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"Sein Leben hat er der Suche nach Wahrheit gewidmet,
die er leidenschaftlich vertritt!"
Zum 60. Geburtstag von Wadim Rogowin
David North
Am 12. Mai veranstaltete das Soziologische Institut der russischen
Akademie der Wissenschaften in Moskau eine Feierstunde zu Ehren ihres Mitglieds,
Wadim S. Rogowin, aus Anlaß seines sechzigsten Geburtstags. Professor
Rogowin ist marxistischer Historiker und eine weltweit anerkannte Autorität
auf dem Gebiet der sozialistischen Opposition gegen das stalinistische
Regime in der Sowjetunion der zwanziger und dreißiger Jahre.
Professor Rogowin ist der Autor 250 wissenschaftlicher Werke und
arbeitet gegenwärtig an der Vollendung eines siebenbändigen Werkes
über den Kampf gegen den Stalinismus in der UdSSR. Dessen fünfter
Band mit dem Titel "1937" wird demnächst auch in englischer
Sprache erscheinen.
Rogowin hat in den vergangenen 15 Monaten Vortragsreisen nach Großbritannien,
Australien und Deutschland unternommen, um dort vor Hunderten Studenten,
Professoren und Arbeitern zu sprechen. Davor hatte er 1995 die Vereinigten
Staaten bereist, wo er ebenfalls sehr erfolgreiche Vorträge hielt.
Das Internationale Komitee der Vierten Internationale wurde bei der
Feierstunde von David North, dem Nationalen Sekretär der Socialist
Equality Party der USA, von Ulrich Rippert, dem Vorsitzenden der Partei
für Soziale Gleichheit Deutschlands und von Barbara Slaughter, einem
führenden Mitglied der britischen Socialist Equality Party vertreten.
Wir veröffentlichen in dieser Ausgabe die einleitenden Worte,
die David North an die Versammlung richtete, und werden in späteren
Ausgaben auch die Beiträge von Rippert und Slaughter wiedergeben.
Es ist für mich eine große Ehre und Freude, Wadim Rogowin
zu seinem sechzigsten Geburtstag die Grüße des Internationalen
Komitees der Vierten Internationale und der Socialist Equality Party der
USA zu überbringen. Daß Genossen und Freunde Wadims aus aller
Welt nach Moskau gekommen sind, beweist die große Wertschätzung,
die seiner Arbeit und seinem Leben von einem internationalen Publikum von
Arbeitern, Studenten und Intellektuellen entgegengebracht wird. Sein Kampf
um historische Wahrheit hat sie nicht kalt gelassen.
Diese Feierstunde ist von den Kollegen und Freunden Wadim Rogowins organisiert
worden, die seit vielen Jahren mit ihm zusammenarbeiten. Ich bin sicher,
das all diejenigen, die das Glück haben, mit Wadim zusammenzuarbeiten,
seine außerordentliche Geisteskraft, sein umfangreiches Wissen, seine
scheinbar unerschöpfliche Fähigkeit zu geistiger Arbeit, die
bewundernswerte Ausdruckskraft seiner Gedanken, Worte und Schriften und
noch mehr seinen physischen und moralischen Mut allen Widrigkeiten zum
Trotz, seinen lauteren Charakter und die Güte seines Herzens zu schätzen
wissen.
Es wird heute keiner hier zu finden sein, der - mag er auch mit dem
einen oder anderen Aspekt seiner Arbeit oder Ansichten nicht übereinstimmen
- bestreiten würde, daß Wadim Rogowin ein außerordentlicher
Mensch ist.
Aber ich frage mich, ob die Mitglieder dieses geachteten Instituts wirklich
die Bedeutung des Lebens zu würdigen wissen, das wir heute ehren.
Ich möchte damit in keiner Weise den Mitgliedern dieses Institut den
ihnen zustehenden Respekt verweigern, von denen viele zu den engsten Freunden
Wadims zählen.
Es gibt ein Sprichwort, das euch sicherlich bekannt ist: Der Prophet
gilt nichts im eigenen Land. Dieses Sprichwort fällt einem unwillkürlich
ein, wenn man über das Lebenswerk Wadim Rogowins nachdenkt. Es paßt
nicht nur zu den Schwierigkeiten, der Komplexität und dem paradoxen
Charakter seiner Position im geistigen und politischen Leben des heutigen
Rußlands, sondern kennzeichnet auch die Tragödie der früheren
Sowjetunion und der Gesellschaft, die aus ihrem Zusammenbruch hervorgegangen
ist.
Denn trotz aller umwälzenden Veränderungen, die hier im vergangenen
Jahrzehnt stattgefunden haben, hat sich eines nicht verändert: Dieses
Land hat sich immer noch nicht dazu durchgerungen, das Lebenswerk und das
Denken einer der größten intellektuellen und politischen Figuren
seiner Geschichte anzuerkennen, geschweige denn zu würdigen: das Werk
und die Ideen von Leo Davidowitsch Trotzkis.
Wadim Rogowin ist ein Prophet der historischen Wahrheit. Und wie alle
Propheten konfrontiert er die Gesellschaft, in der er lebt, mit schwierigen
Fragen, denen sie lieber aus dem Wege gehen oder die sie lieber ignorieren
möchte. Die große historische Frage, vor die Wadim seine Zeitgenossen
gestellt hat, lautet: "Gab es eine Alternative zum Stalinismus?"
Er beantwortet diese Frage, nachdem er die sowjetische Geschichte gründlich
studiert hat, eindeutig mit "Ja", der Stalinismus sei weder das
unvermeidliche noch das notwendige Ergebnis der Oktoberrevolution gewesen,
sondern habe sie verraten und negiert.
Wenn ich über Wadim als einen Propheten spreche, so will ich nicht
das Bild eines strengen und lebensfeindlichen Asketen zeichnen, der sich
nicht um die täglichen Sorgen und Nöte kümmerte und den
Freuden dieser Welt abhold wäre. Wer ihn kennt, könnte sich Wadim
niemals in einer Einsiedlerhöhle vorstellen. Er ist in angenehmster
Weise menschlich, er weiß Eiskrem und alle schönen Dinge zu
schätzen, er liebt es, Sehenswürdigkeiten zu betrachten, er geht
mit enthusiastischer Neugier durchs Leben und liebt die Dichtung und auch
die Gesellschaft seiner Kollegen und Freunde.
Aber die beherrschende Leidenschaft seines Lebens ist die Suche nach
Wahrheit. Dieser grundlegende Zug seines intellektuellen und moralischen
Charakters macht Wadim Rogowin zu einer so außergewöhnlichen
Figur.
Wir leben heute in einer desorientierten und verwirrten Welt, deren
Haltung zur Wahrheit der von Pontius Pilatus gleicht, welcher, als ihm
ein gewisser berühmter Gefangener sagte, er sei auf die Welt gekommen,
um der Wahrheit Zeugnis abzulegen, recht zynisch antwortete: "Und
was ist Wahrheit?" Pilatus wollte damit ausdrücken, daß
ein praktischer und erfolgreicher Mann sich mit solch einem abstrakten
Problem nicht zu beschäftigen brauche, und daß die Definition
von Wahrheit sowieso eine rein subjektive Frage sei, die sich entsprechend
den Tagesbedürfnissen ändere.
Auch 2000 Jahre später hat die pragmatische Ansicht dieses römischen
Bürokraten immer noch viele Anhänger. Von allen Seiten wird uns
entgegengehalten, daß die objektive Wahrheit ein Trugbild sei, eine
lästige philosophische Konstruktion und naive Einbildung des aufgeklärten
Denkens mit seinem dummen Glauben an die Macht der Vernunft, ohne die die
Menschheit viel besser dran wäre.
Die machtvollste Widerlegung dieser verachtenswerten Haltung zur Suche
nach Wahrheit ist das Schicksal der Sowjetunion und des heutigen Rußland.
In diesem Land sehen wir, was für schreckliche Folgen es hat, wenn
die objektive Wahrheit unterdrückt und sogar die Geschichte systematisch
gefälscht wird.
Von außerhalb Rußlands verfolge ich die Bedingungen, wie
sie in diesem Land existieren, durch die Presse und durch Berichte unserer
russischen Freunde und Gesinnungsgenossen. Ihr, die ihr in diesem Land
lebt, seid selbst viel besser über die Verhältnisse in Rußland
informiert. Aber was immer eure politischen Ansichten sein mögen,
ich bin sicher, daß ihr als human denkende und anständige Menschen
über die zahllosen Statistiken und noch mehr über die sichtbaren
Zeichen des ökonomischen Zusammenbruchs und des sozialen Niedergangs
tief besorgt seid. Eine winzige Minderheit der Bevölkerung suhlt sich
in obszönem Reichtum, dessen Ursprung ausgesprochen dubios ist, während
die große Masse der Menschen immer größerer Verarmung
verfällt.
Viele Erklärungen von unterschiedlicher Plausibilität und
Qualität sind als Begründung für den heutigen Zustand gegeben
worden, aber eines ist wohl inzwischen klar geworden. Als die Krise der
sowjetischen Gesellschaft, die sich schon seit Jahrzehnten zusammenbraute,
1985 aufbrach, gab es niemanden, der in der Lage gewesen wäre, die
Probleme der UdSSR zu verstehen oder gar eine Lösung für sie
anzubieten. Nicht nur der Generalsekretär der Kommunistischen Partei
war überwältigt und verwirrt. Auch die sowjetischen Ökonomen,
Philosophen und Soziologen wußten keinen Rat. Die Maßnahmen
der Politiker und ihrer Berater in der Ära der Perestroika ähnelten
einem "Herumstochern im Nebel". Programme, die heute mit großem
Tamtam verkündet wurden, erwiesen sich morgen als nicht praktikabel
und waren übermorgen vergessen.
Jene Tage ließen jeden Sinn für historische Perspektive vermissen.
Wie konnte es möglich sein, ohne eine objektive und ehrliche Konfrontation
mit der Vergangenheit einen Weg in die Zukunft zu finden? Ich erinnere
mich an die Rede Gorbatschows vom November 1987 zum siebzigsten Jahrestag
der Oktoberrevolution. Stalin wurde für seinen Beitrag zum Sozialismus
gepriesen und Trotzki wie üblich als der Erzfeind Lenins verurteilt.
Die ganze Rede war ein Geflecht von Lügen und groben Verzerrungen.
Nach der Lektüre dieser banalen und unehrlichen Rede konnte man nur
den Kopf schütteln und mit bitterem Sarkasmus anmerken: "Und
auf dieser verfaulten Grundlage will Gorbatschow die sowjetische Gesellschaft
erneuern?"
Auch heute noch wird ein schrecklicher Preis für diese Fälschung
der Geschichte und Leugnung der objektiven Wahrheit bezahlt.
Es ist eine pikante Tatsache, daß das Jahr, in dem wir Wadims
sechzigsten Geburtstag feiern, auch der sechzigste Jahrestag des schrecklichsten
Jahres der Geschichte der Sowjetunion ist, des Jahres 1937. Die Ereignisse
jenes Jahrs, die so tragische Folgen für das Schicksal der Sowjetunion
und die Sache des internationalen Sozialismus haben sollten, bestimmten
auch die Richtung von Wadim Rogowins intellektuellem Leben.
Nur drei Monate vor Wadims Geburt antwortete Leo Trotzki auf den Moskauer
Schauprozeß gegen Radek, Pjatakow und andere alte Bolschewiken, die
von Stalin verdammt worden waren. Die Moskauer Prozesse, erklärte
Trotzki, erwuchsen aus dem Verrat der totalitären Bürokratie
am Sozialismus. Jede einzelne Beschuldigung Wischinskis gegen die Angeklagten
war eine Lüge. "Die Wahrheit wird triumphieren," erklärte
Trotzki, "und sei es nach unserem Tod." Wadim Rogowin hat sein
Leben dem Sieg dieser Wahrheit gewidmet, an die er so leidenschaftlich
glaubt.
Niemand von uns kann die Zeit, noch die genaue Form vorhersagen, die
die Lösung der schrecklichen politischen und sozialen Probleme der
Völker der früheren Sowjetunion annehmen wird. Die Lösung
dieser Krise hängt letztendlich nicht nur von den Ereignissen in Rußland
ab, sondern von der Entfaltung des Klassenkampfs jenseits seiner Grenzen.
Aber wir können mit Gewißheit sagen, daß die immer größere
Verbreitung von Wadim Rogowins Büchern ein wichtiges Anzeichen für
die bevorstehende Entdeckung einer Lösung ist.
Auch können wir mit der größten Zuversicht vorhersagen,
daß die Zeit nicht mehr allzu fern ist, in der unser Freund, Kollege
und Genosse Wadim Sacharowitsch Rogowin in Rußland und in der Welt
als einer der größten Historiker und einer der ehrlichsten und
prinzipienfestesten Menschen seiner Zeit anerkannt werden wird.
© neue Arbeiterpresse, Nr 859, 29. Mai 1997
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