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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Ein Schlag gegen den MystizismusDer bekannte britische Wissenschaftler Professor Richard Dawkins hat mit einer brillanten Rede zur Verteidigung der Wissenschaft bei der sogenannten "Dimbley Lesung" Ende letzten Jahres die Gelegenheit genutzt, ein paar gut gezielte Attacken gegen den unverhohlenen Mystizismus und die wissenschaftsfeindliche Reaktion in den Medien zu richten. Die britische Rundfunkanstalt BBC veranstaltet diese Lesung einmal im Jahr zu Ehren von Richard Dimbley, einem herausragenden Rundfunksprecher aus den Anfangsjahren ihres Radioprogramms. Professor Dawkins hat sich vor allem als Verfechter der Evolutionstheorie von Charles Darwin einen Namen gemacht und avancierte im letzten Jahr zum Leiter des Charles-Simony-Lehrstuhls für öffentliches Wissenschaftsverständnis an der Universität Oxford. Seinen Vortrag stellte er unter den Titel "Wissenschaft, Irreführung und die Zunahme des Aberglaubens." Jeder mit den trivialsten wissenschaftlichen Erkenntnissen der heutigen Zeit vertraute Mensch würde das hervorragendste Genie und den universellsten Denker der Antike, den Griechen Aristoteles, mit ein paar Ausführungen in maßloses Erstaunen versetzen," erklärte Professor Richard Dawkins zu Beginn seiner Dimbley-Vorlesung Ende letzten Jahres im britischen Rundfunk BBC, und fuhr fort: "Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Universums, sie dreht sich um die Sonne, die wiederum nur ein Stern von vielen ist. Es gibt keine Sphärenklänge, sondern die chemischen Elemente, aus denen jegliche Materie besteht, ordnen sich zyklisch in einer Art Oktave an. Es gibt nicht nur vier Elemente, sondern ungefähr einhundert, und Erde, Feuer und Wasser gehören nicht dazu. Die lebenden Spezies sind keine voneinander isolierten Arten mit unveränderbarem Wesen. Sie haben sich vielmehr über einen für den Menschen unvorstellbar langen Zeitraum voneinander in neue Spezies verzweigt, die sich wieder und wieder verzweigen. In der ersten Hälfte der geologischen Zeit waren alle unsere Vorfahren Bakterien. Die meisten Kreaturen sind immer noch Bakterien und jede einzelne unserer Billionen Zellen ist eine Kolonie von Bakterien. Aristoteles war ein entfernter Cousin eines Tintenfisches, ein engerer Cousin eines Affen und ein noch engerer Cousin eines Menschenaffen. Genau genommen war Aristoteles ein Menschenaffe, und zwar ein afrikanischer Menschenaffe, dessen Verwandtschaft zu einem Schimpansen enger ist, als die Verwandtschaft eines Schimpansen zu einem Orang-Utan." Für Professor Dawkins steht fest, daß der Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis dafür sogen wird, daß jeder unserer Nachfahren in 2000 Jahren einen heutigen Aristoteles in ähnlicher Weise verwirren würde. Aber hat das zu bedeuten, daß sich unsere Auffassung des Universums als genauso "falsch" herausstellen wird, wie jene von Aristoteles? Dawkins verweist hier auf die Proportionen. Während es tatsächlich vieles gibt, was wir heute nicht kennen, wird unsere Konzeption von der Bewegung der Erde um die Sonne und die Tatsache, daß die Erde eine Kugel ist, niemals widerlegt werden. "Dies allein reicht aus, um diejenigen in Verwirrung zu bringen, die mit ein wenig philosophischer Erfahrung die Möglichkeit von objektiver Wahrheit überhaupt bestreiten... diese sogenannten Relativisten, für die kein Anlaß besteht, wissenschaftliche Ansichten den überkommenen Mythen über die Welt vorzuziehen. Unsere Überzeugung, daß die Schimpansen und wir gemeinsame, sowie die Affen und wir entferntere Vorfahren haben, wird niemals ersetzt werden, obwohl sich die Details über die Zeiträume vielleicht ändern können." Im Zusammenhang mit den Angriffen auf die Wissenschaft in der Presse zitierte Dawkins aus einer Reihe von Artikeln namhafter Autoren, die in jüngster Zeit in der britischen Presse veröffentlicht wurden. Unter der Überschrift "Weder Wissenschaftler noch ich wissen etwas, aber ich weiß wenigstens, daß ich nichts weiß", schrieb Bernard Levin in der Times: "Trotz ihres Zugangs zu ergiebigen Forschungsmitteln bleiben die heutigen Wissenschaftler noch immer den Nachweis schuldig, daß ein Quark auch nur einen Sack Bohnen wert ist. Die Quarks kommen, die Quarks kommen, rennt um euer Leben! Ja, ich weiß, ich sollte nicht über die Wissenschaft spotten, die edle Wissenschaft, die uns ja immerhin Mobiltelefone, Klappschirme und Zahnpasta mit vielen Streifen gebracht hat. Aber die Wissenschaft schreit ja förmlich danach. Jetzt muß ich ernst bleiben. Kann man Quarks essen? Kann man sie auf seinem Bett ausbreiten, wenn die kalte Jahreszeit einsetzt?" Sir Alan Cotteril liefert Dawkins hier die passende Antwort. Der Physiker aus Cambridge hat in einem knappen Brief darauf erwidert: "Ich schätze, daß er täglich 500 Millionen Millionen Millionen Quarks zu sich nimmt." Im Daily Telegraph hat sich die Romanschriftstellerin Fay Weldon folgendermaßen über die Wissenschaftler geäußert: "Erwarten Sie nicht von uns, daß wir Sie mögen. Sie haben uns so viel versprochen und nicht gehalten. Sie haben niemals auch nur versucht, jene Frage zu beantworten, die wir uns alle im Alter von sechs Jahren gestellt haben: Wo ist Tante Maud hingegangen, als sie gestorben ist? Wo war sie, bevor sie geboren wurde? Wer schert sich darum, was eine halbe Sekunde nach dem Urknall geschah? Was ist eine halbe Sekunde vorher passiert? Und wie steht es mit den zyklischen Mißernten?" Zuletzt zitierte Dawkins den Kolumnisten A. A. Gill von der Sunday Times: "Die Wissenschaft wird von Experimenten, Ergebnissen und den langweiligen Trittsteinen des Empirismus erzwungen. Was auf der Mattscheibe abläuft, ist aber einfach interessanter als das, was sich dahinter abspielt. Es ist die Liebe zur Kunst - Theater, Magie, Feenstaub, Phantasie, Lichter, Musik, Applaus, mein verehrtes Publikum. Es gibt Sterne und Sterne, Liebling. Einige sind öde, sich wiederholende Kleckse auf dem Papier und andere sind sagenhaft, witzig, regen zum Nachdenken an und sind unglaublich beliebt..." Der Vergleich mit den Klecksen ist eine Anspielung auf die bedeutende Entdeckung der Pulsare im Jahre 1967: "Jocelyn Bell Bernal hat im Fernsehen einmal den atemberaubenden Moment geschildert, als ihr zum ersten Mal bewußt wurde, daß sie, eine junge Frau am Anfang ihrer Karriere, etwas entdeckt hatte, das bis dahin im Universum nicht bekannt war. Nicht etwas Neues unter der Sonne, sondern eine neue Art Sonne, die so schnell rotiert, daß sie nicht wie unser Planet über 24 Stunden für eine Umdrehung benötigt, sondern nur eine viertel Sekunde." Professor Dawkins hat begriffen, daß etwas nicht in Ordnung sein muß, wenn Personen aus dem öffentlichen Leben derartig banalen Unfug schreiben. Energisch verteidigte er das Wunderwerk und die Methodik der Wissenschaft: "T. H. Huxley hat die Wissenschaft einmal kurzerhand als trainierten und organisierten gesunden Menschenverstand bezeichnet, während Professor Lewis Wolpert (ein Kollege von Dawkins) darauf beharrt, daß sie tief paradox und voller Überraschungen ist - also eher ein Affront, denn eine Erweiterung des gesunden Menschenverstands. Wenn man ein Glas Wasser trinkt, nimmt man vielleicht ein Atom auf, das einmal durch die Blase von Aristoteles gegangen ist - eine verblüffende Feststellung. Aber sie ergibt sich aus dem Gebrauch des, wie Huxley es nennt, 'organisierten gesunden Menschenverstands', aus Wolperts Beobachtung, nach der es viel mehr Moleküle in einem Glas Wasser gibt, als man Gläser voll Wasser aus dem Meer schöpfen könnte." Dawkins besteht darauf, daß die Wissenschaft eine objektive Welt widerspiegelt, die von Gesetzmäßigkeiten beherrscht wird: "Das Universum ist voller Geheimnisse, trügerischer Geheimnisse, aber das Universum ist nicht unberechenbar, absonderlich oder willkürlich in seiner Veränderlichkeit. Das Universum ist geordnet, und auf einer tiefen Ebene gleicht sich das Verhalten der verschiedenen Bereiche und Zeiten. Wenn man einen Ziegelstein auf einen Tisch stellt, bleibt er dort, bis ihn jemand wegnimmt, selbst wenn man in der Zwischenzeit vergessen hat, daß er sich dort befindet. Weder Poltergeister noch Kobolde machen sich daran zu schaffen und schleudern ihn herum, weil sie Unfrieden stiften wollen oder einfach dazu aufgelegt sind. Es gibt Rätsel, aber keine Magie; Merkwürdigkeiten weit über jegliche ausschweifende Vorstellung hinaus, aber keinen Zauber und keine Hexerei, keine zufälligen Wunder." Als Dawkins zum Angriff auf die "gegenwärtige Epidemie paranormaler Propaganda im Fernsehen" überging, wurde es der Hörerschaft, unter ihnen eine Vielzahl prominenter Medienvertreter, auf ihren Plätzen sichtlich unbequem: "In einer bestimmten Sendung treten Zauberkünstler auf und führen Routinetricks vor. Aber statt zuzugeben, daß sie Zauberkünstler sind, behaupten diese Darsteller, über wirkliche übernatürliche Kräfte zu verfügen. Sie werden dazu von renommierten, selbst geadelten Präsentatoren ermuntert; Leuten, denen wir aus Gewohnheit vertrauen; Fernseh- und Rundfunkmoderatoren, die zu Vorbildern geworden sind. Man könnte das als Mißbrauch des Dimbley-Effekts bezeichnen. In anderen Sendungen schildern gestörte Leute ihre Hirngespinste von Geistern und Dämonen, aber anstatt ihnen den freundlichen Rat zu erteilen, einen Psychiater aufzusuchen, stellen Fernsehproduzenten noch eifrig Schauspieler an, um diese Wahnvorstellungen effektvoll nachzustellen - die Wirkung auf die Leichtgläubigkeit großer Zuschauerkreisen läßt sich an einer Hand abzählen. Vor kurzem wurde einem Wunderheiler über eine Stunde der besten Sendezeit gewährt, damit er seine bizarre Behauptung an die große Glocke hängen konnte, er sei ein vor 2000 Jahren verstorbener Arzt namens Paul von Judäa. Manch einer mag dies Unterhaltung nennen oder auch Komödie. Gleichwohl ist dies für viele andere eine ebenso fragwürdige Unterhaltung wie die Zurschaustellung von Mißgeburten auf einem Rummelplatz." Auch über die große Mode der Astrologie ließ es sich Professor Dawkins nicht nehmen, seine Verachtung zum Ausdruck bringen: "Astrologen mißbrauchen unseren Sinn für das Erstaunliche... die echte Astronomie ist der rechtmäßige Eigentümer der Sterne und ihrer Großartigkeit. Die Astrologie stellt sich zersetzend in den Weg und vergreift sich an diesem Wunder." Nach einigen brillanten Beispielen grandioser Entdeckungen aus allen Bereichen der Wissenschaft steigerte sich Dawkins in seiner eigenen Disziplin, der Evolution, zur Höchstform: "Sie bestehen aus mehr als drei Billionen Kopien eines großen Textdokuments, welches in einem höchst akkuraten digitalen Code abgefaßt ist; jede Kopie so umfassend wie ein solides Buch. Ich spreche selbstverständlich von der DNA in Ihren Zellen. In Lehrbüchern wird die DNA als Entwurf für einen Körper beschrieben - man sollte es besser als Rezept zur Herstellung eines Körpers auffassen, denn dieser Entwurf ist unwiderruflich. Aber heute möchte ich Ihnen die DNA wiederum von einer anderen, noch faszinierenderen Seite präsentieren. Die DNA in Ihnen ist eine kodierte Beschreibung alter Welten, in denen ihre Vorfahren lebten... Das Alphabet der DNA entstand vor ungefähr 35 Millionen Jahrhunderten. Seitdem hat es sich keinen Deut verändert. Nicht nur das Alphabet, auch das Wörterbuch aus 64 Grundworten und deren Bedeutungen sind in den modernen Bakterien und in uns genau gleich... Geändert hat sich allerdings das lange Programm oder die Rezepte, welche die Natur mit diesen 64 Worten erstellt hat. Die Nachrichten, die sich uns darin überliefert haben, haben Millionen, in einigen Fällen Hunderte Millionen Generationen überlebt. Für jede Nachricht, die erfolgreich die Gegenwart erreicht hat, sind Unzählige wie die Splitter auf dem Boden eines Bildhauers zurückgeblieben. Darin liegt die Bedeutung von Darwins natürlicher Auslese." Die Tatsache, daß sich Professor Dawkins veranlaßt sieht, tatkräftig für die Wissenschaft zu werben und dem Umsichgreifen von Mystizismus und Okkultismus entgegenzutreten, ist ein Indiz für wachsende Sorge in bestimmten Kreisen der herrschenden Klasse. Dawkins plädiert für gesteigerte Investitionen auf dem Sektor der wissenschaftlichen Ausbildung, um Großbritannien eine bessere Ausgangsposition im Wettbewerb auf dem Weltmarkt zu verschaffen: "Es ist schon fast zum Klischee geworden, darauf hinzuweisen, daß niemand mit Ignoranz gegenüber der Literatur prahlt, es aber gesellschaftlich anerkannt ist, sich der Ignoranz gegenüber der Wissenschaft zu rühmen und stolz auf Inkompetenz in der Mathematik zu sein. In Großbritannien trifft dies zu. Ich glaube, bei unseren erfolgreicheren wirtschaftlichen Konkurrenten, Deutschland, den Vereinigten Staaten und Japan sieht es nicht so aus." Dawkins Vorschläge bleiben bei weitem hinter einer sozialistischen Antwort auf die fatale Entwicklung im Bildungsbereich zurück. Nur eine Elite solle die eigentliche Wissenschaft praktizieren, der Rest der Schulbevölkerung benötige lediglich mehr Lektionen zur Würdigung der Wissenschaft und über deren Geschichte. Die Socialist Equality Party fordert dagegen Bildungsressourcen für alle Kinder, damit sie Zugang zu den fortschrittlichsten Techniken zur Erlernung der Wissenschaft selbst haben. Was die Ursache für das Wachstum der "paranormalen Propaganda" angeht, so nimmt Dawkins an, daß sich das Ganze aus einem Kult um die Fernsehserie "Akte X" entwickelt hat, was aber rein gar nichts erklärt. Das Wiederaufleben solcher Reaktion ist Teil eines gravierenderen historischen Phänomens. Aufgrund der Ausweglosigkeit, in die das Profitsystem geraten ist, bleibt den bürgerlichen Ideologen nichts weiter übrig, als alle bis in die Zeit der Aufklärung zurück reichenden Traditionen des menschlichen Fortschritts und der Wissenschaft zurückzuweisen. Die Wissenschaft kann erst bei einer Reorganisation der Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage höher entwickelt und damit ihre Anwendungen für den Fortschritt der Menschheit verfügbar gemacht werden. Trotz dieser Kritik stechen Dawkins Lesung, ebenso wie seine Bücher und Artikel über die Evolution, als Glanzlichter der Naturwissenschaften und als starkes Engagement für eine materialistische Weltanschauung hervor, die für den Marxismus fundamental ist.
© neue Arbeiterpresse, Nr 859, 29. Mai 1997 Copyright 1998 - 2008 World Socialist Web Site Alle Rechte vorbehalten! |