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Ersatzarbeitsplätze - Schwindel bei Krupp Hoesch Stahl

Die Fusion von Thyssen und Krupp Hoesch und der damit einhergehende Arbeitsplatzabbau wurden von der IG Metall und den Betriebsräten mit der Zusicherung auf Ersatzarbeitsplätze durchgesetzt. Nun, knapp vier Monate später, stellt sich heraus, wie diese Ersatzarbeitsplätze aussehen: Krupp Hoesch entläßt kurzerhand Arbeiter aus seinen Tochterunternehmen!

Die ersten Stahlarbeiter, die diesem Manöver zum Opfer fallen, sind neun Kollegen von der Hoesch Spundwand GmbH (HSP) in Dortmund. Die Geschäftsleitung zog ihre Zusage zurück, alle befristet Beschäftigten in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis zu übernehmen. Die betroffenen Kollegen werden erneut nur für weitere sechs Monate befristet beschäftigt. Dann droht ihnen die Arbeitslosigkeit. Die Begründung der HSP-Geschäftsleitung lautet, es müßten eventuell Arbeiter von Krupp Hoesch Stahl (KHS) übernommen werden, da diesen im Zuge der Thyssen/Krupp-Stahlfusion versprochen wurde, niemanden betriebsbedingt zu kündigen.

Mit der gleichen Begründung - der bevorstehenden Übernahme von Krupp Hoesch Stahlarbeitern - erhalten bei HSP die Auszubildenden nach ihrer Ausbildung nur noch auf sechs Monate befristete Arbeitsverträge, die jeweils wieder um sechs Monate bis insgesamt 24 Monate verlängert werden können. Zwar ist den Stahlunternehmen durch die IG Metall schon seit längerer Zeit die Möglichkeit gegeben, Auszubildende nur sechs Monate nach der Lehre zu übernehmen, aber in der Regel hatten die wenigen Ausgelernten nach dieser Zeit eine sehr gute Chance auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Bei den Verhandlungen von Krupp-Hoesch, Thyssen, NRW-Landesregierung und IG Metall über die Fusion waren HSP und andere Tochterunternehmen bzw. Werksbereiche vorsorglich erst gar nicht mit in die Vereinbarung einbezogen worden. Dort kann also nun ungehindert der Arbeitsplatzabbau forciert werden, um "Ersatzarbeitsplätze" zu schaffen. Das jetzige Vorgehen von Krupp Hoesch ist also von den IG-Metall-Vertretern und den Betriebsräten bewußt vorbereitet worden.

Und in der Tat wird deutlich, daß alle beteiligten Parteien im Detail den Abbau von 7.900 Arbeitsplätzen bis ins nächste Jahrtausend geplant und ausgearbeitet haben, über die Schaffung der 1.300 Ersatzarbeitsplätzen existieren jedoch nicht mehr als Lippenbekenntnisse und vage Versprechen. Nach einem den Betriebsräten von Thyssen Stahl und Krupp Hoesch Stahl vorliegenden internen Papier gibt es einen konzeptionellen Stufenplan für Stillegungen und Rationalisierungen bis zum Jahr 2001, der zu dem gemeinsamen Flachstahlunternehmen von Thyssen und Krupp mit den Tochterunternehmen Eisenbahn + Häfen und HKM (Hüttenwerke Krupp Mannesmann) in Duisburg sowie Eisenbahn Dortmund führen soll.

Während unter anderem das Aus für das Hoesch-Werk in Dortmund-Hörde ebenso wie der Arbeitsplatzabbau bei den Krupp Edelstahlprofilwerken in Verdol und Siegen bereits feststehen, zeigt eine Liste über die neu zu schaffenden Arbeitsplätze, wohin die Reise geht. Die Firmen und Gesellschaften, die dafür gegründet werden sollen, haben fast alle mit dem "industriellen Dienstleistungsbereich", der "Reststoffaufbereitung"und "Rohstoffverwertung" zu tun. Insgesamt sollen vom Thyssen-Konzern neun solcher Gesellschaften gegründet werden. Die nötigen Investitionen werden als "gering" eingeschätzt. Die geplante Beschäftigtenzahl bewegt sich zwischen 30 und 145. Mit dieser Art von Gesellschaften hat Krupp einige Erfahrung. Denn das jetzige Vorgehen in Dortmund und Duisburg hat Krupp bereits in Rheinhausen vorexerziert.

Die Schließung des Stahlwerks in Rheinhausen ist wie zuvor die der Werke in Hattingen und Oberhausen mit dem Versprechen auf Ersatzarbeitsplätze gegen den heftigen Widerstand der Belegschaft durchgesetzt worden. Doch Ersatzarbeitsplätze haben lediglich die ehemaligen Betriebsräte, ob als Personalchef bei Krupp in Bochum (Betriebsrat Walter Busch), als SPD-Landtagsabgeordneter in Düsseldorf (Betriebsrat Manfred Bruckschen) oder als Geschäftsführer einer 100prozentigen Krupp-Tochtergesellschaft in Duisburg (Betriebsrat Theo Steegmann). Die Rheinhausener Krupparbeiter sind hingegen fast alle leer ausgegangen.

Zum einen sind sie in andere Kruppbetriebe nach Dortmund versetzt worden, wobei nicht wenige aufgrund der Entfernungen zwischen Wohnort und Arbeitsplatz (90 Km) von selbst gekündigt haben. Zum anderen sind Krupparbeiter in neu gegründeten Gesellschaften damit beschäftigt, das ehemalige Kruppgelände für Neuansiedlungen zu erschließen. Das bedeutet vor allem, alte Werkshallen und Anlagen zu demontieren, Kabel und Leitungen herauszureißen, den verseuchten Boden abzutragen und den Schrott zwecks Wiederverwertung zu sortieren. Eines dieser neuen "aufstrebenden Unternehmen in der Rohstoff- und Recyclingbranche" wird geleitet vom ehemaligen stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden Theo Steegmann. Unter seiner Kontrolle sortieren 226 Krupparbeiter und Langzeitarbeitslose über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Schrott, stapeln Müll und Paletten.

Krupp erhält noch Millionen von der Landesentwicklungsgesellschaft für den Aufkauf des durch die jahrzehntelange Stahlproduktion verseuchten Geländes, Steegmann als Geschäftsführer von Krupp ein fürstliches Gehalt und die Arbeiter, sie verschrotten ihr ehemaliges Stahlwerk. Wenn also tatsächlich einige wenige Ersatzarbeitsplätze in Dortmund geschaffen werden, dann dienen sie mit aller Voraussicht den scheidenden Betriebsräten. Theo Steegmann hat es ihnen in Rheinhausen vorgemacht.

Doch die Fusion von Thyssen und Krupp-Hoesch-Stahl hat auch Auswirkungen auf weitere Unternehmen, die bereits von den Konzernen ausgegliedert worden waren. So hängen die Arbeitsplätze von 1.750 Arbeitern des Thyssen-Stahlwerks in Duisburg-Ruhrort und des Walzdrahtwerks in Duisburg-Hochfeld in der Luft. Ende letzten Jahres hieß es, beide Werke, die in der Langstahlproduktion eingesetzt werden, würden an Jürgen Großmann von der Georgsmarienhütte verkauft. Zu diesem Zweck waren sie vorher in GmbHs umgewandelt und vom Thyssen Stahlkonzern ausgegliedert worden. Letzte Woche wurde nun bekannt, daß dieser Verkauf endgültig geplatzt ist. Verhandlungen, die zwischenzeitlich mit dem indischen Stahlkonzern Ispat geführt wurden, haben ebenfalls zu keinem Ergebnis geführt.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 860, 12. Juni 1997

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