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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Katastrophale Zustände im KrankenhausEin Gespräch mit Cora Jacoby, Ärztin für Onkologie am Krankenhaus in Berlin-NeuköllnVerena NeesSeit letztem Jahr hat sich die Lage dramatisch verschlechtert", betonte Cora Jacoby in einem Gespräch mit der neuen Arbeiterpresse vergangenen Donnerstag. Letztes Jahr, das war im März, als Cora Jacoby, seit acht Jahren Ärztin der Onkologie im Berliner Krankenhaus Neukölln, bei einer Fernsehdiskussion unter anderem darüber berichtet hatte, daß Patienten wegen Überfüllung des Krankenhauses auf Fluren liegen mußten und vorzeitig entlassen wurden. Die Krankenhausleitung reagierte mit fristloser Kündigung, suspendierte sie vom Dienst und erteilte Hausverbot. Cora Jacoby zog vor Gericht und gewann. Zahlreiche Schwestern, Pfleger und Ärzte unterstützten sie und demonstrierten für sie vor den Gerichtsterminen. Der Richter begründete schließlich das Urteil am 20. Dezember damit, daß das Recht auf Meinungsfreiheit auch Erfahrungsberichte aus dem Arbeitsalltag einschließe. Cora Jacoby hat sich auch seitdem nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil. "Meine Kollegen warnen mich immer, ich solle aufpassen. Aber ich würde mich selbst aufgeben, wenn ich meinen Mund halten und die verheerenden Auswirkungen der Sparpolitik akzeptieren würde. Gleichzeitig bin ich ein wenig ratlos. Alle Parteien, auch SPD und Grüne, und ich gebe zu, auch die Gewerkschaft, sind von dem Gedanken erfaßt, wir müßten sparen. Ich frage mich, warum es niemanden mehr gibt, der ganz offen und grundlegend erklärt: die Vermögenssteuer muß sofort wieder eingeführt werden, und die steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten der Reichen müssen abgeschafft werden - dann hätten wir nämlich das Geld, das wir für die sozialen Ausgaben brauchen." Vor einem Jahr sei es "nur" so gewesen, sagt Cora Jacoby, "daß die Betten gestrichen wurden, Patienten keinen Platz im Krankenhaus fanden und mit furchtbar kurzen Liegezeiten durch das Krankenhaus geschleust wurden, sodaß die ambulante Nachversorgung nicht mehr richtig gewährleistet war. Aber heute ist es so, daß durch den Stellenabbau und den Einstellungsstopp im Therapeutenbereich, im Schwesternbereich und bei den Ärzten so viele Stellen wegfallen, daß wir trotz Überstunden die Versorgung nicht mehr so gewährleisten können, wie es nötig wäre und wir auch gerne wollten. Wir haben einfach keine Zeit mehr, mit Patienten zu reden, ihnen wichtige Dinge zu erklären, ihre Fragen, Sorgen, Nöte anzuhören. Wenn der Patient klingelt, rennen die Schwestern ins Zimmer hinein und sagen, sie kommen in fünf Minuten wieder, sie kommen aber nicht, weil sie gar keine Zeit haben, dann klingelt der Patient wieder usw. So herrscht eine unglaubliche Hektik auf vielen Stationen. Die Patienten werden einfach nichts mehr los, weder, daß sie Schmerzen haben oder ihre Angehörigen anrufen wollen oder ähnliches. Die Gesprächsmöglichkeit mit dem Personal ist praktisch gleich null. Konkret bedeutet dies, daß die Schwestern nur das Allernotwendigste tun können, sprich Medikamente verabreichen und einmal am Tag das Bett machen - manchmal fällt auch das flach. Die Wäsche der Patienten ist außerordentlich eilig und oberflächlich. Alle schönen, guten und wichtigen Dinge - wie einreiben, damit Patienten keine Lungenentzündung bekommen, oder abklopfen oder aus dem Bett heraussetzen und über den Gang laufen, damit sie in Bewegung kommen, finden kaum mehr statt." In Station 22, wo Cora Jacoby arbeitet, ist der Patientenschlüssel noch etwas höher als in anderen Stationen, weil hier Krebs- und Leukämiepatienten liegen, die bis zu ihrem Tod betreut werden müssen. Auf 38 Betten kommen hier 20 Pflegestellen. In anderen Stationen sind es 16 Pflegekräfte für 40 Betten. Weil meist eine Arbeitskraft wegen Krankheit, zwei wegen Urlaub und vielleicht noch zwei oder drei wegen Schwangerschaft fehlen, ist die Situation auf den Stationen "haarsträubend", sagt Cora Jacoby. "Oft läuft es so, daß die Stationsleitung gar keinen Einsatzplan ausarbeiten kann, und einfach alle kommen müssen, die da sind. Sie können dann nur hoffen, daß sie irgendwann mal einen Tag frei haben. Eine Schwester erzählte mir jetzt, daß sie statt sieben Tage Schicht, drei Tage frei, und dann wieder acht Tage Schicht nur einen Tag zwischendurch frei hat. Das geht natürlich auf die Knochen und ist unheimlich zermürbend. Und das ist genau das Problem: es handelt sich hier um Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, und nicht umsonst! Sie haben das Gefühl, sie müssen das letzte geben und kommen auch zur Arbeit, wenn es ihnen schlecht geht. Diese Opferbereitschaft des Pflegepersonals wird von der Politik schamlos ausgenutzt." Die Krankenhausleitung, so Cora Jacoby, interessiere dieser katastrophale Zustand nicht. "Manchmal, wenn zum Beispiel in der Rettungsstelle die Hölle los war, die Leute auf den Bahren herumlagen und wir einfach zu wenige waren, haben wir angerufen und jemanden von der Geschäftsleitung gebeten, sich das doch einmal anzuschauen - aber sie sind nicht gekommen. Ihr Büroraum scheint für sie auch ihr Schutzraum zu sein, mit dem sie sich von allem abschirmen." Besonders wütend kommentierte Cora Jacoby die Privatisierungspläne des Berliner Senats. "Die Privatisierung würde uns den Hals brechen. Erstens würde es bedeuten, daß man unter Tarif bezahlt wird und nur noch befristete Stellen bekommt. Aber zweitens wäre dies auch für den Patienten sehr schlecht. Ich habe eine Zeitlang im Krankenhaus Köpenick gearbeitet. Dort haben bereits jetzt schon die Ärzte nur befristete Stellen von drei Monaten." Das neue Beschäftigungsfördergesetz der Bundesregierung ermöglicht Kettenverträge, sodaß Ärzte und Pflegepersonal nach drei Monaten erneut nur für drei Monate eingestellt werden können. Vor allem in privatisierten Krankenhäusern, so Cora Jacoby, würde diese Möglichkeit genutzt. "Wenn das Personal in einer derart unsicheren beruflichen Situation steckt und nicht weiß, ob es nach drei Monaten noch da ist, dann wird die Versorgung der Patienten enorm schlecht. Dauernd kommen neue uneingearbeitete Leute. Manche Dinge im Krankenhaus muß man sich über Jahre erkämpfen. Wir hier engagieren uns zum Beispiel schon seit Jahren dafür, daß uns eine Psychologenstelle bewilligt wird, weil wir bei manchen Krebskranken oder HIV-Patienten mit unserer Ausbildung nicht richtig weiterkommen. Wenn man nur drei Monate da ist, merkt man ja noch nicht einmal, daß z.B. weniger Krankengymnasten als früher da sind, daß der Beschäftigungstherapeut nicht mehr da ist, usw. Der Standard, das was errreicht wurde, bröckelt immer mehr ab. Den Krankenhausleitungen ist dies natürlich recht. Sie haben eine Belegschaft aus ängstlichen Menschen, die sich fühlen wie in einer permanenten Probezeit. Befristete Stellen im ärztlichen und auch im Schwesternbereich sind wirklich etwas Furchtbares." Mit Erbitterung sehe die Belegschaft in Neukölln die geplante Eröffnung des teilprivaten Krankenhauses Marzahn, sagt Cora Jacoby weiter. Das Krankenhaus mit 400 Betten, das von Gesundheitsstaatssekretär Detlef Orwat (CDU) gefördert wurde - er leitet auch den künftigen Aufsichtsrat - sei sehr gut ausgestattet, ebenso wie die private Parkklinik Weißensee. "Es ist eben nicht wahr, daß kein Geld da ist, und wir alle sparen müssen. Das Geld fließt nur dort hin, wo es den Interessen der Klientel von Orwat dient." Auch unter den städtischen Krankenhäusern wachsen die Unterschiede zwischen ärmeren und bessergestellten Bezirken. "Den Krankenhäusern in Steglitz, Zehlendorf oder Grunewald geht es wesentlich besser", sagt Cora Jacoby. Die Privatisierungspolitik führe in allen Kliniken dazu, daß auf der einen Seite teure Geräte angeschafft werden, weil die Krankenkassen für technische und operative Leistungen gut bezahlen, auf der anderen Seite Abteilungen geschlossen werden, die personalintensiv sind und an denen man nichts verdienen kann. So sei im Krankenhaus Neukölln die Geriatrie (Altenpflege) im vergangenen Jahr geschlossen worden. "So wurde bei uns auch ein neues Laserzentrum mit toller Einrichtung aufgebaut, und in allen anderen Abteilungen wird gleichzeitig abgebaut. Was Geld bringt, das wird gemacht. Was Geld kostet, das spart man sich. Jeder denkt betriebswirtschaftlich, nur auf den eigenen Betrieb bezogen. Der eigene Betrieb soll viel Geld für die Technik bekommen, und möglichst keine ungünstigen, sprich pflegeintensive Patienten haben, für die man kein Geld bekommt. Es geht alles in Richtung amerikanisches System. Die Patienten müssen immer mehr zuzahlen, und ganz viele Menschen erhalten überhaupt keine Leistungen mehr. Die Vernachlässigung der sozial Schwachen gehört heute zum System. Sie erschreckt keinen Politiker mehr, im Gegenteil, sie betreiben sie mit einer Schamlosigkeit, die nicht mehr zu überbieten ist." Siehe weiter in dieser Ausgabe "Es gibt keine richtige Opposition mehr" © neue Arbeiterpresse, Nr 859, 29. Mai 1997 Copyright 1998 - 2008 World Socialist Web Site Alle Rechte vorbehalten! |