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Leben und Werk von Lydia Maria Child

Ein Kapitel aus dem Kampf gegen die Sklaverei

Helen Halyard

In den USA ist vor kurzem das Buch einer Vorkämpferin für die Abschaffung der Sklaverei und der Rassentrennung in den USA neu aufgelegt worden: Lydia Maria Child, An Appeal in Favor of That Class of Americans called Africans (Ein Appell zugunsten jener Klasse Amerikaner, die man Afrikaner nennt) University of Massacussetts Press, Amherst 1996.

Helen Halyard, die stellvertretende Vorsitzende der amerikanischen trotzkistischen Partei, der Socialist Equality Party, stellt in dieser Buchbesprechung das Leben und Werk dieser hervorragenden Persönlichkeit und kompromißlosen Kritikerin der amerikanischen Gesellschaft und Politik vor.

In der Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg von 1861-65 fand in Amerika eine erbitterte ideologische Auseinandersetzung statt. Es ging um die Vorherrschaft und ungezügelte Ausdehnung der Sklaverei. Die Wortführer der Sklavenhalter aus den Südstaaten waren gezwungen, die Gleichheitsideale des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes anzugreifen, um die Sklaverei zu rechtfertigen. Schließlich war es ein heikles Unterfangen, die Aufrechterhaltung der brutalen Ausbeutung auf den Plantagen mit den Prinzipien zu vereinbaren, welche die amerikanischen Revolutionäre im Kampf gegen den britischen Kolonialismus inspiriert hatten.

In dem ursprünglichen Entwurf der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von Thomas Jefferson wurde die Sklaverei als Vergewaltigung "der heiligsten Lebens- und Freiheitsrechte" verurteilt. Die Plantagenbesitzer des Südens, deren Existenz vom Baumwollhandel abhing, bestanden jedoch darauf, solche Sätze zu streichen. Viele Führer der amerikanischen Revolution, darunter Jefferson selbst, waren der Meinung, daß sich das System der Sklaverei bald nicht mehr lohnen und schließlich von selbst verschwinden würde.

Ende des 18. Jahrhunderts konnten die Führer der bürgerlichen Revolution in Amerika natürlich nicht vorhersehen, wie rasant sich die englische Textilindustrie entwickeln würde, und was für eine gigantische Nachfrage nach Baumwolle dadurch entstehen würde. Nach einer technischen Perfektionierung der Baumwollernte durch Eli Whitney kam es in den Südstaaten der USA zu einer gewaltigen Ausdehnung der Sklaverei.

Hier wurden die schwarzen Sklaven Mitte des 19. Jahrhunderts wie Vieh gehalten und zu Hunderten auf öffentlichen Märkten feilgeboten. Schließlich hatte die Sklaverei in den USA so tiefe Wurzeln geschlagen, daß nur eine zweite Revolution - der Bürgerkrieg von 1861-65 - sie herausreißen konnte.

Der Abolitionismus, die Bewegung für eine sofortige Befreiung der Sklaven, entstand um 1830 als organisierte und militante politische Kraft. Im Jahr 1831 erschien die Erstausgabe der Zeitung Liberator von William Lloyd Garrison, die bald großes Ansehen gewann.

Die abolitionistische Bewegung umfaßte die weitsichtigsten und radikalsten Intellektuellen jener Zeit. Die Bewegung war zwar politisch nicht homogen, alle ihre Anhänger teilten jedoch die Überzeugung, daß die Sklaverei ausgemerzt und Diskriminierung und Rassentrennung überwunden werden müsse.

In den heutigen Schulen wird der jahrzehntelange Kampf der Abolitionisten gegen die Rechtfertigung der Sklaverei kaum noch erwähnt. Hunderte mutiger Männer und Frauen opferten ihre Karriere, ihren Ruf und manchmal sogar - wie im Fall von Elijah Lovejoy und John Brown - ihr Leben für den Kampf gegen die Sklaverei.

Lydia Maria Child (1802-80) ist eine jener AbolitionistInnen, deren Leben und Werk nicht in Vergessenheit geraten darf. Die in Medford, Massachusetts geborene Schriftstellerin gab ihrem ganzen Leben eine neue Richtung, nachdem sie 1830 William Garrison an einer Versammlung hatte sprechen hören. Später erinnerte sie sich: "Ich ging damals noch völlig in der Malerei und Poesie auf - ich schwebte weit abgehoben ... in den ätherischen Regionen des Mystizismus. Er packte mich bei meinem Bewußtsein und zog mich mitten in den Kampf um Reformen hinein." Child gab ihre vielversprechende Karriere als Journalistin auf und schloß sich der Bewegung an.

Childs 1833 in Boston erschienenes Buch An Appeal in Favor of That Class of Americans called Africans bewaffnete die Anti-Sklaverei-Bewegung mit einer gründlichen Analyse der Rasse und der Sklaverei. In ihrem Werk untersuchte sie das Phänomen der Sklaverei historisch, begründete die Möglichkeit einer friedlichen Befreiung, wies den Einfluß der Sklaverei auf das politische Leben in den Vereinigten Staaten nach und widerlegte die Behauptungen, Schwarze seien den Weißen geistig unterlegen.

Ein langer Auszug aus dem Buch von Child wurde 1963, auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung, in einer Sammlung abolitionistischer Schriften veröffentlicht. Vergangenes Jahr hat der Verlag "University of Massachusetts Press" nun eine Neuauflage mit einer wertvollen Einleitung der Child-Biographin Carolyn Archer herausgebracht.

Für die Zeit, in der er geschrieben wurde, ist der Appeal äußerst bemerkenswert. Seinen Radikalismus kann man daran ermessen, welch feindselige Reaktion er hervorrief. Viele Zeitungen veröffentlichten wütende Kritiken; Familienbande und Freundschaften zerbrachen unter dem Druck der gesellschaftlichen Ächtung.

Zwar wurde Childs journalistische Karriere von ihrem Buch zunichte gemacht, dafür hob der Appeal sie jedoch in eine führende Position der Bewegung der Abolitionisten. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1880 blieb sie eine unversöhnliche Kritikerin der amerikanischen Gesellschaft und Politik. Sie gab eine Reihe von antirassistischen Veröffentlichungen heraus, darunter ein Handbuch für befreite Sklaven.

In den ersten Kapiteln des Appeals gibt Child einen kurzen geschichtlichen Abriß des afrikanischen Sklavenhandels. Sie geht auf die Rolle mehrerer afrikanischer Könige ein, die sich am Raub und Verkauf der Mitglieder verschiedener Stämme beteiligt und daran bereichert hatten. Sarkastisch kommentiert die Autorin die Rolle der katholischen Kirche beim Sklavenhandel: "Gewaltsam seiner Heimat entrissen und zu Zwangsarbeit verdammt, von Christen, denen er nichts getan hatte, - dies war in der Tat kein sehr gelungener Beginn religiöser Unterweisung des armen Negers!"

Child verglich die moderne mit der antiken Sklaverei und bemerkte: "In der Antike waren Sklaven die Kriegsgefangenen; das war immerhin ein Fortschritt gegenüber der vorherigen Abschlachtung der besiegten Gegner. Heutzutage werden wehrlose Menschen ohne jeden Grund angegriffen und verschleppt, mit dem ausdrücklichen Zweck, sie zu Sklaven zu machen. Die moderne Sklaverei ist wahrhaftig in jeder Hinsicht bösartiger als die antike."

Als Antwort auf diejenigen, die behaupteten, durch die Sklaverei werde ein unterentwickeltes Volk geschützt, schilderte Child die grausamen Gesetze dieser Einrichtung. Sie zeigte, daß einige von ihnen in Wahrheit weitaus brutaler und unmenschlicher waren, als zur Zeit der Tyrannen im antiken Rom.

Der schreiende Widerspruch zwischen dem Ideal der Gleichheit und der fortgesetzten Sklaverei war wahrhaftig nicht mehr zu leugnen. Also versuchten die Apologeten des Plantagensystems, die Afrikaner als moralisch minderwertige Rasse, als "Untermenschen" darzustellen. Die Ideologie des Rassismus entstand aus ganz bestimmten wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen. Selbst im Norden, wo sich die industrielle Produktion ausbreitete, und Menschen nicht als Eigentum gehandelt wurden, herrschte noch lange Zeit die Ansicht vor, Schwarze gehörten einer minderwertigen Rasse an. Die Diskriminierung der Schwarzen war gesetzlich verankert, und dadurch wurden sie in einem Zustand der Herabsetzung, Unwissenheit und Armut gehalten. Sie waren körperlichen und verbalen Angriffen ausgesetzt, hatten praktisch keinen Zugang zu öffentlichen Schulen und lebten zumeist in extremer Armut.

Child wandte sich energisch gegen jede Form von rassistischen Vorurteilen und griff die "American Colonization Society" scharf an, deren Programm zwar für die Aufhebung der Sklaverei eintrat, gleichzeitig jedoch behauptete, Schwarze und Weiße könnten niemals zusammen leben.

Die Kapitel von Childs Buch, die sich mit dem Intellekt und der Moral der "Amerikaner, die man Afrikaner nennt", beschäftigen, widerlegen die Argumente zur Rechtfertigung der Sklaverei mit Beispielen aus einer Reihe von Kämpfen, wie z.B. einem von Nat Turner geführten Aufstand.

Zu einem weiteren solchen Aufstand in Jamaika schreibt sie: "In Jamaika sollten viele Neger aufgehängt werden. Einem von ihnen bot man an, ihn zu verschonen, wenn er die anderen selbst aufhängen würde; - er zog den Tod vor. Ein Negersklave, dem man befahl, es zu tun, bat um einen kurzen Aufschub. Er ging in seine Hütte und hackte sich mit einer Axt die rechte Hand ab. Dann kam er zurück und sagte, er sei soweit." Child nahm bereits vorweg, daß der Konflikt zwischen Nord und Süd schließlich zum Bürgerkrieg führen würde. Sie schrieb: "Wenn die Politiker des Südens... darauf beharren, daß die Union ohne Sklaverei niemals werde existieren können - dann kann man dazu nur sagen, daß sie zwei Dinge durcheinanderbringen, die nichts miteinander zu tun haben, und die auf Dauer nicht gemeinsam bestehen können. Sie ketten die Lebenden und Kräftigen an die Kranken und Sterbenden, und erstere werden in der verseuchten Nachbarschaft der letzteren sicherlich zugrunde gehen."

Die eigentliche Ursache für den Bürgerkrieg war der ökonomische Widerspruch zwischen der anwachsenden industriellen Produktion im Norden und der Sklaverei im Süden. Aber bereits einige Zeit vor dem Angriff der Konföderierten auf Fort Sumter im April 1861 hatte der Konflikt schon seinen Ausdruck im intellektuellen und politischen Milieu Amerikas gefunden. Die Leistungen der Abolitionisten, darunter auch Lydia Maria Child, hatten einen entscheidenden Einfluß auf das Bewußtsein der Kämpfer der Unionsarmee.

Siehe weiter in dieser Ausgabe:

"In diesem Land existiert eine monströse rechtliche und gesetzliche Ungleichheit"

© neue Arbeiterpresse, Nr 859, 29. Mai 1997

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