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Der Massenselbstmord von San Diego

Der furchtbare Freitod von 39 Menschen in San Diego, der größte Gruppenselbstmord in der Geschichte der Vereinigten Staaten, ist ein tragisches und bedrückendes Ereignis. Die Medien haben sich natürlich vor allem auf die bizarr anmutenden Umstände dieser Tragödie gestürzt. Dennoch ist es eine Tatsache, daß sich 39 Menschen, viele von ihnen in der Blüte ihrer Jahre, das Leben genommen haben, weil es ihrer Meinung nach in der amerikanischen Gesellschaft nichts gab, für das es sich zu leben gelohnt hätte.

Verweise auf die Geistesgestörtheit der Selbstmörder oder auf die "Gehirnwäsche" durch einen Sektenführer erklären wenig bis gar nichts über die Ursachen dieser Tragödie. Ohne Zweifel waren der Glaube und das, was die Gruppe Heaven's Gate (Tor zum Himmel) am Ende gemacht hat, verrückt. Es gibt aber keine Hinweise darauf, daß einer der Verstorbenen im medizinischen Sinne geisteskrank gewesen ist. Und was die Rolle von Marshall Applewhite und Bonnie Lu Nettles angeht, so muß man sich doch fragen, warum zwei Individuen einen solchen Einfluß auf eine größere Gruppe ausüben konnten, daß diese sich von ihnen sogar in den Selbstmord führen ließ.

Die Opfer kamen aus den unterschiedlichsten sozialen Verhältnissen: der Sohn eines Vorstandsmitglieds einer Telephongesellschaft, die Tochter eines Bundesrichters, der Bruder des früheren Fernsehstars Nichelle Nichols, ein Zimmermann, ein Angestellter einer Anwaltskanzlei, der Sohn eines Englischprofessors - noch ein Teenager! -, eine ältere Hausfrau und Großmutter aus Iowa; eine Postangestellte, die ihre fünf Kinder verlassen hatte, ein Immobilienmakler und ein früherer Kongreßabgeordneter der Republikaner, der seine Frau und sechs Kinder verlassen hatte.

Viele dieser Individuen waren, kurz bevor sie ausstiegen und sich Applewhite und Lu Nettles anschlossen, in eine schwere persönliche Krise geraten - Tod eines geliebten Partners, Scheidung, berufliche Rückschläge, finanzielle Schwierigkeiten. Andere waren einfach junge Leute, die mit der High School oder dem College fertig waren und dann ohne Zukunftsperspektive dastanden.

Die Probleme, die sie hatten, sind natürlich in Amerika nichts ungewöhnliches, und die allermeisten Amerikaner lassen sich deshalb nicht dazu hinreißen, ihre Familie aufzugeben, einer religiösen Sekte beizutreten und Selbstmord zu verüben.

Trotzdem hat diese tragische Vergeudung menschlichen Lebens eine größere gesellschaftliche Bedeutung. Sie wirft einige brennende Fragen über die sozialen Kräfte auf, die das Leben von breiten Schichten der amerikanischen Bevölkerung bestimmen.

 

Die Rolle der Religion

In keinem anderen Industrieland der Welt werden derart riesige gesellschaftliche und wirtschaftliche Ressourcen darauf verwandt, systematisch religiösen Mystizismus und andere Formen ideologischer Rückständigkeit zu fördern. Die Wirklichkeit des Übernatürlichen wird in amerikanischen Schulen gelehrt und über die Medien und Masssenkultur der Bevölkerung beständig eingehämmert. Das dient einer Funktion, die für das Profitsystem lebensnotwendig ist, nämlich Massen von Menschen zu desorientieren, die ihre Unzufriedenheit ansonsten womöglich durch einen Kampf für die Veränderung der Gesellschaft ausdrücken könnten.

Die Religion entstand geschichtlich aus der Unterwerfung des Menschen unter Erscheinungen der Natur und der Gesellschaft, die er nicht begreifen konnte. Die primitiven Götter des Donners, des Blitzes, des Windes und des Meeres personifizierten Naturkräfte, die der frühgeschichtliche Mensch nicht verstehen konnte, aber gnädig stimmen wollte. In den entwickelteren Weltreligionen, wie dem Christentum und dem Islam, verschmolzen die Hunderten von individuellen Göttern zu einem einzigen, allmächtigen und allgegenwärtigen göttlichen Wesen, der abstrakten Verkörperung all dessen, was der Mensch über die Natur und seine eigene Gesellschaft nicht wußte und nicht beherrschen konnte.

Der Mensch hat es immer besser geschafft, die Natur zu meistern, nicht nur durch theoretisches Verständnis, sondern dadurch, daß er sich die Kräfte nutzbar machte, die er zuvor blind vergöttert hatte. Das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wird jedoch nach wie vor kaum verstanden und bleibt der Einflußnahme der arbeitenden Bevölkerung völlig entzogen. Daher die härtnäckige Vorherrschaft religiöser Vorstellungen. Sie dienen nicht nur als Ersatz für Wissen, sondern auch als Trost für all die Prüfungen und Leiden derjenigen, die den blinden Kräften des kapitalistischen Marktes zum Opfer fallen.

Von daher spielt das Versprechen von Wiederauferstehung und Unsterblichkeit eine besonders wichtige Rolle, denn es gibt den niedergedrückten Massen die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits, als es ihnen die gegenwärtige gesellschaftliche Ordnung bieten kann. Solche Vorstellungen bildeten den Kern des Glaubens der Gruppe Heaven's Gate, die ihren Tod nicht als endgültiges Verlöschen, sondern als Durchgangsstadium in eine bessere Welt ansahen. Damit ahmten sie die großen Kirchen lediglich nach. Wie ein Kommentator in einem der seltenen Momente kritischen Denkens in den Massenmedien gefragt hat: "Waren die Mitglieder von Heaven's wirklich alle so verrückt? Das ist eine gute Frage an einem Ostersonntag, dem Tag, an dem die 1,5 Milliarden Christen auf der Welt die Wiederauferstehung eines toten Mannes feiern, der als Sohn einer Jungfrau geboren wurde."

 

Die soziale Krise in den USA

Seit sich die soziale Polarisierung in Amerika im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte verschärft hat, ist der Einfluß von Religion und anderen Formen des Aberglaubens - New Age, UFO-Glaube, Okkultismus, Esoterik - bemerkenswert angestiegen. Das ist allerdings nicht einfach nur das Ergebnis staatlicher Kampagnen wie etwa der Versuch, in den Schulen die Evolutionslehre durch die "Schöpfungswissenschaft" zu ersetzen. Für Amerika ist schon lange die Existenz einer Vielzahl bizarrer religiöser Sekten charakteristisch, die sich an Einfluß und Zahl in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Krisen immer vervielfacht haben. Das hat tiefe ideologische Wurzeln in der Vorherrschaft des Pragmatismus und Individualismus, die beide die persönliche Erfahrung als das entscheidende Kriterium für Wahrheit betrachten und der Entwicklung eines zusammenhängenden theoretischen Konzepts entgegensetzen.

Selbst Menschen, die in bestimmten Spezialgebieten wissenschaftliche Erkenntnisse entwickeln, sind auf allgemeinerem, weltanschaulichen Gebiet dazu nicht in der Lage. Daher rührt das in Amerika so vertraute Phänomen, daß Leute mit einem hohem Maß an technischer und wissenschaftlicher Bildung - Astronauten, Computerexperten, Physiker - trotzdem an Gott glauben. Laut einer Umfrage, die am 3. April in der Zeitschrift Nature erschienen ist, glauben 40 Prozent aller Wissenschaftler an einen personengleichen Gott, der Gebete beantwortet, 50 Prozent glauben an die Existenz einer unsterblichen Seele, 85 Prozent glauben auf die eine oder andere Art an einen Gott. Darüberhinaus waren die eigentlichen Naturwissenschaftler wie zum Beispiel Physiker oder Chemiker eher religiös als Human- oder Sozialwissenschaftler wie zum Beispiel Anthropologen oder Psychologen.

Die revolutionären Entwicklungen in der Technologie haben gerade während der letzten Jahrzehnte die Vorherrschaft der Religion eher wieder gestärkt, statt sie zu untergraben. Warum? Weil sie wie eine Katastrophe und auf schier unbegreifliche Art und Weise in das Leben der Menschen eingreifen. Das wird geistig nicht verarbeitet, weil diejenigen, die sich an die neue Technologie anpassen müssen, deshalb noch lange nicht über eine in sich geschlossene wissenschaftliche Weltanschauung verfügen. Vor allem jedoch erscheint die neue Technologie deshalb so vielen Menschen als feindliche Kraft, weil sie der Anhäufung privaten Reichtums und nicht gesellschaftlichen Bedürfnissen dient. Wäre sie in gesellschaftlichem Eigentum, böten sich enorme Möglichkeiten, ein besseres Leben für alle zu schaffen. Unter den Bedingungen des Privateigentums und seiner Profitinteressen führt sie zu Arbeitsplatzvernichtung, Massenentlassungen und Senkung des Lebensstandards.

 

Die Rolle der Medien

In den Boulevardblättern, die für die breite Masse der Bevölkerung die am meisten gelesene Informationsquelle darstellen, nehmen Themen wie Entführungen durch Außerirdische und ähnliche UFO-Phantasien breiten Raum ein, ebenso Astrologie und Okkultismus. Aber das trifft nicht nur auf die sogenannte "Massenkultur" zu. Die angesehensten Zeitschriften des Establishments fördern religiöse Hirngespinste. Die Zeitschriften Time und Newsweek brachten beide vor kurzem Titelgeschichten über die Existenz von Engeln und die Kraft von Gebeten.

Es muß hier angemerkt werden, daß diese von großen Konzernen kontrollierten Medien eine wichtige Rolle dabei gespielt haben, die Aktivitäten von Applewhite und Nettles bekannt zu machen. Kurz nachdem die zwei Mitte der siebziger Jahre ihre Gruppe gegründet hatten, brachten die Medien massenhaft reißerische Geschichten über sie. Artikel erschienen im New York Times magazine (1975), Time (1976 und 1979) und in der Newsweek (1979). Selbst Hollywood interessierte sich für die beiden, als der Fernsehkanal NBC für eine Serie einen Pilotfilm mit dem Titel "Die geheimnisvollen Zwei" (The Mysterious Two) drehte und dann auch tatsächlich sendete. Der Film handelte von einem außerirdischen Pärchen, das in der Welt umherstreifte, mit John Forsythe in der Rolle des Applewhite und Phyllis Pointer als Nettles. Der Titel der Serie, die dann doch nicht gedreht wurde, war; welch schauerliche Ironie angesichts der Ereignisse von San Diego: "Folge mir, wenn du dich traust!"

Religiöser Aberglaube reicht bis ins Weiße Haus hinein. Während die Medien Applewhite und seine Anhänger als wahnsinnige Irre verhöhnen, ist es eine bekannte Tatsache, daß der frühere Präsident Ronald Reagan fest an einen kommenden Endkampf gegen das Reich des Bösen und an den nahenden Tag des jüngsten Gerichts glaubte. Seinen flotten Sprüchen über einen Atomkrieg verlieh dies einen Unterton, bei dem es einem kalt über den Rücken laufen konnte. Seine Ehefrau Nancy suchte regelmäßig einen Astrologen auf, um vorhersagen zu lassen, welche Tage für die offiziellen Verpflichtungen ihres Mannes günstig wären.

Auch heute geht im Weißen Haus ganz ähnliches vor sich. Clinton konsultiert verschiedene Vertreter der religiösen und moralischen Quacksalberei. Robert Schuller, einen der wenigen Fernsehprediger, die noch nicht unter Anklage stehen, hat er eingeladen, bei seiner Rede zur Lage der Nation den Ehrenplatz neben Hillary Clinton einzunehmen.

Die Ideologie von Heaven's Gate war eine eklektische Mischung aus Elementen, die in der amerikanischen Kultur reichlich vorhanden sind und von den Führern der Gruppe nur noch zusammengeflickt werden mußten.

Applewhite, Sohn eines Geistlichen, der ein theologisches Seminar besucht und dann die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens in Houston, dem Hauptquartier der NASA, gearbeitet hatte, entwickelte eine Weltanschauung, die das Buch der Offenbarung mit Spekulationen über Außerirdische und Weltraumreisen verband.

 

Opfer der Gesellschaft

Als Karl Marx schrieb, daß die Religion das Opium des Volkes sei, ging es ihm nicht darum, die aufrichtigen Gläubigen zu beschimpfen, sondern die gesellschaftliche Rolle und Klassenfunktion der Religion zu charakterisieren. Wie die Ereignisse von San Diego gezeigt haben, wirkt die Religion im schlimmsten Fall nicht nur als Opium, sondern als Zyankali.

Die Toten der Heaven's Gate-Selbstmorde waren die Opfer einer Gesellschaft, die Millionen Menschen das Gefühl vermittelt, daß sie keine Zukunft haben. "Ich fühlte mich wütend, entfremdet, hoffnungslos, unvollständig und völlig unbefriedigt, was ich auch immer versuchte", gab eines der Mitglieder als Gründe für seinen Beitritt zur Gruppe an. Diese Gefühle, wenn auch nicht deren selbstmörderische Schlußfolgerung, sind weitverbreitet in einer Gesellschaft, wo der Wert eines Menschen allein nach der Größe seines Bankkontos und seiner Kreditwürdigkeit beurteilt wird, und wo die sozialen Bedürfnisse einem immer irrationaler werdenden System der Produktion für privaten Profit untergeordnet werden.

Der fürchterliche Pessimismus, der in dem Selbstmord von 39 Menschen ausgedrückt ist, hat eine materielle Grundlage: das gegenwärtige Fehlen einer größeren Bewegung, die in den USA für gesellschaftliche Veränderung kämpft. Der Eintritt breiter Schichten der arbeitenden Bevölkerung in Kämpfe gegen die bestehende Gesellschaftsordnung - das unvermeidliche Ergebnis großer sozialer, wirtschaftlicher und politischer Schocks - wird das derzeitige reaktionäre politische Klima aufbrechen und Optimismus und Vertrauen in die Zukunft neuen Auftrieb geben.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 858, 15. Mai 1997

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