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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Britische Trotzkisten halten erfolgreiche Anhörung zu BSE ab"Wir werden die Suche nach der Wahrheit den Profiten der Fleischindustrie genau so wenig zum Opfer bringen wie der politischen Karriere ihrer Verteidiger."
Mit diesen Worten umriß Barry Mason, der Vorsitzende der Kommission, die Ziele ihrer Untersuchung der Ursachen und Folgen der Krise, die durch das Auftauchen des Rinderwahnsinns (BSE) in Großbritannien entstanden ist. Die britische trotzkistische Partei, die Socialist Equality Party hatte diese unabhängige Untersuchung organisiert, um aufzudecken, wie diese furchtbare Tierseuche sich derart ungehindert ausbreiten und in Form der neuen Variante der Creutzfeld-Jacob-Krankheit (CJD) auf den Menschen übertragen konnte. Eine zentrale Rolle spielten die Vertuschungen und Lügen der Fleischkonzerne und der ihnen ergebenen Politiker. Am 17. Mai veranstaltete die Untersuchungskommission in der Universität von Sheffield in Nordengland eine öffentliche Anhörung. Ungefähr ein Jahr lang hatte die SEP diese Anhörung vorbereitet, Informationen gesammelt, Wissenschaftler interviewt, Kontakt zu Angehörigen und Hinterbliebenen von CJD-Kranken und verschiedenen Bürgerinitiativen aufgenommen. Mehr als hundert Zuhörer folgten gespannt den Berichten der Experten und den erschütternden Schilderungen der Angehörigen von Opfern des neuen Typs der Creutzfeld-Jacob-Krankheit (nvCJD), die auf die Infektion durch den Genuß des Fleischs von Rindern zurückzuführen ist, die mit dem BSE-Erreger infiziert waren. Die Versammlung gedachte zu Beginn der 17 meist sehr jungen Toten, die bisher an der nvCJD gestorben sind. Zum Untersuchungskomitee gehörten der Vorsitzende Barry Mason, ein Sozialarbeiter, June Freeman, die Mutter eines jungen Arbeiters, der gestorben ist, weil er ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen mit giftigen Chemikalien arbeiten mußte. Seine Mutter führt seit seinem Tod einen unermüdlichen Kampf gegen solche Arbeitsbedingungen. Außerdem gehörten der Kommission Trevor Johnson, ein Softwareingenieur, Chris Talbot, ein Mathematiker und Universitätsdozent, Keith Livesey, ein Arbeiter in einem Schnellrestaurant und John Stanton, ein Arbeiter aus dem öffentlichen Dienst in Liverpool an, der früher im Lebensmittelhandel gearbeitet hat. Bis zum 20. März 1996 hatte die britische Regierung, ohne den geringsten wissenschaftlichen Beweis dafür zu haben, behauptet, ein Zusammenhang zwischen BSE und CJD existiere nicht, eine Übertragung der Rinderseuche auf den Menschen sei unmöglich, und es sei absolut sicher, britisches Rindfleisch zu essen. Zu diesem Zeitpunkt häuften sich schon die wissenschaftlichen Beweise, nach denen eine Übertragung des BSE-Erregers auf andere Säugetierarten experimentell nachgewiesen werden konnte. Aber immer mehr Fälle wurden bekannt, bei denen der neue Typus der Creutzfeld-Jacob-Krankheit diagnostiziert werden konnte, der auf nichts anderes als auf eine Infektion durch BSE-verseuchtes Fleisch zurückzuführen war. Da sah sich der britische Gesundheitsminister schließlich gezwungen, den Zusammenhang öffentlich für möglich zu erklären. Detailliert wurde in Sheffield aufgezeigt, wie vom ersten Auftauchen des Rinderwahnsinns 1985 an bis heute durch eine Kette von Lügen, Verharmlosungen und Vertuschungen im Interesse der britischen Fleischindustrie eine Katastrophe organisiert wurde, deren volles Ausmaß wegen der relativ langen Inkubationsperiode von nvCJD zur Zeit noch nicht voll zu erfassen ist. Tausende oder sogar Hunderttausende könnten bereits heute den Keim der Krankheit in sich tragen, weil über zehn Jahre lang infiziertes Fleisch in die Nahrungskette gelangen konnte und auch jetzt noch gelangen kann. Erst kürzlich wurden Schulen und Schulbehörden staatlichem Druck ausgesetzt, weil sie Rindfleisch von ihrem Speiseplan gestrichen hatten. Den einleitenden Bericht hielt Barbara Slaughter, die über ein Jahr lang die Vorbereitung der Untersuchung geleitet hatte. Sie faßte die Geschichte und den bisherigen Verlauf dieser "vollkommen vorhersehbaren und vermeidbaren" Katastrophe zusammen. Aus ihren Ausführungen zog sie die Schlußfolgerung: "Die Behauptungen, daß britisches Rindfleisch sicher ist, war niemals auf wissenschaftliche Tatsachen gestützt... Elf Jahre lang wurde eine Verschwörung gegen die britische Bevölkerung und die der ganzen Welt aufrechterhalten, deren Auswirkungen heute bereits in Tausenden von Toten, wenn nicht Zehntausenden zu beziffern ist. All diejenigen, deren einziges Ziel es war, die Wahrheit herauszufinden, wurden systematisch verleumdet und jeder Art von Einschüchterung ausgesetzt. Die unmittelbarsten Opfer von BSE, die Familien von nvCJD- Kranken - wurden im Stich gelassen, verarmten und, was am schlimmsten ist, erhielten keine Antworten auf ihre Fragen. Die Versuche, das Problem zu vertuschen, haben für die ganze Menschheit wertvolle Zeit verloren, um eine Strategie zu entwickeln dieser schrecklichen Krankheit Herr zu werden. Die Forschung wurde beschränkt, während Millionen Menschen fortfuhren, infiziertes Fleisch zu konsumieren. Meine Untersuchungen haben den Beweis erbracht, daß das Wissen existiert, das notwendig ist, um diese Situation zu ändern. Aber hier stoßen wir auf den entscheidendsten Aspekt dieser Krise. Wir sehen hier nicht nur die Arbeit eines Ministeriums oder einer Gruppe von Individuen oder - in der Tat - einer korrupten Regierung. Um die Profite der gigantischen Agrarkonzerne zu verteidigen und die politischen Geheimnisse der Tory-Regierung zu schützen wurden der gesamte Staatsapparat, das wissenschaftliche Establishment und die Medien mobilisiert. Wir haben es hier mit einem politischen System zu tun, das in seiner Gesamtheit die Bedürfnisse der großen Mehrheit der Bevölkerung unterdrückt, um die selbstsüchtigen Interessen einer kleinen Minderheit zu schützen. Die gegenwärtigen Bemühungen der neuen Labour-Regierung, das Ausfuhrverbot für britisches Rindfleisch zu lockern, bestätigen dies. Meiner Meinung nach sind radikale Maßnahmen notwendig, um diese Krise zu überwinden. Diese hängen letztlich davon ab, ob es gelingt, dieses ganze System zu verändern." Den vollständigen Bericht von Barbara Slaughter werden wir in der nächsten Ausgabe der neuen Arbeiterpresse abdrucken. Nach ihr sprach als erster der Mikrobiologe Professor Richard Lacey, einer der wenigen BSE-Forscher, die sich trotz massiver Einschüchterungsversuche und übelster Verleumdungen in der regierungsfreundlichen Presse nicht zum Schweigen bringen ließen. Lacey deckte an Hand einer ganzen Reihe wissenschaftlicher Details auf, wie wenig von Anfang der Krise an die Behauptungen und die Politik des britischen Ministeriums für Landwirtschaft, Fischerei und Ernährung auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt war. Sogenannte Expertenkommissionen wurden eingesetzt, die keinen anderen Zweck hatten, als die "Verschwörung" abzudecken, um die Wahrheit nicht an den Tag kommen zu lassen, weil sie den Profiten der Fleischindustrie hätte abträglich sein können. Gleichzeitig wurde die ernsthafte Forschung behindert, wo es nur ging. Lacey deckte auch die Praktiken einiger Bauern auf, die wegen der geringen Entschädigungen alle möglichen Tricks anwandten, um scheinbar BSE-freie Herden nachweisen zu können. Offensichtlich gab es Absprachen, die Erkrankungen - zumindest auf dem Papier - auf wenige Betriebe zu konzentrieren. So kam es z. B. ohne Einschreiten der Behörden bei einem Betrieb, der in der Regel 100 Milchkühe hatte, zu 915 BSE-Fällen. Auch die zur Beruhigung der Konsumenten verbreiteten Behauptungen, daß der Erreger sich ausschließlich in bestimmten Körperteilen befinde oder z.B. im Herstellungsprozeß von Gelatine vollständig abgetötet werde, wies Lacey als wissenschaftlich nicht haltbar zurück. Gelatine kann nur 10 Minuten lang bis maximal 105 Grad Celsius erhitzt werden. Selbst die These, daß er bei der Tiermehlherstellung durch Erhitzen auf 134 Grad Celsius vollständig abgetötet werden könne, sei durch umfangreiche Versuche nicht bestätigt worden. Bei diesen Versuchen überlebte der BSE-Erreger 138 Grad bis zu 60 Minuten lang. Auf die Frage, ob er sich von der neuen Labour-Regierung eine Änderung der BSE-Politik erhoffe, antwortete Lacey vorsichtig: "Ich gebe ihnen vier Wochen Zeit." Nach ihm sprach Anthony Bowen, ein ehemaliger Schlachthausarbeiter. Seine Ehefrau Michelle starb im November 1995 an nvCJD. Er schilderte den qualvollen Verlauf der Krankheit und den Leidensweg seiner Frau, die kurz vor ihrem Tod durch Kaiserschnitt von einem Sohn entbunden wurde. Er und seine Familie leben ständig in der Angst, daß auch die drei Kinder von der schrecklichen Krankheit infiziert sein könnten. Auch Francess Hall, die Mutter von Peter Hall, einem der ersten jungen Opfer des neuen Typus der Creutzfeld-Jacob-Krankheit schilderte das tragische Schicksal ihres Sohnes und ihren Kampf, die Wahrheit herauszufinden, warum er sterben mußte und wer dafür verantwortlich ist. Andere Aspekte der Erforschung des BSE-Erregers und seiner Verwandten schilderte Dr. Harash Narang, der sich ebenfalls trotz seiner Entlassung durch den britischen staatlichen Gesundheitsdienst und Anschlägen auf seine Person nicht beirren und einschüchtern ließ und seine Forschungen fortsetzt, die er bereits 1970 begonnen hat. Narang hatte u. a. einen Test entwickelt, durch den Rinder vor ihrer Schlachtung auf BSE untersucht werden können. Genau daran hatten aber weder die Fleischindustrie noch die Regierung auch nur das geringste Interesse. Narang blieb bis zum Schluß der Veranstaltung und beantwortete zahlreiche Fragen der Zuhörer. Geoffrey Appleton gehört einer Bürgerinitiative an, die gegen die Errichtung einer Tierverbrennungsanlage in ihrer Wohngegend kämpft und schilderte die unhygienischen Bedingungen, unter denen derartige Anlagen betrieben werden. Dr. Jean Shaoul erläuterte die wirtschaftlichen Auswirkungen von BSE auf die britische Lebensmittelindustrie und insbesondere die Fleischindustrie und die Schlachthäuser. Auf den Lebensmittel- und Agrarchemiesektor entfallen sechs bis sieben Prozent des britischen Bruttosozialprodukts. Von den hundert größten britischen Konzernen gehören rund 30 Prozent der Agrarindustrie an. Von den zwanzig größten Lebensmittel- und Getränkekonzernen in Europa sind 12 britisch. Allein, wenn man diese Dimensionen betrachtet, wird deutlich, weshalb die britische Regierung und die Fleischindustrie so bemüht waren, die tatsächlichen Gefahren durch die Rinderseuche herunterzuspielen. Dr. Shaouls Schlußfolgerung war, daß einfach schärfere Kontrollen und Vorschriften das Problem nicht lösen können. Sie forderte eine vollständige Umstrukturierung der gesamten Lebensmittelindustrie. "Die Jagd nach Profit muß aus der Lebensmittelindustrie verschwinden. Wenn man die bedeutende Position untersucht, die die Lebensmittelindustrie in der gesamten Wirtschaft und im politischen Machtgefüge einnimmt, dann ist es unvorstellbar, daß wir mit der BSE-Krise fertigwerden, ohne grundlegend das Profitsystem und das Privateigentum an Produktionsmitteln in Frage zu stellen, einschließlich des Landbesitzes. Sogar die Argumente, die benutzt werden, um die Industrie zu verteidigen, zeigen den grundlegenden Widerspruch. Um den Zusammenbruch der (Fleisch-)Industrie zu verhindern, der selbst ein Resultat ihrer Politik der Kostenreduzierung war, mußte die Regierung lügen und mit dem Leben der Menschen spielen. Diese kurzsichtige Maßnahme droht jetzt, die gesamte Industrie zu zerstören. Sie sollte sie retten und führt jetzt dazu, daß Land, Luft und Wasser verseucht künftigen Generationen hinterlassen werden." Der Trinkwasserexperte Paul Mitchell zeigte die Gefahren auf, die durch die legale und illegale Beseitigung der BSE-infizierten Rinderkadaver für die Wasserversorgung entstehen. Er hob vor allem die verheerenden Folgen der Privatisierung dieser Industrie hervor, für die Kontrollen vor allem ein die Profite schmälernder Kostenfaktor sind. Sybille Fuchs überbrachte die Grüße der Partei für Soziale Gleichheit in Deutschland und betonte, daß die Frage von BSE keineswegs ein allein britischen Problem sei, sondern ganz Europa bedrohe. Sie prangerte die Rolle der EU und der deutschen Regierung an, die genau wie in Großbritannien der Frage des Profits der Fleischindustrie die höchste Priorität einräumen. Selbst ihre angeblich perfekten Kontrollen sind alles andere als sicher, wie der Fall der Kuh Cindy zeigte, die im Dezember letzten Jahres an BSE verendete. Auch die Boykottmaßnahmen gegen britisches Rindfleisch und die Tötung ganzer Herden in der EU haben weniger den Schutz der Fleischkonsumenten als den der Profite der heimischen Fleischindustrie im Auge. James Kinnaer, der in einem medizinischen Labor arbeitet, faßte zusammen, welche Bedeutung die BSE/CJD-Krise für die öffentliche Gesundheit hat, während Chris Talbot in seinem Beitrag vor allem die politische Verantwortung von Regierung und der Labour-Opposition, sowie der Gewerkschaften analysierte. Er warnte davor, in die neue Labour-Regierung irgendein Vertrauen zu setzen, weil sie integraler Bestandteil des gesamten Vertuschungsmanövers war. Selbst an sie geschickte Briefe, die aufdeckten, daß die Kontrollen nicht funktionierten und monatelang infiziertes Fleisch in den Handel gelangte, unterdrückte die Labour Party monatelang. Erst im Wahlkampf wurden sie hervorgeholt. Die Gewerkschaften, die sich der Gefahren und der wirtschaftlichen Auswirkungen vor allem für die Arbeiter in den Schlachthäusern und Tiermehlfabriken vollkommen bewußt waren, weigerten sich, zu einer Untersuchung oder öffentlichen Anhörung aufzurufen. Talbot wandte sich auch gegen die Politik der Grünen, die nicht in der Profitwirtschaft, sondern in der modernen Technologie und Wissenschaft die Wurzeln des Übels sehen und als "Lösung" die Rückkehr zu regional und lokal begrenzter Kleinproduktion vorschlagen. Er nannte zum Schluß die programmatischen Forderungen, die die Socialist Equality Party zur Lösung der BSE-Krise vorschlägt. Eine Arbeiterregierung, der sie angehört, müßte
© neue Arbeiterpresse, Nr 859, 29. Mai 1997 Copyright 1998 - 2008 World Socialist Web Site Alle Rechte vorbehalten! |