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Eine Tragödie verursacht vom Kapitalismus

Buchbesprechung von Martin McLaughlin

Dieser Bildband berichtet und analysiert die Ereignisse rund um den schlimmsten Fabrikbrand der Geschichte, der am 10. Mai 1993 die Kader Industrial Toy Company in Bangkok zerstörte. 188 Menschen, zumeist junge Arbeiterinnen, verloren ihr Leben in den Flammen.

Während die bürgerlichen Medien das Ereignis - wenn überhaupt - nur am Rande erwähnten, sah die trotzkistische Bewegung darin ein erschütterndes Beispiel für die elenden Bedingungen, die Arbeitern der ganzen Welt heute von den transnationalen Konzernriesen aufgezwungen werden.

Die australischen Trotzkisten schickten Peter Symonds und Richard Phillips von der Redaktion ihrer Zeitung Workers News nach Bangkok, um Überlebende der Kader-Feuersbrunst zu befragen und die Ursachen aufzudecken. Ihr Bericht und die Fotografien wurden in Workers News und andern Zeitungen der Vierten Internationale, darunter auch der neuen Arbeiterpresse, veröffentlicht. Nun sind sie als Bildband erschienen.

Der Text, geschrieben von Peter Symonds, erzählt über die Feuerkatastrophe selbst und die folgenden Ereignisse, die die nackte Brutalität der kapitalistischen Verhältnisse enthüllen. Manager bestraften Abreiterinnen, wenn sie Spielzeug aus der Fabrik mitnahmen, aber legten keinerlei vergleichbare Sorge an den Tag, wenn es darum ging, daß hoch brennbare Arbeitsstoffe unkontrolliert im Gebäude gestapelt wurden. In allen drei niedergebrannten Gebäuden hatte es weder Feuerlöscher noch Notausgänge gegeben, obwohl bereits vier Jahre davor eine Fabrikhalle gebrannt hatte.

Nach dem Brand erhielt Kader Industrial 56 Millionen Dollar von der Versicherung, während der Konzern für jede der 188 Arbeiterinnen, deren verkohlte Leichen gefunden worden waren, eine Abfindung von gerade einmal 1.120 Dollar zahlte. Für die fast 500 verletzten Arbeiterinnen wurden nur je 289 Dollar bezahlt; viele von ihnen sind unheilbar behindert, nachdem sie aus den oberen Fenstern des in Flammen stehenden Gebäudes gesprungen waren.

In einem durchsichtigen Versuch, einen Sündenbock zu finden, wurde ein Arbeiter verhaftet und beschuldigt, er habe das Feuer mit einer glühenden Zigarette verursacht.

Symonds weist nach, daß die Vernachlässigung auch der elementarsten Sicherheitsvorkehrungen durch Kader kein Zufall ist: Das ausländische Kapital, das in den achtziger Jahren auf der Suche nach Billiglohnarbeit und schnellen Profiten in Südasien einfloß, begann, auf alle gesellschaftlichen Beziehungen Einfluß zu nehmen. Er untersucht die verwickelten Beziehungen zwischen dem Kapital von Thailand, Hong Kong, Taiwan und China, und die Rolle, die die größte und einflußreichste kapitalistische Gruppe Thailands, die Charoen Pokphand (CP Group), bei Kader spielt. Er entlarvt die Rolle der Gewerkschaften in Thailand - kleiner und ohnmächtiger Organisationen, die völlig von den Konzernen und der Regierung abhängig sind.

Auch die Fotodokumente von Richard Phillips sind hervorzuheben. Sie vermitteln dem Betrachter zahlreiche unauslöschliche Eindrücke: Die aufgereihten verkohlten Leichen, die von der Hitze verbogenen Stahlruinen des Gebäudes, das gramvolle Portrait einer Mutter, die nach dem Verbleib ihrer Tochter fragt, die beengten und baufälligen Wohnviertel, in denen viele der Arbeiterinnen von Kader leben.

Besondere Bedeutung haben die politischen Schlußfolgerungen, die aus der Tragödie gezogen werden. Es gibt Parallelen zu einer ähnlichen historischen Katastrophe, bei der 1911 im Triangle Shirtwaist Fire 146 junge Frauen durch eine Feuersbrunst in einer Nähfabrik in New York City ums Leben kamen. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts reproduziert der Kapitalismus in den unterentwickelten Ländern die gleichen Bedingungen der Überausbeutung, wie Arbeiter in Europa und Amerika sie zu Beginn des Jahrhunderts erleiden mußten. Symonds erklärt:

"Die Ausbeutung junger Arbeiterinnen in den Nähereien, Montagehallen und Exportindustriezonen Asiens und Lateinamerikas ist Teil einer weiteren grundsätzlichen Umgestaltung der kapitalistischen Produktionsmethode. Sie ist verbunden mit dem Aufstieg und der Herrschaft transnationaler Konzerne, die die Vorteile der Computertechnologie, der Telekommunikation und moderner Transportmöglichkeiten nutzen, um arbeitsintensive Prozesse in die Länder mit den niedrigsten Löhnen und nachlässigsten Arbeitskontrollen zu verlagern."

Diese revolutionären Umwälzungen der Technologie könnten, stünden sie unter kollektiver Herrschaft und demokratischer Kontrolle, der arbeitenden Bevölkerung enorme Vorteile bringen. Aber solange sie von den transnationalen Konzernen beherrscht werden, dienen die neuen Technologien nur der Profitsteigerung der Kapitalistenklasse, während die übrige Gesellschaft sie mit ständig wachsender Armut, Ausbeutung und sozialem Elend bezahlen muß.

Die kraftlose Reaktion der thailändischen Gewerkschaft auf das Feuer bei Kader und die zynische Gleichgültigkeit aller Gewerkschaften in Amerika, Europa und Australien liefert ein weiteres schlagendes Beispiel für den Bankrott der alten Arbeiterorganisationen.

So lautet denn die Schlußfolgerung in "Industrial Inferno": "Ein erfolgreicher Kampf gegen das global organisierte Kapital kann nur auf der Grundlage einer sozialistischen Perspektive geführt werden - das heißt, mit der Erkenntnis, daß die Interessen der Arbeiterklasse vor dem kapitalistischen Profitstreben Vorrang haben müssen." Dieser Band, der die Notwendigkeit eines solchen Kampfes anschaulich demonstriert, stellt einen wichtigen Beitrag zur politischen Erziehung der internationalen Arbeiterklasse dar.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 858, 15. Mai 1997

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