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"Bündnis für Arbeit" in Norddeutschland

Eine Welle von Entlassungen und massiven Lohnsenkungen

Eine Reihe von Betrieben aus Hamburg und Schleswig-Holstein reagieren mit Flexibilisierungen von Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen sowie mit einem verstärktem Arbeitsplatzabbau auf den schärferen internationalen Konkurrenzdruck. Auf den Knochen der Belegschaften soll die Position der Betriebe auf dem Weltmarkt verbessert werden.

Die Gewerkschaften und Betriebsräte setzen dem nichts entgegen, sondern arbeiten selbst an den Programmen zur "Standortverteidigung" mit. Sie erweisen sich oft als "kreativer" als die Unternehmer selbst, wenn es darum geht, Rentabilität und Profit zu erhöhen. Nachfolgend nur eine kleine Auswahl von Beispielen dafür.

"Bündnis für Arbeit im Hamburger Hafen" nennt die ÖTV eine Einigung mit dem Unternehmensverband, mit der die Hamburger Hafenbetriebe sich in dem wachsenden Wettbewerb zwischen den Seehäfen Nordeuropas durchsetzen wollen. Die ÖTV bietet den Unternehmern darin unter anderem Arbeitszeitkonten mit flexiblen Arbeitszeiten an. Dabei soll wöchentlich zwischen 22,5 und 60 (!) Stunden sowie an 13 Sonntagen im Jahr regulär - also ohne jegliche Mehrarbeitszuschläge - gearbeitet werden. Auf diese Weise soll der Hafen schneller und besser an den Bedarf der Reeder angepaßt werden, ähnlich wie noch im vorigen Jahrhundert, als Hafenarbeiter immer nur dann, wenn ein Schiff angelegt hat, für ein paar Tage angeheuert wurden.

Außerdem haben die Betriebe in einer sogenannten "existenzbedrohenden Krise" die Möglichkeit, die Löhne für einen befristeten Zeitraum zu senken.

Als Gegenleistung verspricht der Unternehmerverband, dem 100 Betriebe mit gegenwärtig insgesamt 6.000 Arbeitsplätzen angeschlossen sind, für 12 Monate beim Arbeitsplatzabbau auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten.

Die Hamburger Beiersdorf AG, die 1996 ihren Umsatz um 8,1 Prozent auf 5,8 Milliarden Mark und den Jahresüberschuß um 3 Prozent auf 234 Millionen Mark gesteigert hat, plant die Schließung ihres Tesa-Werkes in Harrislee bei Flensburg. Etwa 400 Arbeiter verlieren dadurch ihren Job. Bundesweit will Beiersdorf etwa 700 Arbeitsplätze abbauen.

Der Gabelstaplerhersteller Jungheinrich wies im vergangenen Jahr bei 2,4 Milliarden Mark Umsatz in seiner Bilanz 20 Millionen Mark angebliche Verluste aus. Die Dividenden wurden von 6 auf 2 Mark gesenkt. Dieser Verlust an "share value" rief den Betriebsrat auf den Plan: er entwarf das sogenannte "Jupiter-Umstrukturierungsprogramm". Dieses beinhaltete zuerst einmal den Abbau von 300 Arbeitsplätzen im Norderstädter Werk auf jetzt nur noch 1.300 Beschäftigte. Für die übriggebliebenen Arbeiter wurden Fertigungsorganisation und Arbeitszeit flexibilisiert. Gearbeitet wird künftig je nach Auftragslage. Mit einem Jahresarbeitszeitkonto sind reguläre Arbeitszeiten von 0 bis 42 Stunden in der Woche möglich. Überstundenzuschläge soll es erst ab der 41. Stunde geben. Die Fertigungskosten werden dadurch um 20 Prozent gesenkt und dem Unternehmen 100 Millionen Mark an zusätzlichen Gewinnen im Jahr in die Kasse gestopft.

Der international führende Hersteller von Rollstühlen und Rehabilitationsmitteln Ortopedia GmbH will in seinen Werken in Kiel und Kappeln mit 104 Beschäftigten ein Drittel seiner Gesamtbelegschaft entlassen. Als Gründe werden sinkende Exporte und gleichzeitig schrumpfende Absätze im Inland infolge der Bonner "Gesundheitsreform" angeführt. Die IG Metall hat vergeblich einen weitgehenden Lohnverzicht und Kurzarbeit ohne Lohnausgleich angeboten, um die Entlassungen abzuwehren.

Geschäftsleitung und Betriebsrat der Airbus Flugzeugwerft in Hamburg Finkenwerder verhandeln derzeit über eine Verlängerung der regulären Arbeitszeit auf den Samstag und auf insgesamt 42 Stunden in der Woche. Der "Wettlauf" mit dem amerikanischen Konkurrenten Boeing erfordere dies, so Airbus-Chef Gustav Humbert; dort werde bereits an 7 Tagen in der Woche gearbeitet, da müsse Airbus reagieren.

500 Arbeiter der Bavaria-Brauerei in St. Pauli verlieren ihren Job, wenn, wie angekündigt, ein Konsortium aus der Holsten-Brauerei und den Investmentgesellschaften Berentzen und WCM den Mutterkonzern Brau und Brunnen (4.500 Beschäftigte mit den Marken Apollinaris-Mineralwasser, Jever- und Ratsherren-Bier) übernimmt. Anstatt einen gemeinsamen Kampf aller BuB-Arbeiter in Dortmund, Berlin und Hamburg für den Erhalt aller Arbeitsplätze zu organisieren, bot der Bavaria-Betriebsrat Lohnsenkungen an, um einen Teil der Arbeitsplätze in St. Pauli zu erhalten, allerdings vergeblich.

Beim Autozulieferer Phoenix in Hamburg-Harburg gibt es bereits flexible Arbeitszeiten. Jetzt wird mit dem Betriebsrat über eine Verlängerung der Arbeitszeit in der Produktion per Jahresarbeitszeitkonten auf 48 Stunden in der Woche verhandelt. Die Verwaltungsangestellten müssen bereits wieder 40 Stunden in der Woche arbeiten, zum alten Lohn für 35 Stunden versteht sich.

Unentgeltlich 3 Stunden länger als 35 Stunden in der Woche arbeitet die Belegschaft der Hako-Werke in Bad Oldesloe. Unternehmenschef Tyll Necker, ehemaliger Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, hatte damit gedroht, die Produktion nach Osteuropa zu verlagern, wenn die Belegschaft dieser unbezahlten Arbeitszeitverlängerung nicht zustimme. Da Gewerkschaft und Betriebsrat keine Kampfmaßnahmen gegen diese Erpressung einleiteten, unterwarfen sich die Beschäftigten in einer geheimen Abstimmung notgedrungen diesem Diktat.

Im Rahmen eines Umstrukturierungsprogramms, dem bereits das Hafenkrankenhaus zum Opfer gefallen ist, werden in den Hamburger Kliniken von insgesamt 15.500 Arbeitsplätzen bis zum Jahre 2000 mindestens 1.800 beseitigt. Die ÖTV-Funktionäre arbeiten auf allen Ebenen an diesem Programm und seiner Durchsetzung mit. Zuletzt hat die Gewerkschaft die Besetzung des Hafenkrankenhauses offiziell abgebrochen, obwohl vom Landesbetrieb Krankenhäuser (LBK) im Grunde auf keine der Forderungen der Belegschaft eingegangen worden ist.

Das Dosenwerk Züchner in Barmstedt bei Hamburg wird von seinem Eigentümer, dem französischen Konzern Cork Crown / Carnaud Metalbox zum Jahresende geschlossen. 130 Arbeiter werden auf die Straße gesetzt. Die Arbeiter reagierten auf die Bekanntgabe dieses Konzernbeschlusses mit der Besetzung des Betriebes und forderten den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Die IG Metall jedoch tritt, um diesen Kampf abzuwickeln, für eine Qualifizierungsgesellschaft ein. Den 130 Beschäftigten soll damit ein gleitender, zweijähriger Übergang in die Arbeitslosigkeit geboten werden.

Der Holländische Schlepperkonzern Smit International schließt "aus Kostengründen" sein Hamburger Bergungsunternehmen Harms. Die 40 Mitarbeiter bekommen keinen anderen Arbeitsplatz in dem Konzern, sondern werden per Sozialplan entlassen.

  

© neue Arbeiterpresse, Nr 859, 29. Mai 1997

 

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