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Banken befürchten Finanzkollaps in Thailand

Peter Symonds

Mit einer Rede vor dem Internationalen Währungsfonds versuchte dessen Vorsitzender Michel Camdessus vergangenen Monat die internationale Finanzwelt zu beruhigen: Thailand sei nicht Mexiko, ein Währungskollaps wie des mexikani-schen Peso Ende 1994 für den thailändischen Baht nicht zu befürchten.

Vorangegangen war eine bisher beispiellose Maßnahme der Regierung Thailands vom 3. März: der gesamte Handel mit Bank- und Finanzindustrie-Aktien wurde für 24 Stunden eingestellt. Zuvor waren die Aktienkurse auf den niedrigsten Stand seit viereinhalb Jahren gefallen, innerhalb der vorangegangenen 12 Monate um fünfzig Prozent. Enthüllungen, daß mindestens zehn größere thailändische Finanzinstitute in umfangreichem Maße über uneinbringliche Forderungen verfügten, sorgten dafür, daß vier Tage in Folge die Aktien fielen und es eine Flucht in Einlagen auf dem Finanzsektor von rund 30 Milliarden Baht (1,5 Milliarden Dollar) gab.

Die Regierung von General Chavalit Yongchaiyud versucht in letzter Zeit, die gewaltigen Zahlungsbilanzdefizite des Landes zu verringern. Sie hat in diesem Zusammenhang eine Kürzung der öffentlichen Ausgaben um 106 Milliarden Baht (5,3 Milliarden Dollar) angekündigt. Bedeutende Infrastrukturprojekte, wie z. B. der zweite Flughafen für Bangkok, Massentransportsysteme und Schnellstraßen, wurden aufgeschoben oder ganz gestrichen.

Camdessus Beruhigungsrede verriet die Befürchtungen, die das internationale Finanzkapital plagen. Im Dezember 1994 war der Wert des mexikanischen Peso über Nacht um vierzig Prozent gefallen. Das internationale Kapital hatte sich ganz plötzlich aus dem mittelamerikanischen Staat zurückgezogen, weil es Befürchtungen gab, die dortige Regierung könne Anleihen nicht zurückzahlen. Der Sturz des Peso verursachte eine Kette von Firmenzusammenbrüchen, die Vernichtung von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen und eine Halbierung der Reallöhne in Mexiko.

In der Tat gibt es bemerkenswerte Parallelen. Man vermutet, daß es auf dem thailändischen Finanzmarkt "faule Kredite" in Höhe von 800 Milliarden Baht (40 Milliarden Dollar) gibt. Ende Februar war Thailands größtes Finanzinstitut "Finance One" gezwungen, eine Fusion mit der Thai Danu Bank einzugehen, um seine wackelige finanzielle Situation abzustützen. Bis zu 25 Prozent ihrer Darlehen bestanden aus unsicheren Teilzahlungs-Krediten.

Seit den späten achtziger Jahren hat sich Thailands wirtschaftliches Wachstum verlangsamt, die Spekulationen in Aktien und Immobilien sind jedoch unvermindert weitergegangen, und vieles davon wurde durch ausländische Anleihen finanziert. Die Summe der Auslandsanleihen wird auf 75 Milliarden US-Dollar geschätzt. Da gegenwärtig nicht nur die Aktienkurse ins Bodenlose stürzen, sondern auch die Immobilienpreise, erscheint es immer fraglicher, ob diese Schulden jemals zurückgezahlt werden können.

Schon kursieren Spekulationen, daß die thailändische Regierung die Währung abwerten wird. Verstärkt wird die Unruhe auf internationalen Finanzmärkten durch die Einschätzung, die auf dem Treffen des Internationalen Währungsfonds offen diskutiert wurde: die Wirtschaft von Thailand werde zu langsam dereguliert, d.h. den internationalen Kapitalmärkten geöffnet, und sei noch zu sehr von Cliquen der Militärs und ihrer Korruption beherrscht.

Jahrzehntelang wurde Thailand von Militärdiktaturen regiert, unterbrochen von kurzen Episoden parlamentarischer Herrschaft. Die Generäle beherrschen nicht nur die thailändische Politik, sondern auch die Wirtschaft. Zahlreiche Unternehmen haben sie sich zur Mehrung ihres eigenen Reichtums direkt unter den Nagel gerissen.

1992 war nach mächtigen Demonstrationen gegen das Militärregime die bürgerliche Demokratische Partei unter der Führung von Chuan Leekpai an die Macht gekommen. Chuang setzte ein Programm wirtschaftlicher Deregulierung in Gang, das zum Ziel hatte, internationale Investitionen anzulocken und Bangkok in Konkurrenz zu Singapur und Hongkong als Finanzzentrum zu etablieren.

Die Preise z. B. für Erdöl-Produkte wurden freigegeben, die Höchstgrenze für den Zinssatz abgeschafft und der Devisenhandel mit ausländischen Währungen liberalisiert. Doch alle diese Maßnahmen blieben in den Anfängen stecken. Die Regierung von Chuan wurde 1995 von einer instabilen Koalition abgelöst, angeführt von der den Militärs nahestehenden Chart Thai Partei. Ihr Premierminister Banharn Silpa-archa war im letzten September zum Rücktritt gezwungen worden. Sein Stellvertreter, General Chavalit, hatte ein Mißtrauensvotum wegen Korruptionsvorwürfen gegen ihn unterstützt und wurde anschließend selbst Regierungschef.

Seitdem hat sich die Wirtschafts- und Finanzkrise in Thailand verschärft, offensichtlich auch aus Enttäuschung der internationalen Finanzwelt über das Scheitern von Chuan. Aber noch grundlegendere Probleme sind damit an die Oberfläche gebracht worden.

In den späten achtziger Jahren war die thailändische Wirtschaft sehr rasch gewachsen. Investitionen flossen ins Land, um die billigen Arbeitskräfte auszubeuten. Von 1987 bis 1990 stieg die jährliche Wachstumsrate auf über elf Prozent. Jetzt liegt sie nur noch bei 5 Prozent.

Mit der Verlangsamung des Wachstums wuchs gleichzeitig das Außenhandelsdefizit. In der ersten Hälfte des Jahres 1996 fiel der thailändische Textilexport um zwölf Prozent. Der Grund: Im benachbarten Laos, Kambodscha, in Vietnam und Südchina stehen jetzt viel billigere Arbeitskräfte zur Verfügung! Nicht nur internationale Investoren, sondern auch thailändische Firmen verlagern ihre arbeitskräfteintensiven Aktivitäten dorthin.

Die Forschungsabteilung der Bank von Bangkok erwartet, daß die thailändischen Investitionen in Vietnam 1997 eine Milliarde US-Dollar erreichen werden. Ein riesiges thailändisches Verbundunternehmen, die Charoen Pokphand (CP) Gruppe, ist jetzt schon einer der größten Investoren in China.

Was in Thailand zurückbleibt, ist eine höchst einseitig entwickelte, labile Wirtschaft und eine bis zum Zerreissen gespannte Gesellschaft voll extremer sozialer Gegensätze. Industriebetriebe, aus denen einzelne in- und ausländische Investoren in kürzester Zeit Höchstprofite herausholen wollten, waren in Windeseile hochgezogen worden, während die Infrastruktur - Transportmittel, Stromversorgung, Telekommunikation - vollkommen vernachlässigt wurde. Das tagtägliche Verkehrschaos in Bangkok ist davon nur der sichtbarste Ausdruck. Hunderttausende Menschen aus den ländlichen Gebieten sind auf der Suche nach Arbeit nach Bangkok gekommen. Die meisten sind jetzt arbeitslos oder haben nur eine geringfügige Beschäftigung. Andere sind gezwungen, als Hauspersonal oder Prostituierte zu arbeiten.

Die Arbeitsbedingungen der thailändischen Arbeiter wurden mit dem Brand in der Kader-Spielzeugfabrik bei Bangkok im Mai 1993 drastisch vor Augen geführt. 188 junge Arbeiterinnen starben im schlimmsten Fabrikbrand der Geschichte. Ein Gebäude stand in Flammen, das keine Feuerleitern, kein Sprinklersystem und keine funktionierenden Feuerlöscher besaß. Die Opfer hatten für internationale Unternehmen wie Hasbro und Toys 'R' Us gearbeitet und weniger als einen Dollar Stundenlohn erhalten.

In den ländlichen Gebieten im Norden und Nordosten sind die Lebensbedingungen noch schlimmer. Es mangelt den Bauern an Land, dafür fehlt es ihnen nicht an Schulden. Schwankende Warenpreise hindern sie an einer Rückzahlung ihrer Kredite und stoßen sie immer tiefer ins Elend. Ende Januar marschierten Zehntausende armer Bauern nach Bangkok, um gegen ihre unerträglichen Lebensbedingungen zu protestieren.

Die sozialen Spannungen in den Städten sind genauso scharf. Anfang des Jahres brannten protestierende Arbeiter ihre Fabrik nieder, als die Geschäftsleitung die üblichen jährlichen Prämien nicht zahlte. Sobald eine Vertiefung der Finanzkrise in Thailand zu weiteren Firmenzusammenbrüchen, höheren Zinsen und steigenden Preisen führt, wird dies katastrophale Auswirkungen auf den Lebensstandard der städtischen und ländlichen Massen haben.

Die gegenwärtige Finanzkrise Thailands wirft somit ein grelles Licht auf das "Wirtschaftswunder" in den sogenannten "Tigerländern" Asiens. Das internationale Kapital floß in Länder wie Thailand, um die Rohstoffvorkommen zu plündern und ein Maximum an Profiten aus den billigen Arbeitskräften herauszupressen. Weit davon entfernt, die Lebensbedingungen der arbeitenden Massen zu verbessern, wurden die Länder einfach ausgeblutet. Und nach getaner Arbeit wechseln die Investoren über Nacht in andere, lukrativere Gegenden.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 858, 15. Mai 1997

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