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Wachsende Arbeitslosigkeit in Nordbayern

Die traditionsreiche Textil- und Porzellanindustrie Nordbayerns baut immer mehr Arbeitsplätze ab. In Städten wie Hof oder Selb, dem Stammsitz der bekannten Porzellanunternehmen Hutschenreuther und Rosenthal, liegt die Arbeitslosigkeit mittlerweile bei nahezu 15 Prozent.

Dem Zusammenbruch der DDR und der Öffnung der Grenze zur heutigen Tschechischen Republik folgte kein wirtschaftlicher Aufschwung, sondern der immer raschere Niedergang der dortigen Industrie. Selb war einst das marktführende Zentrum der westdeutschen Porzellan-Produktion; von hier stammten zeitweise bis zu 80 Prozent aller Porzellanwaren der Bundesrepublik. Insgesamt beschäftigt die Branche in der Region noch 9200 Menschen. Doch jetzt befürchtet Oberbürgermeister Werner Schürer, der früher Betriebsratsvorsitzender in einer Zulieferfirma war, "Verhältnisse wie in den neuen Ländern". Dem Abbau von 2000 Industriearbeitsplätzen in den letzten Jahren stünden nur einige hundert neugeschaffene Stellen im Dienstleistungsbereich gegenüber. Den billigeren Importen aus anderen Ländern könne man nicht standhalten.

Aufgrund der sinkenden Lohn- und Gewerbesteuereinnahmen werden dringende Reparaturarbeiten im Straßenbau verschoben und der Kulturetat radikal zusammengestrichen.

Besonders dramatisch ist der Abbau nicht nur in Selb, sondern auch an umliegenden Standorten Arzberg, Schönwald und Weiden bei der Firma Hutschenreuther. In diesen vier Werken waren 1991 noch fast 6000 Menschen beschäftigt, heute sind es noch 3100.

Der Gesamtbetriebsrat hat der Unternehmensleitung verschiedene Varianten für einen "Überlebenspakt" angeboten, bei denen die Beschäftigten ohne Gegenleistung zur Kasse gebeten werden. Eine davon sieht den Verzicht auf das 13. Monatsgehalt, eine Stunde Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich, die Flexibilisierung der Arbeitszeit und die Senkung des Krankenstandes auf ein bis anderthalt Prozent vor. Nach einem anderen "Modell", das sich an einem Glaswerk in Amberg orientiert, soll für zwei Jahre auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet und die Gesamtsumme dieser Zahlungen - 30 Millionen - dem Unternehmen als Kredit gewährt weden.

In Hof, einem Zentrum der Textil- und Bekleidungsbranche im westlichen Nachkriegsdeutschland, sieht es nicht besser aus. Von hier stammt mehr als ein Drittel der 3200 in Oberfranken als beschäftigungslos gemeldeten Textilarbeiter. Dazu kamen im Januar in diesem Bezirk 1251 arbeitslose Keramiker. Dem standen zwölf freie Stellen in der ganzen Branche gegenüber. Vor einem Jahr stand Hof praktisch vor dem Bankrott. Ihr Jahreshaushalt für 1996 wurde vom Regierungsbezirk Oberfranken abgelehnt und erst nach weiteren drastischen Kürzungen genehmigt.

Die Stadtverwaltung versucht Investoren mit dem Argument anzuziehen, daß die Löhne in Hof, wie auch in anderen Städten der Region, um ein Fünftel niedriger als im Landesdurchschnitt lägen.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 858, 15. Mai 1997

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