweichen. Schließlich waren die Arbeiter stark genug gewesen, das Militärregime zum Rücktritt zu zwingen. Viel wichtiger war die Rolle der Führung der Arbeiterklasse. Die stalinistische Kommunistische Partei, die an der Spitze der Gewerkschaften stand, ordnete jeden Kampf der Arbeiterklasse ihrem Bündnis mit der peruanischen Bourgeoisie unter. Zuerst unterstützte sie das Militärregime von General Velazco, dann beteiligte sie sich an verschiedenen parlamentarischen Blöcken mit den korrupten bürgerlichen Parteien von Peru. Die kleinbürgerlichen Guerillabewegungen, - die MRTA ebenso wie die größere maoistische Gruppierung "Sendero Luminoso" ("Leuchtender Pfad") - dienten dazu, die unabhängigen Kämpfe der Arbeiter zu demoralisieren und zu demobilisieren. Ihre terroristischen Methoden machten die Arbeiter zu bloß passiven - und oftmals eingeschüchterten - Zuschauern. Was den "Leuchtenden Pfad" betrifft, so schreckte dieser auch vor der Ermordung von Gewerkschafts- und Arbeiterführern nicht zurück. Eine besondere Verantwortung für den Verrat der Arbeiteroffensive in Peru und der Kämpfe der Arbeiterklasse in ganz Lateinamerika tragen die pablistischen revisionistischen Gruppierungen, die mit der Vierten Internationale gebrochen haben. Sie paßten sich allesamt an den Stalinismus und bürgerlichen Nationalismus einerseits und an die kleinbürgerlichen Guerillabewegungen andererseits an. Die Pablisten hatten immer pseudo-theoretische Erklärungen dafür bei der Hand, warum es angeblich unmöglich sei, eine revolutionäre Partei durch den Kampf für sozialistisches Bewußtseins in der Arbeiterklasse aufzubauen. Während Marxisten immer darauf bestanden, daß der Sturz des Kapitalismus und der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft die Aufgabe der internationalen Arbeiterklasse sei, erklärten die Pablisten, daß dies jetzt auch von einer kleinen Gruppe entschlossener bewaffneter Menschen vollbracht werden könne. Selbst nach drei Jahrzehnten der bittersten Erfahrungen mit dem Guerillakampf gibt es immer noch zahlreiche Organisationen - in Deutschland die MLPD, die Spartacist Tendenz - die Gruppen wie die MRTA oder die Zapatisten in Mexiko glorifizieren und so tun, als hätte ihr "bewaffneter Kampf" irgendetwas revolutionäres an sich. Ihre Begeisterung für solche Methoden beweist nur, daß ihre eigene Politik bis ins Mark kleinbürgerlich ist. In Peru und ganz Lateinamerika reifen erneut die Bedingungen für eine soziale Explosion heran. Anderthalb Jahrzehnte sogenannter Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds haben Massen von Arbeitern und Bauern in tiefste Armut gestürzt und die soziale Kluft zwischen ihnen und einer dünnen Schicht der einheimischen Bourgeoisie , den privilegierten Lakaien transnationaler Konzerne und des internationalen Finanzkapitals enorm vertieft. Wenige Wochen, bevor die MRTA die japanische Botschaft besetzte, brach im Zentrum von Lima ein drei Tage dauernder Aufruhr aus, als die Polizei versuchte, ein Verbot der ambulantes, der Straßenhändler durchzusetzen. Eine wachsende Zahl von Arbeitern und verarmten Angehörigen der Mittelschicht gehen dieser Tätigkeit nach, weil sie keine Arbeit mehr finden können. Soviel zur Behauptung der Guerilla, die Unterdrückung habe jede Form des sozialen Kampfes unmöglich gemacht. Diese Organisationen sind blind gegenüber der Entwicklung der Arbeiterklasse in ihren eigenen Ländern und sie streiten rundheraus ab, daß auch in den großen kapitalistischen Metropolen wie den USA oder Europa soziale Kämpfe heranreifen. Wenn die kommenden sozialen Explosionen sich in fortschrittlicher Richtung entwickeln sollen, dann muß die Arbeiterklasse zu einer unabhängigen politischen Kraft werden und für eine sozialistische Lösung kämpfen. Das erfordert den Aufbau einer neuen revolutionären Partei, die sich die bitteren Lehren aus den Erfahrungen mit dem Stalinismus und dem kleinbürgerlichen Radikalismus aneignet und dafür kämpft, die Arbeiter Perus mit der Arbeiterklasse in ganz Lateinamerika und weltweit zusammenzuschließen. Diese Partei muß als Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale aufgebaut werden. © neue Arbeiterpresse, Nr. 858, 15. Mai 1997 Copyright 1998 - 2008 World Socialist Web Site Alle Rechte vorbehalten! |